Neues vom Immergleichen

Viel ist immer mal wieder zu lesen über „die Kulturindustrie“. Da geben sich spröde Akademiker, schneidige Lohnschreiber und agile Freizeitagitatoren nichts. Doch wie kommen sie alle dazu anzunehmen, sie könnten – quasi unbeteiligt – über jene Bewußtseinsindustrie schreiben, deren Teil sie alle doch nolens volens sind?
Eine Ersatzhandlung besteht darin, statt über die real existierende Kulturindustrie in philologisch-seminaristischer Tradition über „die Kulturindustriethese“ bzw. „das Kulturindustrie-Kapitel“ zu räsonieren. Man kann über die Geschichte der Kulturindustrie reden, über ihre Inhalte, über ihre Produktionsbedingungen – nur entkommen, das kann man ihr erstmal nicht. Und so kann sie nur ein, wenn nicht der vornehmste Gegenstand immanenter Kritik sein: Es bleibt die Notwendigkeit, zu untersuchen, welche – marktförmigen, also nicht bloß manipulativen – Mechanismen es bewirken, daß sich, allem vordergründigen Pluralismus zum Trotz, in den Köpfen doch wieder jene letztendliche Alternativlosigkeit breit macht, die man nur Ideologie nennen kann. Sachzwang FM verwies, eingeleitet mit diesen Worten, in der aktuellen Sendung auf zwei „eminent gute“ Vorträge (2012, Berlin, Hummelantifa), die einige Thesen zur Transformation der Kulturindustrie aufbereiten.

1. Christoph Hesse: „Kulturindustrie, das sind die anderen“

Mit dem Begriff der Kulturindustrie hat Adorno der Kritik der sogenannten Massenkultur ihren schärfsten Ausdruck gegeben. Und zudem einen, der zielstrebig missverstanden wird: Kulturindustrie, das sind die großen Musikkonzerne und Hollywood, doch ganz sicher nicht die gutgemeinte Bastelei, derer man sich und seinesgleichen rühmt. Im übrigen herrscht Einigkeit darüber, dass, was populär ist, nicht durchaus schlecht sein könne. Adornos Kritik, die heute als überspannt und gleichermaßen überholt erachtet wird, galt nicht zuerst der unverdrossen sich selbst anpreisenden Kultur, sondern einer Gesellschaft, die es samt ihrer Kultur dahin brachte, dass die Menschheit, „anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten“, wie es in der Vorrede zur „Dialektik der Aufklärung“ heißt, in eine neue Art von Barbarei versank. Die törichten Schlager, denen man inzwischen allerlei Qualitäten nachsagt, hätte auch Adorno wohl ziemlich gleichmütig ertragen, wenn er nicht erkannt hätte, was es mit der in Verwaltung übergegangenen Kultur auf sich hat. Dieser Prozess hat längst auch die einstmals autonome Kunst erfasst. Vergeblich daher das scheinbar so leicht zu bewerkstelligende Kunststück, den Geltungsbereich der Kulturindustrie historisch oder geographisch einzugrenzen, um einer erklärtermaßen authentischen Kunst oder Kultur einen Platz draußen im Freien zuzuweisen. Wenn überhaupt, so enthält die Kulturindustrie selbst „das Gegengift ihrer eigenen Lüge. Auf nichts anderes wäre zu ihrer Rettung zu verweisen“ (Adorno).“

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2. Magnus Klaue: „Ohne weitere Bestimmung. Über die notwendige Vergangenheit des Glücks“

„Glück bezeichnet weder den bloßen Zufall, der einigen hold ist, während die anderen vergeblich auf ihn warten, noch ein besonderes Verdienst, sondern ein absichtloses Gelingen, das nur der ihrer selbst inne gewordenen Menschheit zufallen kann. Als Glück der Tüchtigen, das am Ende mühseliger Arbeit warten soll, wird es ebenso zur Lüge wie das zum ökonomischen Prinzip geronnene „Pursuit of Happiness“, welches das blinde Konkurrenzprinzip sanktioniert, bei dem jeder mit dem zufrieden sein soll, das für ihn übrigbleibt. Erst recht bezeichnet Glück keinen gesellschaftlichen Zustand, der als Ergebnis rationalistischer Planung entstehen möge. Vielmehr transzendiert es seinem Gehalt nach alle gesellschaftlichen Bestimmungen. Wohl deshalb west es in der totalen Gesellschaft als emotionstechnokratische Kategorie fort: Für das Glück muss man sich zurichten wie für Arbeit und Beziehung, und dabei hilft die zu ihrer eigenen Karikatur gewordene „Philosophie“ in Gestalt hauptamtlicher Reflexionssimulatoren wie Martin Seel und Wilhelm Schmid. Demgegenüber soll in Anlehnung an Adornos „Minima Moralia“ der Begriff des Glücks als Unabgegoltenes in seinem Verhältnis zur Zeit entfaltet werden. Gerade indem er das Geglückte ganz melancholisch stets als Vergangenes denkt, zielt der Begriff des Glücks negativ auf eine erfüllte Gegenwart, welche die Linearität der Zeit, in der alles entsteht, um zu verschwinden, für immer hinter sich gelassen hätte.“

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Deutsche Dörfer: Comeback der 90er?

Im Zuge der Leipziger Buchmesse lud die Jungle World ins Conne Island um über den Antirassismus im Zeichen der Nazi- und Bürgerproteste gegen Flüchtlingsheime diskutieren zu lassen. Der knapp zweistündige Mitschnitt der Veranstaltung gibt einen bemerkenswerten Einblick in den Zustand der hiesigen Linken im Jahr 2014: Christian Jakob weist zu Beginn sachlich auf die (durchaus verbesserte, aber weiterhin desaströse) Situation von Flüchtlingen in Deutschland hin, Jennifer Stange erinnert daran, dass es Proteste gegen Notunterkünfte nicht nur in der Zone gab/gibt und während Felix Fiedler in den Flüchtlingsprotesten eine neue Perspektive für die radikale Linke sieht, macht Jan (Georg) Gerber auf das instrumentelle Verhältnis dieser in Bezug auf Flüchtlinge aufmerksam.

Die Zahl rechtsextremer Angriffe auf Flüchtlingsheime hat sich 2013 im Vergleich zum Vorjahr fast verdoppelt. Bürger protestieren gemeinsam mit Nazis gegen die Unterbringung von Asylsuchenden. Das erinnert an die neunziger Jahre. Gleichzeitig haben Flüchtlinge den Widerstand gegen das Migrationsregime mehr und mehr selbst in die Hand genommen und die Flüchtlingsabwehr hat sich an die europäischen Außengrenzen verlagert. Wie geht die Linke mit dieser Situation um? Muss sich antirassistische Arbeit zuerst gegen den gesellschaftlichen Rassismus wenden oder gegen die staatliche Flüchtlingspolitik? Ist wieder klassische Antifa-Arbeit gefragt? Oder geht es jetzt darum, vor allem Flüchtlinge bei ihrem Kampf zu unterstützen?
Die Wochenzeitung „Jungle World“ diskutiert dies mit Christian Jakob, Felix Fiedler, Jennifer Stange, Jan-Georg Gerber. Moderation: Ivo Bozic

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Play with Fire. Veranstaltungreihe zu Pop und Politik

Das Bildungskollektiv aus Chemnitz versuchte mit zwei Ver­an­stal­tungs­rei­hen (2012/2013) die kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung in und mit Pop­kul­tur ein wenig vor­an­zu­trei­ben und stellte die Frage nach der Rolle von Pop­kul­tur in einer nach­mo­der­nen Ge­sell­schaft. In einem vorangestellten Text zur Reihe heißt es: „[…] Kul­tur­ar­beit soll so­zia­len Frie­den pro­du­zie­ren, Frus­tra­tio­nen und Un­glück sol­len ihren ge­mä­ßen künst­le­ri­schen Aus­druck fin­den. Nur wenn der Kul­tur­be­trieb tat­säch­lich die so­zia­len Kon­flik­te in Aus­ein­an­der­set­zun­gen gleich­zei­tig be­frie­det und the­ma­ti­siert, bleibt es auch im In­ter­es­se der Ver­wal­tung einen pre­kär funk­tio­nie­ren­den frei­en Sek­tor am zeh­ren­den Leben zu er­halten. Heute be­deu­tet Kul­tur­ar­beit aber we­ni­ger Ein­la­dung zu ge­pfleg­ter bür­ger­li­che Kon­ver­sa­ti­on, son­dern viel­mehr Kri­sen­ver­wal­tung in Ei­gen­re­gie.[…] We­ni­ger als vom bür­ger­li­chen Glücks-​ und Frei­heits­ver­spre­chen han­delt Pop­kul­tur heute tat­säch­lich von Krise, Ver­zweif­lung und Zer­fall.

1.) Exile on Main Street – Vom Spek­ta­kel zum De­ba­kel. Pop und Punk und Po­li­tik als Pro­blem. Roger Beh­rens (Frei­bad-​/Hal­len­ba­d­uni­ver­si­tät Ham­burg)

Roger Behrens mit his­to­rischen Ex­kur­sen über Sinn und Un­sinn von sub­ver­si­ven Stra­te­gi­en in der ver­wal­te­ten Welt.

Ein paar Fra­gen: Was macht ei­gent­lich den Pop po­li­tisch? Und wann oder warum? War Punk po­li­tisch, Pop aber nicht? Oder ist Punk ein­fach nur po­li­ti­scher als Pop? Oder po­li­tisch kor­rek­ter, oder we­nigs­tens po­li­tisch glaub­wür­di­ger? Oder wurde Punk erst po­li­tisch als Pop? Ist die Po­li­tik des Pop eine an­de­re Po­li­tik? Oder hat der Pop – zum Bei­spiel mit dem Punk – das, was heute Po­li­tik ge­nannt wird, über­haupt erst her­vor­ge­bracht? Gibt es Pop, der nicht po­li­tisch ist? Und gibt es noch Po­li­tik, die nicht auch Pop ist, ir­gend­wie? Schließ­lich: Sind das wich­ti­ge Fra­gen, wenn es um die Ent­schei­dung geht, be­stimm­te Bands gut zu fin­den, und das was sie »sagen« (also sin­gen, mit ihrer Musik the­ma­ti­sie­ren, wo sie ste­hen etc.) rich­tig? Oder sind die Fra­gen nicht ziem­lich be­lang­los, gleich­gül­tig, un­in­ter­es­sant, wo es doch ei­gent­lich um an­de­res geht? – Mög­li­che Ant­wor­ten auf diese Fra­gen stellt der Vor­trag zur Dis­kus­si­on: in his­to­risch-​kri­ti­schen Ex­kur­sen über Sinn und Un­sinn von sub­ver­si­ven Stra­te­gi­en (Sub­kul­tu­ren) in der ver­wal­te­ten Welt (Ka­pi­ta­lis­mus).

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2.) “Die rich­ti­ge Ein­stel­lung”. Til­man Kal­len­bach zu den Ver­hält­nis­sen zwi­schen Pop und Po­li­tik

Til­man Kal­len­bach mit einem Ver­such ver­schie­de­ne theo­re­ti­sche Zu­gän­ge der Lin­ken zum Phä­no­men Pop zu skiz­zie­ren.

Über we­ni­ge Pop-​Phä­no­me­ne ist in letz­ter Zeit so in­brüns­tig be­rich­tet und dis­ku­tiert wor­den, wie über die Sta­di­on-​Rock-​Band Frei.​Wild, die ei­ni­gen deut­schen Feuille­to­nis­t_in­nen dann of­fen­sicht­lich doch zu rechts war. Wenn an die­ser De­bat­te ir­gend­et­was gut war, dann doch die Er­in­ne­rung, dass Pop doch auch ir­gend­wie po­li­tisch ist – und dif­fus links. Dabei ist das Ver­hält­nis der deut­schen Lin­ken zur Pop-​Kul­tur ein min­des­tens ge­spann­tes und schwankt zwi­schen der Pa­ro­le „Stellt die Gi­tar­re in die Ecke und dis­ku­tiert“ und einer aus­schließ­lich auf den “rich­ti­gen” Li­fes­tyle ori­en­tier­ten lin­ken Sub­kul­tur. Der Vor­trag un­ter­nimmt den Ver­such ver­schie­de­ne theo­re­ti­sche Zu­gän­ge der Lin­ken zum Phä­no­men Pop zu skiz­zie­ren, um von die­ser Basis aus, in einem zwei­ten Schritt ak­tu­el­le Pop-​Stra­te­gi­en zu ana­ly­sie­ren. Es wird die Frage ge­stellt: Wo und wie kann Pop Ge­sell­schafts­kri­tik oder Po­li­ti­sie­rungs­mo­ment sein?
Til­man Kal­len­bach hat in Bam­berg Päd­ago­gik stu­diert und hat zum Thema seine Di­plom­ar­beit ver­fasst. Er ist lose mit der frei­en uni bam­berg as­so­zi­iert und nicht zu­letzt er­ge­be­ner Fan.

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3.) “Der Krieg kommt schnel­ler zu­rück als du denkst.” Ole Lö­ding zu Ver­gan­gen­heit und Ge­schichts­bil­dern im Pop

Zum kul­tu­rel­len Um­gang mit der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­gan­gen­heit und dem Stand der bun­des­deut­schen Ver­gan­gen­heits’be­wäl­ti­gung‘ referierte Ole Lö­ding, dessen Buch “Deutsch­land Ka­ta­stro­phen­staat. Der Natio­nal­so­zia­lis­mus im po­li­ti­schen Song der Bun­des­re­pu­blik” unlängst veröffentlicht wurde.

Die po­li­ti­sche Pop­mu­sik in der Bun­des­re­pu­blik re­agiert un­mit­tel­bar und di­rekt auf ihr ge­sell­schaft­li­ches Um­feld. Sie the­ma­ti­siert wich­ti­ge ge­sell­schafts­po­li­ti­sche Er­eig­nis­se, Kon­tro­ver­sen und Per­so­na­li­en – von der 68er-​Re­vol­te, dem RAF-​Ter­ro­ris­mus der 70er Jahre, dem Fil­bin­ger-​Skan­dal, der Strauß-​Kanz­ler­kan­di­da­tur, dem Ost-​West-​Kon­flikt bis hin zur Wie­der­ver­ei­ni­gung. Gleich­zei­tig ist sie sehr stark von ihrem po­li­ti­schen Um­feld ge­prägt. Des­halb lässt sich an ihr der kul­tu­rel­le Um­gang mit der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­gan­gen­heit be­son­ders gut ab­le­sen. Diese Wech­sel­wir­kung macht den po­li­ti­schen Song von den 60er Jah­ren bis zur Ge­gen­wart zu einem prä­zi­sen Seis­mo­graph, an dem sich der Stand der bun­des­deut­schen Ver­gan­gen­heits’be­wäl­ti­gung‘ ab­le­sen lässt. In sei­nem mit zahl­rei­chen Bei­spie­len un­ter­stütz­ten Vor­trag gibt Ole Lö­ding einen Über­blick dar­über, wie die deutsch­spra­chi­ge Pop­mu­sik eine „mu­si­ka­li­sche Ver­gan­gen­heits­be­ar­bei­tung“ vor­ge­nom­men hat, wie sehr stark sich der Um­gang mit dem Na­tio­nal­so­zia­lis­mus, Ge­schichts­bil­der, Ver­gan­gen­heits­dis­kur­se und Auf­ar­bei­tungs­de­bat­ten seit den 60er Jah­ren ge­wan­delt haben. Zu dis­ku­tie­ren wird u.a. sein, wel­che kri­ti­schen Per­spek­ti­ven der pop­kul­tu­rel­len Auf­ar­bei­tung in MIA´s Ber­li­ner Re­pu­blik zu hören sind.
Ole Lö­ding ist seit 2011 Mit­ar­bei­ter im Deut­schen Mu­si­k­in­for­ma­ti­ons­zen­trum Bonn. Im Tran­script Ver­lag ver­öf­fent­lich­te er das Buch: “Deutsch­land Ka­ta­stro­phen­staat. Der Na­tio­nal­so­zia­lis­mus im po­li­ti­schen Song der Bun­des­re­pu­blik.”

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Siehe auch Frank Apunkt Schneiders Plädoye für eine Ästhetik der Verkrampfung.

4.) “An­ders als die an­dern Jungs”. Ro­bert Zwarg zum Phä­no­men Hips­ter

Mit dem Hass­ob­jekt Hips­ter beschäftigte sich Robert Zwarg bereits vor drei Jahren bei Beatpunk. Die These: Im Phä­no­men des Hips­ters und dem Res­sen­ti­ment, das ihn trifft spie­gelt sich die ge­sam­te Ge­sell­schaft: Der Hips­ter sei sowohl Sym­ptom und Pro­dukt einer ge­sell­schaft­li­chen Ent­in­di­vi­dua­li­sie­rung, wie auch Re­flex auf eine reale Auf­lö­sung von Klas­sen­gren­zen, von his­to­ri­schem Be­wusst­sein und tra­di­tio­nel­len Ge­schlech­ter­rol­len.

Kaum ein So­zi­al­ty­pus hält sich so be­harr­lich als Hass­ob­jekt wie der Hips­ter. Man ist sich un­ei­nig, wie er aus­sieht, doch alle ken­nen ihn und nie­mand möch­te einer sein. Ei­ner­seits scheint es sich um ein klas­si­sches Phä­no­men der Mode zu han­deln: man denkt an weiße, junge Er­wach­se­ne mit einem Hang zu Retro bzw. Vin­ta­ge-​Chic, Jungs mit Bart und Fla­nell­hemd und Mäd­chen im Lo­li­ta-​Look. An­der­seits ist der Hips­ter ein be­lieb­tes Ziel von Spott und Hass. Die Liste sei­ner be­mä­kel­ten Ei­gen­schaf­ten ist lang: Ge­schmäck­ler­tum, un­re­flek­tier­ter Kon­su­mis­mus, in­halts­lo­se Iro­nie, Ar­ro­ganz, Ober­fläch­lich­keit, Un­pro­duk­ti­vi­tät, Vor­hut der Gen­tri­fi­zie­rung. Im Phä­no­men des Hips­ters und dem Res­sen­ti­ment, das ihn trifft – so die These des Vor­tra­ges – spie­gelt sich die ge­sam­te Ge­sell­schaft. Die Ver­än­de­rung der Ar­beits­welt lässt sich an dem als Latte Mac­ch­ia­to schlür­fen­den ima­gi­nier­ten Krea­tiv­ar­bei­ter eben­so ab­le­sen, wie die Ent­zeit­li­chung der Mode und der Ver­fall der Sub­kul­tur. So­wohl die Chro­nis­ten als auch die Ver­äch­ter des Hips­ters ver­ken­nen al­ler­dings sei­nen ge­sell­schaft­li­chen Grund. Der Vor­trag möch­te den Hips­ter als zu­gleich Sym­ptom und Pro­dukt einer ge­sell­schaft­li­chen Ent­in­di­vi­dua­li­sie­rung deu­ten, als den So­zi­al­ty­pus ge­wor­de­nen Re­flex auf eine reale Auf­lö­sung von Klas­sen­gren­zen, von his­to­ri­schem Be­wusst­sein und tra­di­tio­nel­len Ge­schlech­ter­rol­len; kurz, als Aus­druck einer ge­samt­ge­sell­schaft­li­chen Ent­dif­fe­ren­zie­rung.
Ro­bert Zwarg lebt in Leip­zig und ist Mit­glied der Re­dak­ti­on der Phase 2. Seine Texte er­schie­nen u.a. in der Jung­le World, bei beatpunk.​org und der Phase 2.

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5.) “Per­so­nal Jesus”. Bär­bel Harju zur Ge­schich­te und Ak­tua­li­tät christ­li­cher Rock­mu­sik

Bär­bel Harju beobachtete, dass in vor­mals nicht­re­li­giö­sen, „agnos­ti­schen“ Sub­kul­tu­ren wie Punk und Hard­core christ­li­che Künst­ler_in­nen zu­neh­mend Fuß fassen und fasst zusammen: „Re­li­gi­on als Pop be­deu­tet keines­wegs Ver­welt­li­chung.“ Harju hat im Tran­script-​Ver­lag das Buch „Rock und Re­li­gi­on“ ver­öf­fent­licht.

Re­li­gi­on als Pop­kul­tur ist vital, nicht Re­li­gi­on „light“. Das ge­nu­in U.S.-​ame­ri­ka­ni­sche Phä­no­men Chris­ti­an Pop hat sich seit den 1960er Jah­ren zu­nächst als Sub­kul­tur in einer Art Par­al­lel­uni­ver­sum eta­bliert. Heute exis­tiert in den USA nicht nur eine mil­lio­nen­schwe­re christ­li­che Mu­sik­in­dus­trie; auch im mu­si­ka­li­schen Main­stream und in vor­mals nicht­re­li­giö­sen, „agnos­ti­schen“ Sub­kul­tu­ren wie Punk und Hard­core fas­sen christ­li­che Künst­ler_in­nen zu­neh­mend Fuß. Zu fra­gen wird sein, wel­che sub­ver­si­ven Stra­te­gi­en Bands wie P.O.D. an­wen­den und wieso, um die Stig­ma­ti­sie­rung als christ­li­che Mu­si­ker zu um­ge­hen, wel­ches Wer­te­sys­tem ver­tre­ten wird und wie die Künst­ler_in­nen mit Kom­mer­zia­li­sie­rung und dem Auf­ge­hen im Uni­ver­sum Pop um­ge­hen. Re­li­gi­on als Pop be­deu­tet kei­nes­wegs Ver­welt­li­chung. „Chris­ti­an Pop“-​Künst­ler set­zen einen mo­der­nen Evan­ge­li­sie­rungs­stil um, indem sie sub­ti­le Bot­schaf­ten in mas­sen­kom­pa­ti­blen Mu­sik­stü­cken trans­por­tie­ren. Erst durch die Wa­ren­för­mig­keit des re­li­giö­sen An­ge­bots wird die­ses im „mar­ket­place of cul­tu­re“ kon­kur­renz­fä­hig und fin­det sich auf­grund des kal­ku­lier­ba­ren Pu­bli­ku­man­sturms auf der Bühne sä­ku­la­rer AJZs.
Bär­bel Harju ist Ame­ri­ka­nis­tin an der Lud­wig-​Ma­xi­mi­li­ans-​Uni­ver­si­tät Mün­chen. Sie hat 2012 im Tran­script-​Ver­lag das Buch „Rock und Re­li­gi­on“ ver­öf­fent­licht.

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Leider wurden nicht alle Vorträge der Reihe dokumentiert. Als Ergänzung daher: Ein ganz ähnlicher Vortrag von Sa­scha Pöhl­mann zu Po­li­ti­sie­run­gen des Black Metal, ein Text zum Verstandnis des Conne Island zum kul­tur­be­trieb­li­chen All­tag und – passend zum letzten Referat – ein Text zur Aktualität der Kulturindustriethesen aus dem Extrablatt.

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Momente einer kritischen Theorie der Naturwissenschaften

Ein weiterer Beitrag zur Kritik der historischen wie gegenwärtigen Naturverhältnisse, der auf eine Vortragsreihe in Jena verweist, die versuchte Momente einer kritischen Theorie der Naturwissenschaften herauszuarbeiten: Die Veranstalter, die sich die Frage stellten, warum die Naturwissenschaften im Kontext von Debatten, die sich auf das kritische Denken von Horkheimer und Adorno stützen, bisher tendenziell eher als randständig angesehen wurden, zur Motivation der Reihe.

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1.) Martin Blumentritt – Zum Begriff der Natur und der Wissenschaft bei Marx

In Erinnerung und mit Bezug auf den 2012 verstorbenen Alfred Schmidt, referiert Martin Blumentritt über die Lehre der Natur bei Marx.

Die Überlegungen der Frankfurter Kritischen Theorie in den frühen 60er Jahren kreisten um einen Materialismus der „zweiten Natur”. Alfred Schmidts Dissertation über die Lehre der Natur bei Karl Marx suchte nicht bloß interpretierend, die Kritische Theorie weiterzuführen. Durch den erneuten Rekurs auf Marx konkretisierte er die Kritik an der auf Engels zurückgehenden Variante der Marx-Interpretation, die zu einer Trennung von historischem und dialektischem Materialismus und der Vorordnung eines naturalistisch-ontologischen Materialismus vor dem historischen führte. Die alten Materialisten hätten in der Sache, nicht in der Form, recht gehabt, die die Stärke des Idealismus war:

„Es gibt in der idealistischen Philosophie Fragestellungen, die mit der idealistischen Form, in der sie vorgetragen werden, nicht abgetan sind. Der deutsche Idealismus von Kant bis Hegel, an den Marx bewußt angeknüpft hat, zeigt, daß die uns umgebende Welt keine bloß an sich seiende, sondern ebensosehr eine für und durch uns seiende Realität ist. Freilich hat der Idealismus diese Abhängigkeit des Objektiven vom Subjektiven, indem er sie aussprach zugleich mystifiziert, und zwar deshalb, weil er die subjektive Konstitution dessen, was wir Erfahrungs- und Dingwelt nennen radikal entstofflichte und dadurch die Sache verdunkelte.”[1]

Mit dem Begriff der „gegenständlichen Tätigkeit” hielt Schmidt die Vermitteltheit des unmittelbar Vorfindlichen gegen die idealistischen Formen fest und arbeitete eine Alternative zu Engels ontologischer Naturdialektik heraus, wodurch der erkenntnistheoretischen Abhängigkeit der Objektwelt und ontologischen Unabhängigkeit gleichermaßen Rechnung getragen wird. Aus der Perspektive von Kants negativer Metaphysik und Hegels Produktionslogik diskutierte Schmidt das Verhältnis erster und zweiter Natur mittels der Interpretation der marxschen Texte in Hinsicht auf ihr Naturverhältnis. [via]

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2.) Jörg Huber – Subjektive und objektive Momente physikalischer Erkenntnis

Huber spricht über den naiven Glaube an die absolute Objektivität der Naturwissenschaften. Denn: Naturwissenschaften können gar keine völlig objektive Beschreibung der Natur liefern, da ihre Erkenntnisformen historischen Ursprungs sind. Huber fragt, inwieweit Reformulierungen von gesellschaftlichen Veränderungen abhängen.

Ihre naturwissenschaftliche Grundlagenforschung stellen Wissenschaftler gerne als Selbstzweck dar, den sie aus reiner Neugierde verfolgen würden. Sie möchten Gesetze finden, denen die Natur folgt, und damit zur Akkumulation menschlichen Wissens beitragen. Ihr gemeinsames höchstes Ziel ist die lückenlose Erklärung der ganzen Welt durch solche Gesetze. Die Gesellschaft soll die Mittel für diese Forschung bereitstellen, die Wissenschaftler fühlen sich aber im Zweifelsfall nicht dafür verantwortlich, wie ihre Erkenntnisse genutzt werden. Die Gesellschaft soll also auch die Verantwortung für den Gebrauch ihrer Resultate übernehmen. Wie aber können dann diese Resultate ganz unabhängig von der Gesellschaft sein und die Natur einfach so erklären, wie sie an sich ist? Der naive Glaube an die absolute Objektivität der Naturwissenschaften liefert eine bequeme Rechtfertigung für wissenschaftliche Verantwortungslosigkeit, die scientific community erteilt ihrem insgesamt blinden Treiben damit selbst die Absolution. Demgegenüber skeptische Positionen erschöpfen sich häufig darin, inhumane technische Anwendungen naturwissenschaftlichen Wissens auf ethische Mängel zurückzuführen.

Der eigentümliche Status des Wissens, das die naturwissenschaftliche Grundlagenforschung liefert, lässt sich aber nur ernsthaft kritisieren, wenn der unüberbrückbare epistemologische Spalt zwischen der Natur und unserer Vorstellungen von ihr nicht unterschlagen wird. Die Naturwissenschaften können gar keine völlig objektive Beschreibung der Natur liefern, da ihre Erkenntnisformen historischen Ursprungs sind. Naturwissenschaftliche Theorien als Funktionsweise oder gar als Schöpfungscode der Natur auszugeben, erweist sich als ideologischer Abdruck gesellschaftlicher Verhältnisse. Um dieser Erscheinung von Ideologie auf die Spur zu kommen, wird sich der Vortrag anhand bekannter Beispiele erkenntniskritisch mit dem Verhältnis naturwissenschaftlicher Theorie zu ihrem spezifischen Gegenstand befassen. Die theoretische Entwicklung der Himmelsmechanik zeigt die enormen Wandlungen auf dem Weg zur ersten allgemeingültigen physikalischen Theorie, deren Gegenstand, die Ordnung der Himmelskörper, dabei gegenüber irdischen Maßstäben starr geblieben ist. Aus der Himmelsmechanik entstand dann die heutige theoretische Mechanik, die noch mehrfach reformuliert wurde, obwohl keine grundsätzlichen Probleme bei ihren bekannten mechanischen Experimenten aufgetreten waren. Daher liegt die Frage nahe, inwieweit solche Reformulierungen von gesellschaftlichen Veränderungen abhängen. Der enorme Erfolg der Relativitätstheorie degradierte die klassische Mechanik dann zum wichtigsten Spezialfall allgemeingültigerer Gesetze. Und die Kantische Vorstellung, dass Raum und Zeit bloße Formen unserer Anschauung seien, geriet ins Wanken. [via]

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Da der Mitschnitt leider abrupt abbricht, hat Jörg Huber für das Audioarchiv die nicht aufgezeichneten Momente des Vortrags und Teile der Diskussion nachträglich eingesprochen.

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3.) Prof. Dr. Gerhard Stapelfeldt – Der Begriff der Natur in der Epoche des Liberalismus

Stapelfeldt untersucht den Begriff – die Begriffe – der Natur in der Epoche des Liberalismus (um 1765-1870), der bürgerlichen Aufklärung, der bürgerlichen Revolutionen.

Der Vortrag untersucht den Begriff – die Begriffe – der Natur in der Epoche des Liberalismus (um 1765-1870), der bürgerlichen Aufklärung, der bürgerlichen Revolutionen.
‚Natur’ scheint ein ganz einfacher Begriff, der einen selbstverständlichen Gegenstand bestimmt. Man denkt an Gesteine, an Pflanzen, an Tiere, an die körperlicher Natur des Menschen, an Naturgesetze, an Naturwissenschaften, an Naturschutz. Aber dann wird es doch schwierig: Gibt es eine ‚Natur der Sache’, eine Natur des Menschen, eine Natur der Gesellschaft? Was ist ‚natürlich’? Schon der antike Naturbegriff ist heute kaum nachvollziehbar: Natur als göttliche, subjektive, mit moralischen Qualitäten ausgestattete Natur. In der Neuzeit hat Galilei, nach seinem Selbstverständnis, im „Buch der Natur“ gelesen. Im Liberalismus wird es mit dem Begriff – den Begriffen – der Natur in der Philosophie, der Sozial- und Naturwissenschaft ganz kompliziert: Vico unterscheidet die „Welt der Natur“ von der „gesellschaftlichen Welt“; Kant spricht von einer „sinnlichen“ und von einer unbewußten „übersinnlichen (zweiten) Natur“, Smith von der „Natur des Reichtums der Nationen“, Darwin von einer Naturgeschichte; Comte stellt der Wissenschaft der Biologie die Wissenschaft von der Gesellschaft (Soziologie) zur Seite und bezeichnet beide als „Physik“ – als Naturwissenschaften. Diese Begriffe, ihr Zusammenhang, ihre gesellschaftsgeschichtliche Grundlage sind zu klären.

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Fussnoten:

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Der deutsche Schicksalskomponist. Beiträge gegen (200 Jahre) Richard Wagner

Mit vier Beiträgen über einen Begründer des modernen Antisemitismus - Richard Wagner – meldet sich das Audioarchiv zurück.

1.) Lars Quadfasel – Pathische Projektion, auskomponiert. Richard Wagners antisemitisches Gesamtkunstwerk

Lars Quadfasel zeigte in Dresden, wie ideologisch gerade im Falle Wagners die so beliebte Trennung von Werk und Weltanschauung ist und diagnostiziert in Wagners Kompositionen einen Schulfall der Dialektik der Aufklärung. Quadfasel hatte bereits in der „Versorgerin“ über Wagner geschrieben.

Dass Richard Wagner zu den Begründern des modernen Antisemitismus zählt, mögen heute, zweihundert Jahre nach seiner Geburt, nicht einmal die überzeugtesten Wagnerianer mehr leugnen. Stattdessen verlegt man sich auf die Formel ›Genie und Wahn‹: Politisch, so stand anlässlich des Jubeljahres in nahezu jedem Feuilleton zu lesen, mag Wagner ja ›strittig‹ gewesen seien, aber als Komponist war er darum nur um so grandioser.
Zu zeigen wird demgegenüber sein, wie ideologisch gerade im Falle Wagners die so beliebte Trennung von Werk und Weltanschauung ist. In dessen Opern geht das Ressentiment konstitutiv ein. Das beschränkt sich nicht allein auf die »Judenkarikaturen« (Adorno), die im Ring und in den Meistersingern ihr Unwesen treiben. Vielmehr ist es die Konzeption des Musikdramas selbst, in der die Abgrenzung gegen alles ›Undeutsche‹, gegen welschen Tand und Flitter sich verwirklicht. Wagners Kompositionen sind ein Schulfall der Dialektik der Aufklärung: Gerade ihre modernste musikalische Innovationen – der Verzicht auf überkommene Formen, die Aufweichung der Tonalität, die Emanzipation der Klangfarbe – stehen immer schon zugleich im Dienste der Regression, der Mythologie aus zweiter Hand. Indem jedoch Wagners Musik die pathische Projektion, die Verschränkung von Antisemitismus, Misogynie und Kulturindustrie auskomponiert, macht sie sie zugleich auch analysierbar; und genau das soll, auch anhand von ausgewählten Musikbeispiele, in Referat und Diskussion geleistet werden.

Lars Quadfasel ist assoziiert in der Hamburger Studienbibliothek und der Gruppe Les Madeleines. Seine Texte zu Wagner sind in konkret 5/2013 und der Versorgerin Nr. 99 erschienen. [via]

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2.) A.C. Faschon – Wagner – kein bloßer Betriebsunfall

Die These, dass der Antisemitismus Wagners nach wie vor nicht mit der notwendigen Offenheit behandelt wird, vertrat „A.C. Faschon“ in Leipzig. Wie auch Quadfasel zeigt Faschon mit Hilfe von Musikbeispielen Wagners schwärmerische Visionen eines völkischen Antikapitalismus.

Der Antisemitismus Richard Wagners wird nach wie vor nicht mit der notwendigen Offenheit behandelt. Während das Gros der bürgerlichen Wagner-Apologie auf einer strikten Trennung von Künstler und Kunstwerk insistiert, gibt es im härtesten Kern der Wagnerianer sogar Bestrebungen, den Komponisten überhaupt von sämtlichen Vorwürfen freizusprechen, so als wären Wagners zahlreiche privaten antisemitischen und rassistischen Äußerungen misszuverstehen. Das Gerücht von der „Erlösung der Juden“ ist dabei nur ein besonders makaberer von vielen Versuchen, den aggressiven Antisemitismus Wagners bewusst fehlzudeuten.
Auch wo sich Stimmen gegen den Wagner-Kult erheben, wie in der jüngsten Buchpublikation des Wagner-Urenkels Gottfried Wagner, greift die Kritik doch zu kurz: In Widerstand gegen die unsäglichen Rechtfertigungs- und Reinwaschungsbemühungen stilisiert jener den Komponisten zu einem Anti-Heros par excellence , zu einer Verkörperung des Bösen überhaupt. Vielmehr aber sind die rassistischen und antisemitischen Ressentiments wie auch der politische Opportunismus nicht in Wagners individueller psychologischer Konstitution zu suchen, sondern in den objektiven gesellschaftlichen Verhältnissen, denen solche Tendenzen immanent sind.
Die Symbolik in Richard Wagners Werk, allem voran dem monströsen „Ring des Nibelungen“, ist unmissverständlich und doch nicht explizit formuliert. Es ist der einzige mögliche Schlupfwinkel für die Wagner-Verfechter, zu sagen, all das sei ja nur Fiktion, zusammengeklaubt aus den verschiedensten Mythenwelten, bar jeden Anspruchs, Realität zu sein.
Doch was Wagner mit seinen Traumwelten eigentlich geschaffen hat, das sind schwärmerische Visionen eines völkischen Antikapitalismus, dessen Utopie der nationale Sozialismus ist, und letztendlich ist sein Werk nicht nur äußerlich der Kulturpolitik des Dritten Reichs adäquat. [via]

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3.) Hannes Heer – Von Richard Wagner zu Adolf Hitler. Antisemitische Ideologie und Praxis bei den Bayreuther Festspielen

Leider nicht in bester Aufnahmequalität ist ein Mitschnitt aus dem Hamburger Golem. Dort sprach der Historiker Hannes Heer über die antisemitische Ideologie und Praxis bei den Bayreuther Festspielen von 1876 bis 1944.

„Das Kunstwerk der Zukunft“, dem Richard Wagner in seinen Musik-Dramen im abgelegenen Bayreuth eine spektakuläre Bühne erschuf, wollte eine neue Ästhetik und war zugleich eine Kriegserklärung an die durch die politische und industrielle Revolution im 18. und 19. Jahrhundert entstandene Welt der Moderne. Als deren Verkörperung galt Wagner „der Jude“, den er als den „geborenen Feind der reinen Menschheit und alles Edlen in ihr“ ansah. Diese angeblich vom „Juden“ geschaffene Welt der Politik, der Unfähigkeit zur Liebe, der Kulturlosigkeit, der Tücke, des Geldes, des Nihilismus ließ er in Figuren wie Beckmesser, Mime, Alberich, Hagen, Kundry und Klingsor Bühnenwirklichkeit werden – alles „Judenkarikaturen“ (Theodor W. Adorno), denen die „deutschen“ Helden Sachs, Siegfried, Brünnhilde und Parsifal entgegengestellt wurden. In seinen antisemitischen Pamphleten attackierte er das Judentum als „den Dämon des Verfalls der Menschheit“ und propagierte dessen „gewaltsame Auswerfung“, das heißt – die „Ausweisung“.
Nach dem Tod des „Meisters“ erbte Cosima Wagner mit den Festspielen auch dessen antagonistische Bühnenwelt. Sie machte aus dem Erbe kein Mausoleum, sondern ein politisches Instrument: Die Inszenierung der Meistersinger 1888 war die erste geplante „judenfreie“ Aufführung in der deutschen Theatergeschichte. In der Folge wurden „jüdische“ Künstler nur eingeladen, wenn keine „deutschen“ zur Verfügung standen und dann nur für die kleinen Rollen oder für die „Judenkarikaturen“.
Ihr Sohn und Nachfolger Siegfried Wagner hat diese antisemitische Besetzungspolitik ab 1908 übernommen. Und er hat unter Anleitung seines Schwagers Houston Stewart Chamberlain, dem Begründer des modernen Rassenantisemitismus, das Feld der antisemitisch-deutschnationalen Tagespolitik betreten: 1916 wurden er und Chamberlain Mitglieder des „Alldeutschen Verbandes“, der rechtsextremen Denkfabrik des Kaiserreichs. 1917 wurde die ganze Familie Mitglied der für den Endsieg eintretenden „Vaterlandspartei“. Und 1923 traten die Angehörigen des Wagner-Clans, nach dem ersten Besuch Hitlers in Wahnfried, in die NSDAP ein. Siegfried duzte von da an den „Führer“ und Winifred verliebte sich in ihn. Dass die Festspiele ab 1933 endgültig zu „Hitlers Hoftheater“ (Thomas Mann) wurden, war also kein Zufall.

Hannes Heer:
Geboren 1941. 1980 bis 1985 Dramaturg und Regisseur am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. 1993 bis 2000 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sozialforschung und Leiter des Ausstellungsprojektes „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“. Zahlreiche Publikationen zur Geschichte von Nationalsozialismus, Krieg und Nachkriegserinnerung. Lebt als Historiker, Publizist und Ausstellungsmacher in Hamburg. [via]

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4.) Gerhard Scheit – “Staatsmusikant” und Staatskritiker, Wagner und Marx

Gerhard Scheit, derzeit als Mitherausgeber der Zeitschrift sans phrase aktiv, fragte in Freiburg, ob der Staatsmusikant Wagner Staatskritiker wider Willen sei. Scheit hatte bereits in der Jungle World über Wagner geschrieben.

Marx beginnt mit dem Gegensatz. Die Elementarform des Reichtums, die Ware, ist nur in der Entgegensetzung von Tauschwert und Gebrauchswert zu begreifen. Jeder Versuch, sie zu leugnen, endet in Regression. Und der Staat ist letztlich der Begriff dafür, dass die Einheit nicht nur durch Recht und Ordnung existiert, sondern in der Krise, wenn alle ihre Teilprozesse auseinanderfliegen, mit einer von aller Fessel befreiten Gewalt wiederhergestellt wird. Die Marxsche Kritik im Kapital aber kann dieser Gewalt wie jener Regression nur widersprechen, indem sie in jeder Konstellation moderner Herrschaft auf dem Gegensatz beharrt und nur durch ihn hindurch deren Einheit bestimmt. – Wagner beginnt mit der Einheit. Der Es-Dur-Akkord, der im berühmten Vorspiel des Ring auf die Natur projiziert wird, fungiert als Ausdruck vollständiger widerspruchsloser Identität, ist tönende Regression. Alle Bewegung darin, die es doch gibt, damit der Klang zum Tragen kommt, soll erscheinen, als wären Gegensätze immer nur die bloße Expression ursprünglicher Einheit. Diese “Phantasmagorie” (Adorno) braucht aber dann als pathische Projektion einerseits den totalen Feind, um loszuwerden, was immer sich in ihrem Reich doch als Nichtidentisches hervorwagt, andererseits wirkt gerade durch diese Projektion hindurch eine Art List der Komposition, die etwas der Kritik fast Vergleichbares leistet. Ist der Staatsmusikant also Staatskritiker wider Willen? Die Antwort soll durch Hörbeispiele erleichtert werden. – Es spricht Gerhard Scheit (Wien), Autor u.a. von Verborgener Staat, lebendiges Geld. Zur Dramaturgie des Antisemitismus und Mitherausgeber der Zeitschrift für Ideologiekritik sans phrase. [via]

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Gesellschaftliche Naturverhältnisse

Vom 26.-29. Oktober 2013 richtete die Gruppe »Exit!« ihr Jahresseminar unter dem etwas schlicht formulierten Thema »Gesellschaftliche Naturverhältnisse« aus. Im Folgenden werden alle vier Vorträge dokumentiert, die sich unter unterschiedlichen Gesichtspunkten (Ökonomie, Ökologie, Wissenschaft, Ideologie, Subjekt) mit einer Kritik der historischen wie gegenwärtigen Naturverhältnisse des warenproduzierenden Patriarchats befassten.
Die Mitschnitte sind, größtenteils auch in kleineren ogg-Versionen, ebenfalls auf archive.org zu finden (dort auch alles auf einmal als Zip-Archiv, knapp 400 MB). Bei den Vortragenden handelt es sich mit Ausnahme Karina Koreckys um Exit!-Redakteure. Die dokumentierten Diskussionen enthalten Beiträge u.a. von JustIn Monday und Roswitha Scholz.

Seminarankündigungstext von Roswitha Scholz:

Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks erlebte der Kasinokapitalismus in den 1990er Jahren seinen Höhepunkt. In diesem Kontext stellten sich auch linke und feministische Theoriebildung auf kulturalistische und dekonstruktivistische Konzepte um. „Natur“ und eine wie auch immer verstandene „Materie“ waren als Beschäftigungsgegenstand weithin suspendiert, ja geradezu verpönt. Man/frau trug stets die Essentialismus-Keule bei sich. In den 2000er Jahren änderte sich dies, nicht zuletzt die Finanzkrise von 2008 machte deutlich, dass objektive und „materielle“ Problemlagen nicht mehr selbstverständlich zurückgewiesen werden können. Nun drängten auch liegen gelassene ökologische Fragen wieder in den Vordergrund, ausgehend von Skandalisierung der Klimaveränderung. Allerdings sind  postmoderne Schlacken in großen Teilen der Ökologie-Debatte noch deutlich sichtbar: So etwa im linksfeministischen Kontext: „Ziel der sozial-ökologischen Forschung ist es, Wissensinhalte in Bezug auf konkrete Problemlagen zu generieren, die es ermöglichen, praktisch verändernd in die Welt einzugreifen. Dementsprechend beansprucht das Konzept der gesellschaftlichen Naturverhältnisse keine universalisierende Welterklärung, sondern die Generierung kontextualisierten Gestaltungswissens. Gesellschaftliche Naturverhältnisse werden in ihrer Pluralität betrachtet und es wird zwischen  einer Vielzahl gesellschaftlicher Naturverhältnisse differenziert – es gibt nicht das singuläre gesellschaftliche Naturverhältnis.“ (Diana Hummel/Irmgard Schulz, Hervorheb.i.O.)
Wenn wir von gesellschaftlichen Naturverhältnissen sprechen, geht es um etwas anderes, nämlich um das Verhältnis von Natur und kapitalistischem Patriarchat, das sich nicht in postmoderne Pluralität auflösen lässt. Ökologische Probleme können unter kapitalistischen Bedingungen nicht gelöst werden; darüber hinaus weisen neue ökologische Bewegungen starke ideologische Momente auf, die bei fortschreitender Krise ihr Destruktionspotential erst voll entfalten könnten, wie anhand der Postwachstumsbewegung aufgezeigt wird. Außerdem werden Überlegungen zum Androzentrismus in der Geschichte der Naturwissenschaften und zur „Natur des Subjekts und des Staates“ angestellt.

1. Claus Peter Ortlieb: Kapitalistische Krise und Naturschranke

Claus Peter Ortlieb leitete das Seminar ein mit recht umfangreichen Ausführungen zu aktuellen Positionen, die den Zusammenhang von kapitalistischer Ökonomie, Wachstumszwang und den Grenzen der ökologischen Belastbarkeit der natürlichen Umwelt thematisieren – und meist verfehlen. Der Vortrag enthält einige Zwischen- und eine Abschlussdiskussion, die ebenfalls dokumentiert sind. Der eingangs erwähnte Konkret-Artikel zum selben Thema ist mittlerweile online verfügbar.

Anders als die ökonomische Krise, die in der bürgerlichen Öffentlichkeit als vorübergehende Erscheinung gedeutet wird, wird die ökologische Krise dort durchaus als Grundproblem der modernen Lebensweise wahrgenommen. Allzu offensichtlich ist der Widerspruch zwischen den ökonomischen Wachstumsimperativen auf der einen und der Endlichkeit der stofflichen Ressourcen auf der anderen Seite. Solange allerdings die kapitalistische Produktionsweise für so natürlich gehalten wird wie die Luft zum Atmen, beruhen alle Problemlösungen auf Fiktionen: Während die einen die Naturschranke unter Hinweis auf den technischen Fortschritt als nicht existent vom Tisch wischen, vernachlässigen oder verniedlichen die anderen die systemischen Zwänge und halten allen Ernstes einen Kapitalismus ohne Wachstum für möglich. Dazwischen versucht eine Mehrheit, das Problem durch die Kreation logisch unverträglicher Begriffe wie den des „nachhaltigen Wachstums“ zu vernebeln und sich so die Vereinbarkeit des Unvereinbaren einzureden.

Zur Klärung der Frage, was da eigentlich so zwanghaft wächst, sollen im Referat die im Laufe der kapitalistischen Entwicklung dynamisch sich verändernden Beziehungen zwischen Mehrwertproduktion, stofflichem Output und Ressourcenverbrauch und die aus ihnen resultierenden Wachstumszwänge untersucht werden. Dabei zeigt sich, dass ökonomische und ökologische Krise einerseits dieselbe Ursache in dem immer weiteren Auseinandertreten von stofflichem und abstraktem Reichtum haben. Auf der anderen Seite geraten die innerkapitalistischen Lösungsversuche für beide Krisen miteinander zunehmend in Widerspruch: Während etwa im Rezessionsjahr 2009 die weltweite CO2-Emission tatsächlich leicht zurückging, laufen die vergeblichen Versuche zur Bewältigung der ökonomischen Krise darauf hinaus, noch die letzten natürlichen Schranken gewaltsam zu durchbrechen.

2. Johannes Bareuther: Überlegungen zum Androzentrismus der naturbeherrschenden Vernunft

Die Naturwissenschaften, die das Wissen zur Naturbeherrschung liefern können, tauchen in den Debatten, die sich auf die Kritische Theorie beziehen, in den letzten Jahren nur selten auf. Dankenswerterweise erinnert daher Johannes Bareuther mit seinen Überlegungen zum Androzentrismus der naturbeherrschenden Vernunft an einige Texte und Diskussionen zur Kritik der Naturwissenschaften. Hervorgehoben wird etwa ein unvollendetes Meisterwerk (Fabian Kettner) aus dem Jahr 2004: Eske Bockelmanns Im Takt des Geldes, ein Buch, das anhand der Taktlehre aufzeigen konnte, wie Geld das Denken von seinen Grundlagen her bestimmt. Rhythmus nach betont/unbetont erscheint als etwas ganz Natürliches, ist aber erst seit dem 17. Jahrhundert Norm. Das Referat arbeitet die Grenzen der Untersuchung Bockelmanns sowie den Zusammenhang von Geschlecht und Wissenschaft heraus und nimmt Bezug auf einen älteren Aufsatz von Claus Peter Ortlieb.

Dass ein enger Zusammenhang zwischen der Entstehung der neuzeitlichen Naturwissenschaften und der kapitalistischen Vergesellschaftung besteht, aus dem sich auch deren destruktive Tendenzen erklären, diese Ahnung treibt schon länger TheoretikerInnen um. 2004 wies Eske Bockelmann in überzeugender Weise nach, dass sich die gesetzesförmige Naturerkenntnis der klassischen Mechanik einer an der Ware-Geld-Beziehung erlernten Abstraktionsleistung verdankt. Nicht in den Blick gerät in seiner Studie (wie in vielen anderen Wissenschaftskritiken) jedoch, welch konstitutive Rolle dem sich in derselben Zeit umwälzenden Geschlechterverhältnis hinsichtlich den naturwissenschaftlichen Denk- und Praxisformen zukam. Und dies, obwohl feministische Theoretikerinnen wie Elvira Scheich und Evelyn Fox Keller diesem Zusammenhang auf unterschiedlichen Ebenen bereits seit den 1980er Jahren nachgegangen sind. Keller untersuchte u. a. die geschlechtliche Metaphorik in den Schriften Francis Bacons, der von Bockelmann wie schon zuvor von Adorno/Horkheimer als Kronzeuge des modernen Programms wissenschaftlicher Naturbeherrschung herangezogen wird. Scheich wiederum knüpft in ihrem Buch Naturbeherrschung und Weiblichkeit (1993) an Sohn-Rethels Versuche an, die Entstehung der Naturwissenschaft aus der formalen Vergesellschaftung über das Geld zu erklären. Dabei erweitert sie Sohn-Rethels androzentrische Perspektive um die Dimension der abgespaltenen, unbewusst gemachten Gesellschaftlichkeit des Geschlechterverhältnisses und hebt die Bedeutung des Phantasmas der Weiblichkeit für das wissenschaftliche Naturverhältnis der Moderne hervor.

Der Vortrag möchte, an die feministische Wissenschaftskritik anknüpfend, einige Überlegungen vorstellen, wie eine wert-abspaltungs-theoretisch akzentuierte Kritik der Naturwissenschaft aussehen kann, wobei der Schwerpunkt auf der historischen Konstitutionsphase um das 17. Jahrhundert liegen wird.

Literatur:

Bockelmann, Eske (2004): Im Takt des Geldes: Zur Genese modernen Denkens. 1., Aufl. Springe: Zu Klampen.
Braun, Kathrin; Kremer, Elisabeth (1987): Asketischer Eros und die Rekonstruktion der Natur zur Maschine. Oldenburg: Bibliotheks- u. Informationssystem d. Univ. Oldenburg (Studien zur Soziologie und Politikwissenschaft).
Keller, Evelyn Fox (1986): Liebe, Macht und Erkenntnis. Männliche oder weibliche Wissenschaft. Carl Hanser.
Merchant, Carolyn (1987): Der Tod der Natur. Ökologie, Frauen und neuzeitliche Naturwissenschaft. C.H. Beck Verlag.
Ortlieb, Claus Peter (1998): „Bewusstlose Objektivität – Aspekte einer Kritik der mathematischen Naturwissenschaft“. In: Krisis. (21/22).
Scheich, Elvira (1993): Naturbeherrschung und Weiblichkeit: Denkformen und Phantasmen der modernen Naturwissenschaften. Pfaffenweiler: Centaurus (Feministische Theorie und Politik).
Scheich, Elvira (1990): „„Natur“ im 18. Jahrhundert und die Bestimmung der Geschlechterdifferenz“. In: Gerhard, Ute; Jansen, Mechtild; Andrea, Maihofer; u. a. (Hrsg.) Differenz und Gleichheit. Menschenrechte haben (k)ein Geschlecht. Frankfurt am Main: Ulrike Helmer Verlag.

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    Download via AArchiv: Vortrag (1:10 h mit Zwischendiskussion, 42 MB), Diskussion (0:18 h, 11 MB)

3. Karina Korecky: »Man nennt mich Natur und ich bin doch ganz Kunst«: Zur Natur des Subjekts und des Staates

Karina Korecky widmet sich der Geschichte des bürgerlichen Naturverhältnisses auf der Ebene der politischen Theorie. Die »innere Natur des Menschen«, die in den Vertragstheorien seit Hobbes als Voraussetzung des politischen Gemeinwesens, bürgerlicher Subjektivität und Rechtsgleichheit begriffen worden ist, verlor im Zuge der »Biopolitik« des »autoritären Staates« den Charakter einer positiven Berufungsinstanz und wurde folgerichtig im 20. Jh. zum Gegenstand rücksichtsloser »Dekonstruktion«. Wie angesichts dieser historischen Konstellation noch ein »Eingedenken der Natur im Subjekt« (Horkheimer/Adorno) möglich ist, ohne Natur zur Parole verkommen zu lassen, ist die letztlich unbeantwortbar bleibende Frage des Vortrags, der an vielen Stellen sympathisch-unsichere, fragende, aporetische Züge trägt.

Wer in kritischer Absicht von den Gründen für Unfreiheit, Unterdrückung und Diskriminierung spricht, verortet diese normalerweise in der Gesellschaft oder im Sozialen, keineswegs in der Natur. Alles, was gesellschaftlich, sozial, gemacht oder konstruiert ist, kann verändert werden, während „Natur“ Ungleichheit und Zwang verfestigt und legitimiert. Einst war das genau anders herum: Die Natur war gut und ihr zum Durchbruch zu verhelfen Programm der Aufklärung zur Durchsetzung von Freiheit und Gleichheit.

Die freundliche Natur der Aufklärung des ausgehenden 18. Jahrhunderts wurde zweihundert Jahre später zur Berufungsinstanz für Ungleichheit. Wer heute für gleiche Rechte kämpft, kritisiert „Naturalisierung“ und „Biologismus“. Am konsequentesten – sozusagen als Aufklärung mit umgekehrten Vorzeichen – geht dabei der linke Poststrukturalismus vor, der eine klare Feinderklärung an Natur abgibt und auf die Fähigkeiten des Geistes zur (De-)Konstruktion setzt. Demgegenüber steht in der linken Debatte ein eher hilfloser und vage bleibender Verweis auf Natur als das unverfügbare Moment, das sich sperrt, nicht aufgeht im beherrschenden Zugriff – manchmal verbunden mit der Hoffnung, da möge es ein Außen der gesellschaftlichen Totalität geben, vielleicht sogar einen Ausgangspunkt, an dem der revolutionäre Hebel angesetzt werden kann.

Der Vortrag handelt von der inneren Natur als Voraussetzung von Subjekt (Natur des Menschen) und Staat (Naturzustand) und ihrer Geschichte. Gezeigt werden soll, dass Materialismus nicht heißen kann, nach dem richtigen Naturbegriff zu suchen, sondern die Geschichte des Verhältnisses von Geist und Natur zu erzählen: von der Befreiung versprechenden Natur zur Biopolitik des autoritären Staates.

    Hören:

    Download via AArchiv: Vortrag (0:52 h, 31 MB)

4. Daniel Späth: Postwachstumsbewegung: Eine Variante (links)liberaler Krisenverdrängung

Daniel Späth sprach noch einmal (siehe Mitschnitt aus Halle) über die verschiedenen Varianten linker und liberaler »Wachstumskritik«, die er in einen Zusammenhang mit der Aufklärungsphilosophie stellt.

Es ist ein Wesensmerkmal des linken ideologiekritischen Reduktionismus, sich in den vielfältigen Polaritäten moderner Subjektivität einzurichten und damit Freiheit im Sinne Adornos, als kritische Verweigerung gegenüber den herrschenden Alternativen, der Partikularität zu überantworten. Ob nun der Idealismus zu einem Materialismus (Hegel vom Kopf auf die Füße gestellt) oder aber der Subjektivismus zu einem Objektivismus („Historischer Materialismus“) gewendet wird, das Resultat ist immer dasselbe: Als kritische Weiterentwicklung der bürgerlichen Vernunft apostrophiert, desavouiert sich der identitätslogische Anbau an der modernen Theoriearchitektur nicht etwa als transzendierende Kritik, sondern regelmäßig als ein immanenter Widerpart. Dieser Reduktionismus blamiert sich insbesondere in der Krise des warenproduzierenden Patriarchats. Der westliche Linksradikalismus, der statt der Fundamentalkrise überall „Chancen“ und „Aushandlungsoptionen“ wittert, hat die realgeschichtlichen Metamorphosen der Aufklärungsvernunft nicht überwunden, welche vielmehr zum unhinterfragbaren Selbstverständnis sedimentierte. Der weithin neoliberalisierten Linken scheinen sich quasi naturwüchsig neue Alternativen zu eröffnen: „Aufklärung“ versus „Gegenaufklärung“, „Vernunft“ versus „Unvernunft“, „Liberalismus“ versus „Volkstum“ etc., wobei, der identitätslogischen Versessenheit folgend, erstere gerne dem „rationalen Westen“ und letztere irgendwelchen „irrationalen Banden“ zugeordnet werden, wodurch der eigene männlich-westliche, weiße Standpunkt wieder mal fein raus ist.

Einer derart verkürzten „Ideologiekritik“ muss die „Postwachstumsbewegung“ als Wiederkehr eines ausgemacht völkischen Denkens gelten. Schließlich operieren ihre VertreterInnen nicht nur mit einem positiven Naturbegriff, darüber hinaus verweisen die diversen Begründungsmodi eines „falschen Wachstums“ auf eine strukturell antisemitische Ideologie, deren Ursachendiagnostik bezüglich der Krise sich ausschließlich auf das dämonisierte Finanzkapital und den inkriminierten Zins kapriziert. Für die assoziative Grundgesinnung des postmodernisierten Linksradikalismus bedürfte es hierbei keinerlei dialektischer Begründung mehr, zumindest dort, wo derartige Sachverhalte noch einem Anspruch der Kritik unterliegen: Naturversessenheit und struktureller Antisemitismus – na, wenn das kein völkisches Denken ist… Allerdings handelt es sich hierbei um einen Trugschluss. Denn dass struktureller Antisemitismus und ein problematischer Naturbegriff gleichwohl zu Bestandteilen liberaler Gesinnung gerinnen können, soll an ausgewählten Texten jener „Postwachstumsbewegung“ rekonstruiert werden. In diesem Sinne wird der erste Teil des Vortrags einen erkenntnis- und ideologiekritischen Durchgang durch zentrale Referenztheorien der Postwachstumsideologie (Immanuel Kant/ Silvio Gesell) versuchen, um den gemeinsamen epistemologischen Bezugsrahmen einer liberalen Zins- bzw. Geld„kritik“ offenzulegen, um sodann ihre zentrale Kategorie in den Fokus zu rücken: Die Natur. Auch weitere wichtige Aspekte der Postwachstumsbewegung (Regionalwährung, quasi subsistenzwirtschaftliche Arbeitsformen, neue Maßstäbe des Wachstums etc.) werden dabei einer Kritik unterzogen und in den Kontext der Fundamentalkrise gerückt, deren konstitutiver Bedingungszusammenhang für jene liberale „Kritik“ des Wachstums evident ist.

    Hören:

    Download via AArchiv: Teil 1 via AArchiv (0:40 h, 24 MB), Teil 2 (1:13 h, 44 MB)

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Der Antisemitismus und die Linke – Antisemitism and the Left

This post includes two presentations in english language – english descriptions you find further down (point 3 and 4). Please forgive, if there are some mistakes in the english descriptions. | Zu Antizionismus und sekundärem Antisemitismus vgl. auch diesen Beitrag.

1.) Die Antisemitismusdebatte in der linken Bewegung

Peter Nowak hat am 19.09.2013 in Erfurt einen Vortrag (organisiert vom BiKo und der Offenen Arbeit) über die Antisemitismusdebatte in der linken Bewegung im deutschsprachigen Raum gehalten, der auf seinem Buch „Kurze Geschichte der Antisemitismusdebatte in der in der deutschen Linken“ basierte, das kürzlich bei Edition Assemblage erschienen ist. Der Vortrag ist eher in einem chronologisch-erzählendem Stil gehalten, die theoretischen Diskussionen über die ideologische Struktur und den Stellenwert des Antisemitismus sind hingegen kaum entfaltet. Der Vortrag ist dennoch interessant – vor allem für solche, die sich zunächst einen Überblick über die Gemengelage verschaffen wollen. Stationen des Vortrags sind u.a. die Texte „Gerd Albartus ist tot“ und „Das Ende der Politik“ der Revolutionären Zellen / Rote Zora (interessant: die Textsammlung „Früchte des Zorns“), der Zerfall des Kommunistischen Bundes und die Spaltung des „Arbeiterkampfes“, die Diskussionen um eine Hamburger Wandbemalung, die Nie-Wieder-Deutschland-Kampagne und später die Diskussionen nach dem Anschlag auf das World Trade Center am 11.09.2001. Unverständlich bleibt mir, was ein „progressiver Antizionismus“ sein soll, den Nowak vom „regressiven Antizionismus“ unterschieden wissen will.

Über den Antisemitismus in der linken Bewegung ist in den letzten 20 Jahren viel geschrieben worden. Doch warum hat gerade dieses Thema eine solche Sprengkraft entwickelt, dass langjährige politische Zusammenhänge, alte politische Freundschaften und viele Wohngemeinschaften daran in die Brüche gegangen sind? Oft sind die politischen Zusammenhänge nicht mehr bekannt, die dafür sorgten, dass diese Debatte in Deutschland einen solchen Stellenwert bekommen hat. Der Journalist Peter Nowak hat in der edition assemblage die „Kurze Geschichte der Antisemitismusdebatte“ herausgegeben, in der an einige bereits in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts unter Anderem von Wolfgang Pohrt und Moishe Postone verfasste Grundlagentexte zur Antisemitismusdebatte erinnert wird, die erst nach 1989 in den Teilen einer Linken rezipiert wurde, die sich kritisch mit Staat und Nation auseinanderzusetzen begannen. Auf der Veranstaltung soll auch an konkreten Beispielen aufgezeigt werden, wie sich der Fokus der Antisemitismusdebatte von der Politik in Deutschland auf den Nahen Osten verlagerte und welche politischen Implikationen damit verbunden waren. Besonders die Auswirkungen, die die islamistischen Anschläge vom 11.09.2001 auf die Antisemitismusdebatte hatten, soll genauer dargestellt werden. Schließlich soll ein Vorschlag zur Versachlichung zur Diskussion gestellt werden, der an Diskussionen anknüpft, wie sie in der letzten Zeit in linken Zusammenhängen geführt wurde, die weder ein Interesse daran haben, dass sich die Antisemitismusdebatte ständig nur wiederholt, die aber auch nicht bereit sind, bestimmte in der Auseinandersetzung mit regressiven Antizionismus und verkürzter Kapitalismuskritik gewonnene Grundlagen aufzugeben.

Peter Nowak lebt in Berlin und arbeitet als Journalist unter Anderem für die Jungle World und das Onlinemagazin Telepolis.

Die Veranstaltung ist eine Kooperation der Offenen Arbeit Erfurt mit dem Bildungskollektiv Biko und gefördert vom Lokalen Aktionsplan der Stadt Erfurt.
mehr: http://peter-nowak-journalist.de/ [via]

    Download: via AArchiv (mp3; 63,7 MB; 1:09:34 h)

2.) Wie hältst du es mit Israel? Zündfunkgenerator über linken Antisemitismus

Mit dem Verhältnis der Linken zu Israel hat sich Anfang des vergangenen Jahres ein Feature der Sendereihe „Zündfunk-Generator“ auseinandergesetzt. Ausgangspunkt ist die kurzzeitige Aufregung, die Anfang des Jahres 2010 innerhalb und außerhalb der Partei „Die Linke“ entstand, nachdem bei einem Besuch des israelischen Staatspräsidenten im Bundestag Sarah Wagenknecht und drei weitere Linke-Abgeordnete demonstrativ sitzen geblieben waren. Zu Wort kommen u.a. Henryk M. Broder, Peter Ullrich, Stefanie Schüler-Springorum und Bodo Ramelow. Zu Beginn des Features gibt es einen kurzen Blick in die Geschichte des linken Antisemitismus von der Arbeiterbewegung bis zur Neuen Linken, später verliert sich das Feature m.E. (u.a. anhand der Augstein-Debatte) in der unvermeidlichen Frage, was man in der Debatte um Israel darf und was nicht, es geht um Fallstricke und Sicherheitskriterien. Das Feature ist um Ausgewogenheit und die Vermeidung von „extremen Positionen“ bemüht – was nicht selten zum Nachteil für Israel gerät, dem man freilich ein Existenzrecht zuspricht. In diesem Fall wird Jakob Augstein kurz vor Ende vom Antisemitismusverdacht freigesprochen.

    Download: via Rapidshare (mp3; 47,8 MB; 52:09 min)
    Hören: auf BR2

3.) Antisemitism and the Left: A German-U.S. Comparison

Am 29.11.2011 hat Zeena Arnold in New York für die Gruppe „The Platypus Affilated Society“ (eine Gruppierung, die Moishe Postone nahesteht) einen Vortrag über Antisemitismus und die Linke gehalten, der u.a. auf antisemitische Manifestationen in der us-amerikanischen Occupy-Bewegung (z.B. hier) reagiert. Skizzenartig stellt sie einige Grundmerkmale des Antisemitismus vor, wobei sie auch auf den sekundären und strukturellen Antisemitismus eingeht und darlegt inwiefern Antikapitalismus und Antisemitismus zusammengehen können. In ihrer kurzen historischen Darstellung geht sie auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den deutschen und amerikanischen Verhältnissen ein. In ihren Ausführungen bezieht sie sich u.a. auf Adorno und Horkheimer sowie auf Moishe Postone (Antisemitismus und Nationalsozialismus).

On 29.11.2011 Zeena Arnold held a lecture about Antisemitism and the Left at the university in New York, that was organised by the group „The Platypus Affilated Society“. In a way the lecture was a reaction on some antisemitic manifestations within the Occupy movement (one example). Roughly sketched she talked about general characteristics of antisemitism, as secondary and structural antisemitism and shew how anticapapitalism and antisemitism (not necessarily) can go together. In her historical portrayal she compared antisemitism in Germany/Europe and in the USA. In her explanations she quoted Adorno and Horkheimer („Dialectic of Enlightment“, specially the chapter „Elements of Antisemitism“), as Moishe Postone („History and Helplessness“, „Antisemitism and National Socialism“).

From accusations directed towards Occupy Wall Street to arson attacks in Brooklyn, antisemitism has reemerged as a concern of the left in recent months. This talk will look at the relationship between the left and antisemitism, giving an overview of different historical forms, analyzing divergent theoretical explanations, and comparing the U.S. and German cases. Special attention will be given to examining the particular relationship of antisemitism to political economy and critiques of capitalism, the political implications of viewing antisemitism as a form of prejudice versus an ideology, and left debates around antisemitism and Israel post-9/11. This event continues the transatlantic dialogue series initiated by the Platypus Affiliated Society which aims to rebuild an emancipatory internationalism. Zeena Arnold is an activist and scholar from Germany researching perspectives on antisemitism within the U.S. left. [via]

    Download: via Archive.org (mp3; 87,6 MB; 1:16:32 h) | via AArchiv: Lecture (40 MB; 43:39 min) / Discussion (30,1 MB; 32:52 min)

4.) Israel, the Left, and the Crisis of the Late 1960s

Unter diesem Titel liegt uns ein Vortrag von Moishe Postone vor, den er an der Universität Wisconsin-Madison gehalten hat. Wenn ich es richtig verstanden habe (die etwas verhallte Aufnahme macht es etwas schwierig, das Englisch zu verstehen), versucht er einen Zusammenhang zwischen dem linken Antisemitismus und Antizionismus und der Ende der 60′er, Anfang der 70′er Jahre nach einer Periode der Prosperität erstmals wieder einbrechenden Krise zu rekonstruieren. Dabei greift er auf Aspekte seiner Antisemitismus-Theorie zurück, die er in Antisemitismus und Nationalsozialismus entwickelt hat. [Falls jemand eine genauere Inhaltsangabe schreiben kann/will – her damit!]

We present a lecture, Moishe Postone held at the University of Wisconsin-Madison. If I unterstood correctly (the quality is not the best, what makes it difficult for me to understand the english language), he tries to reconstruct a dependence between the leftist antisemitism and antizionism and the crisis in the late 60’s / early 70’s, that hit after a period of prosperity. For this he quotes aspects of his theory of antisemitism, he has expounded in his text „Antisemitism and National Socialism“. [If somebody wants to give a more exactly summary – you‘re welcome!]

    Download: via AArchiv (45,5 MB; 49:41 min) | via Soundcloud

5.) Zeiten des Zorns – Zur Geschichte und Politik der Revolutionären Zellen

Back to Germany: Die letzten Statements der Revolutionären Zellen sind dahingehend mit der Antisemitismusdebatte in der deutschen Linken verbunden, als dass in ihnen — mehr als 10 Jahre nach der Entebbe-Entführung, bei denen Mitglieder der RZ Juden und Nicht-Juden voneinander selektiert hatten — erstmals aus der antiimperialistischen Bewegung heraus Zweifel am linken Antizionismus formuliert wurde, der fest in der Theorie und Praxis der bewaffneten Gruppen verankert war. In ihrer Bewertung der Geschichte der RZ spielen Antisemitismus und Antizionismus zwar keine Rolle (bzw. werden kurz als unwesentlich abgetan), der Vortrag von Klaus Viehmann (ehemals Bewegung 2. Juni) und Stefan Wisniewski (Ex-RAF-Mitglied), den beide am 22.03.2001 im Berliner SO36 gehalten haben, ist dennoch interessant, da er einen ausführlichen Überblick über die Aktivitäten, Aktionsformen und Debatten der RZ von ihren ersten Aktionen bis zu ihrer Auflösung gibt. Zwischendurch sind Ausschnitte aus einem Interview mit Enno Schwall (RZ) von 1986 einmontiert, das damals nicht veröffentlicht wurde. Schwall gibt darin Statements zu einer (damals) neuen Perspektive auf den bewaffneten Kampf, wie sie den RZ vorschwebte.

Durch eine Reihe von Verhaftungen wurden Revolutinäre Zellen und Rote Zora wieder in das Bewußtsein der Öffentlichkeit gerückt. Aber hinter den Fragen der Solidarität mit den Angeklagten, der Prozessstraegie oder der Auswirkungen von Verrat ist die Politik dieser Gruppen aus der linken Diskussion fast verschwunden. In der Veranstaltung soll die langjährige Geschichte der RZ vorgestellt und diskutiert werden. Wieso entstanden die RZ Anfang der 70er Jahre? Mit welcher Konzeption traten sie an? Welche Sozialrevolutionären und antiimperialistischen Ansätze versuchten sie zu verwirklichen? Wie kam es zur Aktion gegen die OPEC- Konferenz 1995 und zur Entführen eines Verkehrsflugzeuges nach Entebbe 1976? Wie veränderten sich die RZ in den 80er Jahren? Warum wurde die „Flüchtlingskampagne“ gestartet? Und wieso haben die RZ ihre Aktionen seit einigen Jahren eingestellt? Ausschnitte aus dem Film der Veranstaltung am 22. März 2001 im SO 36 in Berlin u.a. mit Klaus Viehmann (Bewegung 2. Juni und zu 15 Jahre Haft verurteilt. Von 1978 bis 1993 im Knast) und Stefan Wisniewski (RAF und zu zweimal lebenslänglich verurteilt, 1978 – 1999 in Haft.)

    Download (Audio): via AArchiv (75,9 MB; 1:22:53 h)
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Je me souviens. Über Georges Perec

Georges Perec war Mitbegründer der Gruppe Oulipo, der Werkstatt für potentielle Literatur, einem Zusammenschluss von Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die mit sprachlichen Formen experimentieren und sich selbst willkürliche Regeln auferlegen. In seinem Roman La Disparation verzichtete Perec etwa ganz auf den Buchstaben E. Eine Sendung des FSK macht sich auf die Suche nach den Spuren der Geschichte in Perecs Werk und den Spuren, die er selbst hinterlassen hat. Dabei wird ein Feature und ein Ausschnitt aus dem sogenannten Kostprobenabend der Vers- und Kaderschmiede des Hamburger Polittbüros dokumentiert.

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Ausgehtipp: Im Frühjahr 2014 wird das Hamburger Polittbüro eine szenische Lesung aus Georges Perecs Werk auf die Bühne bringen.

Literaturtipps: Judith Heckel/Olaf Kistenmacher: Im Labyrinth der Wörter. Das Leben und Werk des französischen Schriftstellers Georges Perec und Philipp Böhm: Topographie einer versehrten Welt.

Filmtipp: Im Jahr 1973 verfilmte Perec gemeinsam mit dem Regisseur Bernard Queysanne sein Buch Ein Mann der schläft.

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Antizionismus ohne Israel

Es mag zunächst absurd erscheinen, in Bezug auf eine Zeit vor der Staatsgründung Israels, ja gar vor dem Aufkommen eines zionistischen Staatsgründungsvorhabens, von »Antizionismus« zu sprechen. Es gibt jedoch mehr als bloß Indizien dafür, dass der gemeine Antisemitismus schon immer auch eine politische Ausdrucksform hatte, die sich gegen die Möglichkeit eines staatlichen, jüdischen Gemeinwesens richtete. Zwei Vorträge beleuchten diesen Zusammenhang und widmen sich dabei auch der Problematik des »sekundären Antisemitismus« als Erklärungsansatz von (insbesondere linker) Israel-Feinschaft im 20. Jahrhundert und heute.

1. Antizionismus ohne Israel. Der Haß auf den jüdischen Staat im deutschen Idealismus um die Wende zum 19. Jahrhundert

Daniel Späth (Redaktion Exit!) wurde – überraschend genug – nach Freiburg eingeladen, um im Jour Fixe-Programm der ISF Thesen zum Antizionismus bei Kant und Hegel vorzustellen. Seine Ausführungen beschränkten sich aus Gründen des Umfangs auf Immanuel Kant und dessen Antisemitismus. Die recht voraussetzungvolle Argumentation ist nachzulesen in der Exit! #10; ein (Teil-)Aufsatz zu Hegel in der Ausgabe #11.

Download: Teil 1 (0:36 h, 21 MB), Teil 2 (0:45 h, 27 MB)

Es ist ein gängiger Topos der linken Antisemitismuskritik, daß der “sekundäre Antisemitismus” nach Auschwitz zu einer Verschiebung in der judenfeindlicher Agitation geführt habe, sodaß die “klassischen” Stereotype des Judenhasses nun randständig seien. Nicht der “Wucher-Jude” mit der langen Nase werde heute als Verkörperung der Weltverschwörung identifiziert, sondern Israel, wobei der Judenhaß in Form von Staatskritik ein scheinbar unverfängliches Objekt hat: Man wird ja wohl noch Staaten kritisieren dürfen… Aber so unverzichtbar daran die kritische Einsicht ist, daß Auschwitz ins kollektive Unbewußte sedimentierte und daher ein deutscher Schuldkomplex entstand, der die Wiederkehr des Verdrängten an neuen Symboliken zu bekämpfen sich anstrengt, so verkürzt muß eine Antizionismuskritik bleiben, die von der bloßen Verschiebung des Antisemitismus zum Antizionismus ausgeht, d.h. von einer bloß sekundären Wirksamkeit des israelfeindlichen Ressentiments. Denn damit wird die fetischistische Selbstständigkeit antisemitischer Ideologiebildung ausgeblendet, die sich unabhängig vom realen Verhalten von Juden artikuliert. Wie der Antisemitismus auch ohne Juden und Jüdinnen seinem Wahn frönt, so existieren schon lange vor der Staatsgründung Israels eindeutig antizionistische Motive. Vor allem der deutsche Idealismus in seiner durchweg affirmativen Installation bürgerlicher Vernunft generierte bereits Ende des 18. Jahrhundert das Phantasma einer dezidierten “Unmöglichkeit” jüdischer Staatlichkeit, lange bevor dies auf der politischen Tagesordnung stand. Es verwundert nicht, daß die antideutsche Theoriebildung auf diesem Auge bis heute blind ist. Schließlich gilt ihr die bürgerliche Vernunft als letzter Restposten, als immanenter Rückzugsort gegenüber einem scheinbaren “Aufklärungsverrat”, wie er vor allem in der islamistischen Barbarei und im völkischen Antiimperialismus ausgemacht wird. Dabei übersieht die antideutsche Theorie, daß es die bürgerliche Vernunft selbst ist, die aus ihrer eigenen Widersprüchlichkeit heraus antisemitische und antizionistische Denkformen setzt und nicht etwa die Irrationalität einer wie auch immer gearteten “Gegenaufklärung”. – Es spricht Daniel Späth (Tübingen), der für “Exit! Kritik der Warengesellschaft” schreibt (etwa Das Elend der Aufklärung: Antisemitismus/ Antizionismus, Rassismus und Antiziganismus bei Immanuel Kant in N° 10, Horlemann-Verlag, Berlin 2012, sowie Form- und Ideologiekritik der frühen Hegelschen Systeme I, in N° 11/2013), dazu auf http://linkeirrwege.blogsport.de/ publiziert.

2. Sekundärer Antisemitismus – ein Erklärungsansatz für Israel-Feindschaft in der Linken?

Olaf Kistenmacher widmete sich bereits 2011, in einem in Ludwigsburg gehaltenen Vortrag, der Frage, warum im sekundären Antisemitismus nicht die Ursache für den Hass auf Israel innerhalb der deutschen Linken seit 1967 zu sehen ist. Anhand von auf den Nahen Osten bezogenen Äußerungen und Einschätzungen der KPD der 1920er Jahre beleuchtete er die Vorgeschichte des linken Antizionismus.

Download: Ohne Jingle via AArchiv (0:58 h, 20 MB) | Mit Jingle via FRN (1 h, 56 MB)

Die Sendung enthält eine kurze Moderation bzw. Einleitung von Lothar Galow-Bergemann (Emanzipation und Frieden) und einen Eröffnungsjingle, den ich weggeschnitten habe.

Als „sekundären Antisemitismus“ bezeichnet die Kritische Theorie eine Judenfeindschaft, die erst nach 1945 entstanden ist. Dieser Erklärungsansatz wird oft für den Antisemitismus in der politischen Linken herangezogen, denn er benennt die besonderen Motive, die gerade nach 1945 für eine antifaschistische Linke zentral sind: Um Schuldgefühle abzuwehren, setzten radikale Linke die Politik des Staates Israel mit der Shoah gleich.
Doch dieser Ansatz kann nicht die Vorgeschichte des linken Antizionismus erklären: Bereits Ende der 1920er Jahre setzte die KPD den Zionismus mit dem Nationalsozialismus gleich, während sie andere Nationalbewegungen unterstützte. Ihre Tageszeitung „Die Rote Fahne“ befürwortete 1929 ein Pogrom in Palästina, das über zwei Wochen andauerte und bei dem über hundert Jüdinnen und Juden ermordet wurden. Zur gleichen Zeit stellten andere Artikel „Juden“ als Vertreter des Kapitals und der herrschenden Klasse und als Unterstützer der NSDAP dar. Überschriften in der „Roten Fahne“ lauteten in den Jahren „Das Dritte Reich schützt die jüdischen Warenhäuser“ (1930), „Hitler proklamiert Rettung der reichen Juden“ (1931) oder „Nazis für jüdisches Kapital“ (1932). Dieser Antisemitismus war mit der gleichzeitigen Ablehnung von Judenfeindschaft insofern vereinbar, als die kommunistische Bewegung Judenhass als „Sozialismus der dummen Kerls“ deutete. Diese Deutung implizierte aber, an der Vorstellung festzuhalten, „Juden“ stünden tatsächlich auf der Seite des Kapitals – und der Zionismus wäre der „Kettenhund des Imperialismus“ im Nahen Osten, wie die „Rote Fahne“ 1925 verlautbarte.

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