Die Befreiung von der Knechtschaft?

1. Es ist eine Weile her, aber ich möchte die Dokumentation der Leipziger Veranstaltungsreihe »Das Ende des Kommunismus« vervollständigen, indem ich auf den recht kurzen – und im Redestil etwas spröden – Eröffnungsvortrag von Diethard Behrens zur Geschichte der Russischen Revolution und über den Begriff des Stalinismus hinweise. (Oktober 2010)

    Download: nachbearbeitet via AArchiv (0:40 h, 14 MB)
    Vortrag ohne Diskussion, dafür mit Vorrede einer der Veranstalter_innen. Die Nachbearbeitung ist kleiner und um ein störendes Hintergrundgeräusch bereinigt, dass die Originaldatei (75 MB) enthielt [via].

Ankündigungstext und Referenteninfo:

Der revolutionäre Standpunkt des 20. Jahrhunderts war von der Einsicht in die Notwendigkeit eines grundlegenden Umsturzes geprägt, der die Menschheit dem Diktat der kapitalistischen Akkumulation entreißt, weil erst dann die Befreiung des Menschen möglich wäre. In der offiziellen Weltanschauung der Sowjetunion setzte sich die Annahme durch, dass dies wiederum nur mit Hilfe eines politisch beschlossenen und durchgesetzten Plans zu erreichen wäre. Die Folgen sind durch die vielzählig entstandenen Planungsbürokratien unter der Diktatur der kommunistischen Parteien weitestgehend bekannt: Die Teilhabe der arbeitenden Klasse an den Produktionsmitteln verkam zur propagandistischen Farce, während die Reglementierung des wirtschaftlichen und politischen Lebens immer umfassender wurde. Bereits Lenin wich von der marxschen Auffassung der kommunistischen Bewegung als »selbständiger Bewegung« ab. Stattdessen sollte die Partei als Avantgarde – als »Vorhut der Arbeiterklasse« – stellvertretend die Diktatur des Proletariats durchsetzen und die Revolution durchführen. Der Sinn der Eroberung der staatlichen Macht sei lediglich die Verwaltung der Produktionsmittel und die notwendige Unterdrückung der einst herrschenden Klasse. Schließlich sollte der in einer Übergangsphase noch existierende Staat die vollkommenste Form der Demokratie darstellen.
Neben der Niederschlagung des Kronstädter Aufstands der Matrosen gibt es unzählige Beispiele, die zeigen, dass staatliche Repressionen schon unter der Führung Lenins weit über den »Klassenfeind« hinausreichte. Die Befreiung des Menschen von der Knechtschaft war schon bei Marx mit der Abschaffung des bürgerlich-kapitalistischen Individuums verbunden. Mit dem Fortschreiten der kommunistischen Revolution wurde hieraus mehr und mehr die Abschaffung von Individualität, die Zerstörung des Individuums und schließlich die Entrechtung, Unterdrückung und Ermordung von Millionen Menschen im Stalinismus.
Sind damit diese Entwicklungen der Parteidiktatur und der Auflösung der Individuen in den marxschen Grundlagen vielleicht schon angelegt? Wurde Marx von seinen Nacheiferern vielleicht weder missverstanden, noch – wie man immer wieder hört – »missbraucht«?
Vor diesem Hintergrund ist es besonders problematisch, dass gerade in den letzen Jahren der Leninismus immer dann Auftrieb bekam, wenn es um die Frage einer übergreifenden politischen Bewegung ging. Linke Theoretiker wie Slavoj Žižek und Alain Badiuo wollen mit Bezug auf Lenin eine unzweideutig radikale Position einnehmen. Der provozierende, »gegen seine liberalen Verleumder« gerichtete Rekurs auf Lenin sei dem »unbedingten Willen« geschuldet die Situation auch wirklich grundlegend zu verändern. Nach den Erfahrungen des Verlaufs der Revolution muss sich jedoch zwingend die Frage gestellt werden, ob die – in Rückgriff auf Lenin – Eroberung der Macht zur radikalen Umwälzung der Verhältnisse nicht zwangsläufig zur Verewigung von Machtverhältnissen und Unterdrückung führt.

Diskussionsveranstaltung mit Diethard Behrens
Montag 11. Oktober 2010 Conne Island, Koburger Str. 3, 19:30 Uhr
Diethard Behrens ist Autor zahlreicher Publikationen zum Marxismus, Mitbegründer der Karl-Marx-Gesellschaft und Lehrbeauftragter der Johann Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt/M.

2. Vollständig ist die Dokumentation natürlich nur zusammen mit der Abschlussveranstaltung vom November 2010. Diese bestand in einer Diskussionsrunde mit Alex Demirović sowie Mitgliedern der Gruppe [pæris] und der Initiative gegen jeden Extremismusbegriff. Gegenstände der Diskussion waren die Möglichkeit einer Planwirtschaft, Organisationsfragen wie auch die Frage nach den grundsätzlichen Zielen einer sozialen Revolution (wenn ich mich recht erinnere).

Ankündigungstext:

Abschließende Veranstaltung der INEX-Reihe zur linken Kritik am Stalinismus

Zum Abschluss der Reihe widmet sich dieses Podium der Kritik am Stalinismus und ihrer Relevanz für radikal linke Positionen.
Bei der Analyse des Realsozialismus und des Stalinismus stößt man immer wieder auf Vergleiche mit dem Nationalsozialismus. Angesichts der Tatsache, dass beide Systeme ähnliche Elemente der Herrschaft enthalten, entwickeln sich oft totalitarismustheoretische Positionen, die eine Wesensverwandtschaft betonen. Unabhängig von der politisch antikommunistischen Instrumentalisierung, stellt sich trotzdem die Frage, ob der Vergleich nicht schon deshalb wenig aussagekräftig ist, weil bisher, in den meisten Totalitarismustheorien, ausschließlich staatliche Herrschaftsstrukturen unter die Lupe genommen wurden? Somit wurden wesentliche Merkmale, wie die ideologische Durchdringung, als Fundament der Herrschaft, oder der Grad der Identifikation der Einzelnen mit dem jeweiligen System außen vor gelassen? Dagegen interpretieren viele radikale Linke den Stalinismus zum Lektürefehler, zum gescheiterten Experiment und lehnen nahezu jede Relevanz für ihr eigenes Streben nach der freien Assoziation freier Individuen ab. Andere unterscheiden einfach zwischen Sozialismus und Kommunismus, oder gar zwischen zwei Typen derselben Idee, einzig unterschieden durch ihre Schreibweisen – mit »K« oder mit »C«. Dabei wird oftmals die Frage vernachlässigt, ob es überhaupt möglich ist, frei vom realen Sozialismus, an die Idee des Kommunismus anzuknüpfen. So oder so steht die radikale Linke von heute viele stärker im Schatten des Realsozialismus, als sie sich bewusst ist. So zeugt z.B. die positive Bezugnahme auf Symbole des Sowjetkommunismus, die bei antifaschistischen Aktionen immer wieder zu beobachten ist, von einer fehlenden Auseinandersetzung mit den konkreten historischen Verhältnissen.

Podiumsdiskussion mit Alex Demirovic, der Gruppe [pæris] und der Initiative gegen jeden Extremismusbegriff (INEX)
am Dienstag, 23.11.2010 im Conne Island, Koburger Str. 3. 19:30 Uhr

Die Veranstaltungsreihe wird durch den Stura der Uni Leipzig und die Rosa-Luxemburg-Stiftung gefördert und vom Conne Island unterstützt.

Ankündigungstext der VA-Reihe:

Veranstaltungsreihe der Gruppe INEX zur linken Kritik am Stalinismus. 11. Oktober – 23. November 2010
Das 20. Jubiläumsjahr des Mauerfalls und des Zusammenbruchs des Realsozialismus waren nicht nur Anlass, die Geschichte einer modernen Nation zu etablieren, in der Demokratie, Freiheit und Wohlstand gesiegt hatten. Sie waren auch Anlass, die Geschichte der Delegitimierung der kommunistischen Idee fortzuschreiben. Dabei ist man heute scheinbar keinen Schritt weiter als zu Zeiten des Kalten Krieges. Mit den Stichworten »Misswirtschaft«, »Repressionsapparat« und »Terror« scheint der Stalinismus ausreichend beschrieben. Und Unterscheidungen zwischen Marx und Stalin, zwischen Marxismus, Leninismus und Stalinismus sind nicht nötig, solange der Kurzschluss, den stalinistischen Terror aus den Lehren von Marx und Engels abzuleiten, noch gelingen mag. Doch selbst wenn man davon ausgeht, »Marx hätte sich mit Grausen abgewandt«, Lenin hätte etwas anderes im Sinn gehabt, als er von der »Diktatur des Proletariats« sprach und Stalin sei nicht mehr als ein despotischer Herrscher gewesen, ist damit für eine linke Perspektive wenig gewonnen. Es erklärt nicht, warum die Revolution von 1917 in den stalinistischen Terrorwellen gipfelte, denen selbst StalinistInnen zum Opfer fielen. Es erklärt nicht, warum noch die schlimmsten Auswüchse des Stalinismus durch die letztendlich »gute Sache«, oder mit den Gesetzen der Geschichte, denen sich die RevolutionärInnen zu unterwerfen hatten, gerechtfertigt werden konnte. Und schließlich erklärt es auch nicht, warum das Sowjetmodell dem Regime des Kriegskommunismus und der Parteibürokratie weichen musste, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg auch in den so genannten Satellitenstaaten etablierte. In der Veranstaltungsreihe »Das Ende des Kommunismus« wird sowohl den Grundlagen, Wandlungen und Deformationen kommunistischer Ideen nachgegangen als auch gefragt, in welchem Zusammenhang diese mit dem Stalinismus und dem Realsozialismus stehen.
In den einzelnen Veranstaltungen werden die Geschichte der kommunistischen Revolution, des Stalinismus und des Realsozialismus nach ihrer Relevanz für die Gegenwart linker Entwürfe von Befreiung überprüft. Ausgangspunkt unserer Überlegungen ist die Hoffnung und der Wille, dass das Ende des Realsozialismus und damit der Sieg des westlichen Kapitalismus nicht das Ende der Geschichte bedeutet. Gleichzeitig sind der Stalinismus und selbst der Realsozialismus nicht als Betriebsunfälle des kommunistischen Fortschritts oder der kommunistischen Idee zu verstehen. Sie sind diejenigen historischen Formen, die aus dieser Idee der Befreiung des Menschen und der Menschheit hervorgegangen sind.
Daher ist zunächst zu problematisieren, wie aus der Idee der Befreiung die Praxis der Unterdrückung bis hin zu offenem Terror entstehen konnte. Unbestritten steht dabei der »Archipel Gulag« als Synonym des umfassenden Repressionssystems der Sowjetunion und brutalste Form gesellschaftlicher Zurichtung und Entmenschlichung zur Diskussion. Aber auch die Reproduktion antisemitischer, ethnizistischer und nationalistischer Denkmuster sowie die Kontinuitäten geschlechtlicher Disparitäten, gesellschaftlichen Zwangs, ökonomischer Ausbeutung und staatlicher Unterdrückung müssen analysiert werden, um den Realsozialismus zu verstehen.
Des weiteren ist auch zu fragen, ob nicht bestimmte Elemente dieser Idee der Befreiung ihre scheinbar spätere Verzerrung folgerichtig nach sich zogen. Für eine Linke, die sich die Befreiung des und der Menschen, die Emanzipation oder den Kommunismus auf die Fahnen geschrieben hat, scheint uns diese Auseinandersetzung unabdingbar.
Ziel dieser Veranstaltungsreihe ist es, den Widerspruch zwischen dem Realsozialismus und den Vorstellungen einer emanzipierten Gesellschaft aufzuzeigen. Im Zentrum aller Veranstaltungen stehen die Fragen danach, wie dies einfach so geschehen konnte und was diese Entwicklung heute für eine radikale Linke bedeutet. Sie laufen damit auf die verstörende und fundamentale Frage zu, ob es überhaupt einen Kommunismus geben kann, der weder stalinistisch noch realsozialistisch ist.

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5 Antworten auf “Die Befreiung von der Knechtschaft?”


  1. 1 Stefan Wehmeier 06. Juni 2011 um 11:22 Uhr

    „Man bedenke, es handelt sich nur um einen Roman. Die Wahrheit wird – wie stets – weit erstaunlicher sein.“

    (Vorwort zu „2001″)

    Vor über 40 Jahren visualisierten Stanley Kubrick und Arthur C. Clarke nicht nur die voraussichtlichen technologischen Möglichkeiten im Jahr 2001. Heute hängen wir weit hinter diesen Möglichkeiten zurück und befinden uns in einer globalen Wirtschaftskrise, die aufgrund der atomaren Bedrohung das Ende der Menschheit bedeuten kann. Die Ursache ist eine künstliche Programmierung des kollektiv Unbewussten, die uns seit jeher davon abhält, die Makroökonomie zu verstehen:

    (Genesis 2,15-17) Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden (freie Marktwirtschaft), dass er ihn bebaute und bewahrte. Und Gott der HERR (Archetyp Investor) gebot dem Menschen und sprach: Du darfst essen von allen Bäumen (Gewinn bringende Unternehmungen) im Garten, aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen (Zinsgeldverleih) sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm isst, musst du des Todes (in religiöser Verblendung) sterben.

    Wer nicht weiß, was Gerechtigkeit ist, darf auch nicht wissen, was Ungerechtigkeit ist, um eine Existenz in „dieser Welt“ (zivilisatorisches Mittelalter) ertragen zu können. Zu diesem Zweck gibt es die Religion (Rückbindung auf den Archetyp Investor), die so erfolgreich war, dass sie die systemische Ungerechtigkeit der Erbsünde (Zinsumverteilung von der Arbeit zum Besitz) bis heute aus dem allgemeinen Bewusstsein der halbwegs zivilisierten Menschheit ausblenden konnte, während das Wissen seit langer Zeit zur Verfügung steht, um diese „Mutter aller Zivilisationsprobleme“ endgültig zu eliminieren.

    (Lukas 21,25-28) Es werden Zeichen sichtbar werden an Sonne (Tausch) und Mond (Verleih) und Sternen (kulturelle Ziele), und auf der Erde werden die Völker bestürzt und ratlos sein über das Toben und Donnern des Meeres (liquides Zinsgeld). Die Menschen werden vor Angst vergehen in der Erwartung der Dinge, die über die Erde (das Angebot) kommen; denn die Kräfte des Himmels (der Nachfrage) werden erschüttert werden. Dann wird man den Menschensohn (vollkommen zivilisierter Mensch) mit großer Kraft und Herrlichkeit auf einer Wolke kommen sehen. Wenn all das beginnt, dann richtet euch auf (Auferstehung von der Religion) und erhebt eure Häupter; denn eure Erlösung (vom Privatkapitalismus) ist nahe.

    Herzlich Willkommen im 21. Jahrhundert: http://www.deweles.de/willkommen.html

    (Offenbarung 21,1) Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, auch das Meer ist nicht mehr.

  2. 2 MoshMosh 07. Juni 2011 um 13:27 Uhr

    Da setzt wohl jemand automatisch Kommentare unter alle Internetbeiträge mit dem Stichwort „Knechtschaft“. Wobei es hier wohl kaum um die Befreiung von der „Zinsknechtschaft“ geht… Zur Kritik des Gesellianismus: http://audioarchiv.blogsport.de/tag/silvio-gesell

  1. 1 Wie kapitalistisch war der Sozialismus? « Audioarchiv Pingback am 05. Juni 2011 um 13:35 Uhr
  2. 2 2.2.12: Politfilm zum Thema Rassismus « Politsalon im Vetomat Berlin Fhain Pingback am 26. Januar 2012 um 13:53 Uhr
  3. 3 Vétomat » 2.2.12: Politfilmklub zum Thema Rassismus Pingback am 26. Januar 2012 um 13:54 Uhr

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