Who killed Bambi – Peter Singer und der Antispeziesismus

Seit Jahren ist Jan Gerber mit demselben Vortrag unter selbem Titel unterwegs (siehe auch hier), da bringen die NeocommunistInnen mit einem Vortrag in Frankfurt mal frischen Wind in die Debatte zur Kritik des Antispeziesismus: Peter Bierl formuliert in diesem äußerst hörenswerten Vortrag, der anlässlich der Verleihung eines Tierrechts-Preises an Peter Singer durch die Giordano-Bruno-Stiftung in Frankfurt organisiert wurde, eine Kritik an der Ideologie der Tierrechte. Dazu gibt er zunächst einen Überblick über die Geschichte der eugenischen Ideologie (u.a. Darwin und Nietzsche bekommen dabei ihr Fett weg) und zeigt dann, immer mit Verweis auf Peter Singer, wie das Konzept der Tierrechte mit Vorstellungen von Rassenhygiene verbunden ist. Es gelingt ihm dabei zu zeigen, wie sozialdarwinistische und eugenische Idiologeme nicht nur in großen Teilen der Gesellschaft (u.a. Thilo Sarrazin), sondern auch in Teilen der Linken verbreitet sind (gegen Ende kritisiert er u.a. auch den Zusammenhang um Susann Witt-Stahl und die Tierrechtsgruppe Nord). Als gemeinsame ideologische Klammer zeigt Bierl dabei den evolutionären Humanismus auf. Quintessenz des Vortrag ist für mich zum einen, dass, wer einen Begriff der Menschheit als Gattung aufgibt, welcher sich nicht in der empirischen (etwa biologischen) Existenz von Menschen erschöpft und als Gattungs-Sein immer ein Sollen (im besten Sinne: die Verwirklichung des Communismus) impliziert, notwendig bei einer Selektion in lebenswertes und lebensunwertes Leben ankommt. Wer zum anderen im Sinne des Utilitarismus „erwartbares Glück“ ökonomisch zusammenrechnet und damit die gesellschaftlichen Ursachen für Leid (das als negativer Maßstab aufgegeben wird) außer Acht lässt, kann dann zielsicher bei der Tötung von Einzelnen landen. Der Vortragsmitschnitt enthält leider ein permanentes, störendes Klappern am Mikrofon.

Download: via freakshare (mp3; 102,7 MB; 1:52:09 h) | via AArchiv: Vortrag (mp3; 47,8 MB; 1:23:34 h) und Diskussion (mp3; 16,5 MB; 28:50 min)

Ankündigungstext:

Anfang Juni 2011 wurde der australische Bioethiker Peter Singer von der Giordano-Bruno-Stiftung in Frankfurt mit einem Preis für seinen Einsatz für Tierrechte ausgezeichnet. Verbände wie die >Bundesvereinigung Lebenshilfe< , protestierten, weil dieser in seinen Schriften zwischen lebenswerten und lebensunwertem Leben selektiere und in der Vergangenheit dafür plädiert habe, behinderte Kinder bis zum 28. Tag nach der Geburt töten zu können. Für Singer ist das eine Frage des Kalküls: „Sofern der Tod eines behinderten Säuglings zur Geburt eines anderen Säuglings mit besseren Aussichten auf ein glückliches Leben führt, dann ist die Gesamtsumme des Glücks größer, wenn der behinderte Säugling getötet wird.“ Ähnliche Thesen vertrat er in seinem Buch „Animal Liberation“ (1975), mit dem Singer den Begriff Tierrechte populär gemacht hat. Die Ehrung Singers sieben Jahrzehnte nachdem die Nationalsozialisten den Mord an von ihnen als minderwertig diffamierten Menschen offiziell stoppten, ist ein Skandal. Damit werden in Zeiten eines dramatischen Sozialabbaus Elemente einer Rassenhygiene salonfähig gemacht, die solche Verbrechen ideologisch vorbereitet und legitimiert haben. Wie weit dieser Prozess gediehen ist, zeigt auch der Erfolg Thilo Sarrazins als Bestseller-Autor. Der Journalist Peter Bierl setzt sich in seinem Vortrag mit Singers Thesen, der Tradition der Rassenhygiene, dem Begriff der Tierrechte sowie dem biologistischen Konzept des >evolutionären Humanismus< auseinander, den die Giordano-Bruno-Stiftung vertritt. [via]

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9 Antworten auf “Who killed Bambi – Peter Singer und der Antispeziesismus”


  1. 1 MoshMosh 26. August 2011 um 11:49 Uhr

    Außerdem ein Interview mit Peter Bierl über die Giordano-Bruno-Stiftung: http://www.freie-radios.net/41204

  2. 2 bigmouth 26. Oktober 2011 um 2:52 Uhr
  3. 3 MoshMosh 31. Oktober 2011 um 22:28 Uhr
  4. 4 Antispeziesistische Aktion Tübingen 31. Oktober 2011 um 22:41 Uhr
  5. 5 tee 13. Dezember 2011 um 23:24 Uhr

    „besonders hörenswert“
    was gerber sich über polemiken, lügen, nazivergleiche und anderes hier herbeikonstruiert taugt – abgesehen von ganz wenigen lichtblicken – allerhöchstens als samstagabend-comedy-unterhaltung oder einem leitfaden, wie kritik definitiv nicht geht!

    stellvertretende antwort auf eine peter-singer-kritik an antispes der nicht mal ganz so schlimmen art, wie hier von jan gerber:
    http://web.archive.org/web/20070914005352/aa-o.de/de/texte/lifeislife-kritik-stellungnahme/

  6. 6 MoshMosh 04. Februar 2012 um 17:03 Uhr

    Tee, du Schnarchnase, du hast einfach nicht mitbekommen, dass es sich hier nicht um den Vortrag von Jan Gerber handelt, mit dem dieser seit Jahren durch die Gegend tourt, sondern um einen Vortrag von Peter Bierl, den du dir ja gern einfach mal anhören kannst!

  7. 7 MoshMosh 04. Februar 2012 um 17:08 Uhr

    Derweil ein lesenswerter Artikel zur Kritik der GBS: http://www.3tes-jahrtausend.org/religionskritik/giordano_bruno_stiftung.html

  8. 8 Vegan Queer 13. August 2014 um 20:41 Uhr

    Als Antifaschist bin ich einigermaßen irritiert über die Vorurteile, die man derzeit leider in vielen linken Kreisen in Bezug auf den Veganismus und die antispeziesistische Bewegung findet. Auch wenn mir klar ist, welche rechtsoffenen und reaktionären Protagonisten dieser insgesamt sehr heterogenen Bewegung für diesen Ruf verantwortlich sind: Singer & Co.

    Fakt ist natürlich, dass es unter den AntispeziestInnen (oder all jenen, die sich selbst so bezeichnen) durchaus auch rechtsoffene bis rechtsextreme Strömungen gibt. Das lässt sich nicht leugnen. Die praktische Ethik von Peter Singer und die unsäglichen Holocaustvergleiche (nicht nur) von PETA sind nur zwei Beispiele dafür. Peter Singers Ethik basiert aber – das sei hier nur kurz erwähnt – auch auf einer ganzen Reihe von logischen Brüchen und Fehlschlüssen, und ein wesentliches Problem ist auch, dass seine Argumentation am Ende auf eine Einschränkung der Menschenrechte und weniger auf eine Erweiterung der Tierrechte hinausläuft. So entsteht der falsche Eindruck, der Einsatz für Tierrechte würde am Ende immer auf eine Entwertung von Menschen und ihren Rechten hinauslaufen.

    Daraus aber zu schlussfolgern, dass Antispeziesismus als solcher rechts sei, ist eine fatale und stereotype Pauschalisierung. Denn dem Grundsatz nach handelt es sich zunächst einmal um ein sehr progressives Anliegen, und es gibt auch eine vegane Antifa.

    Dass sich der Mensch als Krone der Schöpfung betrachtet, ist ein historisches Relikt religiöser Weltanschauungen („Macht Euch die Erde untertan!“) und weder naturwissenschaftlich noch philosophisch begründbar. Vor solchen kulturellen Einflüssen schützt eine(n) aber eben auch der eigene Atheismus nicht automatisch. Der evolutionäre Humanismus der GBS ist da tatsächlich um einiges progressiver, auch wenn ich die GBS dafür kritisiere, dass sie ausgerechnet den Ultra-Ableisten Peter Singer mit einem Preis ausgezeichnet hat.

    Meiner Ansicht nach ist es aber dennoch wichtig hervorzuheben, dass Menschen höhere kognitive Fähigkeiten haben als andere Tierarten, die dazu führen, dass sowohl ihr Glück als auch ihr Leid komplexer und umfassender wird. Zumindest gilt das im Vergleich zu fast allen anderen Tierarten; bei höheren Primaten relativiert sich dieser Unterschied allerdings. Diese kognitiven Fähigkeiten (z.B. unser Selbstkonzept) ermöglichen es dem Menschen, nach Selbstverwirklichung und anderen höheren Zielen zu streben, während man uns, indem man uns Leid zufügt, zugleich auch psychisch demütigen kann, weil wir verstehen, dass die Tatsache, DASS man uns leiden lässt, darauf beruht, dass man uns geringschätzt und uns unsere Würde abspricht. So viel zu den wesentlichen Unterschieden. Kurzum: Menschen leiden qualitativ anders und intensiver als andere Spezies, und dasselbe gilt auch in Bezug auf das, was wir als unser Glück empfinden. Ja.

    Davon unberührt bleibt allerdings die Tatsache, dass eine aufgeklärte Ethik gleiche Rechte für gleiche Interessen fordern muss. Andere Spezies haben insofern teilweise andere Interessen als Menschen, als sie z.B. kein Interesse an einer freien Entfaltung ihrer Persönlichkeit, an Meinungsfreiheit oder an politischer Mitbestimmung haben. Solche Rechte kann man ihnen sinnvollerweise nicht verleihen – und sie hätten auch gar nichts davon, denn sie wüssten nichts damit anzufangen. Sie haben aber gleiche Interessen wie Menschen in Bezug auf das Bedürfnis nach Schmerzfreiheit und ihren Überlebenstrieb, und zwar selbst dann, wenn sie das Konzept „Tod“ kognitiv nicht erfassen können (wobei es durchaus Tierarten gibt, die auch das können). Demnach sind ihnen solche Rechte zuzugestehen, und es gibt einfach keine rationale Begründung dafür, warum z.B. der gleiche körperliche Schmerz eines Tieres weniger wert sein sollte als der eines Menschen, wenn er doch subjektiv vom betroffenen Individuum als gleichermaßen schmerzhaft erlebt wird. Hier ist die Analogie zum Rassismus tatsächlich naheliegend, auch wenn sie in anderen Punkten verfehlt ist.

    Während praktisch alle anderen Unterdrückungsformen (u.a.) darauf basieren, dass sie Unterschiede postulieren, wo es keine gibt, hat der Speziesismus eine Besonderheit: Er teilt Lebewesen dichotom in Menschen und Tiere ein, verleiht Menschen besondere Rechte, unterscheidet aber – überspitzt gesagt – bei den Tieren kaum zwischen Stubenfliegen und Schimpansen. In die Einheitskategorie „Tiere“ fallen demnach alle anderen tierischen Lebewesen außer dem Menschen. Der Speziesismus basiert also gerade darauf, dass moralisch relevante Unterschiede zwischen anderen Spezies verwischt werden, während zwischen Menschen und allen anderen Tierarten eine unüberbrückbare Kluft gezeichnet wird. Obwohl wir Menschen z.B. mit den Schimpansen mehr gemeinsame Gene teilen als diese mit den Gorillas.

    Zu den wesentlichen Einwänden gegen den Antispeziesismus:

    1. „Tiere können keine Rechte haben, weil sie Moral nicht verstehen und keine Träger von Pflichten sein können. Nur Träger von Pflichten können auch Träger von Rechten sein.“

    Das ist ein weit verbreitetes Argument aus der Vertragsethik, das die Rechte von Indviduen im Grunde davon abhängig macht, ob sie sich für den Rest der Welt moralisch „nützlich“ verhalten können. Mit anderen Worten: Ich gestehe Dir Rechte nur dann zu, wenn ich im Gegenzug auch etwas von Dir erwarten kann: Moral. Das ist nicht nur egoistisch und amoralisch, sondern in der letzten logischen Konsequenz auch zutiefst antihumanistisch: Denn erstens verleiht es dem Menschen keinen bedingungslosen Wert, und zweitens können Säuglinge und Menschen mit schwersten (!) geistigen Behinderungen Moral ebenfalls nicht verstehen und besitzen auch nicht die Fähigkeit, sich entsprechend moralischer Regeln zu verhalten. Nicht zuletzt deshalb gelten sie z.B. vor Gericht als nicht schuldfähig. Wer nun argumentiert, Tiere könnten keine Rechte haben, weil sie keine Träger von Pflichten sein können und Moral nicht verstehen, der müsste – wenn dieses Argument denn gültig wäre (was es ausdrücklich nicht ist) – in der letzten Konsequenz auch Menschen mit schwersten geistigen Behinderungen alle Rechte absprechen. Daher ist dieses Argument ethisch im höchsten Maße problematisch, denn man kann Argumente nicht losgelöst von ihren logischen Implikationen analysieren.

    2. „Menschen sind ein besonderes Produkt der Evolution.“

    Das stimmt schon. Aber erstens ist es durchaus denkbar, dass wir in einigen hunderttausend Jahren von anderen Spezies überholt werden könnten, denn der Mensch ist nicht die Endstufe des evolutionären Prozesses, geschweige denn sein Ziel. Und zweitens kann man damit nur begründen, dass Menschen zusätzliche Rechte haben sollten (z.B. Wahlrecht, Meinungsfreiheit, etc.), die andere Spezies nicht haben, weil Letztere keine diesbezüglichen Interessen haben. Man kann damit aber nicht argumentieren, dass daher das Interesse des Menschen an „leckerem Fleischgenuss“ oder „schönen Lederhandtaschen“ höher zu gewichten wäre als das Interesse anderer Spezies an einem leidfreien Leben und am Leben an sich. Wäre das anders, müssten wir z.B. auch Folgendes akzeptieren: Wenn es irgendwann in ein paartausend Jahren eine Spezies gäbe, die uns evolutionär „überholen“ würde (oder alternativ eine fiktive Begegnung mit kulturell und evolutionär überlegenen Außerirdischen), dann könnte(n) die demnach ein Recht daran anmelden, uns auf engstem Raum zu halten, zu töten und zu essen, weil wir ihnen geistig und kulturell unterlegen wären und ihnen einfach zu gut schmecken würden. Dieses Argument steht also auf sehr wackeligen Beinen: Und natürlich gibt es kein solches Recht. (Der Einwand stammt übrigens von Richard David Precht.)

    3. „Menschen sind die einzige Spezies, die echte kulturelle Leistungen hervorbringen kann.“

    Ja, aber es gibt auch Menschen, die aufgrund schwerster geistiger Behinderungen selbst keine kulturellen Leistungen hervorbringen können, und die im Übrigen auch kein Selbstkonzept haben oder andere Eigenschaften, die der traditionelle (!) Humanismus als grundlegend für die Begründung von Menschenrechten proklamiert. Sind diese Menschen aber deswegen etwa weniger wert, oder wäre die Menschheit als solche weniger wert, wenn sie nur aus solchen Menschen mit schwersten geistigen Behinderungen bestehen würde? Ich hoffe doch, dass das niemand hier ernsthaft behaupten würde. Davon abgesehen, dass es antihumanistisch und von kapitalistischer Verwertungslogik durchsetzt ist, den Wert und die Rechte eines Indviduums an seiner Produktivität gleich welcher Art festzumachen (auch an kultureller Schaffenskraft), würde dieses Argument – wenn es gültig wäre (was es nicht ist) – darauf hinauslaufen, dass man entweder Menschen mit schwersten geistigen Behinderungen keine Rechte zugestehen dürfte – oder aber, dass man (wie auch oft argumentiert wird) ihre Menschenrechte damit begründen würde, dass sie eben einer Spezies (Mensch) angehören, deren ANDERE Angehörige besondere kulturelle Leistungen erbringen können, ein Selbstkonzept haben, etc. Das ist aber aus zwei Gründen problematisch: Erstens ist es zutiefst diskriminierend und erniedrigend, wenn man die Rechte eines schwer geistig behinderten Menschen gar nicht mit dem begründet, was er selbst ist, sondern aus dem ableitet, was andere Mitglieder einer Gruppe sind, der er zugerechnet wird, und die ihn und seine Rechte quasi stellvertretend „aufwerten“ soll. Und zweitens ist es philosophisch sehr schwierig zu begründen, dass man Person X so und so behandeln müsste, weil sie einer Gruppe angehört, in der andere Personen bestimmte Eigenschaften haben. Relevant für die Rechte eines Individuums können immer nur die Eigenschaften sein, die es selbst hat. Selbstverständlich müssen daher auch Menschen mit schwersten geistigen Behinderungen Menschenrechte haben – aber eben nicht, weil sie einer Spezies angehören, deren ANDERE Angehörige besondere kulturelle Leistungen erbringen können, die sie selbst nicht erbringen können. Sondern weil sie empfindungsfähige Wesen sind und weil alleine das ausreicht, um sie mit Achtung und Respekt zu behandeln und ihnen Würde zu verleihen. Das ist im Übrigen auch nicht misszuverstehen: Natürlich geht es hier gerade NICHT darum, sie explizit oder implizit mit Tieren auf eine Stufe zu stellen. Tatsächlich tut genau das aber die unter traditionellen (!) HumanistInnen verbreitete Argumentation, die Menschenrechte mit Eigenschaften und Fähigkeiten begründet, die Menschen mit schwersten geistigen Behinderungen nun einmal fraglos selbst nicht haben. Das ist zutiefst behindertenfeindlich und menschenverachtend, und daher lehne ich diese Ideologie aufgrund ihrer gegenaufklärerischen Implikationen ab.

    In diesem Sinne ist ein antispeziesistischer Ansatz, der Lebewesen gleich welcher Spezies bestimmte Grundrechte zugesteht und diese ausschließlich mit ihrer Glücks- und Leidensfähigkeit, also ihrer Empfindungsfähigkeit, begründet, und daraus auch Würde ableitet, weitaus egalitärer als ein Ansatz, der sich aus einem falsch verstandenen Humanismus ableitet. Dieser Pseudo-Humanismus ist nämlich letztlich dabei, durch die Art und Weise, wie er argumentiert, sich selbst und seine wichtigsten Errungenschaften zu dekonstruieren – ironischerweise durch die logischen (aber meist nicht reflektierten oder einfach ignorierten) Implikationen und konsequenten Fortführungen seiner eigenen Argumentation, die letztlich u.a. zwingend auf die Diskriminierung und Abwertung von Menschen mit schwersten geistigen Behinderungen hinausläuft.

    4. „In der Natur haben Menschen immer Tiere gegessen, daher ist es auch ethisch in Ordnung.“

    Das ist ein sog. naturalistischer Fehlschluss, der bekannteste logische Fehlschluss in der Philosophie: Der unzulässige Brückenschlag von der Natur, der Welt des Seins, auf die Moral, die Welt des Sollens. Im Übrigen sind andere Tierarten, außer dem Menschen, eben nicht fähig, moralisch zu handeln. Das kann den Menschen aber nicht von der Pflicht entbinden, eben dies zu tun, weil der Mensch diese Fähigkeit eben i.A. besitzt. Zudem können sich Menschen vegan sehr gesund ernähren; bei einer ausgewogenen veganen Ernährung mit Vitamin-B-12-Supplementierung sogar weitaus gesünder als fleischessenderweise, z.B. was das Risiko kradiovaskulärer Erkrankungen wie Herzinfarkten oder Schlaganfällen betrifft. Und nicht zuletzt geht auch der Hunger auf der Welt zu einem wesentlichen Anteil darauf zurück, dass über 90% der pflanzlichen Nahrung unnötigerweise an Nutztiere in der Massentierhaltung verfüttert werden.

    5. „Tierrechtsbewegungen sind bürgerlich“ (Kritik von Marx):

    Klar gibt es auch bürgerliche TierschützerInnen, und die hatte Marx mit seiner Kritik wohl im Auge. Es gibt aber z.B. auch bürgerliche Feministinnen, und das macht den Feminismus als solchen nicht zu einer reaktionären Bewegung. Tatsächlich ist die Ausbeutung von Tieren durch Menschen nirgendwo so perfektioniert wie im Kapitalismus. Daher sind große Teile der antispeziesistischen Bewegung explizit antikapitalistisch und antifaschistisch.

    6. „Tierrechte führen im Gegenzug zu einer Entwertung oder Relativierung von Menschenrechten.“

    Das ist bei genauerer Betrachtung von der Struktur her ein klassisches konservatives Argument, das sich in ähnlicher Form auch bei Leuten findet, die behaupten, dass die volle Gleichstellung homosexueller Lebensgemeinschaften mit der Ehe die heterosexuelle Ehe entwerten würde. (Und das sage ich als schwuler Mann). Die Analogie ist offensichtlich. Natürlich sollte uns die Aufklärung aber gelehrt haben, dass Rechte niemals weniger werden, sondern immer nur mehr, wenn man sie mit anderen teilt. Im Übrigen ist es ein bekanntes Phänomen, dass immer dann, wenn eine Gruppe in einer Gesellschaft vollständig (!) entrechtet ist, die Bestrebung, dies als Unterdrückung und Diskriminierung anzuerkennen, als unzulässige und empörende Relativierung der Unterdrückung anderer Gruppen begriffen wird, deren Emanzipationsbewegungen weiter fortgeschritten und deren Rechte breiter im öffentlichen Bewusstsein verankert sind. Da deren Unterdrückung ja so viel schlimmer sei, während die konkrete Unterdrückungsform, um die es geht, doch vermeintlich legitim, natürlich und normal, oder zumindest weitgehend harmlos sei. Ähnliche Diskussionen gab es historisch auch bei den frühen Versuchen, die Unterdrückung von Homosexuellen mit anderen Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (z.B. Rassismus) gleichzustellen. Und zwar ganz einfach deshalb, weil vor den Emanzipationserfolgen der Homosexuellenbewegung das vermeintliche Recht, Homosexuelle „abartig“ und „pervers“ zu finden, von vielen als so „natürlich“ und „selbstverständlich“ betrachtet wurde, dass man es geradezu als eine Beleidigung anderer Minderheiten empfand, diese auch nur in einem Atemzug zusammen mit den vermeintlich „perversen“ und „minderwertigen“ Homosexuellen zu erwähnen. Und diese Art zu denken war damals, vor 1968, auch in großen Teilen der Linken verbreitet. Hier wird offensichtlich, dass (fast) immer dann, wenn der Vorwurf der Relativierung hervorgeholt wird, der- oder diejenige, die/der ihn äußert, dieser Logik eigene unreflektierte diskriminierende Prämissen zugrundelegt, die sie oder er als selbstverständlich betrachtet: Denn Relativierung ist nur möglich, wenn ich die Vergleichsgruppe von Natur aus als minderwertig betrachte. Das ist ja die logische Prämisse dieses Vorwurfs. Und die Bereitschaft, eigene unbewusste „-ismen“ (Sexismus, Rassismus, Heterosexismus, Ableismus, Klassismus, Speziesismus) zu reflektieren, ist bei denen, die ihre Privilegien verteidigen wollen, meist sehr begrenzt. Von dieser Tendenz sind Linke bedauerlicherweise eben auch nicht automatisch ausgenommen.

    Es bleibt aber zu hoffen, dass diese kritischen Einwände hier mal stehen bleiben dürfen – man muss sie ja nicht teilen und darf gerne auch versuchen, sie argumentativ zu widerlegen.

    Es liegt leider in der Natur des Menschen, dass er/sie die soziokulturellen Einflüsse auf sein/ihr eigenes Denken nur sehr bedingt erkennt und reflektieren kann, da er/sie sie vollständig internalisiert hat und daher als selbstversrtändlich erlebt. Das ist zum einen die Grundlage von Ethnozentrismus, erklärt zum anderen aber auch, warum wir heute dazu neigen, über die Vorurteile früherer Generationen den Kopf zu schütteln, während wir für unsere eigenen Vorurteile weitgehend blind sind und uns die Phantasie fehlt, um uns vorzustellen, wie spätere, viel aufgeklärtere Generationen über uns und die vermeintlich selbstverständlichen Grundlagen unserer gegenwärtigen Weltbilder denken werden. Der/die gemeine EuropäerIn neigt heute eben dazu, sich schon per definitionem für durch und durch aufgeklärt zu halten. Tatsächlich ist Aufklärung aber ein Prozess, der noch lange nicht abgeschlossen ist, gesamtgesellschaftlich sowieso, aber auch individuell bei jeder und jedem Einzelnen. Dass eben diese zum Teil jahrtausendelang historisch gewachsenen Sozialisationseinflüsse auf unser Denken und moralisches Urteilen aber von immer mehr Menschen dennoch reflektiert und kritisch infrage gestellt werden, ist eine wichtige Errungenschaft der Aufklärung und des Individualismus.

  1. 1 Offline bis zum 22.12. -> Vorbereitungen zur Religionskritiksession am 30.12. « Politsalon im Vetomat Berlin Fhain Pingback am 13. Dezember 2011 um 11:48 Uhr

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