Archiv für Juni 2012

Von der Niederlage der Novemberrevolution zur kritischen Theorie

Georg Lukács und die Ohnmacht der Arbeiterklasse

Markus Bitterolf und Denis Maier, die beiden Herausgeber des kürzlich im ça ira-Verlag erschienen Sammelbandes „Verdinglichung, Marxismus, Geschichte – Von der Niederlage der Novemberrevolution zur kritischen Theorie“, haben am 23. Mai das zu diesem Zeitpunkt noch nicht erschienene Buch vorgestellt. Darin referieren sie über die historischen Bedingungen (Oktoberrevolution in Russland, Novemberrevolution in Deutschland) unter deren Einfluss der ungarische Marxist Georg Lukács zu wirken begann. Sie rekonstruieren Lukács‘ politischen Werdegang und diskutieren dann einige zentrale Kategorien der mittleren Phase des Denkers: Das Rätsel der Ware und die Verdinglichung, Totalität, Klassenbewusstsein und Freiheit. Zuletzt sprechen sie über Horkheimers Weiterentwicklung Lukács‘er Theoreme, dessen spezifischem Begriff von Materialismus und die damit einhergehende Verabschiedung der kritischen Theorie vom Proletariat. Mangel des Vortrags, ähnlich wie der meisten Beiträge des Buches, ist m.E. die vollständige Aussparung des Lukács‘en Spätwerkes (u.a. Ontologie des gesellschaftlichen Seins und Die Eigenart des Ästhetischen), in dem Lukács seine früheren Schriften selbst einer gründlichen Kritik unterzieht.

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Daß “die Weltrevolution um die Ecke ist”, wie sich Leo Löwenthal einmal ausdrückte, war nicht nur für viele Linke in den Jahren nach der Oktoberrevolution gewiß. So auch für Georg Lukács. Warum sich allerdings das “Tempo der Entwicklung der Revolution” verlangsamt hatte und wie diese Einsicht mit der “Erkenntnis von Gesellschaft und Geschichte” zusammenhing, diese Frage wollte Lukács beantworten. Vor dem Hintergrund von Krieg, Krise und Revolution schrieb er acht Aufsätze, die damals einen der radikalsten Versuche bedeuteten, das Revolutionäre an Marx durch Weiterführung der Hegelschen Dialektik wieder aktuell zu machen. Als sie 1923 unter dem Titel Geschichte und Klassenbewußtsein erschienen, war zunächst kaum abzusehen, welche Bedeutung diesem Buch vergönnt sein sollte. Der wichtigste Essay über Die Verdinglichung und das Bewußtsein des Proletariats orientierte sich an Marx’ Kritik des Fetischcharakters der Ware und wollte gleichzeitig begründen, warum das Proletariat sich als revolutionäres Subjekt konstituieren müsse. Dem Materialismus, wie ihn Max Horkheimer bestimmte, blieb es überlassen zu fragen, wie die Aktualität der Revolution mit der Erfahrung ihres Scheiterns zusammenhing, wie die Entwicklung in der Sowjetunion zu beurteilen sei und warum sich das Proletariat nicht als das Subjekt-Objekt der Geschichte konstituieren wollte, wie es Lukács’ Theorie darlegte. – Es sprechen Markus Bitterolf (Heidelberg) und Denis Maier (Luzern), Herausgeber des Bandes Georg Lukács u.a., Verdinglichung, Marxismus, Geschichte. Von der Niederlage der Novemberrevolution zur kritischen Theorie. [via]

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Zum Begriff der Natur in der materialistischen Gesellschaftskritik

Wir dokumentieren hier zwei sehr unterschiedliche Vorträge, die sich aus einer Perspektive materialistischer Gesellschaftskritik mit dem Begriff der Natur beschäftigen.

1. Materialistische Naturbegriffe und Kritik herrschender Naturvorstellungen

Kann die Kritik an den herrschenden Vorstellungen von Natur und den Naturwissenschaften politisiert und zum Aktionsfeld emanzipatorischer Kritik gemacht werden?

Im Vortrag von Christoph Plutte geht es um Naturbegriffe und -philosophien, wie sie von den französischen Materialisten der (Vor-)Revolutionszeit, Friedrich Engels (Dialektik der Natur) und Anton Pannekoek entworfen worden sind. Einigen Raum nimmt dabei die Diskussion des Verhältnisses von Zufall und Notwendigkeit ein. Auffällig und m.E. problematisch ist, dass Plutte offenbar einen positiv bestimmten Naturbegriff sucht, statt die Kritik der Naturbeherrschung als destruktiver gesellschaftlicher Praxis in seine Überlegungen einzubeziehen.

Der Vortrag wurde am 29. März 2012 von der Linksorientierten Studierendeninitiative Münster veranstaltet.

Ankündigungstext, Referenteninfo & Literaturhinweis:

In jeder historischen Epoche werden bestimmte Vorstellungen von Natur ausgebildet, in denen sich die gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse vielfach widerspiegeln. Die Naturvorstellungen des Mittelalters wurden von der Kirche sanktioniert und überwacht, die die gesellschaftliche und ständische Ordnung in der himmlischen und natürlichen Ordnung zu verdoppeln suchte. Daher bekämpfte die Kirche vehement alle Versuche, das starre Bild der von Gott geschaffenen Natur aufzuweichen.

Unter ihren zahlreichen Gegner*innen haben insbesondere die Materialist*innen im Vorfeld der französischen Revolution die Naturphilosophie dazu benutzt, am Gegenstand von Natur und Mensch, Seele und Körper und in naturphilosophischen Begriffen über die Gesellschaft zu sprechen, revolutionäre Gedanken zu entwickeln und den Sturz des Königs zu fordern.

Seitdem hat sich viel verändert und die Naturanschauung unterliegt keiner Zensur von Staat und Kirche mehr und auch die politische Herrschaft stützt sich nicht mehr auf unhinterfragbare Wahrheiten, sondern eher auf ein konfuses Durcheinander von Meinungen. Nicht mehr der Zweifel an „ewigen Wahrheiten“ ist ein Skandal, sondern die selbstbewusste Behauptung, wahre Aussagen über die Ursachen der gesellschaftlichen Misere treffen zu können.

Im Vortrag sollen unter anderem die Versuche Friedrich Engels beleuchtet werden, einen dialektisch-materialistischen Begriff von Natur zu entwickeln. Wenn von linker und emanzipatorischer Seite naturwissenschaftliche Anschauungen und Theorien kritisiert werden, dann bezieht sich diese Kritik häufig auf Naturwissenschaftler*innen, die naturwissenschaftliche Theorien auf soziale Phänomene übertragen wie z.B. beim Sozialdarwinismus oder gegenwärtig bei Hirnforschern und Gentechnikern.

Dabei wäre vielmehr die Frage zu stellen, inwiefern ein materialistisch-dialektischer Naturbegriff dabei helfen kann, nicht nur diese falschen Übertragungen und Biologisierungen zu kritisieren, sondern diesen an der Wurzel ein anderes Naturverständnis entgegenzusetzen. Schließlich scheint die erkenntnistheoretische Selbstbeschränkung in den Naturwissenschaften – keine Begriffe von Natur, sondern nur Modelle zur Berechnung von Naturphänomenen liefern zu wollen – ein Pendant zur Behauptung zu sein, das menschliche Elend und die gesellschaftlichen Missstände nicht abschaffen, sondern nur sozialdemokratisch lindern zu können.

Diese Gedanken sollen vor dem Hintergrund der materialistischen Naturphilosophie der französischen Aufklärung und der ›Dialektik der Natur‹ von Friedrich Engels, die in gewisser Weise ihre Weiterentwicklung ist, ausgeführt werden.

Christoph Plutte arbeitet als Programmierer in Berlin und veröffentlichte im vergangenen Jahr in der Zeitschrift prodomo einen Artikel über Engels‘ Naturdialektik [dazu eine Erwiderung von Franz Forst]. Ebenfalls 2011 ist in der Edition Tiamat eine Sammlung von Briefen Guy Debords erschienen, die er mit übersetzt hat.

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2. Naturbeherrschung und Emanzipation

Was Plutte nicht interessiert, leistet Dirk Lehmann in seinem Vortrag über die Verdinglichung der Natur. Er greift dazu auf die Dialektik der Aufklärung von Horkheimer/Adorno und die Verdinglichungskritik von Georg Lukács zurück. Ihm geht es dabei im Anschluss an die Kritische Theorie sowohl um die Geschichte als auch um das Subjekt der Naturbeherrschung. Auch einige Andeutungen Adornos zur Utopie eines nicht-verdinglichenden Umgangs mit der Natur gibt er wieder.

Der Vortrag wurde, organisiert von [association critique], am 1. Juni 2011 in Bielefeld gehalten.

Literaturhinweis: Die Verdinglichung der Natur. Über das Verhältnis von Vernunft und die Unmöglichkeit der Naturbeherrschung in Phase 2. 33/2009

Ankündigungstext & Referenteninfo:

Die Erfahrung, die der kritischen Theorie Max Horkheimers und Theodor W. Adornos, vor allem der gemeinsam verfassten Dialektik der Aufklärung, zugrunde liegt, ist, dass die Geschichte der Befreiung des Menschen von übermächtigen (Natur-)Gewalten nicht zu einem vernünftigen Zustand der Welt geführt hat. Indem die Menschen ihre Emanzipation ins Werk gesetzt haben, eine Unternehmung, die wesentlich darin bestand, sich zum Herren und Eigentümer der Natur zu machen, haben sie sich einer allein technisch-instrumentellen Rationalität ausgeliefert, so dass schließlich, nach der bekannten Aussage der Dialektik, die »vollends aufgeklärte Welt… im Zeichen triumphalen Unheils« strahlt.

Das Werk Horkheimers und Adornos ist bestrebt, den fehlerhaften Mechanismus bloßzulegen, der den bisherigen Geschichtsverlauf beinah schicksalhaft dominiert. Damit halten die Autoren an der Absicht fest, in den Weltlauf einzugreifen. Mit der Dialektik der Aufklärung wird, freilich in emanzipatorischer Perspektive, versucht, das wahre Wesen der Vernunft und den in ihrem Fundament verborgenen Defekt aufzutun.

Im Vortrag soll zunächst näher erläutert werden, was eigentlich unter diesem ‚schwierigen’ (Christoph Görg) Begriff der Naturbeherrschung zu verstehen ist. Hierzu ist ein Rückgriff auf die Verdinglichungskritik Georg Lukács’ hilfreich, auch weil damit deutlicher wird, warum die spezifische Art und Weise der Aneignung des Natürlichen vor allem im modernen Kapitalismus zum Problem wird. Überdies wird die Entstehung und Entwicklung des herrschaftlichen Umgangs mit Natur im Sinne der Dialektik der Aufklärung nachgezeichnet – mitsamt den Konsequenzen sowohl für die Erde wie auch den Menschen. Schließlich soll das Projekt einer vernünftigen Einrichtung der Welt im Lichte der kritischen Theorie über die Naturbeherrschung reflektiert werden.

Dirk Lehmann hat in Duisburg und Bielefeld Soziologie studiert und arbeitet gegenwärtig über den Begriff der Naturbeherrschung der kritischen Theorie. Er schreibt für Phase 2 sowie analyse und kritik.

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»Der Rote Rabbi«

Volker Weiss im Gespräch mit Werner vom FSK Hamburg über Moses Hess. Weiss hat eine szenische Lesung über den fast vergessenen Sozialisten und Mitstreiter von Engels und Marx konzipiert. Es geht u. a. um Hess als Frühzionisten. 0:26 h via FRN

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Überlegenheitsgefühle integriert

Zum Wandel des Rassismus in der Krise

Am 17.05.2012 war JustIn Monday im Rahmen der vom »Exit!«-Lesekreis Hamburg organisierten Veranstaltungsreihe Rotten System! Rotten World? eingeladen über den Wandel des Rassismus in der Krise zu sprechen. Seine These ist, dass dem Rassismus von jeher ein Widerspruch eigen ist, der in der Krise bemerkbar wird. Ist in Prosperitätsphasen der Rassismus kolonialer Prägung von der Unterwerfung der als »naturhaft« imaginierten Anderen durch den sich selbst mit Geist/Kultur identifizierenden Weißen Mann gekennzeichnet, so schlägt er in der Rassenbiologie/-hygiene in Selbstrassifizierung um. Dass der Weiße Mann sich nun um seine eigene Naturdeterminiertheit in Gestalt der »Rassenreinheit« sorgt und den Geist in antisemitischer Weise als jüdisches Prinzip verteufelt, ist laut JustIn Monday als kapitalistische Krisenerscheinung zu verstehen. Im letzten Teil vollzieht er dies an Thilo Sarrazin nach (siehe dazu auch Deutschland bildet sich), zuvor zeigt er auf, in welche Probleme die antirassistische Theorie gerät, weil sie diesen Widerspruch innerhalb des Rassismus nicht bemerkt, geschweige denn historisch oder krisentheoretisch, begreift.

Download: Vortrag (1:22 h, 28 MB), Diskussion (0:12 h, 5 MB) via AArchiv | Original via minus (mp3, ogg, flac)

Ankündigungstext: (mehr…)

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Der Aberglaube des Positivismus

Einen interessanten Vortrag über die Erkenntnisansprüche und -verfehlungen des Positivismus in der Physik, genauer gesagt in der Kosmologie, hat Jörg Huber im Dezember 2011 in Freiburg gehalten.

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Die am naturwissenschaftlichen Erkenntnisgewinn geschulten, auf messbare Fakten gestützten positivistischen Modelle breiten sich seit Beginn der Neuzeit wie selbstverständlich als bevorzugte Methode der Welterklärung aus.
Traditionell religiöse oder metaphysische Vorstellungen werden entmythologisiert – denn in positiver Gestalt erweisen sie sich allesamt als dogmatisch und wissenschaftlich widerlegbar.

Doch der unaufhaltsame Siegeszug des Positivismus wird seinerseits selbst begleitet von esoterischen Denkmustern und phantastischen Spekulationen. So stellt etwa die Astrophysik Vermutungen über bewohnbare Exoplaneten an, über neue, fremde Welten in anderen Sternensystemen und über deren mögliche Bewohner – die mythischen Aliens. Wie passen solche durch keine Erfahrung gedeckten Projektionen mit dem rationalen Anspruch naturwissenschaftlicher Aufklärung zusammen?

Als ambitioniertestes Projekt des Positivismus darf die «Theorie von Allem» gelten, der Versuch einer rein physikalischen Welterklärung, die ihre Bekanntheit in erster Linie dem Kosmologen Stephen W. Hawking verdankt. Im vergangenen Jahr erschien sein Buch «Der große Entwurf» mit einer Weiterentwicklung jener Theorie, die er zuerst in seinem Weltbestseller «Eine kurze Geschichte der Zeit» der Weltöffentlichkeit präsentierte.

Jörg Huber (Freiburg), Physiker, nimmt sich diese neueste Ausprägung der Hawking’schen Kosmologie vor und zeigt an ihrem Beispiel, wie positivistisch-naturwissenschaftliches Denken in Dogmatismus und schließlich in Aberglauben umschlägt und er analysiert die systematischen Fehler, die jenem Umschlag notwendig vorausgehen.

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Libertärer Literat und Lebemann #4

Glos­sen von und über Erich Müh­sam

7.) 1920 bis 1924 saß Erich Mühsam, dessen einziges Verbrechen darin bestand, an einem sozialrevolutionären Versuch der Abschaffung von Herrschaft und Ausbeutung beteiligt gewesen zu sein, wie viele andere zur Strafe in Festungshaft ein (gemeint ist die Münchner Räterepublik – siehe dazu Beitrag 4 der Reihe). Auch dort wollte er auf die Abfassung seines Tagebuchs nicht verzichten, selbst nachdem der reaktionäre Strafvollzug sich dieser seiner privaten Aufzeichnungen wiederholt bemächtigt hatte, um sie, teilweise öffentlich, gegen ihn und seine GenossInnen zu verwenden. Von diesem Zermürbungsversuch und den wenig erfolgreichen Versuchen Mühsams, mit ihnen umzugehen, handelt ein hörenswertes Feature von Johannes Ullmaier. Unter dem Titel »Selbstgespräche mit der Macht« vollzieht er den gesamten Prozess nach und reflektiert durchgängig auf die Frage, »inwieweit das, was im Rückblick als Entgleisung präfaschistischen Klassenjustizvollzugs erscheint, heute mit den Möglichkeiten digitaler Überwachung nicht allgemeiner Standard zu werden droht und wie man sich dagegen wehren kann«.

Weitere Informationen zu Feature und Autor:

Selbstgespräche mit der Macht. Erich Mühsams Tagebücher
BR Nachtstudio vom 17.01.2012

Vier Jahre saß der Dichter Erich Mühsam in Ansbach in Festungshaft, vier Jahre, in denen er fleißig Tagebuch führte. Mehrmals hat die Gefängnisleitung das Buch konfisziert. Das hat den Autor und seinen Text sehr beeinflusst.

Die schlimmen und absurden Konsequenzen, die daraus erwuchsen, werfen die Frage auf, inwieweit das, was im Rückblick als Entgleisung präfaschistischen Klassenjustizvollzugs erscheint, heute mit den Möglichkeiten digitaler Überwachung nicht allgemeiner Standard zu werden droht und wie man sich dagegen wehren kann. Johannes Ullmaier durchleuchtet Erich Mühsams Tagebücher in der Festungshaft von 1920 bis 1924 auch unter dem Aspekt des Vorscheins digitaler Überwachung durch den Staat.

Außergewöhnliche Tagebücher

Unter den vielen Arten, tägliche Aufzeichnungen zu führen, bilden die ca. 10.000 Seiten, die Erich Mühsam ab 1910 beschrieben hat, einen einmaligen Fall. Chris Hirte, Herausgeber der bislang veröffentlichten Teile, hat sie als „Selbsterziehung eines Anarchisten“ charakterisiert, als unermüdlichen Versuch, eine ordnende Reflexionsinstanz in den eigenen, turbulenten Lebensvollzug einzuziehen. Abgesehen davon diente das Tagebuch dem Dichter auch als Werkstatt für bei Gelegenheit ’spontan‘ zu verschießende Bonmots und künftige Publikationen, mit dem Effekt, dass der Stil zwischen Mühsams Tagebuch und seinen Veröffentlichungen, anders als etwa bei Thomas Mann, kaum differiert: Seien es heimlichste Geständnisse oder leitartikelnde Pamphlete, überall hört man den schwungvollen Rhetor; immer spricht er wie vor einem Auditorium.

Was ist privat, was ist öffentlich?

Nach der Konfiszierung seines Tagebuchs schreibt Erich Mühsam weiter, allerdings mit einem anderen Bewußtsein. Von nun an schreibt er immer mit der Angst im Hinterkopf, dass sein Tagebuch jederzeit von den Gefängniswärtern gelesen werden könnte. Dieses private Schreiben im Schein der Öffentlichkeit in den 1920er Jahren vergleicht Johannes Ullmaier in dieser Sendung mit dem unseren Tagebuch und Blogeinträgen heute. Denn heute ist, zumindest alles Schreiben im digitalen Raum, tendenziell immer öffentlich, genauso wie jedes Foto, jeder Film und jeder Ton jedezeit im Internet auftauchen kann. Was ist dann aber noch privat?

Erich Mühsam war Schriftsteller und Politiker. Er gehörte zu den wesentlichen Protagonisten der Münchner Räterepublik 1919. Geboren am 6. April 1878 in Berlin, am 10. Juli 1934 von SS-Männern im KZ Oranienburg ermordet. Erich Mühsam schrieb Dramen, Lyrik und Lieder. Außerdem war er als Journalist und Publizist tätig.

Über den Autor:
Johannes Ullmaier, Literaturwissenschaftler, als Akademischer Rat am Deutschen Institut der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, Mitbegründer und -herausgeber des Magazins „testcard“, Autor des Buches „Von Acid nach Adlon und zurück“ (2001).

Download: via BR | via MF (~1 h, 55 MB)

8.) Johannes Ullmaier hat bereits 2008 beim Chaos Computer Club einen Vortrag zum selben Thema gehalten: »Erich Mühsams Tagebücher in der Festungshaft. Ein Idyll aus der Analogsteinzeit der Überwachung«. Vermutlich ist das Feature hörenswerter als Vortrag.

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