Once again: Deutschland? Nie wieder [?]

Am Tag nationaler Selbstbeweihräucherung, in einem Jahr in dem immer offensichtlicher zum omnipräsentem ökonomischen Sachzwang die Niedertracht politischer Nötigung durch die europäische Hegemonialmacht – den „Zuchtmeister“ – Deutschland hinzutritt, will das Audioarchiv einmal mehr auf (theoretische) Bemühungen verweisen, die versuchen Kontinuität und Wandel deutscher Ideologie zu bestimmen.

Bereits hier, dort, da und nochmal hier dokumentierten wir Diskussionen und Vorträge zur Frage, ob und wieweit die deutsche Nation normalisiert sei, ob es einen Wandel des Nationalbewusstseins gegeben habe, da sich Deutschland zu einem stinknormalen weltmarktkonkurrierenden Nationalstaat transformiere und hauptsächlich antikapitalistisch bewertet werden müsse. 1

Deutschland? Nie wieder! – Podiumsdiskussion, Hamburg 2008

Einen Überblick über die Positionen liefert ein Mitschnitt – der uns nun zugespielt wurde – einer Podiumsdiskussion im Hamburger Uebel & Gefaehrlich aus dem Jahr 2008. Unter dem Motto »Deutschland? Nie wieder!« ging damals ein halbwegs prominentes Podium der Frage nach, wie (…) eine Kritik an der Nation im Allgemeinen und an Deutschland im Besonderen heute auszusehen hat. Unter der Moderation der Zeitschrift Phase 2 trafen Hermann L. Gremliza, die Gruppe 8. Mai, Sinistra! und TOP Berlin aufeinander.

Das Feuilleton wird dieser Tage mit einem Kalauer vollgebrochen: Deutschland ist volljährig. Vor genau 18 Jahre trat der Einigungsvertrag in Kraft, der die Auflösung der DDR und die Angliederung von dessen Territorium an die Bundesrepublik Deutschland besiegelte. Ein blumiges Bild ist das: eine junge Nation, die ihre Tage oder den ersten Flaum über der Oberlippe bekommen und verarbeitet hat und mit »Führerschein« und VW Golf selbstbewusst ins ernste Leben rauscht. Bei der Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt (Grüne) klingt das so: »Deutschland ist volljährig, aber auch noch ein Teenager. Der fühlt sich stark, hat aber noch einiges zu lernen, (…) kann bis nach Mitternacht in der Disco feiern, muss aber mit dem Kater selber klarkommen (…). Volljährig sein bedeutet aber auch: Man kann sich endlich mal so richtig das Jawort geben.« Für die antideutsche bzw. antinationale Linke galt es hingegen in den letzten 18 Jahren, diesen Positivismus zurückzudrängen und einige Basisbanalitäten immer wieder zu betonen, so dass sie heute wie Psalme aus dem Gebetsbuch klingen müssen. Eine dieser Formeln, die Deutschland in den letzten 18 Jahren als stichelnde Erinnerung an den Nationalsozialismus und an Auschwitz begleitet hat, ist unserer Podiumsdiskussion überschrieben. »Deutschland? Nie wieder!«, hat Marlene Dietrich einmal auf die Frage eines Reporters geantwortet, ob sie sich vorstellen könne, nach dem 2. Weltkrieg aus dem us-amerikanischen Exil in einen postnazistische, deutschen Staat zurückzukehren. »Deutschland? Nie wieder!« war in Adaption auch das Motto linksradikaler Demonstrationen und einer Konferenz 1989 und 1990, die den Kristallisationspunkt einer antideutschen Strömung innerhalb der hiesigen Linken darstellte. 18 Jahre gesellschaftskritischer Interventionen gegen den Drang zur Abfertigung oder Instrumentalisierung der Shoa und unzähliger Normalisierungsbestrebungen der deutschen Nation später, wollen wir noch mal einen Blick zurück und einen nach vorn werfen. Es sollen die Metamorphosen Deutschlands, die Entwicklungen oder Verschiebungen der letzten Jahre – vom Kosovokrieg bis zur schwarz-rot-geilen WM – unter der Prämisse diskutiert werden, wie sich die Position zu Deutschland verändert hat oder zu verändern wäre. Wie hat eine treffliche Kritik an der Nation im Allgemeinen und an Deutschland im Besonderen heute auszusehen? Wo liegen die Bruchlinien und Differenzen zwischen einer antideutschen und einer antinationalen Kritik? Diese Fragen sollen am Tag der offiziellen Feierlichkeiten zur »deutschen Einheit« in Hamburg geklärt werden. Zu diesem Zweck haben wir den konkret-Herausgeber und Mitinitiator der »Nie wieder Deutschland«-Kampagne 1989/1990 Hermann L. Gremliza, die Gruppe Theorie Organisation Praxis (T.O.P.) Berlin, die Frankfurter Assoziation Sinistra!, sowie die Gruppe 8. Mai eingeladen. Das Gespräch moderiert einE VertreterIn der Zeitschrift Phase 2.

Die Aufnahme beginnt mit Hermann Gremliza, der als Mitinitator der Nie wieder Deutschland Kampagne vorgestellt wurde und daher auch mit einem Blick ins Jahr 1989 startet.

    Download: via AArchiv (mp3; 1:40:20 h; 143 MB)

Jan Gerber: Nie wieder Deutschland? Die Linke im Zusammenbruch des “realen Sozialismus”

Drei Jahre (2011) nach dieser Veranstaltung veröffentlichte Jan Gerber im Freiburger ça ira Verlag seine Dissertation unter dem Titel Nie wieder Deutschland? Die Linke im Zusammenbruch des »realen Sozialismus. Radio Corax nahm die Publikation zum Anlass für ein ausführliches Gespräch mit Gerber.

Der Anschluß der DDR an die BRD und der Durchmarsch der Ideologie des freien Marktes verschärften die Krise bestehender linksradikaler Strukturen. Jan Gerber betrachtet, in seinem unlängst im ça ira Verlag veröffentlichten Buch „Nie wieder Deutschland? Die Linke im Zusammenbruch des »realen Sozialismus«“, systematisch die Geschichte der hiesigen Linken, die das Individuum immer wieder dem repressiven Kollektiv geopfert hat. Aus Anlass der Veröffentlichung sprach Alex von Radio Corax mit Gerber.

    Download: via AArchiv (mp3; 00:32 h; 11 MB)
  1. So die Zusammenfassung Sonja Wittes der Antinationalen Position des Ums Ganze Bündnisses [zurück]
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3 Antworten auf “Once again: Deutschland? Nie wieder [?]”


  1. 1 Helene 03. Oktober 2012 um 12:41 Uhr

    Danke!

  2. 2 midnight 03. Oktober 2012 um 14:23 Uhr

    Oh, sehr gut. Die Podiumsdiskussion mit Gremliza, TOP, Sinistra und 8. Mai gefällt mir.

    Rückblickend erweckt Antideutsche Kritik, je älter sie wird, den Eindruck in bloße Kulturkritik zu verfallen.

  3. 3 painmaker 08. Oktober 2012 um 7:03 Uhr

    rückblickend bleibt vorallem das es manch achso post-antideutschem kritiker an den sogenannten antideutschen das rückbesinnen auf das politik spielen können ein grosses identitäres bedürfnis bleibt. man will halt unter bürgis ernstgenommen werden sonst fällt das partizipieren an der uni oder in der restlichen gesellschaft so schwer.

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