Psychoanalyse und Gesellschaftskritik (III)

Eine kritische Einführung in die Psychoanalyse

Johanna Schmidt hat sich an einer m.E. gelungenen Einführung in die Psychoanalyse im Kontext feministisch akzentuierter Gesellschaftskritik probiert. Ausgehend von einer rudimentären Entfaltung des Begriffs der Gesellschaft im Anschluss an die Marxsche Ökonomiekritik und die Wert-Abspaltungs-Kritik von Roswitha Scholz expliziert sie einige Grundkategorien und -annahmen der psychoanalytischen Theorie (Trieb, Nachträglichkeit, Lustprinzip usw.), wobei sie sich um die Zurückweisung gängiger Vorurteile bemüht. Abschließend diskutiert sie zentrale feministische Einwände gegen Freud.

Der Mitschnitt ist am 08.09.2012 im selbstverwalteten Jugendhaus Erlangen entstanden und enthält eine kurze, etwa zehnminütige Diskussion.

Update: Auf Bitte der Referentin habe ich den Mitschnitt ersetzt durch einen neueren, entstanden in Wien am 24.05.2013. Der Vortrag wurde an einigen Stellen verbessert und die Diskussion ist gehaltvoller.

Download (mp3): via AArchiv (1:25 h, 51 MB)

Download (mp3 oder opus) via Archive.org.

    Download Erlanger Fassung via MF (42 MB).

Hören:

Die Einwände gegen die Psychoanalyse – die meist schon vorab als widerlegte oder gar lächerliche Theorie abgetan wird – sind vielfältig:
So steht sie in der Kritik,deterministisch, individualistisch und anti-feministisch zu sein. Ihr wird vorgeworfen, den Menschen als notwendiges Produkt seiner Kindheitsentwicklung zu verstehen. Sie würde des Weiteren gesellschaftliche Einflüsse auf das Individuum nicht hinreichend mit einbeziehen und könne somit soziale Phänomene nicht erklären. Außerdem konzentriere sich psychoanalytische Theorie nur auf das Männliche und rechtfertige eine Inferiorsetzung von Weiblichkeit.

In dem Vortrag sollen – nach einer kurzen Erläuterung psychoanalytischerGrundannahmen – solche Meinungen und Einwände auf ihre Richtigkeit überprüft und der Frage nachgegangen werden, inwieweit psychoanalytische Theorie für eine Ideologiekritik der modernen Gesellschaft fruchtbar gemacht werden kann. Im Vortrag werden neurotische Zwänge am Beispiel des Waschzwangs sowie familiäre sexuelle Übergriffe thematisiert.Es besteht somit eine Trigger-Gefahr für Betroffene.

Zur Referentin

Johanna Schmidt lebt und studiert in Erlangen. Theoretisch steht sie der wert-abspaltungskritischen Zeitschrift „EXIT! Krise und Kritik der Warengesellschaft“ nahe. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind feministische Kritik und Psychoanalyse. Seit 2009 organisiert sie im selbstverwalteten Jugend- und Kulturzentrum Erlangen gesellschaftskritische Vorträge und seit 2011 an der Uni Erlangen Autonome Seminare zu feministischer Kritik, Antisemitismus sowie Psychoanalyse.

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4 Antworten auf “Psychoanalyse und Gesellschaftskritik (III)”


  1. 1 anthraxit 28. November 2012 um 1:13 Uhr

    Gibt es das auch als Textdokument? Ich meine, sie liest doch was vor oder?

  2. 2 Ernst 28. November 2012 um 13:11 Uhr

    Soweit mir bekannt ist, ist der Vortrag in Textform nicht veröffentlicht.

  3. 3 Benjamin Dietze 08. Januar 2016 um 11:55 Uhr

    An einigen Stellen kommt Schmidt mir gefährlich nahe an die These eines anderen Vortrags hier im Audioarchiv, wonach es vor Erfindung der Dampfmaschine keinerlei Patriarchat und auch keinerlei Geschlechterrollen gegegen habe, und daß der Kapitalismus der Neuzeit überhaupt erst durch die moderne, völlig aus dem Nichts kommende Erfindung von Patriarchat und Geschlechterrollen möglich geworden sei, so daß kein Kapitalismus denkbar sei, wo Frauen nicht an Heim und Herd gekettet seien. Eine solche Sicht übersieht zum einen die gegenwärtig stattfindende Kolonialisierung von Frauen als kapitalistisch gleichwertige Selbst- und Fremdausbeutungsinstanz; zum anderen die Tatsache, daß die für derlei Thesen oft aufgeführte Tatsache, daß Frauen der unteren Schichten im Manchesterkapitalismus auch außer Haus und schwer körperlich arbeiten mußten, gerade Ausdruck einer krisenhaften Transformationsphase darstellte, die in der Proletarisierung von vormals selbständigen Bauern und Handwerkern bestand, was wiederum dazu führte, daß Frauen im Proletariat verstärkt dazu gezwungen waren, auch ihnen traditionell versperrte Männerberufe auszuüben.

    Obwohl sie in einem einzelnen Satz konstatiert, daß Freud keineswegs die somatischen Anteile außer Acht ließe, faßt Schmidt in der weiteren Darlegung und Entfaltung seine Trieblehre im Gegensatz dazu rein radikalkonstruktivistisch auf, wonach es keine Primärtriebe und keinerlei somatischen Anteile gäbe. Folglich deutet sie in der Nachfolge von Scholz die polymorph-perverse Anlage ausgerechnet als Nichtvorhandensein von Sexualität oder überhaupt irgendwelcher Triebe. Was bei Freud eine Fülle ist, wird Schmidt zur Leere. (Dienlich ist Schmidt hierbei die Fehldeutung der freudschen Lehre, wonach die genitale Sexualität auf die orale in deutlichem zeitlichen Abstand folgen würde, die mittlerweile auch durch die Ultraschalltechnik im Mutterleib widerlegt ist; was Freud meinte, war die Einengung der Sexualität bzw. Sinnlichkeit allein auf die Geschlechtsorgane.) Das erinnert mich stark an Ilka Quindeaus These, wonach Sexualität allein als vermeintlicher äußerer Einbruch und Einmischung in die Psyche gerate, nämlich durch unbewußtes sexuelles Begehren der Mutter gegenüber dem Kind.

    Beides widerspricht aber eklatant Freud. Weder ist die polymorph-perverse Anlage bei ihm eine Abwesenheit von Trieb, sondern lediglich die Abwesenheit einer Beschränkung, zu der die Sexualität im Erwachsenenalter zugerichtet ist, noch hat er die Triebe völlig radikalkonstruktivistisch aufgefaßt, sondern lediglich darauf verwiesen, daß der somatische Trieb den Filter der sozial erlernten Zensur durchläuft, so daß er nur in verzerrter, verdrängter, umgestalteter Form ins Bewußtsein tritt. Auch Marx hat in Form des Diamats und der Unterscheidung von erster und zweiter Natur nicht allein den plumpen, undialektischen Materialismus a la Feuerbach kritisiert, sondern ebenso einen solchen radikalkonstruktivistischen, nicht minder undialektischen Idealismus, den er unter dem Begriff der Deutschen Ideologie gefaßt hat, der Schmidt allen Anzeichen nach zuneigt. Obwohl Schmidt dem eigenen Lippenbekenntnis nach zwischen dem: „Wesen“ namens Unbewußtes und der: „Erscheinung“ namens Bewußtsein unterscheidet, hat die Sexualität bei ihr, anders als bei Freud, eigentlich keinerlei Wesen im Sinne einer vorgängigen Existenz oder Realität.

    Hinzukommt, daß Schmidt zwar von unbewußten Konflikten spricht, diese aber als: „unangenehme Ereignisse bzw. Erinnerungen“ (die für sie die eigentliche und einzige: „Eigenqualität der Gegenstände“ und einzig natürliche Triebform darstellen, die gefälligst als völlig unverstellte Realität zu glauben seien, indem sie immer und überall bewußte Inhalte oder auch das tatsächliche Ergebnis von gewaltsamer hypnotischer Suggestion, Gruppendruck und: „Wahrheitsdrogen“ so unkritisch wie undialektisch für bare Münze des Unbewußten nimmt) nicht im freudschen Sinne der: „Drei Abhandlungen“ auffaßt, wonach dieser Konflikt zwischen Trieb und Realitätsprinzip besteht, sondern im Sinne der breuerschen: „Studien zur Hysterie“, die in neuerer Zeit in Form der okkult-esoterischen, scientologyartigen Recovered Memory Therapy sehr viel Schaden angerichtet haben. Prompt werden die nachweisbar falschen Thesen der okkult-esoterischen RMT-Sekte auch in der Diskussion direkt angesprochen; wie z. B. jene, daß Freud eben nicht aufgrund zuerst der Anwendung des Begriffs: „Hysterie“ auf Männer und dann besonders durch den offenen Bruch mit Breuer in Form der Thesen der: „Drei Abhandlungen“ verstoßen worden sei, sondern ausgerechnet aufgrund von Breuers: „Studien zur Hysterie“. Dergleichen wird von RMT-Anhängern behauptet, obwohl Breuers Werk Sexualität gerade ganz traditionell als apokalyptische allgegenwärtige, aber leider heimliche Bedrohung im Sinne der mittelalterlichen stummen Sünd‘ auffaßt.

    Kurz: Wenn Schmidt von Trieb, Konflikten und Unbewußtem spricht, meint sie eigentlich in der Art einer undialektischen, monokausalen Weltformel (die auch einer Verschwörungstheorie nicht unähnlich ist) immer das breuersche Trauma und seine vermeintlichen Auswirkungen auf den Sozialcharakter, zu denen Sexualität an sich und überhaupt zählen soll. An den RMT-Thesen inkl. der geschichtsfälschenden Behauptungen in puncto des wechselvollen Verhältnisses Freuds zur Wiener Ärzteschaft (das sich eben nicht durch die: „Drei Abhandlungen“ oder den Todestrieb verbesserte, sondern gerade katastrophal verschlechterte; der Todestrieb, wie wohl auch der Wiederholungszwang, scheint außerdem von Schmidt und dem Publikum offenbar im Sinne der zum Zwecke der ursprünglich nationalistischen Verharmlosung bzw. Negierung von Kriegsverbrechen in Vietnam erfundenen PTSD aufgefaßt zu werden) hält sie auch noch fest, obwohl der inhaltliche Konflikt Breuer-Freud in der nächsten Generation nochmal von Ferenczi und Anna Freud ausgetragen wurde. Dieser Konflikt brach in den 30ern wieder auf, da Ferenczi keine Kenntnis von diesem Bruch Freuds mit Breuer gehabt hatte, weshalb Anna genau wie zuvor schon Sigmund Freud das letze Wort behielt, was aber aufgrund des gesellschaftlichen Einflusses der okkult-esoterischen RMT-Sekte ab den 80er Jahren mittlerweile wieder in Vergessenheit geraten ist.

    Äußerst befremdlich darüberhinaus Schmidts Behauptung, wonach Freuds These vom Penisneid darauf beruhen würde, daß Kleinkinder bereits genau wüßten und durch praktische Anschauung exakt nachempfinden könnten, daß männliche Geschlechtsorgane eine größere somatische Lustempfindung böten als weibliche. Eine solche Behauptung findet sich an keiner Stelle bei Freud, der den Penisneid vielmehr primär aus einer patriarchalen Erziehung ableitet, wonach Männer sozial wertvoller seien als Frauen (eine Erziehung, deren Existenz Schmidt später im Vortrag als vermeintlich eigene Erkenntnis präsentiert, die, als von ihm angeblich völlig unbeachtet, Freuds Geschlechtsrollenverständnis unbewußt beeinflußt hätte), sowie sekundär von einer mit einer solchen Erziehung im Zusammenhang stehenden frühkindlichen Interpretation des optischen Eindrucks des weiblichen Geschlechtsorgans als einem lückenartigen Mangel. Dies vermengt Schmidt offenbar unzulässig mit Freuds keineswegs mit der Penisneidthese im Zusammenhang stehenden, allerdings anatomisch irrigen Aussage, wonach die Klitoris rein somatisch eine geringere Lustempfindung böte als die Vagina und der weibliche Drang zur Stimulation der Klitoris bei erwachsenen Frauen somit lediglich eine Form der psychischen Unreife sei.

    Mit einem solchen falschen, radikalkonstruktivistischen Freudverständnis nach Art der Deutschen Ideologie, wo Sexualität primär als korrumpierender exogener Einbruch und äußere Bedrohung thematisiert wird, ist es auch klar, was der vermeintliche Gegenstand der Psychoanalyse ist, den Schmidt der bewußten oder unbewußten Tendenz nach „abschaffen“, d. h. ausradieren und vernichten will, ohne daß sie es offen auszusprechen braucht: Die Sexualität, oder zumindest jene Formen von ihr, durch die sie sich aufgrund des Konflikts zwischen eigenem Trieb und Realitätsprinzip bzw. sozialer Anpassung bedroht fühlt.

    Unterm Strich läßt sich jedenfalls sagen, daß Schmidt Marx und Kurz gut, Freud aufgrund der obigen Defizite überhaupt nicht verstanden hat; Adorno wiederum, der u. a. eindeutig auf Seiten Anna Freuds stand, hat sie deshalb im politökonomischen und sozialen Bereich verstanden, im freudianischen keineswegs.

    Allerdings ist es auch ein Trauerspiel, womit Schmidt als Einäugige es beim tlw. blinden Publikum zu tun hat, wenn bspw. eine Zuhörerin mit Wiener Postivismus/Logistizismus, Popper und Margaret Thatcher weder eine Gesellschaft, noch irgendeinen sozialen Einfluß auf die Individuen finden kann und zum Hohelied auf den naiven Voluntarismus ansetzt; und das auch noch, obwohl dieselbe Zuhörerin selber völlig affirmativ von Rollenvorbildern redet. Oder daß die diamatische Unterscheidung zwischen Wesen und Erscheinung als: „total metaphysisch“ im Sinne eines nutzlosen bis gefährlichen Hirngespinstes abgetan wird. Oder daß das Publikum auch noch jeglichen linken, kritischen und humanistisch-emanzipatorischen Ansatz damit verhöhnt, daß der Kapitalismus doch die beste und einzige aller möglichen Welten wäre, was auch noch dadurch bewiesen würde, daß der dialektische Kritiker eben keinen besseren Vorschlag machen könne. Aber wenigstens die eine kritische Anmerkung zum Norm- und Krankheitsbegriff war hellsichtig.

  1. 1 Klingekurier #7 am 09.11.2014 | DeWitts Gedankenstrudel – reloaded Pingback am 09. November 2014 um 6:50 Uhr

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