Die un_kritische Theorie Judith Butlers? Beiträge zur Adorno-Preisverleihung 2012

Vor einigen Monaten diskutierte (nicht nur) die politische Linke die Frage, ob Judith Butler eine würdige Preisträgerin des nach und gegen Adorno benannten Preises der Stadt Frankfurt sei. Butlers Unterstützung für antiisraelische Boykottkampagnen und die Bekundung, Hamas und Hisbollah wären Teil der globalen Linken, widersprachen allzu deutlich dem, wofür der Namensgeber des Preises einstand. Wir dokumentieren Beiträge, die Adorno gegen seine Preisträger verteidigen (Alex Gruber und Magnus Klaue) und den grundlegend affirmativen Zug der als so radikal gefeierten Gender-Theorie und Moralphilosophie Butlers versuchen darzulegen (Lars Quadfasel). Hinzu kommt aber auch eine Position (Ole Frahm), die Butlers Philosophie als einen Versuch sich in einer bestimmten jüdischen Tradition zu denken liest und Kritik an den Kritikern der Verleihung übt.

Alle Dateien sind auch auf Rapidshare zu beziehen.

Adorno gegen seine Preisträger verteidigt.

Wir beginnen mit einer Gegenveranstaltung zur Preisverleihung an Butler. Die Initiative Adorno gegen seine Preisträger verteidigen! lud Alex Gruber und Magnus Klaue am 11.09.2012 in das Studierendenhaus der Universität Frankfurt a. M.

Einführung zur Veranstaltung von Christoph Zwi

    Download: via AArchiv (mp3; 6 min; 8 MB)

Alex Gruber: Zur Austreibung des Objekts – Judith Butlers postmoderne Affirmation des Bestehenden

Was Adorno in Bezug auf die Semantik der analytischen Philosophie, an die Judith Butler etwa in „Haß spricht“ kritisch anschließt, bezogen feststellt, gilt in verstärktem Maße auch für die Diskurs- und Anredetheorie der poststrukturalistischen Denkerin: Ihre isolierende Sprachkritik ist durch den Charakter des Fetischismus bestimmt. Butler glaubt im Rückgriff auf John L. Austins Sprechakttheorie, dass „Trübungen und Trugtendenzen, die an der Sprache zu beobachten sind“ in der zum Diskurs ontologisierten Struktur der Sprache angelegt sind, „anstatt dass die Worte stets gesehen werden als ein Wechselspiel, als ein Kraftfeld zwischen dem was sie in der Sprache sind, und dem was sie bedeuten, was eben die reale Gesellschaft ist“ (Adorno). Vielmehr ist von Butler das Kommunikationsmittel Sprache gleichsam absolut gesetzt; so absolut dass sie keinerlei Gegenständlichkeit außerhalb der Sprache gelten lassen und jede Annahme eines Außersprachlichen als unzulässige Essentialisierung oder Substantialisierung austreiben möchte. Diese dekonstruktivistische Jagd auf den Vorrang des Objekts ist es zugleich auch, worin jenes Drängen zur Praxis fundiert ist, welches Judith Butlers Theorie charakterisiert und ihr das Flair der Kritikerin verschafft – während es doch nur die zur Tat schreitende Verdopplung der gesellschaftlichen Naturbeherrschung darstellt.

    Download: via AArchiv (mp3; 31 min; 43 MB)

Magnus Klaue: Leib ohne Gewicht – Judith Butlers Körperpolitik

Zu Beginn ihres Buches „Das Unbehagen der Geschlechter“ stellt Judith Butler ausdrücklich fest, sie verstehe sich nicht als „Feministin“. Feminismus ist für sie Ausdruck einer repressiven „Identitätspolitik“, die letztlich nichts anderes als die Durchsetzung schnöder Interessen betreibe und die einzelnen Frauen zu diesem Zweck auf ein gemeinsames, vermeintlich ontologisches Prinzip des „Frauseins“ verpflichte. Butler selbst setzt dem jedoch keinen Begriff von Individualität entgegen, der über die Ontologie des Geschlechtscharakters hinausweist, sondern plädiert in letzter Konsequenz für den Rückbau selbst noch der Residuen von Individualität, die im bürgerlichen Geschlechtscharakter angelegt sind, zugunsten einer partikularistischen „Vielheit“ fluider Rollenmuster. Die regressiven Implikationen dieser „Körperpolitik“ lassen sich besonders anschaulich an Butlers Exorzismus des Leibbgeriffs zeigen: Indem sie den pauschal als theologisch oder zumindest metaphysisch denunzierten Begriff des Leibs zugunsten eines als krudes Material gesellschaftlicher Zurichtung aufgefassten „Körpers“ preisgibt (geschlechtertheoretisch zeigt sich dies an der Ersetzung des Sexus durch „Gender“), tilgt sie jede Möglichkeit der reflektierenden Erinnerung an die erste Natur im Menschen durch blinde Affirmation der zweiten Natur, der auch ausgeliefert sei, wer der schlechten Vergesellschaftung widerstehen wolle.

    Download: via AArchiv (mp3; 31 min; 42 MB)

Lorettas Leselampe: Anmerkungen zur Diskussion um Judith Butler

Die bereits hier erwähnte Sendung des Freien Senderkombinats Hamburg zeigte sich dagegen überrascht, wie roh gelegentlich mit den Versuchen einer Philosophie umgegangen wird, die versucht in einer bestimmten jüdischen Tradition sich zu denken. Ole Frahm arbeitet in der Sendung aus dem Oktober 2012 mit diversen Einspielern aus Vorträgen Butlers und übt Kritik an den Kritikern der Preisverleihung (etwa Grigat, Way,…)

    Download: via AArchiv (mp3; 82 min; 112 MB)

Lars Quadfasel: Die schöne Seele des Poststrukturalismus – Die un_kritische Theorie Judith Butlers

Auf Einladung der Association Antiallemande Berlin referierte Lars Quadfasel im Laidak über die un_kritische Theorie Judith Butlers

Zu zeigen wird im einzelnen sein dass die so populär gewordene Vorstellung, das menschliche Natursubstrat sei nichts als ›diskursiv konstruiert‹, d.h. rein durch Sprache erschaffen, eine groteske Neuauflage des alten bürgerlichen Idealismus darstellt – eines Idealismus allerdings, dessen (nunmehr als »Gesetz«, »Norm« oder »Diskurs« fungierender) Geist so allmächtig wie geistlos ist; dass die queere Subversion der Geschlechterdualität exakt der Logik des Kapitals folgt, unter dessen Herrschaft längst auch von Frauen mannhaftes Durchsetzungsvermögen und von Männer ‚weibliche Tugenden‘ (Empathie, Teamfähigkeit, Kommunikationskompetenz) gefordert wird; dass die »Dekonstruktion« von Körper und Geschlecht daher bloß nachvollzieht, dass den Menschen ihre eigene Leiblichkeit mehr und mehr zum Störfaktor mutiert – und zugleich, in der Verleugnung des menschlichen Natursubstrats, exakt das dem kritischen Blick entzieht, was die Menschen der Herrschaft so gefügig macht: das Ineinander von Gesellschaft und Leib, erster und zweiter Natur, in Gestalt von Entbehrung, Schmerz und Leid; dass Butlers Strategie, lieber von Performanz und Diskurs zu reden statt von Hunger und Ausbeutung, von Vergewaltigung, Folter und Massenmord, daher nicht nur, zur Freude ihrer akademischen Anhängerschaft, die Spießerweisheit bestätigt, Worte seien mächtiger als Waffen – sondern vielmehr auch systematisch das Grauen verharmlosen und verniedlichen muss, das Menschen tagtäglich angetan wird; dass in der postmodernen Puppenstubenidylle, als welche die Welt in der Butler’schen Theorie erscheint, nichts vorkommen kann, was nicht durch ein bisschen Treu und Redlichkeit wieder ins Lot zu bringen wäre – nicht Auschwitz also, die vollendete Barbarei, und auch nicht diejenigen Kräfte, die heute das Werk des Vernichtungsantisemitismus fortzuführen und zu vollenden trachten; dass also, kurz und bündig, Butlers Gedankenwelt weder, wie von ihren linksradikalen Adepten behauptet, revolutionär noch, wie von ihr selbst intendiert, reformistisch ist, sondern schlicht und einfach die zeitgemäße Ideologie des akademischen Kleinbürgertums: die Einladung zum bedingslosen Mitmachen, ohne je selber dafür Verantwortung übernehmen zu müssen.
Lars Quadfasel ist assoziiert in der Hamburger Studienbibliothek und der Gruppe Les Madeleines. Er publiziert in verschiedenen Zeitschriften (u.a. konkret, Jungle World, Extrablatt) und Sammelbänden, zuletzt in: Annika Beckmann u.a. (Hg.), Horror als Alltag. Texte zu »Buffy the Vampire Slayer« (Verbrecher Verlag 2010).

    Download: via AArchiv (mp3; 50 min; 69 MB)
Tags: , , , , , , ,
  • Twitter
  • Facebook
  • del.icio.us

36 Antworten auf “Die un_kritische Theorie Judith Butlers? Beiträge zur Adorno-Preisverleihung 2012”


  1. 1 rhizom 06. Dezember 2012 um 16:05 Uhr

    Wow, wenn die schon so heideggerianisch über Butler abhaten (anämisch, abstrakt, naturentwurzelt, objektlos, seinsvergessen), was sagen die dann erst über Kant?

  2. 2 rhizom 06. Dezember 2012 um 16:29 Uhr

    Grad mal 5 Minuten beim Gruber-Alex reingehört: Ein bisschen lustig und ungewollt grotesk ist es ja schon, das überaus geläufige Idiom „come into being“, das sich in jedem Dictionary als die englische Entsprechung für das deutsche Wort „entstehen“ findet, als heideggerisch zu deuten. Aber in seiner intellektuellen Verzweiflung tut man ja fast alles…

  3. 3 rhizom 06. Dezember 2012 um 17:24 Uhr

    Und noch ein Übersetzungsfehler. „physical“ bedeutet im Englischen nicht nur physikalisch, sondern auch physisch, Herr Klaue. Eine „Physical“ ist eine ärztliche Untersuchung. Butler spricht also von körperlichen Gegebenheiten und nicht von denen der „unbelebten Natur“. Argument voided, würd ich sagen, wa? Und so geht das on and on.

    Wie ich mal an anderer Stelle bemerkte, ist das der Aufstand der reaktionären deutschen Romantik gegen die intellektuelle Tradition des Kantianismus, der Objekte – und mithin auch die „Natur“ – als durch den menschlichen Erkenntnisvorgang immer schon konstituiert betrachtet (Kants berühmte „kopernikanische Wende“). Über diesen philosophiegeschichtlichen Kontext, in dem sie Adorno gegen Butler antreten lassen, können sich die werten Herren allerdings keinen Aufschluss geben, weil das eine Kenntnis von philosophischer Literatur voraussetzen würde, welche die paar zerfletterten Adorno-Bändchen in ihrem Bücherregal bei weitem überstiege.

  4. 4 MoshMosh 06. Dezember 2012 um 20:49 Uhr

    Unabhängig von dem Inhalt der beiden Vorträge (ich habe sie mir noch nicht angehört, kann mir vorstellen dass du im Bezug auf die Übersetzungsfehler recht hast), denke ich, dass ja gerade der Kantianismus bei Butler das Problem ist. Was soll das denn heißen – die Natur ist durch den Erkenntnisvorgang konstituiert? Dass ein Bewusstsein von Natur (Wiederspiegelung, Begriff, Anschauung, wie auch immer) nicht die Natur selbst ist, ist eine Banalität. Deswegen aber darauf zu schließen, die Natur würde durch den Erkenntnisvorgang konstituiert halte ich gelinde gesagt für ziemlich unplausibel. So weit ich weiß geht Kant ja davon aus, dass in der Welt (Ding an sich) nichts einen Zusammenhang hat und Zusammenhang nur synthetisch durch das erkennende Subjekt hergestellt wird. Das was da als philolsophische Bescheidenheit daherkommt (Nichterkennbarkeit des Dings an sich) kommt mir aber wie eine Selbstbeschränkung der Erkenntnis vor, die sich nunmehr nur über sich selbst beugt, auf der anderen Seite aber gleichsam als eine Allmachtsphantasie, weil sie gedanklich keine Entwicklungstendenzen außerhalb menschlicher Subjektivität zulässt.

  5. 5 Henri Bergson 07. Dezember 2012 um 1:35 Uhr

    To call sb on his/her bullshit ist auch ein gängiges englisches Idiom. Leider bin ich nicht annähernd so manisch wie der Kommentator der ersten drei Beiträge, um ihm seine Unzulänglichkeiten in einer Kommentarspalte entgegenzuhalten; zumindest nicht inhaltlich, das wären Perlen vor die Sau. Allein die Darstellung des kantischen Systems als eines im Rationalismus hängengebliebenes legt Zeugnis genug von der Unkenntnis ab, das blamiert sich schon von selbst. Diese Unterstellung des verkappten Heideggerianismus scheint mir auch mehr Projektionsleistung als immanente Kritik zu sein. Wie im wilden Westen, gewinnt in Internetdiskussionen neuerdings der, der den Gegner zuerst Heidegger unterschiebt – die geisteswissenschaftliche Nerd-Variante von Godwin’s Law. Sie, lieber Rhizom, sollten lieber mehr Butler und Kant zerflettern, anstatt sich in Kommentarspalten zu übergeben.

  6. 6 rhizom 07. Dezember 2012 um 7:06 Uhr

    Anrufung als Argument? Herr Bergson!

  7. 7 rhizom 07. Dezember 2012 um 8:35 Uhr

    Wenn gerade der Kantianismus bei Butler das Problem ist, dann sollte man vielleicht mit Kant anfangen, also etwa mit dem Satz:

    „Sollte Natur das Dasein der Dinge an sich selbst bedeuten, so würden wir sie niemals, weder a priori noch a posteriori, erkennen können. Nicht a priori, denn wie wollen wir wissen, was den Dingen an sich selbst zukomme, da dieses niemals durch Zergliederung unserer Begriffe (analytische Sätze) geschehen kann, weil ich nicht wissen will, was in meinem Begriffe von einem Dinge enthalten sei (denn das gehört zu seinem logischen Wesen), sondern was in der Wirklichkeit des Dinges zu diesem Begriffe hinzukomme, und wodurch das Ding selbst in seinem Dasein außer meinem Begriffe bestimmt sei.“

    Das heißt, der Naturbegriff, den die werten Herren gegen Frau Butler verteidigen, ist ganz abstrakt. Sonst müssten sie doch erst mal damit anfangen, konkret aufzeigen, was am Begriff des Geschlechts „synthetisch durch das erkennende Subjekt hergestellt wird“ und was nicht. Davon aber kein Wort! Es wäre, nach Kants Auffassung, auch ganz vergeblich, weil wir „niemals, weder a priori noch a posteriori, erkennen können […] was den Dingen an sich selbst zukomme […] und wodurch das Ding selbst in seinem Dasein außer meinem Begriffe bestimmt sei“.

    Selbst die schiere Existenz des „Dings an sich“ ist eine bloße theoretische Setzung; eine solche freilich, die uns recht alternativlos erscheint, weil wir, um mit Wittgenstein zu sprechen, gar nicht wüssten, wie wir den Satz „Das ist meine Hand“ vernünftig bestreiten sollten. Wir haben dafür einfach kein Sprachspiel.

    Das Problem der werten Kritiker kommt dadurch zustande, dass sie nicht begreifen, worum es sich bei Butlers Denken handelt: Philosophie und nicht Gesellschaftsanalyse. Ich bin kein sonderlicher Fan der Philosophie, aber ich weiß wenigstens noch den Unterschied zu benennen, der mein Denken z.B. als Historiker von dem eines Philosophen unterscheidet, nämlich dass ich mir bestimmte Fragen, die mir nicht durch meinen Gegenstand aufgegeben werden, gar nicht stelle. Ich kenne keine Gesellschaft, die Geschlecht nicht schon immer als soziale Tatsache konstituiert hätte. Bestritte ich darum das Recht der Philosophie, hinter diesen Gegenstand zurückzutreten und zu fragen, was es überhaupt sei, das ihn performativ hervorbringt?

    Wenn ich etwas als gemacht aufweise, heißt das nicht, dass ich deshalb von der Möglichkeit seiner Abschaffung überzeugt wäre, sondern dass ich es auch anders machen, Geschlecht auch auf andere Weise denken und praktizieren könnte – in einer Art, die für Individuen vielleicht etwas weniger belastend und weniger zwanghaft ist; in der sie nicht mehr durch Recht, Chirurgie und Psychiatrie in binäre Anschauungsformen hineingefoltert werden, wie dies den durch die Norm zu Trans- und Intersexuellen Medikalisierten (und in letzter Instanz auch jedem anderen) widerfährt.

    Nirgends spricht Butler von der Perspektive der Abschaffung von Geschlecht. Genau wie sie keinen Zustand vor dem „Gesetz“ (Lacan) kennt, das Menschen als „gendered subjects“ hervorbringt, kennt sie auch keinen danach. Was sie vielmehr hervorhebt, ist die Möglichkeit von Verschiebungen in der Matrix oder vielmehr: in der Art und Weise, wie sie operiert.

    Die Herren der Schöpfung können sich also beruhigt zurücklehnen: niemand will ihnen ihren geliebten Penis abschneiden, den sie (obwohl ihn bislang nur wenige gesehen und sich von seiner Existenz tatsächlich überzeugt haben) als Quelle ihrer Geschlechtszugehörigkeit, ihres sozialen Standes und ihrer damit verbundenen Privilegien anerkannt und respektiert wissen wollen. Es geht nur um Fragen der symbolischen Resignifizierung, und ihre gegen Butler eifrig zelebrierten Kastrationsängste erweisen sich am Ende als gänzlich umsonst.

  8. 8 rhizom 07. Dezember 2012 um 11:12 Uhr

    Achja, und da hier manche Kommentator_innen die Bedeutung des Wortes „konstituieren“ nicht so recht zu verstehen scheint, hier der entsprechende Eintrag aus einem Online-Philosophie-Wörterbuch:

    Konstituieren

    Nach Kant ist die Welt, wie der Mensch sie wahrnimmt, nicht die Welt ›an sich‹, sondern die Welt, wie sie dem Menschen erscheint. Diese erscheinende Welt wird im Erkenntnisakt überhaupt erst ›hergestellt‹ und zwar kraft der Vorstellungsformen Raum und Zeit und den Kategorien. Dieses ›Herstellen‹ ist kein Schöpfungsakt materieller Wirklichkeit, sondern ein Akt unseres Bewusstseins, das die sinnlichen Daten, die den Menschen affizieren, zu Anschauungen und Begriffen formt. Diesen Vorgang, in dem der erkennende Bewusstseinsakt die erscheinende Wirklichkeit im Bewusstsein des Menschen als Bewusstsein erst ›erzeugt‹, nennt Kant ›konstituieren‹. Wie weit nun die erscheinende Welt mit der an sich seienden Welt übereinstimmt oder nicht, lässt sich prinzipiell nicht beurteilen, sodass alle Aussagen bezüglich der Welt ›an sich‹ verboten sind (Konstitutiva, kopernikanische Wende, Vorstellungsformen).

    Nun, was sagt uns das? Dass Judith Butler in der Art, wie sie ihre Begriffe gebraucht, gar nichts anderes als eine orthodoxe Kantianerin ist. Die Referate oben sind also mehr als eine Rebellion gegen Butler, sie sind ein reaktionär-romantizistischer Aufstand gegen die gesamte moderne (und nicht etwa „postmoderne“) philosophische Tradition seit 1781.

  9. 9 Samir 07. Dezember 2012 um 13:52 Uhr

    Ich bin kein sonderlicher Fan der Philosophie…

    Ja, das hätte nicht noch mal extra betont werden müssen, das kann man schon Ihren Beiträgen höchstselbst entnehmen. Ob hier die Aversion diese bescheidwisserische Unkenntnis auslöst oder vice versa, das wage ich nicht zu entscheiden. Aber wie der alte Phänomenologe weiter oben schon zum Ausdruck bringen wollte: Die KrV, auf die hier so unbeflissen Bezug genommen wird, ist der Entwurf eines Systems. Sich hier eine für das eigene ‚Sprachspiel‘ passende Kategorie herauspicken und sie für seine Sache nutzen, das scheint mir nicht nur die Methode Butlers zu sein, sondern auch die ihrer Internet-Epigonen. Kant, Wittgenstein, Butler; wir scheißen auf Kommensurabilität, Synkretismus, ick hör dir Trapsen. (die entsprechenden Fremdwörter können ja dann im Online-Philosophie-Wörterbuch nachgeschlagen werden).

    Wir haben dafür einfach kein Sprachspiel

    Sie haben leider viel zu viele ‚Sprachspiele‘, anstatt einfach darüber zu schweigen, wovon Sie nicht sprechen können.

  10. 10 rhizom 07. Dezember 2012 um 15:34 Uhr

    Sie haben leider viel zu viele ‚Sprachspiele‘, anstatt einfach darüber zu schweigen, wovon Sie nicht sprechen können.

    Huch, wieder kein Argument, dafür aber ein Synkretismus aus frühem und spätem Wittgenstein?

  11. 11 rhizom 07. Dezember 2012 um 17:00 Uhr

    PS: Was Leute wie Samir nicht verstehen wollen, ist, dass es in der Philosophie, allen voran der modernen nach Kant, eine Kontinuität der Fragestellungen gibt und dass es daher ziemlicher Bullshit ist, Kants erkenntnistheoretische Argumente darauf zu reduzieren, dass sie auf ein System hinauswollten, und zu behaupten, dass sie außerhalb dieses Systems aufhörten, relevant zu sein. Die Furcht vor Vermischung („Synkretismus“) ist denn auch nichts als die Einstellung des Philologen, der sich ein Buch zu Kant vorstellen kann, welches als editionskritischer Kommentar zu seinem Werk daherkommt, aber keines, das, wie Butler, an Kants Fragen verändert anknüpft. Und so wundert es nicht, dass ihm in der Auseinandersetzung mit Butler keine Argumente, sondern nur die eigene Phobie vor textlicher Verunreinigung in den Sinn kommt. Da bezieht sich, so ist ja auch die Sorge der meisten Referenten, die oben in dem Beitrag verlinkt werden, doch tatsächlich jemand auf Adorno, ohne sich, wie sie, zu dessen geistlosem Bauchredner und Impersonator zu machen! Was ist also ihr Anliegen? Die Differenzen zusammenzutragen, die Adorno von Butler unterscheiden, als wäre das ein Argument für oder gegen irgendetwas, das Butler in ihren eigenen Texten mitteilt. Die Anfechtung bleibt ganz äußerlich: ihre Sprache sei „unsexy“, ihr Denken „undialektisch“ (was auch immer das bedeuten soll) und irgendwie nicht „konkret“ genug, als wäre die furchtbare Eiswüste von Adornos Negativer Dialektik eben genau dies; ja als wäre Philosophie überhaupt dazu angetan, empirisch und „konkret“ zu sein, und nicht vielmehr dazu, den Bedingungen der Möglichkeit von Empirie, d.h. von konkreter sinnlicher Erfahrung, nachzustellen!

  12. 12 Ernst 07. Dezember 2012 um 18:17 Uhr

    Ein paar nicht ganz stringente Gedanken und Einwände:

    Bei Adorno findet man so einiges über Kants theoretische Philosophie. Seine Abhandlung zu Subjekt und Objekt etwa kreist fast die ganze Zeit um Kant. Dort fordert er eine „zweite Kopernikanische Wendung“ als „Intentio obliqua der Intentio obliqua“.

    Der Kantianismus ist eine zweischneidige Angelegenheit. Einerseits ist im Ding-an-sich der Gedanke an die grundsätzliche Nichtidentität von Begriff und Sache aufgehoben wie auch an die Konstitutionsleistungen des Subjekts (als eines bei Kant freilich ahistorisch und ungesellschaftlich gedachten), andererseits fallen Subjekt und Objekt dadurch auch vermittlungslos auseinander. Die Welt wird zum zusammenhangs- und sinnlosen, entqualifizierten Substrat subjektiver Zurichtung (ähnliches sprach MoshMosh oben bereits an).

    Zur Ideologie, geradezu ihrer Normalform, wird die Trennung [von Subjekt und Objekt], sobald sie ohne Vermittlung fixiert ist. Dann usurpiert der Geist den Ort des absolut Selbständigen, das er nicht ist…

    Diese Sätze Adornos aus dem genannten Aufsatz treffen mehr als Kant natürlich dessen idealistische Nachfolger (insb. Fichte, denke ich), bei denen das Subjekt zum selbstherrlich-souveränen Schöpfer der Welt wird. „Subjekt verschlingt Objekt, indem es vergißt, wie sehr es selber Objekt ist.“

    Der Geist ist so wenig Demiurg der materiellen und natürlichen Wirklichkeit wie ihr radikal Anderes. In seinen wie auch immer historisch kontingenten und verzerrenden Bestimmungen muss etwas von der Sache selbst zum Durchbruch kommen. Das dies durch die Formen des Verstandes bzw. die Konstitutionsleistung des Subjekts hindurch geschieht und man das Objekt daher nie „rein“, „an sich“ hat, bezeichnet nur die Trivialität der Vermittlung. Subjekt und Objekt sind ineinander, subjektive und objektive Anteile lassen sich so wenig auseinandersortieren wie sex und gender. Daraus den Schluss zu ziehen, dass es eine Naturkomponente in dem ganzen nicht gibt, ist aber ein falscher Schritt hinter Kant zurück: Das Ding-an-sich soll selbst nichts als Diskursprodukt oder Gedankenkonstrukt sein. Und das ist ja auch. Es ist im besten dialektischen Sinn der Versuch, das Nichtidentische mitzudenken; im Denken das Bewusstsein zu bewahren, dass Denken nicht alles sein kann, wenn es überhaupt etwas sein möchte – es muss etwas behandeln, das von ihm verschieden ist, doch sobald es das tut, ist es nicht mehr völlig verschieden. Reaktionären Romantizismus indes vermag ich in diesem Anspruch nicht zu erkennen.

    Wie auch immer, ich denke, dass für viele „Antideutsche“ die Kritik am Postmodernismus (mal so pauschal gesagt) ein Vehikel ist, sich des Feminismus, der in seinem Mainstream heute eben postmodern, dekonstruktivistisch etc. geprägt ist, überhaupt zu entledigen (sofern er nicht gebraucht wird, um ihn gegen das islamische Patriarchat in Anschlag zu bringen).

    Tatsächlich ist das vehemente Insistieren auf der Naturkomponente im Geschlechtskörper überaus verdächtig, worauf auch Karina Korecky in ihrem Butler-Vortrag hinwies (etwa „Teilnehmer im Butler-Seminar, die am liebsten die Hosen runterlassen würden, um zu demonstrieren, dass es doch nun wirklich einen anatomischen Unterschied gibt…“). Ihr Nachdruck darauf, dass Butler durchaus in der Lage ist, von Leid zu sprechen, war übrigens auf (d.h. gegen) Quadfasel gemünzt, der einen ähnlichen Vortrag wie den hier dokumentierten auch in der Tübinger Veranstaltungsreihe gehalten hatte.

    Die etwas undialektische Opposition von Philosophie und Wissenschaft/Gesellschaftsanalyse finde ich problematisch. Adornos Größe besteht gerade darin, dass er beides zusammenbringt, wie Gerhard Schweppenhäuser einmal notierte. (Womöglich nicht in der ND, die ja eine Art Methodologie seiner materialen Arbeiten entfalten sollte.) Er bringt die gesellschaftlichen Gehalte philosophischer Begriffe zum Vorschein und funktioniert sie für die Kritik der Gesellschaft um. Vielleicht ist der Vorwurf der Abstraktheit oder „Unkonkretheit“ an Butler gar nicht so verfehlt, weil sie es über weite Teile ihrer Hauptwerke hinweg tatsächlich nicht schafft, gegenstands- und gesellschaftstheoretische mit philosophisch-metatheoretischen Erwägungen vermittelnd zu vereinen? Was gewiss auch schwierig ist. Jedenfalls ist mir eine Stelle aus Becker-Schmidts/Knapps Feministischen Theorien zur Einführung erinnerlich, an der die Autorinnen einen ähnlichen Vorwurf formulieren.

    Beckerschmidt/Knapp verweisen (nicht als einzige) übrigens auch auf die merkwürdig-akademische Rezeption und die erkenntnistheoretisch reduzierte Kritik, die Butler in Deutschland widerfuhr. Die „Antideutschen“ scheinen in dieser Hinsicht nicht unbedingt eine Ausnahme zu bilden.

  13. 13 NewNoise 07. Dezember 2012 um 19:47 Uhr

    …Kants erkenntnistheoretische Argumente darauf zu reduzieren, dass sie auf ein System hinauswollten, und zu behaupten, dass sie außerhalb dieses Systems aufhörten, relevant zu sein.

    Das ist Kanntianismus zum Neukantianismus eingedampft: Das sei nur Erkentnistheorie und in dieser habe Kant uns nur zeigen können, daß man das Ding an sich nicht schauen könne. Aus einem Nicht-Schauen-Können machen Butler und – wie Samir das nannte – ihre Internet-Epigonen dann ein Nicht-Vorhanden-Sein. Was Leute wie rhizom nicht verstehen wollen ist der Systemcharakter; nicht das Hermetische und nicht Eingreifbare ist das Argument, auf das der richtige Hinweis, das sei der Versuch eines Systems, zielt (also hat Samir wohl doch ein Argument gebracht, wozu sonst ganz verschämt als „PS“ getarnter Nachschub, der korrigierend nachgeschoben werden muss, sonst hätte man ja nicht das letzte Wort in einer Internetkommentarspalte), sondern der Bezug der Kategorien aufeinander. Die hier so ‚bescheidwisserisch‘ (…nannte das ganz richtig weiter oben jemand) gedroppte „kopernikanische Wende“ zielt eben nicht nur auf das „nicht Schauen können des Objektiven“, sondern auf die Rettung des Objektiven durch das Subjektive. Und die Vermittlungsleistung als System von Kategorien ist hier die Leistung, nicht eine herausgeklaubte Kategorie als Glaubennssatz („das Objektive mag sein, was es will, können wir nicht schauen“)*. Und in dieser Vermittlung gibt es dann dummerweise noch jene vier Antinomien, die das ganze als sehr brüchig, aber notwendig darstellen lassen. Also mal nicht so auftrumpfend hier Butler als orthodoxe Kantianerin hinstellen, das kann ganz schön nach hinten losgehen. Ach, iwo, wenn man das ganze nur als Rhizom versteht (im doppelten Sinne: Als Begriff von Deleuze und als ‚manischer Internetkommentator‘), dann kann man das ganze natürlich miteinander verwursten, wie man will, und diese „Vermischung“ (rhizom) auch noch allen Ernstes als „anknüpfen an die Kantischeh Fragestellung“ ausgeben.
    *) Dazu hat Ernst dankbarerweise ja schon etwas geschrieben, dem ich mich nur anschließen kann. Ich hoffe, seine Mühe wird nicht durch ein paar ‚bescheidwissende‘ Phrasen im Habitus des „lässig abgeklärten“ des kommentierenden „poststrukturalistische[n] Modell[s] der Wissensorganisation und Weltbeschreibung“ (wikipedia zu Rhizom) beiseite gewischt (um danach ironischerweise ausholend und geschwätzig zu ‚widerlegen‘, um danach noch schnell was zu ergänzen, was man im ausholenden Beitrag vergessen hat, um danach noch schnell einen Kommentar zu irgendwas anderem nachzuschieben, um danach…um danach).

  14. 14 rhizom 07. Dezember 2012 um 19:55 Uhr

    Ernst, das ist ein sehr guter Beitrag, der sich vor allem wohltuend von dem machistischen Denunziations- und Dominanzgehabe der oben verlinkten Referenten (und anschließenden Kommentatoren) unterscheidet, die eine sachliche, d.h. auf der Basis von Argumenten geführte Auseinandersetzung mit einer feministischen Denkerin offenbar für überflüssig halten oder kaschieren wollen, dass sie dazu einfach nicht imstande sind.

  15. 15 NewNoise 07. Dezember 2012 um 20:12 Uhr

    Das war der lässig abgeklärte Beitrag, nun warten wir gespannt auf den, in dem ausgeholt wird. BTW: Das „machistische Denunziations- und Dominanzgehabe“ (das habe ich mir bei dir abgeguckt, da bin ich ganz Adornit: Autoritäres Bescheidwissen von oben herab mit Autorität bekämpfen) bezieht sich nicht auf das feministische des Denkens, sondern auf das post- und damit anti-feministische. Das Denken Butlers verstellt geradezu feministische Gesellschaftskritik. Das ist der Vorwurf (wie auch in den obig verlinkten Referaten) und nicht die unterstellte Pathologisierung des „Schwanz rausholen wollens“. Woher soll ich diesen denn nehmen, wenn er mir doch fehlt? Soll ich mir, wie im kontrasexuellen Manifest vorgeschlagen, einfach irgendwas dildomäßiges nehmen? Ich könnte das Photo dann hier verlinken, falls Interesse besteht (die voyeuristische Forderung, versteckt in der Anspielung, der Gegenüber wolle die Hosen herunterlassen, legt das nahe).

  16. 16 rhizom 07. Dezember 2012 um 20:33 Uhr

    Du erwartest nicht ernsthaft, dass ich mich mit dir auseinandersetze, tust du?

  17. 17 Ernst 07. Dezember 2012 um 20:51 Uhr

    Einen Punkt habe ich noch vergessen. Der Nachweis, dass der postmoderne Diskursreduktionismus im Grunde idealistisch ist, spielt als Argument für den Feminismus m.E. keine Rolle, weil er Anatomie und körperliches Natursubstrat leugnet, sondern allenfalls deshalb, weil damit Gesellschaft als Totalität von durch Produktionsverhältnisse strukturierten (auch) materiellen Lebensvollzügen undenkbar und stattdessen auf Sprechakte, Performativität, Sprachspiele, symbolische Resignifikationen – und wie der entsprechende Jargon sonst noch so lautet – heruntergebracht wird. Für Gesellschaftskritik ist das tatsächlich verheerend.

    Noch ein paar Literaturhinweise, ergänzend zu meinem Kommentar.

    Adorno, Zu Subjekt und Objekt findet sich in den gesammelten Schriften, Bd 10.2.

    Einige Ausführungen zu Kant finden sich auch in der Dialektik der Aufklärung, zu Beginn des Moral-Exkurses.

    In der Bibliothek ist mir auch einmal ein Buch (eine Dissertation?) über Kritische Theorie und Kritizismus in die Hand gefallen. Ich schätze, es gibt einen Eindruck davon, was Kantianer von Adornos Kant-Interpretation halten.

    Von Adorno gibt es noch eine Verlesungsmitschrift über die KdrV, die vielleicht auch interessant ist.

    Karl Heinz Haag, ein Schüler Horkheimers, dem Adorno seine drei Studien zu Hegel widmete, hat ein sehr lesenswertes Buch über die Geschichte der Metaphysik von Platon bis Popper geschrieben, in dem es um die Möglichkeit der Naturerkenntnis geht und Kant als „negativer Metaphysiker“ ganz gut wegkommt: Der Fortschritt in der Philosophie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1983. (DL)

    Zu Bedenken bleibt, dass die Auseinandersetzungen mit Kant in diesen Schriften zwar erkenntniskritisch interessant, aber weder in dieser Hinsicht das letzte Wort sind noch einen Beitrag zur Kritik des Androzentrismus oder der offen Misogynie Kants liefern. Auch der Zusammenhang seiner Philosophie mit Rassismus und Antisemitismus bleibt völlig im Dunkeln. Empfohlen sei dazu die Artikelserie von Daniel Späth in Exit! Nr. 8 (2011) bis 10 (2012, erscheint in Kürze).

  18. 18 Palästinenserjude 08. Dezember 2012 um 2:00 Uhr

    Wer hat denn den rhizom eigentlich gefragt? Da hat seine Mutter wohl wieder mal die Tür zum Computerzimmer nicht verschlossen, dass sich der kleine Spinner hier wieder ausheult…

  19. 19 rhizom 08. Dezember 2012 um 2:30 Uhr

    Hurra, die Pöbelantideutschen sind da! Immer wieder erstaunt, dass es euch noch gibt.

  20. 20 rhizom 08. Dezember 2012 um 5:14 Uhr

    @Ernst, ein paar kleine Einwände noch:

    Die Welt wird zum zusammenhangs- und sinnlosen, entqualifizierten Substrat […]

    Reden wir über die Welt oder die Natur? Die Natur IST zusammenhangs- und sinnloses, entqualifiziertes Substrat. Und ganz bestimmt enthält sie keine Kategorien, wie etwa die des Geschlechtes. Man muss sich schon mal angucken, über was man spricht. Die Hegelsche Wendung gegen Kant, die Adorno in seinem Büchlein nachvollzieht, ergibt halt nur Sinn, wenn wir es mit der Welt als einem vorverstandenen sozialen Ganzen zu tun haben. Für die Welt der Quarks und Chromosomen trifft das kategorisch nicht zu. Deswegen der Satz von Judith Butler: Sex (Körpergeschlecht) ist immer schon Gender (soziales Geschlecht).

    Daraus den Schluss zu ziehen, dass es eine Naturkomponente in dem ganzen nicht gibt, ist aber ein falscher Schritt hinter Kant zurück […]

    Die Frage ist, wer das wo behauptet hat. Dass Butler gesagt hätte, dass sich die sozialen Einschreibungen nicht an physischen Gegebenheiten vollziehen, wäre mir neu. Der Körper unabhängig von seiner sozialen Einordnung z.B. als Mann oder Frau ist aber tatsächlich erst mal nur: ein sinn- und zusammenhangsloses „Material“. Dass seine Kategorisierung als männlich oder weiblich, z.B. im Rahmen der amtlichen Feststellung des Geschlechts bei der Geburt, die ja durchaus immer wieder Schwierigkeiten aufwirft, keine performative Handlung sei, d.h. kein zeremonieller Akt à la: „Hiermit erkläre ich euch zu Mann und Frau!“, ist eben die Lüge, auf die diese Leute nicht verzichten können. Und mit diesem aggressiv verteidigten Denkfehler kann es keine philosophischen Kompromisse geben.

  21. 21 Blogger 08. Dezember 2012 um 7:09 Uhr

    Ich finde NewNoise soll sich bei Rhizom entschuldigen. Dann kann auch Gras über die Sache wachsen.

  22. 22 rhizom 08. Dezember 2012 um 9:42 Uhr

    Ich mein, das zieht sich halt sowohl durch die ganzen Referate wie auch durch die daran anschließenden Kommentare: die Leute hantieren nicht mit logischen Argumenten, sondern mit Formen der Verächtlichmachung und persönlichen Herabsetzung. Das liegt vielleicht daran, dass sie bei den Frankfurtern nie gelernt haben, zwischen normativen und Wahrheitsurteilen zu unterscheiden. Es ist ja eine Sache, an Butler zu kritisieren, dass sie Philosophie und historische Gesellschaftsanalyse nicht miteinander in Verbindung bringt. Das ist sicher eine schöne normative Vorstellung; etwas ganz anderes ist es, sie daran der Unwahrheit zu überführen.

  23. 23 rhizom 08. Dezember 2012 um 16:15 Uhr

    Grade auch noch mal einen kurzen Blick in das letzte Kapitel von Gender Trouble geworfen: Die dort angenommene begriffliche Fertigung und Materialisierung von Körpern, welche dem Vorwurf der Referenten zugrundeliegt, bei Butler handle es sich um „Idealismus“, bezieht sich auf die feministische Kritik, den Körper nur als passive Einschreibfläche der Kultur zu behandeln (wie etwa in Aristoteles‘ vergeschlechtlichender Unterscheidung zwischen männlicher Form und weiblicher Substanz, die er in seinem Werk über die Fortpflanzung der Tiere entwickelt). Demgegenüber hält sie fest, dass der Körper nicht ein bloßes Gegenüber der Kultur darstellt, sondern dass schon das, was einen Körper definiert, was ihn nach außen unterscheidet und nach innen strukturiert, ein Effekt kultureller Grenzziehungen ist.

    Und nur in diesem Sinne werden Körper begrifflich hergestellt, etwa dergestalt, dass die Deutung des Anus als bloßer Ausscheidungsort oder als ein weiteres Geschlechtsorgan eine Frage ist, die nicht in der Biologie, sondern in der Kultur ruht; ob ein Körper durch anatomische Zuweisungen heterosexualisiert oder als eine Quelle erweiterter Lüste angenommmen wird. Man denke etwa an die arabische Medizin und ihre Sicht auf den Anus, wenn sie die (unerwünschte) Vorliebe von Männern für passiven Geschlechtsverkehr erklärt. Die arabische Medizin sieht in ihrer Erörterung der männlichen Anatomie den Anus von Anfang an als mit dem Penis durch einen sich verzweigenden Nerv verbunden und deduziert die Präferenz für aktiven oder passiven Geschlechtsverkehr aus der je unterschiedlichen Dominanz eines dieser beiden Nervenzweige.

    Fertigung und Materialisierung des Körpers durch den Begriff: das ist nicht, wie die Referenten unterstellen, im Sinne eines idealistischen „Schöpfungsakts“ gemeint, gerade so als würde ein Ding aus dem Nichts entstehen, wenn ich nur den Begriff ausspreche. Indem sie diese abstruse Vorstellung von Butler unter die Leute bringen, ernten sie aber die von ihnen erwünschten Reaktionen: „Schaut euch nur diese verrückten Feministinnen an!“ – „Wie blöd sind die denn?“ – „Hahahaha!“ – „Naja, Frauen, können halt nicht logisch denken.“ – „Klar, deswegen sitzen vorne auf dem Podium auch drei Männer und keine einzige Frau.“ – „Sogar für das Thema Geschlecht sind sie zu doof!“

  24. 24 Logarithmus 10. Dezember 2012 um 14:56 Uhr

    Das liegt vielleicht daran, dass sie bei den Frankfurtern nie gelernt haben, zwischen normativen und Wahrheitsurteilen zu unterscheiden. Es ist ja eine Sache, an Butler zu kritisieren, dass sie Philosophie und historische Gesellschaftsanalyse nicht miteinander in Verbindung bringt. Das ist sicher eine schöne normative Vorstellung; etwas ganz anderes ist es, sie daran der Unwahrheit zu überführen.

    Ich denke, was auch immer man davon halten mag, ist das Gegenteil der Fall: Bei den Frankfurtern hat man nicht etwas nicht/nie gelernt, sondern, anders herum, gerade gelernt, dass normative und Wahrheitsurteile nicht schlechthin voneinander zu trennen sind.

  25. 25 rhizom 10. Dezember 2012 um 19:32 Uhr

    Achja. Und kannst du das logisch auch begründen? Oder gilt das einfach normativ, und jede Nachfrage ist barbarisch?

  26. 26 Ernst 10. Dezember 2012 um 23:40 Uhr

    Die Natur IST zusammenhangs- und sinnloses, entqualifiziertes Substrat.

    Hier unterläufst du M.E. deinen eigenen Kantianismus. Woher möchtest du wissen, dass das Ding an sich keine eigene Struktur, die Natur keine Qualitäten und keinen Zusammenhang hat? Sicher, es wäre naiv anzunehmen, sie gehe in dem auf, was wir theoretisch (bspw. klassifikatorisch-taxonomisch) wie praktisch (Naturbeherrschung) aus ihr machen. Die gegenteilige Annahme impliziert jedoch nicht unbedingt jene unterstellte Qualitätslosigkeit, sondern kann genauso gut zu dem Gedanken einer kategorial verschiedenen Eigenqualität und Eigenstruktur der Natur führen, die allerdings bloß negativ benennbar ist. (K. H. Haag spricht von „intelligiblem Ansichsein“.)

    Die Hegelsche Wendung gegen Kant, die Adorno tatsächlich in seinen soziologischen Schriften nachvollzieht, ist richtig, wo sie sich auf Gesellschaft bezieht. Hier kommt uns die Wirklichkeit in der Tat schon kategorial geformt entgegen – in Gestalt der Wertform (die Adorno bekanntermaßen auf den Tausch reduziert). Darin sieht er, wenn ich ihn recht verstanden habe, den Grund, warum der Nominalismus falsch ist, warum Begriffe (das „kategoriale Koordinatenkreuz“) nicht beliebig gewählt werden können. Selbstverständlich trifft das nicht in derselben Weise für die Natur zu.

    Ich denke, dass die Kategorien von Geschlecht und Sexualität auf einer anderen Ebene liegen als jene, die Kant im Sinn hatte. Was sich den Kantischen Kategorien nicht fügt, können wir gar nicht wahrnehmen. Dagegen macht die Existenz sogenannter intersexueller Kinder, die mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen geboren werden, doch deutlich, dass unsere Kategorie der Zweigeschlechtlichkeit nicht immer (scheinbar reibungslos) anwendbar ist (tatsächlich ist ihre Anwendung für niemanden reibungslos und gewaltfrei). Es gibt in manchen Fällen eine erfahrbare Nichtidentität von Kategorie und Körper, die bekanntlich oft genug auf die gewaltsame Angleichung des Körpers an die Kategorie hinausläuft, was wiederum voraussetzt, das dieser nicht rein diskursiv oder performativ erzeugt wird, oder?

    Keine Ahnung, ob dieser Gedanke irgendein Einwand gegen Butler oder ihre EpigonInnen ist, oder ob er nur die von Kritikern offenbar gern verbreitete Kolportage ihres Ansatzes trifft…

  27. 27 Logarithmus 12. Dezember 2012 um 2:23 Uhr

    Ach, rhizom, es mag sein, dass die obigen Pöbeleien Sie zur Schroffheit erzogen haben, aber so macht das wirklich keinen Spass, in diesem, Ihrem Bescheidwissermodus.

    BTW: Das von Ihnen erkannte Paradox ist nur ein scheinbares. Ich erspare mir die Begründung (das bietet ja doch nur mehr Fläche für Pöbelei) und verweise freundlich auf ein gerade erschienenes Buch von Gerhard Stapelfeld – „Der Geist des Widerspruchs“ – in dem auch eine kleine Vorlesungsreihe zum Zusammenhang von Erkenntnistheorie und Gesellschaftstheorie angedruckt ist.

  28. 28 rhizom 13. Dezember 2012 um 7:11 Uhr

    @Ernst: Das Argument, dass sich Naturdinge nicht beliebig konstruieren lassen, nehme ich gerne an. Aber sie lassen sich doch auf sehr unterschiedliche Weise konstruieren. Wie ich oben schon sagte: Ich kenne keine gewesene Gesellschaft, die ohne die Kategorie des Geschlechts ausgekommen wäre, noch legt Butler im Unterschied zu vielen ihrer Nach-, aber auch manchen Vordenker_innen eine Perspektive nahe, die auf die Abschaffung dieser Kategorie zielte. Worum es geht, ist, dass uns in der Geschichte variierende Konstitutionsweisen von Geschlecht begegnen und dass ein Feminismus, der die Identität Frau zur Grundlage seiner Politik macht, Gefahr läuft, durch Substanzialisierung dieser Kategorie die Möglichkeiten für Veränderungen eher einzuschränken, als sie politisch zu erweitern, und für Einzelne dabei sehr erdrückende Effekte produziert. Leslie Feinbergs Roman Stone Butch Blues (dt. „Träume in den erwachenden Morgen“) macht das u.a. am Feminismus der 70er Jahre und seinem repressiven, fast talibanartigen Umgang mit der lesbischen Butch-und-Femme-Kultur deutlich.

    Ein Buch, das diesen Gedanken als Ausdruck eines „Unbehagens am Komplizewerden des Feminismus“ für eine große Studie über die Heteronormalisierung Persiens während der Kadscharen-Zeit (1779-1925) fruchtbar macht, ist „Women With Mustaches and Men Without Beards: Gender and Sexual Anxieties of Iranian Modernity“ von Afsaneh Najmabadi (2005). Und wieder: es geht ihr nicht darum, Geschlecht als beliebig dispensierbare Kategorie aufzufassen, sondern genau zu untersuchen, was sich an Geschlechterkonstruktionen verändert, ohne den Körper auf alten Fotos, in Miniaturen und Gedichten als vorgebliche Konstante aus der Betrachtung auszuschließen. Im Gegenteil, das ist einer der interessantesten Foki überhaupt: der Körper als Ort, wo sich die Dinge am sichtbarsten verändern – nicht das trägeste, sondern das variabelste Element der ganzen Konstruktion.

  29. 29 rhizom 13. Dezember 2012 um 7:24 Uhr

    @Logarithmus: Sie argumentieren tautologisch. Wenn jemand nicht glaubte, etwas besser zu wissen, sollte er gar nicht den Mund aufmachen. Magnus Klaue glaubt, es besser als Judith Butler zu wissen. Das ist sein Recht. Aber wenn ich ihn korrigiere und auf einen Übersetzungsfehler aufmerksam mache, auf den er ganze Minuten seiner Argumentation stützt, bin ich auf einmal – und das soll etwas Schlechtes sein – ein »Besserwisser«? Ach, ich bitte Sie, lassen Sie sich doch endlich ein Argument einfallen!

  30. 30 Emilia 13. Dezember 2012 um 11:27 Uhr
  31. 31 sfr 14. Dezember 2012 um 18:08 Uhr

    In dem von Emilia verlinkten Artikel von Gruber und Kunstreich heißt es:

    Queer Theory ist vielmehr Ausdruck der Selbstzerstörungstendenz, die jedem Emanzipationsprozess innewohnt; im Vergleich zu anderen historischen Tendenzen, wie etwa der jüdischen Assimilation um die letzte Jahrhundertwende, fehlt ihr jedoch die Idee des Fortschritts. Mehr noch, in der Behauptung, dass es so etwas wie Fortschritt gar nicht geben könne, sondern einzig Verschiebungen in den Effekten der Macht, wird die Idee der Emanzipation überhaupt obsolet – und so ist es nur konsequent, in Israel als der staatgewordenen Emanzipation der Juden den Hauptfeind zu entdecken.

    Das sind wikrlich putzige Ableitungen. „Die“ Queer Theory ist also ein (selbstzerstörerischer) Emanzipationsprozess, aber ohne Fortschrittsidee – ja, wie denn nun?

    Und weiter:

    Die Beherrschung der Einzelnen durch den Diskurs ist für Butler ein unaufhebbares Moment sozialen Lebens, weshalb auch die Begriffe der Beherrschung nicht aufhebbar seien, sondern bloß anzueignen in einer Form, die sie »auf eine Zukunft hinlenkt, die mehr ermöglicht«. Gesellschaftliche Herrschaft wird zur unaufhebbaren Vorgängigkeit der Sprache bzw. des Diskurses und damit zu einem ewigen Existenzial erklärt, in das man sich einzufühlen habe: als Gemeinschaft, die sich in einem ewigen Zirkel von Erringung und Zerstörung der Benennungsmacht befinde – in einem Kampf gegen das Denken also.

    Ich wünsche gutes Gelingen dabei, den Diskurs bzw. die Ebene der Diskurse durch „das Denken“ (oder doch eher Handeln?) aufzuheben!

  32. 32 Crux 11. April 2013 um 13:22 Uhr

    Hätten wir die automatische Sprech- und Schreibmaschine Georg Klauda nicht, das ganze Netz wäre plötzlich leer und alle dächten: Huch! Warum vermisse ich gar nichts?

  33. 33 rhizom 11. April 2013 um 15:59 Uhr

    Na, Hauptsache, man hat mal wieder ein Argument, das man nicht hat, durch ein Outing oder eine Ad-hominem-Attacke ersetzt. Ich kann doch auch nichts dafür, dass euer Hirn wie Flasche leer.

  34. 34 rhizom 21. April 2013 um 17:34 Uhr

    Ich muss schon sagen, dass ich es einigermaßen befremdend finde, was Audioarchiv da einem zumutet in seiner Weigerung, Verantwortung für die Kommentare in seinem Blog zu übernehmen, und in der Bereitschaft, jedem kleinen Denunzianten-Wichser, der zwar keine Argumente, aber dafür eine umso größere Fresse hat, unmoderiert das Wort zu erteilen. Und immer noch keine Ahnung, wie sich diese Vorliebe für ein Milieu aus Stumpfheit, Blödsinn und individueller Übergriffigkeit mit der für Adorno und die Kritische Theorie versöhnen lässt.

  35. 35 Ernst 04. Juli 2013 um 0:39 Uhr

    Die Tübinger Reihe »Zur feministischen Kritik am Poststrukturalismus« wurde abgeschlossen mit einem Vortrag von Lars Quadfasel, der dem oben genannten stark ähnelt.

    Download: Vortrag (1 h, 34 MB) | Diskussion via AArchiv(0:57 h, 33 MB)

    Karina Korecky hat eine minimal modifizierte Fassung ihres Butler-Vortrags am 8. März 2013 in Augsburg gehalten. Am Anfang äußert sie sich zur Adornopreis-Debatte.

    Download: Vortrag via AArchiv (1:06 h, 90 MB)

  1. 1 Feministische Theorie im Frühling « Audioarchiv Pingback am 15. Oktober 2013 um 19:06 Uhr

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


drei × = fünfzehn