Elemente des Poststrukturalismus und seiner Kritik

Das sicherste Erkennungsmerkmal von Poststrukturalist_innen ist ihr Insistieren darauf, dass es den Poststrukturalismus gar nicht gebe. Mit ihrer redundanten Betonung des Vielfältigen, Kontingenten, Differenten und Flüchtigen verbinden sie den Anspruch, ein vereinheitlichendes Denken zu überwinden, das im Vollzug seines Universalitäts- und Objektivitätsanspruchs dem Einzelnen Gewalt antue. Diese Stoßrichtung lässt es plausibel erscheinen, den Poststrukturalismus in die Nähe kritischer Gesellschaftstheorie zu rücken, welche ebenfalls Identitätszwang und Rationalität als Resultate wie auch als Triebfedern einer historischen Entwicklung problematisiert, die in Gestalt der Shoah die schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte ermöglicht hat. Grund genug, einen weiteren1 Blick auf dieses Denken zu werfen und auf seine Eigenarten, die es trotz scheinbarer oder tatsächlicher Übereinstimmungen von kritisch-dialektischer Theorie trennen.

1. Poststrukturalismusmen: Einführung von Gesa Mayer und Christian Schütze

Die Weigerung, poststrukturalistische Theoretiker_innen als Vertreter_innen des vermeintlich homogenen Poststrukturalismus zu präsentieren, bildet auch den Ausgangspunkt von Gesa Mayer und Christian Schütze, die als Kenner_innen und Sympathisant_innen der französischen Philosophie in Hamburg eingeladen waren, die Intros-Reihe mit einer Einführung zu dieser Strömung fortzusetzen. Sie widmeten sich jeweils überblicksweise poststrukturalistischen Denkern und den jeweils möglichen politischen Anschlüsse an deren Theorien (siehe Ankündigungstext unten). Auf die stinklangweiligen Thesen zu »post-autonomen Politiken«, mit denen der Vortrag endete, folgte eine wenig zielführende Diskussion, die wie üblich ebenfalls dokumentiert ist. Wie es sich gehört, waren Adorniten anwesend, die teils lediglich identitär motiviert, teils aber auch mit durchaus treffenden Einwänden (unter ihnen Roger Behrens), Kritik am Vorgetragenen äußerten. Zu einer richtigen Auseinandersetzung z.B. über das Verhältnis von Diskursanalyse und Ideologiekritik kam es ebenso wenig wie zu einer Diskussion über die Differenz von Dialektik und Dekonstruktion. Interessant fand ich allerdings eine Wortmeldung, in der der »antideutschen« PoMo-Kritik über regelrecht peinliche Unkenntnis ihres Kritikgegenstands hinaus eine unbemerkte inhaltliche Übereinstimmung mit Habermas vorgeworfen wurde (Ausschnitt siehe unten). Was den Vortrag betrifft, ist der in ihm gegebene Überblick recht brauchbar. Zumindest bin ich mir jetzt sicher, dass eine Beschäftigung mit Deleuze/Guattari sich weit weniger lohnt als eine mit Foucault.

DEN Poststrukturalismus gibt es nicht – wohl aber diverse, z.T. sehr unterschiedliche Theorieperspektiven, die als „poststrukturalistisch“ bezeichnet werden. Bei all ihrer Heterogenität ist den meisten Poststrukturalismen gemeinsam, dass sie die wirklichkeitserschaffende Kraft der Sprache betonen und sich besonders für Brüche und Diskontinuitäten (z.B. in Geschichte, Diskursen und Subjekten) interessieren.
In unserem Vortrag möchten wir die Ansätze der einflussreichen Poststrukturalisten* Michel Foucault, Jacques Derrida und Gilles Deleuze/Félix Guattari vorstellen und aufzeigen, welche Anknüpfungspunkte und Potenziale sie für linke Politiken bieten:

  • Welche Perspektiven eröffnet Foucaults kritische Analytik der Produktivität von Macht-Wissen im Vergleich zu Ideologiekritik und Repressionshypothesen? Wozu dient eine Lokalisierung von Techniken der (Selbst-)Regierung auch jenseits von staatlicher Herrschaft?
  • Wie lässt sich eine Subversion hierarchischer Gegensätze wie Männlich-Weiblich, Hetero-Homo, Gesund-Krank mit Derridas Konzept der Dekonstruktion betreiben? Welchen Beitrag leistet sein Begriff der Iterabilität zur Bestimmung der Möglichkeiten von (Un-)Doing Gender und aneignender Resignifizierung diskriminierender Sprache?
  • Wie kommt Deleuzes und Guattaris Theorie der De- und Re-Territorialisierung in post-operaistischen Konzepten wie denen der Multitude und des Empire zum Tragen? Welche Rolle spielt ihr Begriff des Begehrens für die Erfindung neuer Formen der Vernetzung und der Dissidenz?
  • Und: Was sind post-autonome Politiken?

Gesa Mayer promoviert in Soziologie an der Universität Hamburg zur Wirkungsmächtigkeit und Dekonstruktion der Monogamie-Norm.
Christian Schütze promoviert in Philosophie an der Freien Universität Berlin zur aneignenden Resignifizierung diskriminierender Sprache.

Hamburg, 7. Februar 2013.

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2. Roger Behrens mit einigen Bemerkungen zur poststrukturalistischen Theoriemode am Beispiel von Gilles Deleuze

In der Ausgabe der Freibaduniversität vom August 2007 geht Roger Behrens u.a. dem Umstand nach, dass Deleuze und andere Poststrukturalisten, bei denen der Begriff des Subjekts (und sei es als dekonstruierter) ja durchaus zentral ist, hinter die klassischen Subjekt-Philosophien von Kant, Hegel, Marx auf die rationalistisch-mechanistische Philosophie der Barockzeit (Spinoza, Leibniz) zurückgehen. Nach einigen Exkursen u.a. in die Musik diagnostiziert er Deleuze Idealismus, Geschichtslosigkeit und eine Ontologie der Differenz.

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3. La douce France? Birte Hewera über Jean Amérys zweite geistige Heimat zwischen Revolution und ewigem Stillstand

Birte Hewera geht in ihrem, der Thematik nach keineswegs neuen2, Vortrag der Strukturalismuskritik Jean Amérys nach, in ein paar Punkten aber auch über diese hinaus, indem sie Zitate anderer Kritiker des (Post-)Strukturalismus einarbeitet (z. B. François Dosse, Manfred Frank, Alfred Schmidt). Im Mittelpunkt steht, neben Lévi-Strauss, Foucault, der, Améry folgend, dem Strukturalismus zugeschlagen wird. Die von Améry geltend gemachte Gegenposition, der Sartresche Existentialsmus, mag als konterfaktische Restitution des bürgerlichen Humanismus, zumal nach der Liquidation des Individuums, fragwürdig sein. Einige seiner Aspekte, etwa der Anspruch, die – in letzter Instanz auch immer leibliche – (Leidens-)Erfahrung der Einzelnen in die Gesellschaftskritik vermittelnd aufzunehmen, erscheinen mir jedoch kompatibel mit einer kritischen Theorie im Anschluss an Adorno. Darüber hinaus formuliert Hewera eine interessante, wenn auch knappe, Kritik an Foucaults Diskursanlyse, welche zwar als Historisierung von Wissensformen auftritt, aber keinen Begriff von Geschichte mitbringt, der eine Ableitung und damit eine Erklärung der verschiedenen »Episteme« und ihres Übergangs ineinander ermöglichen würde.

1966 prognostiziert Michel Foucault, „daß der Mensch verschwindet wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand“. Dass dieser Satz keine Empörung erregt, sondern von einer breiten Anhängerschaft geteilt wird, zeigt, dass sich die von Améry befürchtete Tendenzwende in Frankreich – und nicht nur dort – vollzogen hat: nämlich die Ablösung Sartres, der seit der Nachkriegszeit die intellektuelle Szene Frankreichs geprägt hatte, durch den Strukturalismus. Diese historische Entwicklung, sowie die inhaltliche Bestimmung des Strukturalismus gilt es nachzuvollziehen. Die Bedeutung Jean Amérys ist in diesem Kontext kaum zu überschätzen: Améry ist einer der ersten, die sich in deutscher Sprache einer Kritik am Strukturalismus widmen, lange bevor dieser in Deutschland überhaupt zu großer Bedeutung gelangt. Seine Kritik holt zurück, was der Strukturalismus verleugnet, nämlich die prekäre Leiblichkeit des Menschen. Nicht zuletzt gilt es zu fragen, warum gerade die Linke den Strukturalismus, der doch dem Individuum keinen nennenswerten Platz mehr beimisst, aufgreift und vorantreibt.

Mitschnitt vom 29. Januar 2013 in der Reihe „Philosophische Gespräche“.
Eine Veranstaltung des Helle Panke e. V. in Kooperation mit dem Institut für Sozialtheorie Bochum e. V.

Birte Hewera ist Mitarbeiterin an der Arbeitsstelle Kommunikationsgeschichte/Medienkulturen an der FU Berlin und arbeitet an einem Promotionsprojekt zu Jean Améry. [via]

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  1. Siehe z. B. die Beiträge zur feministischen Kritik am Poststrukturalismus, zum The­men­kom­plex Post­mo­der­ne, Se­xua­li­tät, Kör­per sowie Roswitha Scholz‘ These vom Abstraktionstabu im poststrukturalistisch dominierten Feminismus heute. »Antideutsche« Kritiken postmodernen Denkens finden sich in Beiträgen von Manfred Dahlmann und Alex Gruber.
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  2. Vgl. ihre Vortragsmitschnitte aus Halle und Berlin. [zurück]
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42 Antworten auf “Elemente des Poststrukturalismus und seiner Kritik”


  1. 1 Ernst 25. März 2013 um 13:01 Uhr

    Rhizom hat einen kurzen Ausschnitt aus der Diskussion erstellt, der auch jenen oben erwähnten Antideutsch=Habermas-Beitrag enthält.

    Wer eine, verglichen mit der »antideutschen« PoMo-Kritik, differenziertere Auseinandersetzung mit Foucault, Hardt/Negri und Agamben aus einer Perspektive sucht, die an der Kritischen Theorie orientiert ist, der oder dem sei der Band von den röteln (Hg.) empfohlen: »Das Leben lebt nicht«. Postmoderne Subjektivität und der Drang zur Biopolitik. Berlin, 2006. (Beiträge von Andrea Trumann, JustIn Monday, Felicita Reuschling, Andreas Benl)

  2. 2 rhizom 25. März 2013 um 20:17 Uhr

    Ich finde es etwas überheblich, die Kritische Theorie mit „kritischer Gesellschaftstheorie“ gleichzusetzen. Man kann diese auch völlig ohne Bezugnahme auf jene betreiben. Der Marxismus wäre da so ein Beispiel. Der Marxismus, mit dem die Kritische Theorie nicht viel zu tun hat.

  3. 3 Ernst 25. März 2013 um 21:14 Uhr

    Ich bin mir nicht sicher, ob oder wo ich das tue, aber wenn du dich auf den Abschnitt vor Punkt 1 beziehst: Wo von »kritischer Gesellschaftstheorie« die Rede ist, könnte präziser wirklich von »der Kritischen Theorie« gesprochen werden. Man kann aber den darauf folgenden Relativsatz auch als Spezifikation des Ansatzes verstehen, in dessen Nähe der Poststrukturalismus gerückt wird.

    Eine Diskussion darüber, was du unter »Marxismus« verstehst, wie viel davon in Adornos Denken steckt und welche Anteile des letzteren wiederum jedweder Marxismus nach der Shoah in sich aufnehmen muss, möchte ich indes nicht führen.

  4. 4 rhizom 25. März 2013 um 21:40 Uhr

    Schade, das hätte mich ja schon mal interessiert, warum die Schoah nun ausgerechnet zur Folge haben sollte, dass der Marxismus Anteile der Kritischen Theorie aufnehmen … ja, du schreibst allen Ernstes: MUSS. Nicht nur dass sich auch ganze andere Theorietradionen mit der Schoah befassen, wie etwa die postmoderne (aber keineswegs poststrukturalistische) Soziologie Zygmunt Baumans. Nein, ob ich etwas aufnehme, hängt auch heute noch schlicht und einfach davon ab, ob ich es für wahr halte. Zur Kritik des Marxismus an den Denkfehlern der Kritischen Theorie siehe aber hier: http://archive.org/details/DeckerKritTheorieBerlin2005

  5. 5 ralf 27. März 2013 um 0:33 Uhr

    „In­ter­es­sant fand ich al­ler­dings eine Wort­mel­dung, in der der »an­ti­deut­schen« Po­Mo-​Kri­tik über re­gel­recht pein­li­che Un­kennt­nis ihres Kri­tik­ge­gen­stands hin­aus eine un­be­merk­te in­halt­li­che Über­ein­stim­mung mit Ha­ber­mas vor­ge­wor­fen wurde.“

    Das ist ja eine unglaublich interessante und völlig unbegründete Behauptung.

  6. 6 ralf 27. März 2013 um 0:34 Uhr

    Genau genommen sind es sogar zwei unbegründete Behauptungen.

  7. 7 gaia 27. März 2013 um 3:30 Uhr

    Die Antwort gegen die anti-deutsche Poststrukturalismus-Kritik trifft ziemlich genau: Weil einmal prägnant benannt wird, dass diese Strömung es nicht schafft, wahrscheinlich noch nicht einmal den Anspruch hat, den zu analysierenden Gegenstand in seinen Widersprüchen zu entfalten. Stattdessen werden Strohpuppen aufgebaut, die dann vor einem treuen Publikum angezündet werden können. Ticket um Ticket wird dabei eingelöst und man fühlt sich super behaglich im eigenen Kreis, während alles, was sich außerhalb dieses Kreises bewegt systematisch verleumdet wird. O-Ton: „Die postmoderne Philosophie ist nichts anderes als das Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie.“ Im Grunde wird das nicht aufgearbeitet K-Gruppen-Engagement oder die linksradikale Jugend mit umgedrehten Vorzeichen perpetuiert; man schlägt blindlings um sich, verdrängt dialektisches Bewusstsein und bleibt gerade dadurch paradoxerweise so attraktiv. Der Unterschied zwischen Anti-Deutschen und Bewegungslinken ist demnach, dass erstere ihre Verkürzungen im Gewand von kritischer Theorie praktizieren – und sie dadurch um ihr Bestes bringen: Widersprüche und die damit einhergehende Bodenlosigkeit aushalten zu können, und dennoch in dieser Bodenlosigkeit einen Standpunkt zu gewinnen, der sich von Erfahrungen des Anderen immer noch berühren lässt.

  8. 8 Ich 27. März 2013 um 5:15 Uhr

    Ich will mich aber von irgendwelchen „Erfahrungen des Anderen“ nicht berühren lassen (müssen), wenn dieses „Andere“ selbst berührungsresistent ist und so einzig mein Opfer verlangt. Und selbst wenn es dies nicht wäre, will ich mir meine „Berührungspunkte“ aussuchen.

    Ich will auch keine Ethik von Leid und Opfer – keine Todesaffirmationen die mich beseelen sollen und keine im Sand verschwindenden Gesichter. Ambivalenzen, Widersprüche und Bodenlosigkeit gerne – Opfer … nöööö. Die bemerkenswerten ganz falschen polit. Urteile, auch die komische Autoaggressivität, welche irgendwann auch nach aussen wirkt, scheint wohl nicht zu stören.

    Es ist wohl nicht ganz zufällig, dass einige Post-irgendetwas Denkenden irgendwann einerseits bei Zen-Buddhismus oder ähnlichem landen und gleichzeitig die todestriebgesteuerten Hamas total klasse finden. Dass viele akademistische Epigonen Foucaults und Butlers (Klauda und Co. bspw.) wiederkehrend von Besatzungsregime Israels, den anderen Erfahrungen (pal. Narrationen) und Völkerrecht faseln, zeugt einerseits von einem Drängen zum Tod und ist deshalb auch nicht ganz zufällig. Steht doch genau hier der Überlebenswille und die erfolgreich verteidigte Lust gegen den Todestrieb.

    Es sind einfach zuviele post-irgendetwas Denkenden, die für den Weltfrieden gern den jüdischen Staat opfern würden, dabei auf die „anderen Erfahrungen“ mit den Juden rekurrieren, als dass dies nur ein Zufall wäre. Ein Blick auf das postkoloniale, postfeministische, post …. Spektakel reicht aus als Nachweis. Ist Empirie.

  9. 9 ralf 27. März 2013 um 10:09 Uhr

    @gaia: Und wieder – nichts als Behauptungen. Selbstverständlich wird die postmoderne Theorie in ihren verschiedenen Spielarten von antideutschen Kritikern in ihren Widersprüchen „entfaltet“ – nur eben nicht konstruktiv. Das, was diese Pomos von sich geben, ist einfach zu schauderhaft, als dass man „neutral“ an die Sache herangehen könnte; wer es doch tut und sich auch noch jedes politischen Urteils enthält, der muss sich den Vorwurf gefallen lassen, bei den Ungeheuerlichkeiten einer Judith Butler, eines Michel Foucault oder auch eines Giorgio Agamben zu assistieren. Also dann bitte gleich wie Georg Klauda einfach offen den eigenen Israelhass eingestehen.

  10. 10 Ernst 27. März 2013 um 14:22 Uhr

    An Gaias Einschätzung dürfte, so denke ich, ohne den Band »Gegenaufklärung« gelesen zu haben, etwas dran sein. Sogar Lars Quadfasel, dem man wohl Apologie der Hamas so wenig wie Begeisterung für den Postmodernismus vorwerfen wird, den man im Gegenteil wohl eher selbst dem »antideutschen« Spektrum zurechnen kann, hat festgestellt:

    Nirgends findet sich der Gegenstand begrifflich entfaltet, nirgends werden auch nur seine genauen Umrisse bestimmt; nirgends die Frage gestellt, auf welche politisch-ökonomische Konstellation Entstehung und Ausbreitung des Postrukturalismus verweisen – und wie es zugehen kann, dass dieser, wenn er schon Inbegriff deutscher Ideologie sein soll, ausgerechnet in Deutschland so vergleichsweise erfolglos blieb.

    Die meisten Autoren des Bandes wollten »keine Auseinandersetzung, sondern rechne[ten] auf Zuspruch: aufs ›Hört hört‹ und ›Sag es, wie es ist, Mann‹«. »Man bleibt halt gerne unter sich. Je kleiner die Runde, desto besser kann man sich schließlich bestätigen, welche große Gefahr man da aufgedeckt hat und was für ein großer Theoretiker man also sein muss.«

    Dass der Poststrukturalismus für eine Kritik des Antisemitismus, zumal in seiner aktuellen anti-israelischen Gestalt, untauglich ist und seine Anhänger_innen daher oft genug am liebsten antizionistisch gegen das »Apartheidsregime Israel« wettern, muss ebenfalls kritisiert werden (vgl. Andrea Trumann, »Deconstruct Antisemitism«. Zum unmöglichen Unterfangen in poststrukturalistischer Manier den Antisemitismus zu begreifen, im oben genannten Sammelband der röteln, sowie zur Eigenart des Antisemitismus: JustIn Monday, Ein laut schweigender Konsens). Aber auch dies muss am Gegenstand in differenzierter Weise nachgewiesen werden, ohne den (möglicherweise uneingelösten) antirassistischen Anspruch der Dekonstruktivist_innen über Bord zu werfen oder Foucault, Derrida und Agamben identitätslogisch mit Heidegger und »dem Islam« zusammenzuschmeißen, um sie alle gemeinsam als »deutsche Ideologie« das Szene-Klo runterzuspülen.

  11. 11 Ich 27. März 2013 um 17:03 Uhr

    Was für eine Art Antirassismus soll dies dann sein? Pomos okkuppieren doch alle möglichen Ansätze, Critical Whiteness, Cultural studies, Gender studies … und nun halt Kritische Theorie, um dann die Ansätze antizionistisch zu adaptieren und auch stückweit dadurch unbrauchbar zu machen. Empowerte Schwarze Queers, POC und WOC, Mädchenmannschaften und TGQ-nonabled-and-abled Persons häkeln und kochen vegan gegen den Judenstaat oder what, ein solcher Antira ist völlig regressiv.

    Bevor eine differenzierte Übernahme einzelner antirassistischer Ansprüche solcher Denke eingefordert wird, gehört, angesichts der Phänomene weltweit, erst einmal eine differenzierte Auseinandersetzung mit offensichtlich-regressiven Potential und eine fundierte, ausführliche Abgrenzung aufs Tablett.

    Bitte auch gerne ausserhalb der „dem »antideutschen« Spektrum“ zugeordneten Minilesekreise.

    Eine solche breite, fundierte Auseinandersetzung kann aber beim besten Willen nicht konstatiert werden, während post(xyz) Ideologien Unis, Az’s, Bibliotheken, Feuilletons, Theater, Film und Stammtische überschwemmen. Klar stimmt es, dass diese post(xyz) Ansätze derzeit (noch!) mehr im angloamerikanischen Raum auftreten und der Begriff „deutsche Ideologie“ deshalb komisch anmutet. Wird aber nicht mehr lange dauern, wenn ich die Zeichen richtig deute. Allerdings ist es egal, ob diese Ideologien nun „deutsch“ oder einfach nur schlecht sind.

    Ach ja … Thx für den Buchtip, ist bestellt, vielleicht findet sich darin fundiertere Kritik und eine brauchbare Abgrenzung zum Post(xyz).

    Entschuldige die affektive Schreibe, nach einem Pinkwashingworkshop in Berlin und einigen anderen Erlebnissen mit diesem elenden Milieu, ist mir nicht nach antirassistischen Gemeinsamkeiten suchen zumute. Aktuell ist ersteinmal eine klare Abgrenzung angesagt, sollen nicht „zionistische“ resp. jüdische Studierende von einem empowert queer-antirassistischen Mob über den Campus gejagt werden, wie bspw. in Berkley nach einer antizionistischen Israelboykottkampagne Butlers geschehen.

  12. 12 rhizom 27. März 2013 um 18:10 Uhr

    Schon lustig zu betrachten, wie sich hier der grelle Wahn antideutscher KT-Fans wieder unverhohlen Bahn bricht:

    Dass viele akademistische Epigonen Foucaults […] wiederkehrend von Besatzungsregime Israels, den anderen Erfahrungen (pal. Narrationen) und Völkerrecht faseln, zeugt […] von einem Drängen zum Tod und ist deshalb auch nicht ganz zufällig.

    Abgesehen davon, dass ich wirklich keine Ahnung habe, wie diese unzusammenhängenden Assoziationen im Kopf des Schreibers zu einem sinnvollen Ganzen zusammenfallen, frag ich mich, wer hier eigentlich der wahre Poststrukturalist ist: Foucault oder jemand der allen Ernstes glaubt, Sprache sei so wirklichkeitskonstitutiv, dass man die Rede von der israelischen Besatzung nur konsequent genug tabuisieren müsse, um damit auch den Gegenstand zum Verschwinden zu bringen. Interessant ist allerdings schon, dass der Autor dieser Zeilen trotz oder gerade wegen seiner kruden Vorurteile es noch nicht einmal für nötig hielt, einfach nachzuschauen, was Foucault zu Israel und den Palästinensern dachte.

    Finally, in the late 1980s, I was told by Gilles Deleuze that he and Foucault, once the closest of friends, had fallen out over the question of Palestine, Foucault expressing support for Israel, Deleuze for the Palestinians.

    Dass Foucaults Schüler Edward Said, der diese Zeilen schrieb, um sich rational zu erklären, warum Foucault ihm aus dem Weg ging, aufgrund einer inneren existenziellen Haltung im Werk seines Meisters – dem diesem angeblich inhärenten „Todestrieb“ – zum Kritiker des israelischen Besatzung geworden wäre und nicht deshalb, weil der gute Mann als palästinensischer Intellektueller am eigenen Leib erfahren hatte, was für ein zynisches und menschenverachtendes Projekt diese Besatzung ist, das ist wirklich der absolute Knüller dieser Dünnpfiff-Intellektuelleritis, bei der ich immer noch unschlüssig bin, ob ich sie bereits mit Kritischer Theorie als solcher oder erst mit ihrer antideutschen Dummbatzen-Rezeption assoziieren sollte.

  13. 13 ralf 27. März 2013 um 19:26 Uhr

    @Ernst: Genauso gut könntest Du sagen, dass Augsteins und Grass‘ Auslassungen nicht dazu geeignet sind, den Antisemitismus zu kritisieren. Das ist hirnrissig. Es geht nicht darum, dass man mit dem Poststrukturalismus den Antisemitismus nicht kritisieren kann, sondern dass dieser selbst Teil der antisemitischen Konstellation ist. Und da können seine „kritischen“ Fans noch so oft betonen, der Antizionismus sei der Philosophie Butlers eigentlich äußerlich. Das stimmt einfach nicht.

  14. 14 rhizom 27. März 2013 um 20:07 Uhr

    @Ernst: Würd mich schon mal interessieren, ob für dich Postmoderne, Poststrukturalismus und Dekonstruktion einfach verschiedene Worte für das gleiche sind oder ob es da in der Sache liegende Unterschiede gibt. Mal angenommen, Foucault wäre mit dem Begriff des Poststrukturalismus treffend charakterisiert (was ich bezweifle, da er, anders als Roland Barthes, mit den Begriffen des linguistischen Strukturalismus in der Tradition Ferdinand de Saussures wie Signifikat und Signifikant nie hantiert hat und Leuten, die darauf beharrten, ihn so zu bezeichnen, ein kleines Hirn attestierte). Aber sei’s, wie es ist: Der Mann hat sowohl Postmoderne als auch Dekonstruktion explizit attackiert. Siehe etwa seine Kritik an Derrida:

    Finally, in the very last page of his reply, Foucault tries to determine the true difference between himself and Derrida. He attacks here (without naming it) the practice of deconstruction and textual analysis, for which “there is nothing outside the text” and we are caught in the endless process of interpretation. Foucault, on the contrary, does not practice textual analysis, but analyses of DISCOURSES. He analyses “dispositifs”, formations in which texts and statements are interlinked with extra-textual mechanisms of power and control. What we have to look for are not deeper textual analyses, but the way discursive practices are combined with practices of power and domination.

    Schon lustig, dass ein Autor, dem man vorhält, er kenne kein Außen der Sprache, was einfach nur eine Verwechslung mit der Position Derridas ist, genau dies der Dekonstruktion selbst zum Vorwurf gemacht hat. Und nicht minder überraschend seine ausgerechnet an Habermas anknüpfende Opposition gegen die „Postmoderne“, ein Begriff, der innerhalb der Philosophie von François Lyotard geprägt wurde und dort vor allem die Rede vom „Ende der großen Erzählungen“ meint. Dummerweise nur grenzt sich Foucault auch davon eindrücklich ab:

    Gegen Lyotard erklärt Foucault sich „vollkommen einverstanden“ mit dem „von Habermas aufgeworfene(n) Problem: Wenn wir zum Beispiel das Werk von Kant oder Weber aufgeben, laufen wir Gefahr, der Irrationalität zu verfallen“. Stattdessen fordert Foucault, „möglichst nahe an“ der Frage nach der Beschaffenheit und Genese der Vernunft zu bleiben, „die wir benutzen“. Weit entfernt davon, zu meinen, „die Vernunft sei der Feind, den wir beseitigen müssten“, geht es Foucault um die Akzeptanz einer „Drehtür der Rationalität“, insofern selbst exemplarische Formen der Irrationalität wie jene des Rassismus sich als eine Form „strahlender Rationalität“ darstellten, in diesem Fall jener des Sozialdarwinismus.

    Absolut bizarr muss es da erscheinen, dass er Parallelen zu seinem Werk – und das ist für mich kein Lob – ausgerechnet bei der Kritischen Theorie, aber kaum je bei seinen „poststrukturalistischen“ Fellows sieht. In dem Aufsatztitel von Andrea Truman verschmilzt demgegenüber alles Französische nach Sartre zu einem Ticket. Ich finde, gleich was man von den Leuten hält, solche subsumtorischen Leistungen, bei denen inkompatible Unternehmungen, wie z.B. Foucault und „Dekonstruktion“, zu einem einzigen großen Brei verrührt werden, echt ein bisschen arm. Was sagt man denn damit anderes, als dass man keinen blassen Schimmer hat? Und genau deshalb ist „Poststrukturalismus“ ein Begriff der deutschen Halbbildung.

  15. 15 Ich 28. März 2013 um 3:39 Uhr

    Ok ich mach mir mal die Arbeit.

    Als erstes ist der Todestrieb ein (zugegeben umstrittenes aber passendes) Modell Freuds, etwas Primäres aus welchem sich Aggressions- und Destruktionstriebe gleichermaßen ableiten, als Art Gegensatz zum Lustprinzip. Freud bringt die Destruktionstriebe als Formen des Thanatos zusammen mit Kultur, hier der alte Klassiker.

    „Und nun, meine ich, ist uns der Sinn der Kulturentwicklung nicht mehr dunkel. Sie muß uns den Kampf zwischen Eros und Tod, Lebenstrieb und Destruktionstrieb zeigen, wie er sich an der Menschenart vollzieht. Dieser Kampf ist der wesentliche Inhalt des Lebens überhaupt, und darum ist die Kulturentwicklung kurzweg zu bezeichnen als der Lebenskampf der Menschenart.“
    (Freud – Das Unbehagen in der Kultur)

    Nun Zitate, was sich in Gaza Kultur schimpft, aber zu keiner lebensfreundlichen Praxis in der Lage ist. Es seien alte Menschen, Frauen und Kinder, aber auch die Mudschaheddin, die menschliche Schutzschilder bilden. Der eigene Tod sei zu einer allgemeinen Industrie geworden. „Wir begehren den Tod, wie ihr das Leben begehrt.“ (Gaza-Innenminister Fathi Hamad)

    „Von den Al-Qassam Brigaden an die zionistischen Soldaten: Die Al-Qassam Brigaden lieben den Tod mehr als ihr das Leben liebt.“ (Propagandaclip Ende 2012)

    Es gibt zig weitere solcher Ansagen, den Tod lieben und sich opfern scheint eine Art verbindendes Motto zu sein. Aggressions- und Destruktionstriebe werden hier schön sichtbar, eigene Zerstörung und das gleichzeitige Drängen zum Vernichtungsantisemitismus gehen Hand in Hand.

    Nun beschreibt bereits Sartre den Antisemitismus als Furcht vor dem Menschsein, wobei Salzborn darauf bezugnehmend schreibt, „erst die Vernichtung des letzten Menschen hätte die Umsetzung des omnipotenten Reinheitswunsches ermöglicht“.

    Nun erinnere ich an die post(*) Affirmationen des Todes, an Bilder vom verschwindenden Gesicht im Sand, an die Ethik des Leidens und des dem Anderen ausgeliefert Seins, an den zentralen Stellenwert von Tod und Leiden im Post(*). Schon Lyotards frühestes Buch (Libidinöse Ökonomie) lässt sich ähnlich deuten, als Agression und Destruktion aus dem Todestrieb stammend, nachdem er seine große Erzählung (Marxismus) verabschiedet hatte.

    Das Mantra von nicht betrauerten (nicht aufgenommenen) Opfern, die nun von uns aufgesogen werden sollten (Opfer wurden oft verzehrt). Das Gerede vom „Ich bin Du“ ist ebenfalls solch eine Destruktion und Desubjektivierung. usw… So, dies waren einige nicht ganz stringente Gedankenfetzen und vielleicht nicht ausgereift, aber damit müsste ja ein Pomo und Lyotardfan klarkommen.

  16. 16 rhizom 28. März 2013 um 4:14 Uhr

    Irgendwas scheinst du nicht ganz verstanden zu haben, wenn du mich als Pomo und Lyotardfan bezeichnest. Es geht mir darum, Foucault von der Postmoderne abzugrenzen und für das analytische Denken zu retten, wenn du verstehst, was ich meine. Dass man dafür das ein oder andere an ihm wegschneiden muss, ist für mich überhaupt kein Ding. Es bleibt für stumpfe Positivisten wie mich genug an interessanten Gedanken übrig. Ob bei der Kritischen Theorie der Versuch einer solchen Notschlachtung in gleicher Weise lohnte, ist eine interessante Frage. Es wäre immerhin ein Fortschritt gegenüber dem leeren Bauchrednertum ihrer heutigen Epigonen, deren brüllenden Wahnsinn man leider oben wieder zur Kenntnis nehmen darf.

    PS: Ich unterhalte mich über den Todestrieb genausowenig wie über Orgon-Akkumulatoren und Heilströme. Solche „Kräfte“ gehören für mich in den Bereich der Parapsychologie und Esoterik, die ich mangels überprüfbarer Datengrundlage bedauerlicherweise nicht ernst nehmen kann. Wenn ich solche irrationalen Erklärungen akzeptierte, könnte ich morgen in der Kirche wieder Kerzen anzünden oder in der Bahamas über katholische Theologie diskutieren. Daran hindern mich, so leid’s mir tut, nur die letzten paar hundert Jahre Aufklärung. Sofern ich mich aber eines Tages mal doch ins geistige Mittelalter zurückbeamen wollen sollte, sag ich dir hier gerne bescheid, buddy.

  17. 17 Ernst 28. März 2013 um 14:37 Uhr

    @rhizom:
    Mag sein, dass ich mit diesen Begriffen etwas grobschlächtig umgehe. Aber wenn ich vom »Postmodernismus« spreche, meine ich auch einen »Diskurs«, um das mal so zu nennen, in dem vieles durcheinander geht. Ich meine Leute, die etwa ständig von »sozialen Konstruktionen« oder vom »Dekonstruieren« (gar vom »Dekonstruieren von Diskursen«) sprechen, ohne etwas über den epistemologischen Status ihrer Begriffe aussagen zu können (etwas, das man in der Auseinandersetzung mit Adorno übrigens vortrefflich lernen kann); Leute, die ihrerseits Foucault oder Derrida gar nicht (richtig) gelesen haben, sondern Versatzstücke von deren Denken aus irgendwelcher Sekundär- und Tertiärliteratur bezogen haben (etwas, wovor kritisch-dialektische Ansätze genauso wenig gefeit sind); Leute, über welche sich der/die Kommentator_in »Ich« oben so schön gereizt ausgelassen hat. Es geht nicht unbedingt um angebliche Übereinstimmungen von Foucault und z.B. Derrida, sondern um das, was man in der Vermengung aus beiden und vielen weiteren gemacht hat.

    Das Durcheinander dieses »postmodernen Diskurses« hat sicherlich einiges mit den Rezeptionsgeschichten der ursprünglichen Theorien und damit verbundenen Übersetzungsprozessen zwischen dem englischen, dem französischen und dem deutschen Sprachraum zu tun. Das alles wäre natürlich aufzuarbeiten von Kritiker_innen, die nicht dümmer als die von ihrer Kritik vermeintlich oder tatsächlich Getroffenen sein möchten.

    Mit der Bezeichnung »Poststrukturalismus« präzise umgehen zu wollen, halte ich auch deshalb für ziemlich müßig, weil die Vorsilbe »Post-« ja bereits anzeigt, dass damit nichts wirklich Einheitliches, sondern eher ein diffuses Zerfallsprodukt gemeint ist, dessen Einheit allenfalls eine negative ist in dem Sinn, dass sich alle »Poststrukuralisten« vom Strukturalismus (nicht nur dem linguistischen, sondern auch dem ethnologischen Lévi-Strauss‘!) abgesetzt haben, ohne dessen Stoßrichtung gegen den subjektemphatischen Existentialismus aufzugeben. Ja, da gibt es »in der Sache liegende Unterschiede«. Aber die muss man erst einmal ausgraben.

    In Trumanns Aufsatz geht es übrigens kurz um Foucaults Rassismusbegriff bzw. Bio-Politik und dann um Agambens Anknüpfung an dieses Konzept in Homo sacer. Wenn du meinst, dass die Unfähigkeit Agambens, die Eigenart des Antisemitismus zu erfassen, nichts ist, das mit Foucaults Vorarbeit und dem Poststrukturalismus im Allgemeinen zu tun hat, nenne mir doch bitte eine Stelle, an der Foucault oder einer seiner Adept_innen etwas Richtiges über Antisemitismus und dessen Differenz zum Rassismus sagt!

    Angesichts der Art und Weise, wie du mit Adorno und Freud umgehst (und erst recht den »Antideutschen«, bei denen du auch keine Unterschiede erkennen möchtest), sehe ich keine Notwendigkeit meine (ohnehin eingeschränkte) Pauschalität im Urteil über das im weitesten Sinne »postmoderne« Denken weiter zu revidieren, zumal ich oben 1. Foucault schon zugestanden habe, dass eine Auseinandersetzung mit ihm lohnt, und ich mich 2. bereits gegen die identitätslogischen Fragwürdigkeiten der »antideutschen« Pomo-Kritik ausgesprochen habe, womit der Band Gegenaufklärung und sein assoziatives Foucault=Derrida=Heidegger=Hamas-Verfahren gemeint sind im Unterschied zum Ansatz der »röteln«, die kritisieren, was bei Agamben, Hardt/Negri und anderen aus Foucaults Kritik der Bio-Macht/Bio-Politik geworden ist. Darüber hinaus vergeht mir jede Lust, meine Zeit auf eine Diskussion mit dir zu verwenden, wenn ich sehe, wie du deine Blogsport-Admin-Rechte verwendest, um deine Kommentarschnellschüsse nachzubearbeiten.

    Ein Wort noch @Ralf:
    Was genau soll die »antisemitische Konstellation« sein, deren Bestandteil der Poststrukturalismus ist (und ist damit das Denken Foucaults, Derridas und Deleuzes gemeint oder was aus denen gemacht wurde?)? Die »antisemitische Konstellation« würde ich im Allgemeinen als die kapitalistisch-patriarchale Vergesellschaftungsweise und die zu ihr gehörige bgl. Subjektform bestimmen. Die gibt es aber bereits mindestens seit dem 18. Jh., weshalb der Antisemitismus ebenso wie Sexismus, Antiziganismus und Rassismus auch ein steter Begleiter der »letzten paar hundert Jahre Aufklärung« war, auf die du dich vermutlich genauso unumwunden affirmativ beziehst wie rhizom. Richtig akut – und das ist krisentheoretisch zu unterfüttern – wurde der Antisemitismus freilich erst, parallel zur Entwicklung der Rassenbiologie, seit Ende des 19. Jh., was auf den Verfall der Subjektform bzw. auf den Verlust der Handlungsfähigkeit im zunehmend krisenhaften Fortgang der kapitalistischen Entwicklung verweist, in den deren Verlauf das regressive Potential der Subjektform aktiviert wurde – wie heute wieder. Den Protagonisten des Poststrukturalismus der ersten Generation ist m.E. eher eine Verdrängung des Antisemitismus zu attestieren, als selbst manifest oder latent Antisemiten gewesen zu sein (dasselbe gilt übrigens für den Ordo-/Neoliberalismus, vgl. Stapelfeldt).

  18. 18 rhizom 28. März 2013 um 16:02 Uhr

    Wenn du meinst, dass die Unfähigkeit Agambens, die Eigenart des Antisemitismus zu erfassen, nichts ist, dass mit Foucaults Vorarbeit und dem Poststrukturalismus im Allgemeinen zu tun hat, nenne mir doch bitte eine Stelle, an der Foucault oder einer seiner Adept_innen etwas Richtiges über Antisemitismus und dessen Differenz zum Rassismus sagt!

    Es zum Qualitätsmerkmal von Foucault zu machen, ob er etwas Richtiges über Antisemitismus (und die von dir hier behauptete Differenz zum Rassismus) sagt, ist, wie wenn ich es zum Qualitätsmerkmal von Adorno machen würde, dass er etwas Richtiges über Homophobie, oder zum Qualitätsmerkmal von Marx, dass er etwas Richtiges über Sexismus gesagt hätte. Dahinter steckt meines Erachtens eine Auffassung, die aus spezifischen Theorien Weltanschauungen destillieren möchten, von denen man aus irgendeinem Grund erwartet, dass sie auch völlig jenseits der von ihnen untersuchten Gegenstände Zutreffendes auszusagen vermöchten; dass also ihre Theorie gar nicht die Rekonstruktion einer bestimmten Sache, sondern eine ontologische Beschreibung der Welt an und für sich wäre. Mit dem Anspruch an jemanden heranzutreten, muss zu Enttäuschungen führen. Deswegen sollte man vielleicht erst mal seine Erwartungshaltungen überprüfen. Nein, Adorno hat genausowenig etwas Spannendes zu Homophobie zu sagen gehabt wie Foucault über die KdPÖ oder Marx über den britischen Kolonialismus. Diese Gegenstände haben sie sich aber auch gar nicht eingehend vorgenommen, und es wäre etwas unfair, sie ausgerechnet daran messen zu wollen. Man kann einen Essay über Adornos dumpfe Homophobie oder antislawischen Rassismus bei Marx schreiben, ein Urteil über die wirklichen Gegenstände ihres Denkens ist das nicht.

    Im Übrigen: wohin dein Vorwurf zielt, dass ich meine Kommentare editiere, weiß ich nicht. Adminrechte über die Inhalte deines Blogs hab ich jedenfalls nicht. Ich benutze dieselbe Editierfunktion, die auch allen anderen nach dem Einreichen ihres Kommentars zur Verfügung steht. Ich kann aber weder deine noch irgendwelche anderen Kommentare verändern. Wie ich meine Kommentare korrigiere oder aus Selbstzweifel umschreibe, halte ich dann aber immer noch für meine Angelegenheit.

  19. 19 rhizom 28. März 2013 um 16:34 Uhr

    sehe ich keine Notwendigkeit meine (ohnehin eingeschränkte) Pauschalität im Urteil über das im weitesten Sinne »postmoderne« Denken weiter zu revidieren

    Dazu zwingt dich auch niemand. Die einzige Frage, die sich stellt, ist, ob dein Urteil sich dann nicht einfach als Un-Sinn erweist. Nehmen wir z.B. Slavoj Žižek, der allenthalben als postmoderner Denker vorgestellt wird, dessen ganzes Werk aber selbst mit Invektiven gegen die Postmoderne angefüllt ist. Oder eben die Tatsache, dass Foucault Kant und die Moderne gegen den Zugriff postmoderner Denker wie Lyotard verteidigt hat. Wenn du mit solchen Paradoxien leben kannst, warum nicht.

  20. 20 ralf 28. März 2013 um 19:57 Uhr

    @Ernst: Ich habe den Ausdruck „antisemitische Konstellation“ verwendet, um die missverständlichere Alternative „antisemitische Internationale“ zu vermeiden, die ja immer stark nach einer Art Verschwörung klingt. So ist es natürlich nicht gemeint. Es handelt sich aber um eine globale Konstellation, in der die antijüdischen Krieger von Ideologen aus dem Westen unterstützt werden – z.B. von einer Judith Butler, die die Hamas zur Widerstandskraft verkehrt. Ich will überhaupt nicht in Abrede stellen, dass Butler (und andere) Gewalt gegen Juden und auch gegen den jüdischen Staat ablehnen mögen, aber es gibt eben Aspekte ihrer Philosophie, die sie dann doch immer wieder dazu bringen, für jene Killer in den Ring zu steigen. Und da muss man doch fragen, weshalb das so ist, anstatt einfach – wie bei Heidegger – Philosophie und Engagement auseinander zu reißen.

    Was Du zur bürgerlichen Gesellschaft und dem „Akutwerden“ des Antisemitismus schreibst, wäre gesondert zu diskutieren. Mir klingt das zu sehr nach einer Ableitung und auch nach einer Verharmlosung des vorbürgerlichen „Antisemitismus“. Zudem möchte ich in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, dass es keine direkte Linie vom Rassenantisemitismus zum Holocaust gibt, was ja auch Adorno und Horkheimer schon erkannt haben, als sie schrieben, die Deutschen seien 1933 das am wenigsten antisemitische Volk gewesen.

  21. 21 rhizom 28. März 2013 um 22:39 Uhr

    aber es gibt eben Aspekte ihrer Philosophie, die sie dann doch immer wieder dazu bringen, für jene Killer in den Ring zu steigen.

    Dann mach doch mal Butter bei die Fische und sag, was die Aspekte sind!

  22. 22 T.S. 29. März 2013 um 17:47 Uhr

    Der Witz an der ganzen Sachen ist, dass die Antideutschen doch eine völlig irrsinnige Adorno-Interpretation haben. Wer sich mit Adorno einerseits, mit „dem Pomo“ (den es ja ohnehin nicht gibt) andererseits beschäftigt hat, erkennt eigentlich mühelos, dass die philosophischen Differenzen im Detail zwar nicht zu unterschlagen sind, die grobe Stoßrichtung jedoch dieselbe ist. Deshalb muss sich Adorno in der „Negativen Dialektik“ ja zunächst von Heidegger abgrenzen – weil die Gemeinsamkeiten zu Heidegger offenkundig sind.
    Ich denke, es wäre in der ganzen Diskussion, die tatsächlich hochrelevant ist, fruchtbarer, von diesen Gemeinsamkeiten auszugehen und davon ausgehend die Unterschiede zu akzentuieren, als die Debatte anhand von vermeintlichen oder tatsächlichen politischen Stellungnahmen zu führen und sich in weltanschaulichen Bekenntnissen zu zergehen.

    Die große Frage ist schlicht nicht ob, sondern wie eine radikale Vernunft- und damit Kulturkritik an der westlichen Kultur geleistet werden kann. In diesem „wie“ unterscheiden sich die Ansätze natürlich beträchtlich, und in vielen Punkten auch die Resultate, aber es gibt doch sowas wie einen „kleinsten gemeinsamen Nenner“, von dem man ausgehen könnte.

    Wer natürlich nicht Teil dieser Linie ist, sind irgendwelche Positivisten, Rationalisten oder Marxisten alla Lukács. Bei all denen, insbesondere bei den Marxisten in dieser Tradition, gibt es natürlich die Tendenz, den wirklichen Sachfragen auszuweichen und in Fragen der politischen Parteinahme für oder gegen „den Fortschritt“ zu verwandeln. Doch das würgt die Sachfragen ob, ehe sie überhaupt entfaltet werden könnten.

    Das armselige an diesen ganzen antideutschen Publizisten ist ohnehin, dass sie so tun, als würden sie eine philosophische Debatte führen und keine politische. Ich beobachte da etwa immer wieder eine Art „Wahrheitsheroismus“. Gegen die „postmoderne Beliebigkeit“ brüstet man sich damit, wenigstens noch den Mut zu haben, „die Wahrheit“ zu denken oder ein Urteil zu fällen. Die Kritik am Wahrheitsbegriff seit Nietzsche, in deren Tradition auch Adorno steht, wird dabei einfach mal vom Tisch gewischt. Hegel hat sowas noch als „bloße Versicherung“ abgekanzelt.

    ME wäre es zunächst einmal um eine Depolitisierung der Philosophie zu tun. Erst dann könnte sie ihr kritisches Potential voll entfalten.
    (Es ist natürlich klar, dass erwähnte Publizisten gar kein Interesse daran haben können, da sie dann ja jede Anhängerschaft verlieren würden. Diese will halt Parolen, bzw. „Urteile“ und „Wahrheiten“, und keine entfalteten Gedanken.)

    Insbesondere die Beiträge von „Ich“ bestätigen eigtl nur, dass diese Leute überhaupt nicht Ernst zu nehmen sind. Adorno schreibt ja, dass es oft eine Unverschämtheit ist, wenn Leute „Ich“ sagen. Das scheint mir auch bei jenem, der sich auch noch damit brüstet, nichts weiter als ein in sich geschlossener Identitätsklotz zu sein, der Fall zu sein.

    (Schlussbemerkung: Okay, die Unterschiede zwischen Heidegger und Adorno sind wirklich sehr augenfällig. Bei Derrida etwa wird es aber schon schwieriger, da er wiederum selbst Heidegger ziemlich ähnlich wie Adorno – nämlich hegelianisch – kritisiert. Wo da genau die Differenzen liegen, ist eigtl garnicht so ohne weiteres festzunageln, außer dass Adorno weniger konsequent philosophieimmanent verfährt als Derrida. [Wofür man ihn zugleich wiederum immanent kritisieren könnte.])

  23. 23 rhizom 29. März 2013 um 20:32 Uhr

    @T.S.: Danke, ich möchte aber noch mal darauf insistieren, dass ich Foucault nicht als Philosophen lese, sondern als einen Historiker, der erstmal den Fokus auf Gegenstände legt, die bislang nicht der Betrachtung für würdig befunden wurden, wie Kliniken, Irren- und Disziplinaranstalten, die Geschichte sexueller Normalisierung oder den Neo-/Liberalismus als Regierungsweise. Es ist bezeichnend, dass sich die ganzen Foucault-Kritiker_innen wie Birte Hewera dafür überhaupt nicht interessieren, sondern sich auf wenige Stellen kaprizieren, an denen Foucault unzulässige Verallgemeinerungen vornimmt, die überhaupt nicht mehr durch konkrete Bilder und Analysen gedeckt sind. Beispiele hierfür sind etwa seine pauschalen Aussagen über „die Macht“ als etwas, das „überall ist und von überall kommt“ oder die Verkündigung vom „Tod des Subjekts“.

    Dass ausgerechnet seine schwächsten Stellen ihn als Pop-Ikone hervorbringen, ist das traurige Schicksal einer Zeit, die wieder nach Idolen als Projektionsflächen für die Phantasien der Massen sucht. Das ist letztlich ein religiöses Bedürfnis, bei dem es darum geht, dass gerade das Absurde und Unverständliche dem Jünger zum willkommenen Anlass wird, dem Propheten das »Opfer seines Intellekts« (Weber) zu bringen. Adorno ist es da nicht anders ergangen. Er ist populär gerade aufgrund der vielen unverstandenen Passagen, die dem Gläubigen so etwas wie »Transzendenz« verbürgen und die Gewissheit nähren, dass ihr Prophet im Besitz einer mystischen, d.h. dem Laien verborgenen Wahrheit sei.

    Es ist nicht ganz unwahrscheinlich, dass beide Denker im Hinblick auf ihre Popularität mit solchen irrationalen Effekten ein Stück weit auch gerechnet haben. (Man denke nur an die in analytischen Kreisen kolportierte Unterhaltung mit dem Sprachphilosophen John Searle: “Michel, you’re so clear in conversation; why is your written work so obscure?” Foucault replied, “That’s because, in order to be taken seriously by French philosophers, twenty-five percent of what you write has to be impenetrable nonsense.”) Man darf darüber aber nicht vergessen, dass es auch sachliche Gründe gibt, warum gewisse Argumente von Foucault für eine ganze Reihe subalterner Wissenschaften wie die postcolonial studies, gay & lesbian studies und z.T. auch gender studies eine paradigmatische Bedeutung erlangt haben. Diese Bedeutung hat ihr Fundament nicht in den paar obskurantistischen Phrasen, etwa vom »Tod des Subjekts«, die ihn in einem postmodernen Kulturmilieu zur leeren Ikone haben werden lassen und ihn hier unter unseren Freunden, wohl in einer Art Konkurrenzreflex auf den popkulturellen Bedeutungsverlust der Kritischen Theorie, zum verallgemeinerten Hassobjekt machen. Es hat vielmehr etwas mit der Tauglichkeit bestimmter Herangehensweisen zu tun, die sich für bestimmte Gegenstände (und nicht für andere) als tragfähig erwiesen haben.

  24. 24 Ernst 29. März 2013 um 20:38 Uhr

    @rhizom:
    Um abschließend klarzustellen: Agamben, den Trumann kritisiert, befasst sich mit dem Nationalsozialismus und verliert offenbar kein Wort über Antisemitismus. Das hat also nichts mit der (auch nur für Postivist_innen ach so freien) Wahl des Untersuchungsgegenstandes zu tun. Ob man von Theoretiker_innen mit gesellschaftskritischem Anspruch nach Auschwitz erwarten kann, Antisemitismus zu thematisieren, darüber werden wir eh keine Einigung erzielen, da du von Adornos Imperativ offenbar nichts (mehr) wissen möchtest. (Davon abgesehen, erinnere ich mich einer Klage von dir, dass Robert Kurz in den letzten Jahren nirgends den grassierenden Rassismus kritisiert habe. So einfach ist das mit der freien Themenwahl offenbar doch nicht.)

    Und eines kann ich mir auch nicht verkneifen: Wenn du von der »Notschlachtung der Kritischen Theorie« sprichst, bedarf es keiner großen psychoanalytischen Spekulation, um deine Motivation herauszulesen. Es genügt eine simple, ganz positivistische, semantische Analyse: Eine Notschlachtung nimmt man vor, wenn man die Einnahme verdorbenen Fleisches durch Menschen und die Weitergabe von Krankheitserregern verhindern möchte, auch wenn das bedeutet, eine große Zahl gesunden Viehs ebenfalls zu töten. Ein antideutscher Denunziant, wer angesichts dieser Wortwahl Böses denkt.

    (Die Editierfunktion war mir nicht mehr in Erinnerung, da ich selten Blogkommentare verfasse und auf meinem eigenen Blog natürlich bei allen Kommentaren einen Edit-Button sehe. Dem Vorwurf lag genauso wenig eine verleumderische Absicht zugrunde wie den falschen tags neulich auf deinem Blog.)

    @T.S.:
    Ich kann vielem zustimmen von dem, was du schreibst. Eine sachbezogene Diskussion der philosophischen Problematiken ohne identitäre Beißreflexe hätte einiges für sich. Ich habe nur große Zweifel, ob die Philosophie sich entpolitisieren lässt. Immerhin steckt in philosophischen Kategorien immer schon Gesellschaftliches – zumindest Adorno zufolge. Aber das ist natürlich keine Entschuldigung für das Herstellen allzu unmittelbarer Zusammenhänge in denunziatorischer Absicht.

    @ralf:
    Über den vormodernen Judenhass, den ich oben in womöglich leichtfertiger Weise unterschlagen habe, wäre ebenfalls gesondert zu diskutieren. Ableitungen sind zudem tatsächlich problematisch. Aber man bewegt sich eben immer auf einem schmalen Grat diesbzgl., wenn man Ideologien und ihre Konjunkturen gesellschaftstheoretisch erklären oder einordnen möchte.

  25. 25 rhizom 29. März 2013 um 21:08 Uhr

    @Ernst: Ich weiß gar nicht, was dein Problem ist. Wenn Theoretiker für die Analyse eines Gegenstands nicht taugen, dann sucht man sich andere. Aus diesem Grund hab ich, als ich begonnen habe, über die Geschichte von Homophobie zu schreiben, Adorno ad acta gelegt.

    Agamben hab ich hier nirgends verteidigt, und dass Foucault nichts über Antisemitismus geschrieben hätte, stimmt schlicht und einfach nicht. Es ist nur so, dass du seine Analyse für unzureichend hältst, weil er den Antisemitismus als die Speerspitze des Rassismus und nicht als etwas anderes verstand. Dieses Urteil gestehe ich dir zu, obgleich ich es nicht teile. Es ist nur eine Sache zu behaupten, dass jemand einen Gegenstand falsch beurteilt, und eine ganz andere, dass er diesen ignoriert hätte.

    Zur „Notschlachtung“: Wenn schon, dann habe ich diesen Begriff sowohl auf Foucault als auch auf Adorno bezogen, indem ich mir die Frage stellte, ob eine solche „Notschlachtung“, wie ich sie ersterem zufügen würde, um ihn vor der „Postmoderne“ zu retten, auch in Bezug auf letzteren für lohnend hielte. Für mich ist es einfach so, dass ich heilige Kühe nicht akzeptiere. Jede Sakralisierung eines Theoretikers erfordert ein »Opfer des Intellekts«, das zu geben ich nicht nur nicht bereit bin, sondern zu dessen Kritik ich auch schockierende und blasphemische Formen der Rede für erlaubt halte. Meine entzaubernde Metapher von der »Notschlachtung« war daher ganz absichtsvoll gewählt. Da du aber mit bäuerlichen Gepflogenheiten nicht ganz vertraut bist, hier die Kurzdefinition von Wikipedia:

    Eine Notschlachtung liegt dann vor, wenn ein Nutztier wegen einer Verletzung möglichst umgehend geschlachtet werden muss, um sein Fleisch noch zu verwerten.

    Dein Phantasieren über „Krankheitserreger“, um mir im Hinblick auf die Kritische Theorie eine seuchenpolizeiliche Einstellung zu unterschieben, geht so leider ins Leere. Das Produkt einer Notschlachtung wird nämlich immer noch verzehrt.

  26. 26 Onkel Addi 29. März 2013 um 22:04 Uhr

    Hallo zusammen.

    Dass der Nationalsozialismus für eine Kritik des Antisemitismus, zumal in seiner aktuellen anti-israelischen Gestalt, untauglich ist, muss natürlich kritisiert werden. Aber auch dies muss am Gegenstand in differenzierter Weise nachgewiesen werden.

    Es geht mir darum, Hitler vom Nationalsozialismus abzugrenzen und für das analytische Denken zu retten, wenn du verstehst, was ich meine. Dass man dafür das ein oder andere an ihm wegschneiden muss, ist für mich überhaupt kein Ding. Es bleibt für stumpfe Faschisten wie mich genug an interessanten Gedanken übrig. Daran hindern mich, so leid’s mir tut, auch die letzten paar hundert Jahre Aufklärung nicht.

  27. 27 rhizom 30. März 2013 um 2:24 Uhr

    Wenn ihr unmotiviert-beleidigende und dummdreiste NS-Vergleiche wie den über mir einfach so unkommentiert stehen lasst, bekommt man einen Eindruck über das intellektuelle Niveau eures Blogs, der nicht sehr vorteilhaft ist. Aber dann ist das so, und ich weiß bescheid.

    Es ist ja, on second thought, vielleicht der hooliganesken Stilebene jener Adorno-Fan-Szene, der nicht nur der Kommentator, sondern auch das Buch entstammt, in dem sich Hewera, die Referentin des oben verlinkten Audio-Beitrags, hat verlegen lassen, durchaus angemessen. Insofern sicher ein Stück authentischer „antideutscher“ Psychokultur und daher ebenso gewiss nicht ohne eine Art sozialer Daseinsberechtigung hier.

  28. 28 Ernst 30. März 2013 um 13:02 Uhr

    Wenn du diesen dummdreisten Wortvertauschungsbeitrag für kommentierenswert hältst, nimmst du entweder den Kommentator oder dich selbst viel zu ernst.

    In diesem Sinne: Frohe Ostern, du stumpfer… Positivist!

  29. 29 rhizom 30. März 2013 um 14:32 Uhr

    Ja, klar, man nimmt sich selbst zu wichtig, wenn man irgendwann angepisst davon ist, von den hinterletzten Hohlköpfen den ganzen Thread hindurch unkommentiert als Antisemit oder Faschist beschimpft zu werden, während du verlangst, dabei innerlich unbewegt zu bleiben. Es ist natürlich schwer, jemandem das Adornosche Konzept von Zivilität und Takt zu erklären, der das Ganze nur als interessantes theoretisches Konzept kennt, derweil er es sich in der Gesellschaft stumpfer »antideutscher« Denunzianten bequem gemacht hat. Es trifft ihn ja auch nicht selbst…

  30. 30 Ich 30. März 2013 um 15:23 Uhr

    Ich fasse mal zusammen, es wird jem., der nicht ein einziges Zitat Adornos verwurstet hat (ja nichtmal den Namen genannt hatte) vorgeworfen, Adorno irrsinnig zu missinterpretieren. Dies von Menschen die mit StrgC die Quotes Adornos in beliebig blöde Zusammenhänge stellen und ihn aber am liebsten eindeutschen und auf Linie bringen würden.

    „Adorno schreibt ja …“ Ne behalt mal lieber.

    Danach wird Foucault victimisiert um sein „analytisches Denken“ zu retten, als ob nicht Diskursanalysen, Dispositivanalysen und Genderdingens die absoluten Trenddisziplinen wären. Die subjektive Deprivation allein in der Sprache hat schon was faschistisches, fühlen sie sich so zu kurz gekommen, müssen verteidigen, retten, alles für den Dackel – alles für den Club.

    Danach heulen gerade die von festen Identitätsklötzen, Politisierungen und Ticketdenken rum, die ein Ticket nach dem anderen aus den großen Automaten ziehen, ohne auch nur einen sinnvollen Hinweis, warum diese Tickets in irgendeinen Bezug zu mir ständen. Lieblingsticket „Antideutsch“, danach noch Pabstliebhaber, esoterisch, mittelalterlich, nicht ernstzunehmen, irre usw. Ich beschwerte mich anfangs ja nicht – habe ja selbst ein paar Tickets gezogen. Aber jetzt wirds zu blöd.

    Lyotard war immer schon etwas näher, hat er doch zeitweilig versucht einem Drang zum Positiven nicht nachzugeben, seine Bücher bspw. aus guten Grund nicht auf Deutsch übersetzen lassen.

    Foucault hingegen mit seiner Askese, seinen Selbsttechniken und Selbstzurichtungen, ja bis hin zum kybernetischen „in die Zukünftigkeit“ denken (was wiederum nichts als unnötige Triebunterdrückung in der Gegenwart ist), muss zu ekligen Trieb-Sublimierungen führen. Diese Sublimierungen äußern sich dann bei diesem Klientel in ganz typischer Weise, im dieser Denke immanenten antiisraelischen Aktionismus, der Zustimmung zu den Zielen vernichtungsantisemitischer Mörderbanden (auch wenn die Mittel scheinbar abgelehnt werden, weil noch tabuisiert) und den akademischen „Errungenschaften“ dieses Klientels.

    Die Frage ist nicht, wie eine radikale Vernunfts- und damit Kulturkritik an der westlichen Kultur geleistet werden kann, sondern wie eine negative Aufhebung der Moderne angegangen werden kann. Es gibt keinen kleinsten gemeinsamen Nenner.

  31. 31 rhizom 30. März 2013 um 15:52 Uhr

    Analytisches Denken hat etwas damit zu tun, von Leuten zu erwarten, dass sie sich klar und nachvollziehbar ausdrücken, so dass man ihre Argumente prüfen und kritisieren kann. Mit bloßen Assoziationen kann man sich nicht auseinandersetzen. Mal ein Beispiel: ich weiß noch nicht mal, was Foucault mit »Genderdingens« zu tun hat. Das kann man dem Mann ja wirklich mal zum Vorwurf machen, dass er Geschlecht überhaupt nicht auf seinem Schirm hatte. Dann versteh ich nicht, was Foucault, der, wie wir oben gesehen haben, seine Freundschaft mit Deleuze gekündigt hat, weil dieser ihm zu propalästinensisch war (oder vielleicht auch umgekehrt: Foucault Deleuze zu proisralisch gewesen ist), für Judith Butlers Auslassungen zur Hisbollah kann. Wie kommst du überhaupt auf die Idee, Butler als Foucault-Erbin zu imaginieren? Da gehört schon ziemlich viel Unkenntnis dazu. Butler ist in erster Linie eine Derrida-Schülerin, die Foucault einer „Dekonstruktion“ unterzogen hat. Mit seinen „Technologien des Selbst“, das ich auch eher als ungeschickten Vorgriff auf seine Kritik am Neoliberalismus und dessen Programm der „Selbstunternehmer“ lese denn als in die Zukunft gerichtetes Konzept, hat die Frau jedenfalls absolut nichts zu tun. Und so geht das on and on…

  32. 32 rhizom 30. März 2013 um 18:35 Uhr

    Im Übrigen muss man den verrückten Maßstab, dass die Güte einer Theorietradition sich daran ausweist, ob ihre Exponenten auf eine Kritik an der Unterdrückung der Palästinenser verzichten, schon irgendwie teilen, um in diese absurde Diskussion einzusteigen. An diesem Maßstab gemessen, braucht sich Foucault allerdings nichts vorwerfen zu lassen: Bei dem Mann sucht man jede kritische Einlassung zur israelischen Okkupationspolitik vergebens. Aber wie es so schön bei Schiller heißt: „Tut nichts! Der Jude wird verbrannt!“

  33. 33 Onkel Addi 31. März 2013 um 1:33 Uhr

    Ja, klar, man nimmt sich selbst zu wichtig, wenn man irgendwann angepisst davon ist, von den hinterletzten Hohlköpfen den ganzen Thread hindurch unkommentiert als Antisemit oder Faschist beschimpft zu werden, nur weil man Antisemitismus und Faschismus betreibt!

  34. 34 T.S. 31. März 2013 um 3:01 Uhr

    „Lyotard war immer schon etwas näher, hat er doch zeitweilig versucht einem Drang zum Positiven nicht nachzugeben, seine Bücher bspw. aus guten Grund nicht auf Deutsch übersetzen lassen.“

    Verwechselst Du vielleicht Lyotard und Levinas?
    Letzterer freilich ist dafür bekannt, dass er das Primat des Anderen zur Grundlage seiner Philosophie machte. Also genau das Gegenteil von dem, was Du hier performierst.

    „Die Frage ist nicht, wie eine radikale Vernunfts- und damit Kulturkritik an der westlichen Kultur geleistet werden kann, sondern wie eine negative Aufhebung der Moderne angegangen werden kann. Es gibt keinen kleinsten gemeinsamen Nenner.“

    Wenn Du mit „negativer Aufhebung“ sowas wie blinde Verteidigung meinst, stehen dir jedenfalls Habermas und Honneth näher als Adorno.

    @ Rhizom/Ernst:

    Also ich fände eine rigidere Moderationspolitik durchaus angemessen. Das letzte Kommentar von Onkel Addi ist doch einfach nur sinnentleertes Bashing. Wenn hier weiterhin derart absurde Faschismusvorwürfe hier weiterhin toleriert werden, werde ich mich aus der Diskussion jedenfalls zurückziehen, das ist mir echt zu blöd.
    Man mag das höchstens als Dokumentation tolerieren, wie verkommen und unfähig die deutsche radikale Linke in manchen Teilen ist.
    Eine „Depolitisierung“ der Philosophie steht eigtl nur an, wenn nicht vorher eine Demoralisierung der Politik vollzogen wurde. Die hier sich vollziehende Moralisierung des politisch-philosophischen Diskurses ist unerträglich und würgt jeden kritischen Gedanken im Keim ab.

  35. 35 T.S. 31. März 2013 um 3:06 Uhr

    Der Witz ist ja zudem, dass hier wiedermal das gewählte Pseudonym Bände spricht: Für was soll „Addi“ auch anderes stehen als Adolf?
    Wenn die traurige linke Szene-Realität nicht eines besseren beleeren würde, müsste man eigtl annehmen, es handelte sich um einen rechtsradikalen Provokateur, der hier gezielt die Debatte sprengen wollte.

  36. 36 Ernst 31. März 2013 um 13:23 Uhr

    Blogdiskussionen scheinen insgesamt ziemlich sinnlos zu sein. Zumindest sind die Beiträge, die sich auf so etwas wie eine Argumentation einlassen, meist in der Minderzahl, verglichen mit dem ideologisch-identitären Hingerotze und dem allgemeinen Trolling. Ich frage mich, warum sich rhizom sowas immer wieder antut.

    Wie auch immer, dass es sich um Trolling und wenig ernstzunehmende Haltlosigkeiten handelt, kann jede_r selbst nachvollziehen. Ich bin einfach dem Imperativ »Don‘t feed the troll!« gefolgt und darüber hinweg gegangen, um mich dem zu widmen, womit ich etwas anfangen konnte. Ob das heißt, mich in deren Gesellschaft einzurichten, weiß ich nicht. Ich glaube nicht, dass man im WWW überhaupt »Gesellschaft« hat (allenfalls wohl im Sinne jenes Realabstraktums, das das Kapital ist). Und immerhin hat Addy auch einen Satz von mir aufs Korn genommen.

    Meinerseits ist die Diskussion jedenfalls beendet mit einer Uneinigkeit über die Tauglichkeit des »Poststrukturalismus« (bei aller Problematik, mit der dieser Sammelbegriff behaftet ist) zur theoretischen Erfassung des Antisemitismus sowie über die Differenz von Antisemitismus und Rassismus. Dass Foucault nicht umstandslos mit Derrida zusammenzuwerfen ist und seine historischen Forschungen zur Kenntnis und ggf. gesellschaftskritisch in Gebrauch zu nehmen sind, darüber besteht mit rhizom dagegen weitgehend Einigkeit, auch wenn ich eine gewisse Skepsis gegenüber Foucaults metatheoretischem Begriffsinstrumentarium und dessen Verwendung/Weiterentwicklung bei anderen Leuten hege. Aber das ist eher, wie ich gerne zugebe, ein Bauchgefühl, das es auf den Begriff zu bringen gälte.

  37. 37 rhizom 31. März 2013 um 19:48 Uhr

    Kann man ja hier weiterdiskutieren, diesmal unter dem umgekehrten Gesichtspunkt: Elemente der Kritischen Theorie und ihrer Kritik.

  38. 38 Ich 01. April 2013 um 15:16 Uhr

    Auf der Klauda-Gedächtnis Seite, wie hyper-passend.

    Und zum Thema Trolling fällt mir nur ein, dass benannter Klauda die komische Angewohnheit besitzt, wiederkehrend mit verschiedenen FB-Fakeprofilen seinen Antiisraelismus ins Netz zu entleeren, was wiederum von gewissen inneren Drängen zeugt.

    Hab damals sehr genau die (zugegeben manchmal echt schräge) Debatte um Butler mitgelesen, da sind doch immer wieder Klaudas trollige Fakeprofile aufgefallen, mit denen er obsessiv gegen den Judenstaat angewettert hat und welche immer wieder gesperrt wurden. Ich glaube mich zu erinnern – eines dieser FB-Klauda-Fakes hieß Leon Boronski o.ä. (was hab ich nur für ein gutes Hirn).

    Wohin es diesen Dekonstrukteur so drängt, wenn er seinen innersten Orakeln freien Lauf lassen kann, war schon erstaunlich. Und später reden Sie dann wieder in ihrer sublim-erlauchten Sprache, die jeder halbwissende Pädagoge für was weiß ich wie gebildet und groß hält. Dabei sind es schlicht erbärmliche Antisemiten.

    Wenn dieses hier angerissene Querfront-Projekt mit all den Klaudas da draußen beendet ist, gibt es nur noch Sartre und Freud.

  39. 39 rhizom 01. April 2013 um 19:11 Uhr

    Kritische Theorieruinen: gedanklich nichts mehr zocken können, dafür eine umso paranoidere Hermeneutik des Verdachts…

  40. 40 MoshMosh 03. April 2013 um 15:42 Uhr

    Am Rande ein kleiner Hinweis – den Beitrag von Roger Behrens gibt es auch als Text nachzulesen: http://alt.rogerbehrens.net/deleuze_fsk.pdf

  41. 41 BoDo 28. April 2013 um 14:28 Uhr

    Gesa Mayer und Chris­ti­an Schüt­ze hätten ihren Vortrag einfach Apologie des Poststrukturalismus nennen sollen. Das hätte die Sache eleganter umschrieben.

  42. 42 AmiTomyChai 27. Oktober 2013 um 16:27 Uhr

    „Sogar ein dieser Bande zugehöriger Weißer sah sich von den Bildern rassistisch traumatisiert und parierte die ungläubige Nachfrage der Veranstalter, wie das denn möglich sei, damit, dass Identität nun einmal eine Frage der Positionierung sei und er sich eben als PoC identifiziere. In der Stellungnahme von rs! heißt es hierzu: „Tobi (positioniert sich als Person of Color im deutschem Kontext und wird typisiert gelesen) […] daraufhin hat sich eine externe von uns als ‘weiß’ und frauisiert gelesene Person in die Gruppe eingemischt, auf Tobi gezeigt und gesagt, dass er doch auch ‚weiß‘ sei. Dieses Verhalten wurde von rs! als grenzüberschreitend wahrgenommen. Tobi erklärte der besagten Person kurz das Konzept von ‚weiß‘sein, dass ‚weiß‘ keine Hautfarbe sondern eine soziale Position sei.“

    www.redaktion-bahamas.org/auswahl/web67-1.html

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