Fetzen kritischer Theorie in Zeiten konstitutiver Überflüssigkeit

Zur Stellung der Überbleibsel des Denkens zum stacheligen Objekt

In der Reihe »Nackte Gewalt – Die Übermacht der Verhältnisse und die Sprachlosigkeit der Kritik« wandte sich zuletzt Arne Kellermann der etwas ratlos machenden Frage zu, wie mit der realen Ohnmacht kritischer Theorie im Angesicht des perennierenden Elends in der kapitalistischen Peripherie umzugehen ist und warum es nötig ist, Adorno hinter sich zu lassen.

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Soll (kritische) Theorie zumindest die Spuren einer aufgehobenen Agitation an sich tragen – den Stachel des Widerstandes sich nicht selbst abbrechen; soll sie trotz aller Ohnmacht des Einzelnen sowie der Verstelltheit von Praxis doch den Charakter des Eingriffs nicht ganz verlieren, so ist sie wesentlich angewiesen auf eine Reflexion des geschichtlich-konkreten Konstitutionszusammenhangs der Gesellschaft und der zeitgenössischen Formen des Überlebens.
Problematisch wird diese Reflexion auf die konstitutive Objektivität zu einem Zeitpunkt, in dem die vollkommene Überflüssigkeit eines jeden Individuums zur unhintergehbaren Grundlage des gesamten Erfahrungshorizonts geworden ist: während der fortherrschende Hunger in den Elendsregionen dieser Welt sowie das qualvolle Verenden in jenen Regionen solche Überflüssigkeit von »Menschenmaterial« unmittelbar bewusst werden lässt und deswegen nicht zu sehr ins Bewusstsein eindringen darf; während die unendlich angewachsene Überflüssigkeit derjenigen, die für einen Hungerlohn bereit sind – oder gewaltvoll gezwungen werden –, ihre leibliche Existenz der materiellen Produktion von Schund und Ungenießbarem zu opfern, das dann andernorts lusttötend konsumiert wird; während sich die Überflüssigkeit sogar derer, die bereit sind nicht nur ihre Arbeitskraft zu verwursten, sondern selbstvergessen auch ihre Überbleibsel von lebendigem Impuls – letztlich jede Form von Hoffnung auf Glück – in der Produktion von synthetischem Sinn abzutöten, sich an deren wahnhafter Selbstanpreisung ablesen lässt; – in einem solchen Zusammenhang würde eine Formulierung Adornos negativ an den zu durchschlagenden Bann erinnern, dessen Auflösung kritische Theorie inhaltlich antreibt: »Zart wäre einzig das Gröbste: daß keiner mehr hungern soll.«
In einem historischen Zustand, in dem der Zusammenhang zwischen dem elendigen Krepieren von Menschen und der Sinnlosigkeit des eigenen Lebens so durchsichtig geworden ist, dass jede ernsthafte Beschäftigung mit einem beliebigen – auch geistigen – Gegenstand innerhalb kürzester Zeit zum berechtigten Selbsthass führte, »stellt sich«, wie Wolfgang Pohrt 1976 zu Recht festhielt, »die Frage nach dem Verhältnis von Theorie und Praxis weit ungemütlicher als je zuvor.« – nur dass seitdem das vermeidbare und nicht wiedergutzumachende Leiden nicht aufgehört hat, aufgehäuft zu werden und die anhaltende Permanenz der Qual die Beschäftigung mit der Frage wirklich schmerzhaft werden ließ.
Das Eingedenken der weiter krepierenden Opfer, die wesentlich Teil und objektiver Skandal jenes Zusammenhangs sind, auf dem auch etwaige kritische Subjektivität fußt, ist ernsthaft in kritische Theorie aufzunehmen, soll sie nicht aus Selbstschutz vor dem durchweg stachelig gewordenen Objekt zurückweichen. Dass hier von »Eingedenken« der gegenwärtig zu Grunde gehenden Opfer gesprochen wird, drückt im sprachlichen Widerspruch die heutige Aporie des Denkens aus: Eingedenken, das sich eigentlich auf Vergangenes bezieht, wird das einzige Medium des Innewerdens des Bestehenden, das aufgrund seiner eigenen Desintegration die momentan leidenden Opfer als schon Verlorene produziert.
Wenn das Sterben weitergeht; unter der Hand der letzten 40 Jahre eine neue Form von Barbarei Realität geworden ist – die alltags-praktische Verdrängung des Krepierenlassens – und sich im gleichen Prozess die materiellen Voraussetzungen kritischer Theorie in der Auflösung befinden, nötigt Selbstreflexion des Denkens erneut zur Frage nach seinen realen Möglichkeiten.

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