Radio Glasnost. Historische Aufnahmen der (linken) DDR Opposition.

Es sind historische Dokumente, mit deren Hilfe einmal mehr der Frage nachgegangen werden kann, warum und wie ein Gesellschaftsprojekt, das sich die menschliche Emanzipation von allen Verhältnissen, in denen „der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtetes Wesen ist“ (Marx), auf die Fahnen geschrieben hatte am Ende für den einzelnen Menschen selbst ein so hohes Maß an Erniedrigung, Knechtschaft, Verachtung und in einigen Fällen gar Vernichtung bedeuten konnte. Wir dokumentieren Radiosendungen des Berliner Radios 100 – ein an internen Auseinandersetzungen zerriebenes Radioprojekt, welches zwischen 1987 und 1991 auch Plattform Autonomer Gruppen in Berlin (West) war. Radio 100 strahlte einmal im Monat Radio Glasnost aus. Für diese Sendung wurden illegal in der DDR aufgenommene Redebeiträge und Interviews nach West-Berlin gebracht. Wir dokumentieren also einen – von Ilona Marenbach moderierten – einzigartigen Versuch die Widersprüchlichkeit der damaligen (DDR) Wirklichkeit abzubilden; Beschreibungen, die von den vermeintlichen „Siegern der Geschichte“, aber auch von „DDR Nostalgikern“ heute gern verschwiegen werden.

Juli 1987

In der Pilotsendung, die erheblich von den Folgenden abweicht, wird das Konzept vorgestellt (vor allem ab Minute 25 mit einer Zusammenfassung) – zudem ist ein erster Beitrag zu hören..

August 1987

In der ersten regulären Sendung gibt es eine Nachschau zum „Kirchentag von unten“ und ein Interview mit dem 1977 ausgebürgerten und 1999 verstorbenen Schriftsteller Jürgen Fuchs.

September 1987

Nach einigen Worten zum Konzept von Radio 100, kommt Stefan Krawczyk zu Wort, wird über den Olof- Palme-Friedensmarsch berichtet und ein Appell zur Abrüstung dokumentiert.

Oktober 1987

Ein Treffen unabhängige Friedensgruppen (Ost) mit der CDU (West), der Dialog zwischen SPD und SED und ein Interview mit dem Künstler Igor Tatschke stehen auf dem Sendeplan.

November 1987

Eine Sendung zur Praxis und den Durchsuchung der Umweltbibliothek in der Zionsgemeinde, die hier als „links, anarchistisch und auch immer ein wenig chaotisch“ beschrieben wird.

Dezember 1987

Es wird ein Antwortbrief von Hermann Kant – dem Präsidenten des DDR Schriftstellerverbands – an die Umweltbibliothek zitiert. Ausserdem zu hören: Erklärungen zum Tag der Menschenrechte, ein Bericht über einen Skinhead-Prozeß und ein Gespräch mit einem Sozialarbeiter über die zunehmenden rechtsradikalen Aktivitäten.

Januar 1988

Mit Hintergründen zu den Vorkommnisen während der traditionellen Liebknecht-Luxemburg-Demonstration 1988 in Berlin.

Februar 1988

Nach einer Erklärung in eigener Sache; stehen eine Stellungnahme der „Kirche von Unten“, ein Gespräch aus Dresden über die Rolle der (West)Medien, ein Vortrag zur „Praxis der Abgrenzung“ und Giftmülldeponien im Fokus.

März 1988

Themen: Prügelattacken der Staatsmacht rund um die Berliner Sophienkirche, sowie Schwangerschaftsabbruch und Abtreibungspraxis in DDR.

April 1988

Nachdem die Erstaustrahlung mit einem Störsignal weitesgehend verhindert wurde, geht es um die Ausbürgerungsproblematik und den Wehrdienst. Ein Wirtschaftskommentar zur real existierenden Planwirtschaft beendet die Sendung.

Mai 1988

Gifte und Ökologie: Ein Bericht des grün-ökologischen Netzwerks „Arche“. Dazu wird von einer Wehrdienstverweigerung mit Konsequenzen erzählt.

Juni 1988

Berichte über den Kirchentag in Halle der Kirche von Unten und eine Friedenswerkstatt.

Juli 1988

Ein Nachschlag zum Kirchentag von Unten unter dem Titel: „Punk ist nicht saufen, sondern Kampf“. Ein Blick nach Krakau, zum Uranabbau und zum homosexuellen Leben in der DDR.

August 1988

Kommentare aus den Reihen der Umweltbibliothek, der evangelische Studentengemeinden der DDR und eines Psychiaters. Ausserdem: Ein Interview mit dem Liedermacher Wenzel

September 1988

Thematisiert werden Veranstaltungen in der DDR zu IWF und Weltbank. Zum Verhältnis Staat und Kirche gibt es Originaltöne einer Kirchentagung in Dresden und Vorschläge eines ZK Mitgliedes. Bohley und Biermann tauchen auch auf.

Oktober 1988

Über Schulverweise von der Carl-von Ossietzky Schule in Pankow und Müllkippen in Bitterfeld.

November 1988

Beiträge über Punks in Dresden und nochmals über Schulverweise in einer Ostberliner Schule in Pankow.

Dezember 1988

Das Verbot der in der DDR gelesenen sowjetischen Zeitschrift Sputnik und weitere Maulkörbe (und Denunzationen) des Staates stehen im Mittelpunkt.

Januar 1989

Es geht um die Folgen von (gewaltsamen) Auseinandersetzungen in Leipzig während der Luxemburg-Liebknecht-Demo.

Februar 1989

Ein Rückblick auf Treffen zwischen Umweltbewegung und der SED Regierung, ein Überblick über kritische Zeitschriften der DDR und Proteste gegen Verhaftungen in der CSSR.

März 1989

Die in den folgenden Monaten immer wieder thematisierten Kommunalwahlen im Mai 89 kündigen sich an. Ausserdem Gedanken zur Verurteilung von Vaclav Havel und eine Musikkritik.

April 1989

Das, so die Ankündigung, „wichtigste Ereignise des Jahres“: Ein Blick auf die anstehende Kommunalwahlen im Mai 89. Dazu ein SPD-SED Papier und ein Auszug aus einer Lesung von Rolf Henrich.

Mai 1989

Einmal mehr wird über die (Manipulation der) Kommunalwahlen und deren historischer Kontext gesprochen.

Juni 1989

In der Sendung: China und die DDR Medien. Nochmals wird über Ungereimtheiten der Auszählung der Ergebnisse der Kommunalwahlen gesprochen. Zudem kommt Prof. Wolfgang Kliem von der Akademie für Gesellschaftswissenschaften zu Wort und es wird von einem Parallelseminar während eines von Margot Honecker ausgerichteten Pädagogenkongress berichtet. Zuletzt geht es um ein von der Stasi aufgelöstes Straßenfestival in Leipzig.

Juli 1989

Einmal mehr geht es um Proteste gegen die Berichterstattung über die Ereignisse in China und die Ergebnisse der Kommunalwahlen. Dazu; Widerstand gegen den Bau eines Atomkraftwerkes (Leipzig) und gegen Altstadtsanierung (Potsdam).

August 1989

Über die Konsequenzen der anhaltenden Massenflucht für die Reformbewegung, die sich mehrheitlich gegen diese positionierten, ein Interview mit Friedrich Schorlemmer und repressive Antworten des Staates.

September 1989

Ist die DDR noch reformierbar? So die Frage, während sich die Ereihnisse überschlugen.

Oktober 1989

Interviews mit Rainer Eppelmann (Demokratischer Aufbruch), zur Böhlener Plattform (wo sich die Vereinigte Linke gründete), mit dem Neuen Forum über das überrollt werden von SED und (!) Opposition. Es geht zudem um die Gründung Unabhängiger Gewerkschaften, eine Vorschau auf die Demonstration des 4. Novembers am Alex und die Organisation Demokratie Jetzt wird vorgestellt..

November 1989

Eine Live-Diskussionsrunde unter dem Titel „Opposition; Von der Straße zur Regierungsbank?“. Anwesend waren; SDP, Demokratischer Aufbruch, Demokratie Jetzt, Initiative für Frieden und Menschenrechte, Neues Forum und etwas verspätet eingetroffen: die Vereinigte Linke.

Edit 1; Hier gibt es ein Interview aus dem Jahr 2009 mit einem der Redakteure, Dieter Rulff.

Edit 2; Wer keinen Stream mag, schaue hier.

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2 Antworten auf “Radio Glasnost. Historische Aufnahmen der (linken) DDR Opposition.”


  1. 1 LW 19. September 2014 um 13:29 Uhr

    APPELL 
     
    Weil ihr arm seid, müßt ihr spenden. 
    Die ihr unter Brücken gammelt, 
    Die ihr lehnt an Bahnhofswänden, 
    Gebt die letzte Mark. Gesammelt 
    Wird für eine Guillotine, 
    Also eine Köpfmaschine. 
    (Übrigens zu wünschen wär 
    Auch ein neuer Robespierre). 
     
    Erstmals zeigte der Erfinder, 
    Daß er Frankreichs Lob erziele, 
    Seinen Köpfehobel in der 
    Place de l‘Hotel de Ville. 
    Später noch weit schönre Morde 
    Bot die Place de la Concorde, 
    Deutschland hat nun zum Ersatz 
    Leergeräumt den Leninplatz. 
     
    Eine Plattform steht von Planken, 
    Draus zwei Pfosten stattlich ragen, 
    Die, geschmückt mit Eichenranken, 
    Das geschärfte Eisen tragen. 
    Bals aus einem fernen Knarren 
    Bildet sich ein Zug von Karren. 
    Krause rollt und de Maizière 
    Vorne vor dem Zuge her. 
     
    Böhme, Thierse, Schnur und Stolpe, 
    Gysi, Modrow, Wolf und dann 
    Poppe, Barbe, Klier und Bohley, 
    Schröder, Ull- und Eppelmann, 
    Die Gebrüder Brie und, ärger, 
    Eheleute Wollenberger, 
    Alle lassen ihren Kopf 
    Fallen in den Auffangtopf. 
     
    Großer Beifall. Sehet fruchten, 
    Liebe Bettler, eure Spende. 
    Mögt nun das Jahrtausend wuchten 
    Kraftvoll im Genuß der Wende. 
    Auch die Kinder, schwatzend, hüpfend, 
    Tücher über Blusen knüpfend, 
    Sind mit ihrem Pionier- 
    leiter zum Vergnügen hier. 
     
    (Peter Hacks)

  1. 1 Wendefokus. Gespräche zum Scheitern des real existierenden Sozialismus « Audioarchiv Pingback am 18. Oktober 2014 um 16:07 Uhr

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