Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg

Am Zweiten Weltkrieg waren mehr Soldaten aus der Dritten Welt beteiligt als aus Europa. Die Schlachtfelder des Zweiten Weltkriegs erstreckten sich auch über Nordafrika, den Nahen Osten, Südostasien und Ozeanien. Soldaten aus den Kolonien kämpften (meist zwangsrekrutiert) auf Seiten der Alliierten, in den Kolonien wurden Menschen zur Kriegsproduktion gezwungen. Aber es gab auch Kollaborateure in der Dritten Welt, die sich durch eine Zusammenarbeit mit den Nazis Vorteile erhofften und teils deren Ideologie übernahmen. Obwohl sich der Zweite Weltkrieg gerade deshalb als Weltkrieg auszeichnet, weil durch ihn die Peripherie unweigerlich in das Weltgeschehen hineingezogen wurde, spielt ein Zusammenhang mit der Dritten Welt im europäischen Gedächtnis kaum eine Rolle. Wir dokumentieren hier mehrere Beiträge, die sich mit der Rolle der Dritten Welt im Zweiten Weltkrieg auseinandergesetzt haben.

1. Unsere Opfer zählen nicht. Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg

Im März 2005 hat das Rheinische JournalistInnenbüro nach jahrelangen Recherchen ein Buch über die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg herausgegeben. Wir dokumentieren hier den Vortrag eines Mitautors dieses Buches – Karl Rössel –, den dieser im Mai 2009 in Freiburg gehalten hat. Darin wirft er einige Schlaglichter auf die Kriegsschauplätze in der Dritten Welt, wobei er sich vor allem auf Afrika konzentriert. Er schildert Verläufe von einzelnen Gefechten, berichtet über die Behandlung von Kolonialsoldaten und von afrikanischen Kollaborateuren der Nationalsozialisten, es geht um Zwangsarbeit für die Kriegsproduktion und Kriegsverbrechen in den Kolonien. Als Quellen nennt Rössel u.a. das Buch „Hitlers afrikanische Opfer“ von Raffael Scheck sowie den afrikanischen Historiker Joseph Ki-Zerbo. Der Mitschnitt stammt aus einer Radiosendung von Radio Dreyeckland.

    Download: via AArchiv (ohne Musik; mp3; 39.9 MB; 43:36 min) | via MF (mit Musik; mp3; 51.3 MB; 56:02 min)

Kurz nach der Veröffentlichung des Buches „Unsere Opfer zählen nicht“, hat Radio Dreyeckland ein Interview mit der Mitautorin Birgit Morgenrath geführt. In diesem Interview gibt sie einen Einblick in die Motivation und Methode der Forschungsarbeit des Rheinischen JournalistInnenbüros und führt noch einmal einige Aspekte der Verstrickung der Dritten Welt in den Zweiten Weltkrieg an.

    Download: via AArchiv (mp3; 7.8 MB; 16:58 min)

Mit den Ergebnissen seiner Recherchen hat das Rheinische JournalistInnenbüro außerdem eine Wanderausstellung zusammengestellt, die seit 2009 in mehreren Städten zu sehen war. Als diese Ausstellung 2012 im Historischen Museum Frankfurt zu sehen war, hat Heike Demmel ein hörenswertes Feature produziert, das auf Radio Z zu hören war. In der Sendung werden noch einmal Schlaglichter auf Zusammenhänge und Ereignisse des Zweiten Weltkriegs in der Dritten Welt geworfen. Neben Kommentaren von Karl Rössel sind einige Interviews und O-Töne aus den Hörstationen der Ausstellung zu hören.

    Download: via AArchiv | via Radio Z (mp3; 21.7 MB; 23:43 min)

Das Projekt „Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg“ hat außerdem eine Webpräsenz, auf der neben ausführlichen Informationen, Verweisen und Quellenangaben auch zahlreiche O-Töne von Zeitzeugen zum Anhören zur Verfügung stehen. Eine Kritik an der Ausstellung aus post-kolonialer Perspektive, die auf Radio Unerhört Marburg gesendet wurde, kann hier nachgehört werden.

2. Erinnerung und Erkenntnis. Der Zweite Weltkrieg in peripherischer Perspektive

Dan Diner (u.a. Simon-Dubnow-Institut Leipzig) hat gemeinsam mit einer Forschungsgruppe gerade ein Projekt begonnen, das sich mit einer Globalgeschichte bzw. mit einer Gedächtnisgeschichte des 2. Weltkriegs auseinandersetzt. Aspekte dieser Forschungsarbeit hat Diner am 20.11.2014 auf Einladung des Wiesenthal-Instituts für Holocaust-Studien in Wien vorgestellt. Er legt in diesem Vortrag an einzelnen Ereignissen und Personen dar, dass der Zweite Weltkrieg in der Erinnerung der kolonialisierten Länder eine andere Bedeutung einnehmen musste, als in Europa. Dies rekonstruiert er u.a. an einer Debatte zwischen Gandhi und Martin Buber und an einem Briefwechsel zwischen Jacques Derrida und Pierre Nora. In der historischen Darstellung konzentriert sich Diner vor allem auf Frankreich und die französischen Kolonien, weil sich in Frankreich kontinentale und koloniale Geschichte auf exemplarische Weise miteinander verknüpften. Außerdem legt Diner einen Focus auf die jüdische Erinnerung an den zweiten Weltkrieg und rekonstruiert, wie durch die kolonialen Grenzziehungen auch auseinandertretende Perspektiven innerhalb des Judentums entstanden sind.

Die Globalisierung der Lebenswelten zieht die Globalisierung von Gedächtnissen nach sich. Damit werden nicht nur Fragen gemeinsamer, verschiedener wie gegenläufiger Erinnerungen aufgeworfen. Auch die Geltung wie die Reichweite dessen, was gemeinhin unter Geschichte verstanden wird, bedarf globalisierender Erwägungen. Dies gilt nicht zuletzt für derartig einschneidende Ereignisse wie den Holocaust. Ist seine Bedeutung als negatives Kernereignis des kontinentaleuropäisch-transatlantischen Kulturzusammenhanges universalisierbar? Lassen sich die von ihm ausgehenden Konsequenzen im Bereich von Moral und historischem Urteilsvermögen übertragen? Der Vortrag unternimmt den Versuch, die Koordinaten der Ereignisgeschichte des Zweiten Weltkrieges neu in den Blick zu nehmen und sie in globalisierender Absicht zu justieren. Dabei werden die Stränge kontinentaler und kolonialer Ereignisse in ihrer Verschränkung präsentiert, wobei der Holocaust aus Gründen von Moral und Urteilskraft ins Zentrum des Erkenntnisinteresses gerückt wird.

Moderation: Sybille Steinbacher (Institut für Zeitgeschichte, Universität Wien und Mitglied des Internationalen Wissenschaftlichen Beirats des VWI).

Dan Diner ist Professor für moderne europäische Geschichte an der Hebrew University of Jerusalem, Professor emeritus für jüdische Geschichte und Kultur an der Universität Leipzig, Leiter des Akademieprojektes Europäische Traditionen – Enzyklopädie jüdischer Kulturen und Ordentliches Mitglied der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig und zur Zeit Fellow am Swedish Collegium for Advanced Study in Uppsala. Seine Forschungsschwerpunkte sind die jüdische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, die Gedächtnisgeschichte des Holocaust und die Globalgeschichte des Zweiten Weltkrieges. Er ist Herausgeber der Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur (EJGK) und Autor zahlreichen Monographien, darunter jüngst Zeitenschwelle. Gegenwartsfragen an die Geschichte. [via]

    Download: via AArchiv (mp3; 91.8 MB; 1:40:18 h)
    Video: bei Youtube


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