Archiv für November 2019

Lost in Transformation

Konferenz zu aktuellen Analysen der ostdeutschen Gesellschaft

Anschließend an den Beitrag zur politischen Ökonomie des Ostens dokumentieren wir hier Aufnahmen von einer Tagung, die im Oktober 2019 in der Galerie KUB in Leipzig stattgefunden hat (leider liegen uns nicht die Mitschnitte von allen gehaltenen Vorträgen vor). Im Ankündigungstext zur Tagung hieß es:

Die Konferenz „Lost in Transformation“ möchte geläufige und weniger geläufige Analysen über die Eigenarten Ostdeutschlands versammeln und mit einer interessierten Öffentlichkeit debattieren. Neben aktuell diskutierten Fragen zum ostdeutschen Wohnungsmarkt, zum Rechtsruck und zur spezifischen ostdeutschen Wirtschaftsweise werden auch die ideologischen Hinterlassenschaften der DDR-Gesellschaft und die Widersprüchlichkeiten der Debatten zu Migration damals und heute beleuchtet. (via)

Wir dokumentieren zunächst ein Interview, das Radio Corax im Vorfeld der Tagung mit Dominik Intelmann geführt hat. Es geht um die Hintergründe der Tagung und die Motivation der OrganisatorInnen:

    Download: via FRN (mp3; 15 MB; 12:48 min)

0.) Wie schauen wir heute zurück?

Am Freitag Abend wurde die Konferenz mit einer Lesung und einem Podium eröffnet (die Lesung steht leider nicht zur Veröffentlichung zur Verfügung). Auf dem Podium diskutieren Caroline Krahl (Politisch Schreiben) und Anne Hoffmann (Outside the Box). Es geht um persönliche Erfahrungen in der Wendezeit, Anlässe der Auseinandersetzung mit der Geschichte der DDR, Zugänge zu Feminismus in der DDR und weiblicher Ost-Literatur, Position der Frauen in der DDR und in der Nachwendezeit. Diskutiert werden u.a. Christa Wolf, Brigitte Reimann, Irmgard Morgner… Leider gibt es irgendeinen Wackelkontakt, der sich negativ auf die Aufnahme ausgewirkt hat.

Hinweis: Wir warten noch auf die Freigabe zur Veröffentlichung.

    Download: via AArchiv (folgt)

1.) Einleitung zur Konferenz

Im Eröffnungsvortrag vom Samstag schildert Dominik Intelmann chronologisch die Konjunkturen der Aufmerksamkeit auf Ostdeutschland in der bundesdeutschen Öffentlichkeit seit dem ersten Jahrzehnt nach der Wiedervereinigung. Es geht um eine Art Bestandsaufnahme der Diskurse über Ostdeutschland: von regierungspolitischen Erzählungen, über die Kenntnisnahme und Analyse von rassistischen Mobilisierungen, bis zu einer emanzipatorischen ostdeutschen Perspektive. Eine weitere an der Organisation der Tagung beteiligte Person schildert die Vorgeschichte zur Tagung.

    Download: via AArchiv (mp3; 74.9 MB; 32:43 MB)

2.) Kapitalismus in der Peripherie – die Politische Ökonomie Ostdeutschlands

In seinem Vortrag geht Dominik Intelmann auf den Staatsinterventionismus im Osten ein und auf den spezifischen Transferkreislauf, der Kapital und Wert im Osten Deutschlands zirkulieren lässt. Zuletzt fasst er die Charakteristik ostdeutscher Ökonomie in mehreren Thesen zusammen. Im Grunde handelt es sich um eine leicht überarbeitete Version seines Vortrags, den wir bereits hier dokumentiert haben. In der Diskussion geht Intelmann noch einmal darauf ein, was es u.a. für Lohnkämpfe bedeutet, dass sich in Ostdeutschland keine lokale Bourgeoisie herausgebildet hat.

Die Politische Ökonomie Ostdeutschlands ist geprägt durch eine strukturelle Abhängigkeit vom westdeutschen Landesteil. Dabei schlägt sich das Fehlen einer lokalen Eigentümer*innenklasse in einer dauerhaften Transferabhängigkeit nieder. Im Beitrag wird diese bis heute andauernde Konstellation anhand der politischen Richtungsentscheidungen im Wiedervereinigungsprozess rekonstruiert.

    Download: via AArchiv (mp3; 153 MB; 1:07:11 h)

3.) Die Widersprüche der SED-Ideologie und ihre Auswirkungen

Absicht des Vortrags von Jeanne Franke ist es, die Widersprüche der SED-Ideologie aus nicht-antikommunistischer Sicht darzulegen. Es geht dabei um die Frage, ob die DDR eine Diktatur des Proletariats oder eine Parteiendiktatur gewesen ist. Diese Frage diskutiert Franke anhand der Produktionsbrigaden, deren Entstehung und Entwicklung sie rekonstruiert. These des Vortrags ist, dass die Brigaden zur Integration in die Parteidiktatur dienten, von den Arbeitern jedoch im Sinne des Begriffs des Eigensinns (Hegel) angeeignet wurden. In der Diskussion dreht es sich u.a. um Klassen-, Milieu- und Generationsunterschiede innerhalb der DDR und um die Frage nach der Möglichkeit des Vergleiches zwischen DDR und Nationalsozialismus.

In den öffentlichen Auseinandersetzungen um Ostdeutschland wird die DDR häufig pauschal als eine zweite deutsche Diktatur und autoritäres Regime bestimmt. Ziel des Vortrags ist es, einen differenzierteren Blick auf die politische Herrschaft der SED zu werfen und die Idee eines sozialistischen Staates ernst zu nehmen. Im Mittelpunkt stehen dabei das Verhältnis zwischen Demokratie und Diktatur sowie Internationalismus und Antiimperialismus.

    Download: via AArchiv (mp3; 194 MB; 1:24:49 h)

4.) Migrationserfahrungen in Ostdeutschland

In der Podiumsdiskussion geht es um Die Perspektiven ehemaliger Vertragsarbeiter*innen und der Nachwendegeneration. Am Podium nahmen teil: Nhi Le, freie Journalistin und Bloggerin und Emiliano Chaimite, Vorsitzender des Dachverbands Sächsischer Migrantenorganisationen. Fragen des Podiums sind u.a.: Welche Erfahrungen haben MigrantInnen in der DDR gemacht, wie haben MigrantInnen die Wendezeit erfahren, wie hat sich der Rassismus seit der Wende verändert, welche Kontinuitäten gibt es, welche (spezifischen) Formen von Rassismuserfahrungen gibt es in Ostdeutschland heute? Die Aufnahme bricht nach etwa 1:20 h (nach der Öffnung der Diskussion zum Publikum) ab.

In einem Gespräch mit anschließender Diskussion werden die Erfahrungen unterschiedlicher Generationen von Menschen mit Migrationserfahrung in Ostdeutschland in den Blick genommen. Welche spezifischen Veränderungen brachte die Wiedervereinigung und inwiefern knüpfen aktuelle Widersprüchlichkeiten innerhalb der Debatten um Migration an diejenigen der Wendezeit an? Welche Rolle spielen die Kategorien Ost und West heute?

    Download: via AArchiv (mp3; 184 MB; 1:20:34 h)

5.) Die Wohnungsfrage(n) in Ostdeutschland

- zwischen sozialer Ungleichheit und politischem Autoritarismus. Im Doppelvortrag skizziert zunächst Elisa Gerbsch grob die Ursprünge der Wohungsfrage im 19. Jahrhundert, um dann auf die Wohnungsverhältnisse (und damit verbundene soziale Segregation) in der DDR einzugehen. Basierend auf einer kurzen (polit-ökonomischen) Rekonstruktion der Wendezeit beschreibt sie dann die Besonderheiten der Wohnungsfrage in Ostdeutschland nach 1991. Dass die Wohnungsfrage sich in Ostdeutschland besonders verschärft darstellt, ist ihres Erachtens vor allem auf politische Entscheidungen zurückzuführen. In seinem Vortragsteil geht dann Paul Zschocke auf das Fallbeispiel Leipzig-Grünau ein. Er stellt einen Zusammenhang zwischen sozialer Segregation und rassistischen Mobilisierungen in Grünau her, wobei er zunächst allgemein auf Thesen zum Zusammenhang von „Rechtsruck“ und sozialer Entwicklung eingeht. Er schildert dann die Entstehung des Stadtteils Leipzig-Grünau und dessen Veränderung in der Wendezeit. Der Vortrag bricht dann nach etwa 20 Minuten leider ab (ein Interview zum Thema von Radio Corax wird folgen).

Die Suche nach Antworten auf die Wohnungsfrage aus sozialistischer Perspektive fand mit der Wende ihr jähes Ende. In den 1990er Jahren breitete sich eine Landschaft schrumpfender Städte aus. Erst in den 2000er Jahren gelang es der politischen Ökonomie Ostdeutschlands Städten wie Dresden, Leipzig oder Jena eine neue Anziehungskraft zu verleihen. Die revitalisierten Wohnungsmärkte leben jedoch von einem dauerhaften Verdrängungsdruck. In der Folge entsteht in den ostdeutschen Städten eine Wohnungsfrage von neuem Charakter.

Die Großwohnsiedlung galt ihren Erbauern in der DDR als architektonische visionäre Umsetzung sozialistischen Wohnens und Lebens. Nach 30 Jahren Transformation erfüllt sie jedoch eine gänzlich andere Funktion im städtischen Gefüge ostdeutscher Groß- und Mittelstädte. Am Fallbeispiel Leipzig-Grünaus wird verdeutlicht, wie dieser Funktionswandel einherging mit einer Abwertung von Lebensweisen, dem Aufkommen neuer städtischer Konflikte und der Zunahme gegenwärtiger autoritär-populistischer Potentiale.

    Download: via AArchiv (mp3; 159 MB; 1:09:50 h)

6.) Ostdeutschland und kein Ende?

- Gesellschaftliche Realitäten 30 Jahre nach der Wiedervereinigung. Im Abschlusspodium ging es noch einmal darum, nach den Spezifika ostdeutscher Erfahrung zu fragen. These ist dabei, dass die Erzählungen über die Wendezeit von einer westdeutschen Perspektive dominiert werden und dadurch emanzipatorische Bestandteile der Wendebewegung verschüttet werden. Am Podium nahmen einerseits OrganisatorInnen der Tagung, andererseits Vortragende teil: Stefan Meyer (Aufbruch Ost) Carolin Krahl (Autorin, Politisch Schreiben) und Emiliano Chaimite (DaMigra, Dresden) – für die OrganisatorInnen: Elisa Gerbsch und Paul Zschocke.

    Download: via AArchiv (mp3; 223.7 MB; 1:37:44 h)

Ergänzend zum Thema: Reihe der Initiative gegen jeden Extremismusbegriff.

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Das unmögliche Verlangen

50 Jahre 1968 – Geschichte und Gegenwart

Anschließend an die 1968er-Sendereihe von Radio Corax fand von Mai 2018 bis Januar 2019 eine Veranstaltungsreihe in Halle (Saale) statt. Titel war: „Das unmögliche Verlangen“ (oder: „Das Unmögliche verlangen“?) Folgendermaßen wurde die Reihe angekündigt:

Pariser Mai und Prager Frühling, sexuelle Revolution und „versäumte Revolte“ (Stefan Wolle) – das Jahr 1968 wurde schon vielbeschrieben und doch gibt es noch unentdeckte oder kaum thematisierte Perspektiven. So sind nicht nur die weiblichen Akteure der “68er” sondern auch die Geschehnisse in der DDR und im ganzen Ostblock kaum im öffentlichen Gedächtnis verankert.

In Kooperation mit Radio Corax und der Oper Halle wirft die Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen-Anhalt 50 Jahre nach den bewegenden Ereignissen in Ost und West in sieben Veranstaltungen im Frühsommer und Herbst einen Blick auf die blinden Flecken dieses – zu erwartenden – Jubiläums-Spektakels und fragt dabei auch nach Bezügen zur Gegenwart. (via)

1.) Keine Ruhe nach dem Sturm

Im Februar 2018 hat Ulrike Heider ein autobiographisches Buch über 1968 und die nachfolgenden Jahre der Bewegung veröffentlicht. In der Lesung spricht sie über den SDS in Frankfurt, die Gruppe „Revolutionärer Kampf“ (RK), das Leben in Wohngemeinschaften und besetzten Häusern, Geschlechterverhältnis und sexuelle Befreiung, die Sponti-Szene und die Autonomen. Es ist eine kritische Aufarbeitung, die nicht der Abschwörung verfällt. Sie blickt auf ein linkssozialistisches, rätekommunistisches Umfeld. Siehe auch das ausführliche Interview mit Ulrike Heider, das wir hier dokumentiert haben.

Lebendig und mitreißend erzählt Ulrike Heider 50 Jahre ihrer persönlichen Geschichte als spannungsreiche Zeitgeschichte. Den politischen und kulturellen Aufbruch der späten 1960er Jahre erlebte Ulrike Heider als befreiend. In ihrem jüngst bei Bertz+Fischer veröffentlichten Buch (“Keine Ruhe nach dem Sturm“) beschreibt sie Höhepunkte, Kriminalisierung und Zerfallserscheinungen der antiautoritären Protestbewegung. Ob es um SDS-Versammlungen, Experimente mit der freien Liebe, die Frankfurter Universitätsbesetzung, um Straßenschlachten oder Hausbesetzungen geht, immer sind ihre Erinnerungen intim und kritisch zugleich. Mit Ulrike Heider begegnen wir auch Mackertum, Untertanenmentalität, Antisemitismus und das alltägliche Elend des Zerfalls einer Bewegung.

Ulrike Heider, Jahrgang 1947, studierte Politik und Germanistik, promovierte, zog später nach New York und lebt seit 2000 als freie Schriftstellerin in Berlin. Sie schreibt Bücher, Essays und Radiosendungen zu den Themen Schüler- und Studentenbewegung, Anarchismus, afroamerikanische Politik und Sexualität. Zuletzt »Vögeln ist schön – Die Sexrevolte von 1968 und was von ihr bleibt« (Berlin 2014). (via)

    Download: via AArchiv (mp3; 76.8 MB; 47:56 min)

2.) Politik und Psychedelik

Ostblock-Popkultur zwischen Nonkonformismus und “Normalisierung” 1968 – 1978. Alexander Pehlemann erkundet in seinem Vortrag musikalisch-subkulturelle Milieus des Ostblocks im Jahrzehnt nach 1968. Er schildert kenntnis- und anekdotenreich subkulturelle Zusammenhänge und Szenen in verschiedenen Ländern des Ostblocks und befördert dabei Radikales wie Skurriles zutage.

Das Jahr 1968 war weltweit ein Aufbruch in vehementer Ablehnung der Verhältnisse, die sich schnell auch in den Ländern des Warschauer Pakts etablierte. Deren „Love, Peace & Happiness“ wurde schnell zur Provokation, auf die repressiv reagiert wurde. Aber die Saat der Subkultur konnte nicht komplett unterdrückt werden, zumal das System sich im Widerspruch bewegte, den antikapitalistischen Jugend-Bewegungen des Westens wie der Dritten Welt aufgeschlossen gegenüber wirken zu wollen. Parallel entwickelten sich so auch Tendenzen der Tolerierung und sogar Förderung, die mit Einhegung und Reglementierung einhergingen, jedoch auch zu einer einzigartigen Phase gegenseitigen kulturellen Austauschs führte. Alex Pehlemann wird daher nicht nur die jugendkulturelle und künstlerische Opposition betrachten, sondern zugleich das widerspruchsreiche Einsickern ihrer Ästhetik, in dessen Vor- und oft auch Rückbewegungen. Dabei geht es quer durch den gesamten Ostblock mit den jeweiligen Landesbedingungen sowie einmal durch die Dekade 1968-1978.

Alexander Pehlemann wurde 1969 in Berlin-Lichtenberg geboren. Er ist seit 1993 Herausgeber des »Zonic«, Magazin für »Kulturelle Randstandsblicke & Involvierungsmomente«, dabei mit Vorliebe in osteuropäische Subkulturzonen blickend. (via)

    Download: via AArchiv (mp3; 169.4 MB; 1:45:42 h)

3.) Mein ’68

Mein ’68 – Ein verspäteter Brief an meinen Vater“ ist ein Film von Hannes Heer aus dem Jahr 1988, in dem er den Bruch zwischen ihm und seinem Vater im Zuge von 1968 verarbeitet (siehe auch das Gespräch mit Hannes Heer darüber: hier). Im Vortrag geht es Hannes Heer um zwei zentrale Punkte: 1968 markiert für ihn einerseits den Punkt, an dem ein Teil der Generation, die in den 40er Jahren zur Welt gekommen ist, damit begann, die Elterngeneration nach ihrer (Mit)Täterschaft im Nationalsozialismus zu befragen. Andererseits ist für ihn 1968 ein Kulminationspunkt der Verweigerung, die Rekonstituierung des Kapitalismus nach 1945 hinzunehmen – davon ausgehend entsteht ein Experimentierraum einer Fundamentalopposition. Diese beiden Punkte erläutert er in acht Kapiteln, in denen er u.a. die Debatten innerhalb des SDS und die Diskussion mit Intellektuellen der Nachkriegszeit (u.a. Herbert Marcuse, Norbert Elias, Jürgen Habermas) beleuchtet.

Hannes Heer, Jahrgang 1941, führt in die Geschichte der Revolte in zweifacher Weise ein – mit einem Vortrag und einem Film: „Mein 68. Ein verspäteter Brief an meinen Vater“ versucht eine im Leben gescheiterte und nur filmisch mögliche argumentative Auseinandersetzung des Autors mit seinem Vater. Dieser, früher NSDAP-Mitglied und nach dem Krieg CDU-Wähler, reagierte auf den politischen Aufbruch der damaligen Studentengeneration und seines eigenen Sohnes mit hasserfülltem Unverständnis und brach 1968 alle Brücken zu ihm ab. An diesem Nichthinsehen- und Nichthinhören-Wollen setzt der Film an. Er rekonstruiert auf nachdenkliche und selbstkritische Weise im fiktiven Dialog mit dem Vater die Gründe, die die Studentenbewegung auslösten.

Hannes Heer war wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sozialforschung und Leiter des Ausstellungsprojektes „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“. Er dreht für ARD und ZDF zahlreiche Dokumentationen. Der Film “Mein 68” wurde, nach heftigen internen Kämpfen, vom WDR ausgestrahlt. (via)

    Download: via AArchiv (mp3; 141.7 MB; 1:01:54 h)

4.) Im Osten nichts Neues?

Von ’68, dem Autoritarismus und den späten Folgen. In der DDR gab es im Jahr 1968 keine vergleichbare Revolte wie in anderen europäischen Ländern. Ob dies eine Ursache für immer wiederkehrende nationalistische und rassistische Mobilisierungen ist, darüber haben in einer Podiumsdiskussion Bernd Gehrke, Thorsten Hahnel und Petra Dobner debattiert. Bernd Gehrke schildert, inwiefern es gleichwohl in der DDR im Jahr 1968 zahlreiche Proteste gab und wie es zum antikommunistischen Drive in der Wendebewegung kam; Thorsten Hahnel erzählt von nationalistischen, rassistischen und konformistisch motivierten Angriffen, denen sich damals auch Hahnel als Punk zu erwehren hatte; Petra Dobner vertritt einige unklare Thesen und verwendet dabei universitäre Redewendungen. Siehe auch: Ausführliches Interview mit Bernd Gehrke über 1968 im Ostblock (Unterpunkt 6) / Wendefokus-Gespräch mit Thorsten Hahnel.

Was hat die derzeitige globale Krise der Demokratie mit 1968 zu tun? Und wie sieht das mit Blick auf Ostdeutschland aus? Ist die Anziehung eines Viertels der Bevölkerung für autoritäre und rassistische Bewegungen wie Pegida oder die AfD eine Folge der fehlenden ’68 Revolution im Osten Deutschlands?
Diese und weitere Fragen diskutieren der DDR-Oppositionelle und Historiker Bernd Gehrke, Thorsten Hahnel (Miteinander e.V.) und Prof. Dr. Petra Dobner (Lehrstuhl für Systemanalyse und Vergleichende Politikwissenschaft, MLU).

Auch wenn in der DDR 1968 keine vergleichbare Revolte stattfand wie in der BRD, war es ein Jahr außerordentlicher Proteste. Bernd Gehrke spricht über die Auseinandersetzungen um Öffentlichkeit in den Betrieben und die niederschmetternden Folgen. Letzere sind für Thorsten Hahnel eine Erklärung für die heutige konformistische Rebellion um Pegida und AFD gerade auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. Die derzeitige reaktione Welle, auf der in vielen Teilen der Welt wieder autokratisches, nationalistisches Denken mehrheitsfähig wird, analysiert Petra Dobner als Umkehrung eines 68er Postmaterialismus und fordert, “mehr 68” zu wagen. (via)

    Download: via AArchiv (mp3; 169.7 MB; 1:45:54 h)
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Einführendes zur Kritik des Parlamentarismus

Wir dokumentieren hier die Aufnahmen von zwei Veranstaltungen der Leipziger Gruppe „The Future is Unwritten“. Beide Vorträge behandeln auf verschiedene Weise die Kritik des Parlamentarismus. Beide Veranstaltungen fanden statt im Rahmen der Kampagne „Nationalismus ist keine Alternative“.

1.) Echte Demokratie jetzt!?

Kritiken des Parlamentarismus im Vergleich. Nach einer kurzen Definition des Parlamentarismus führt der Vortrag in verschiedene Spielarten der Parlamentarismuskritik ein: Die linkssozialistische Parlamentarismuskritik Rosa Luxemburgs, die anarchistische Parlamentarismuskritik Erich Mühsams, die faschistische Parlamentarismuskritik Carl Schmidts und die linkskommunistische Parlamentarismuskritik von Johannes Agnoli. Es geht im ganzen Vortrag immer wieder auch um die Problematisierung von Schnittstellen zwischen rechter und linker Parlamentarismuskritik.

    Download: via AArchiv (mp3; 87.5 MB; 1:35:39 h) | Hören: via Soundcloud

2.) Gestern radikal – heute Landtagswahl

Parlamentarismuskritik in Zeiten des Rechtsrucks. Der Referent gibt zunächst eine knappe Einführung in die Grundlagen der Kapitalismuskritik, um dann zum Verhältnis von Ökonomie und Politik, Kapital und Staat zu kommen. Er skizziert verschiedene Spielarten der Staatskritik, um dann ausführlicher auf die Parlamentarismuskritik von Johannes Agnoli einzugehen. Als Beispiel für den Charakter staatlicher Politik und parlamentarischer Prozesse werden dann ausführlicher die Agenda 2010 und die Hartz-Reformen verhandelt. Zuletzt werden einige strategische Überlegungen angesichts des aufsteigenden Rechtspopulismus angestellt. Unter dem Titel „Gestern radikal, heute Landtagswahl – Zur Situation der Parlamentarismuskritik in Zeiten des Rechtsrucks“ gibt es auch einen längeren Text auf der Seite von Unwritten Future.

    Download: via AArchiv (mp3; 77.5 MB; 1:24:39 h) | Hören: via Soundcloud

Zur Kritik des Parlamentarismus siehe auch: Anton Pannekoek – Denker der Revolution.

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