Beiträge von Ernst

Twitter und Newfeed

Seit Jahren plaziere ich Beiträge, zumeist aus dem Öffentlich-Rechtlichen und aus den freien Radios, auf Twitter. Seit einiger Zeit weise ich dort auch auf Vortragsaufzeichnungen hin, da das „Bloggen“ hier stark nachgelassen hat. Zwischenzeitlich nutzte auch delicious.com als social bookmarking-Dienst, weil dort noch News-/RSS-Feeds zu haben waren, nachdem Twitter sie bei sich abschaffte (Scheißverein). Nun sind Newsfeeds sicherlich die bessere und offenere Lösung, verglichen mit einem kommerziellen Kurzmitteilungsdienst. Ich habe mich daher gerade wieder nach einem RSS-Parser für Twitter umgesehen und folgende Lösung gefunden, die hoffentlich eine Weile hält:

  • Das Twitter-Widget ist aktualisiert worden: unten in der rechten Spalte unter (bzw. anstelle von) „Zuletzt geschrieben“. Es wird allerdings von Browserplugins aus guten Gründen gerne blockiert. Ich habe deshalb noch den Link auf das Twitterkonto an derselben Stelle hinterlegt
  • Diesen Link könnt ihr in euren Feed-Reader einspeisen: https://twitrss.me/twitter_user_to_rss/?user=aarchiv.
  • Delicious hat einige Umstrukturierungen erlebt und scheint wenig funktional.
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Gesellschaftskritik – Subjekt – Psychoanalyse

EXIT!-Seminar 2015

Nachdem von verschiedenen Seiten bereits großes Interesse an den Mitschnitten des diesjährigen Seminars der Gruppe EXIT! bekundet worden ist, möchte ich die Beträge von Anselm Jappe und Daniel Späth an dieser Stelle dokumentieren. Mit dem Rahmenthema »Psychoanalyse« hat sich die Gruppe einem Dimension von Gesellschaftskritik zugewandt, dessen weitgehende Abwesenheit in der Wertkritik von Seiten anderer Strömungen oft bemängelt worden ist. Im Zentrum stand der Begriff des Narzissmus als Sozialcharakter der Gegenwart und als Struktmerkmal des bürgerlichen Subjekts überhaupt.

Die Aufzeichnungen sind im mp3- und ogg vorbis-Format auch auf archive.org zu finden.

1. Johanna Schmidt: Gesellschaftskritik und Psychoanalyse. Eine kritische Einführung in die Psychoanalyse – der Einstiegsvortrag ist bereits hier dokumentiert.

2. Anselm Jappe: War alles Descartes‘ Schuld? – Einige Betrachtungen zum Verhältnis von Narzissmus und Warenfetischismus

Der Narzissmus gehört zum postmodernen, neoliberalen Kapitalismus wie die klassische Neurose zum Kapitalismus der Aufstiegsphase: diese Ansicht ist mittlerweile recht verbreitet. Aber meistens wird »Narzissmus« nur als übertriebenes Selbstwertgefühl verstanden. Eine weitergehende, sich z. T. auf Christopher Lasch stützende Interpretation sieht darin eine Regression auf archaische, frühkindliche Stadien. Lasch selbst bringt diese Regression in Zusammenhang mit dem postfordistischen, konsumorientierten Kapitalismus, so wie auch neuere Autoren (Götz Eisenberg, Neo-Lacanianer in Frankreich). Das reicht aber nicht. Der Narzissmus, im Sinne der Abwesenheit echter Objektbeziehungen, ist eng mit der abstraktifizierenden Wertlogik verknüpft, die von jedem Inhalt absieht . Dieser Zusammenhang besteht bereits seit Descartes‘ »Cogito ergo sum« und seiner »Weltlosigkeit«, aber zeigt sich erst heute in seinem ganzen Destruktionspotential.

3. Daniel Späth: »Kritik durch Deutung« – Wert-Abspaltungs-Kritik, Psychoanalyse und die Irrationalität des narzisstischen Zerfallssubjekts

Fünfundzwanzig Jahre ist es mittlerweile her, dass die radikale Krisentheorie mit dem »Kollaps der Modernisierung« (Robert Kurz) sich innerhalb der linken Publizistik und ihrer Reaktionen auf den Zusammenbruch der Sowjetunion positionierte. Dass der ökonomische Ruin des Staatssozialismus der Vorschein einer tiefer liegenden Krise des gesamten Weltkapitals sein könne, diese These stand quer zur krisentheoretischen Abrüstung des Linksradikalismus. Verblasste, bedingt durch die postmoderne Wende, auch bei den orthodox-marxistischen Teilen jedweder Bezug auf akkumulationstheoretische Begründungen, um die objektivierte Fetischkonstitution in bloße politische Kräfteverhältnisse und Wechsellagen aufzulösen, musste die Reformulierung der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie auf der Höhe der Zeit von Anfang an verdächtig erscheinen.

Wurde die radikale Krisentheorie zunächst auch und gerade von linksradikaler Seite totgeschwiegen, konnte sie doch über ihren krisentheoretischen Kern hinaus Einfluss in der Linken gewinnen, sodass die Ignoranz von der Denunziation abgelöst wurde: Kapitalismus und objektive »innere Schranke« (Marx)? Ihr habt sie doch nicht mehr alle! Zu allem Unglück erfasste die objektive »innere Schranke« des Weltkapitals spätestens seit 2008 in vollem Umfang, sodass selbst die in konkretistischer Manier immerzu angeführte Empirie nur noch schwer gegen die radikale Krisentheorie ins Feld geführt werden kann. Seitdem sind Ignoranz und Denunziation gegen die radikale Krisentheorie von ihrer eklektizistischen Aneignung abgelöst werden, wodurch Versatzstücke der radikalen Krisentheorie in dem zur Szene verkommenen Linksradikalismus herumgeistern, ohne dass auch nur einer kategorialen Krise des Kapitals oder die daraus erwachsenden Implikationen in Bezug auf die Verwahrlosung des postmodernen Zerfallssubjekts in irgendeiner Form ernsthaft in Betracht gezogen würden.

Die aus Sicht der Wert-Abspaltungs-Kritik paradoxe Gegenläufigkeit, dass einerseits die Theorie einer fundamentalen Krise des Kapitals durch die europäische Krisenverwaltung ungemein an Brisanz gewinnt, andererseits die Linke aber noch nie so weit wie heute davon entfernt war, eine inhaltliche Auseinandersetzung mit ihr auch nur im Ansatz zu versuchen, drängt geradezu zu einer psychoanalytischen Kritik dieser grunsätzlichen Krisenaversion. Der postmoderne Eklektizismus, dem sich auch die Linke leidenschaftlich verschrieben hat, wirft sich auf jede noch so konträre Auffassung, um ihr durch Einverleibung den Stachel der Kritik zu ziehen. Diese irrationale Aversion gegen die Krisentheorie, die wie kein anderer Affekt für die gedankliche Selbstauslieferung des Linksradikalismus an die fetischistischen Systemgesetzte steht, bedarf einer kritischen Aufarbeitung; und das umso mehr, da der Versuch des Unschädlich-Machens radikaler Krisentheorie nur der zugespitzte Ausdruck einer Erosion des Linksradikalismus ist, die wesentlich auch sozialpsychologisch konstituiert ist.

Allerdings ist diese psychosoziale Irrationalität des narzisstischen Sozialcharakters der Postmoderne nicht mehr mit den Kriterien der Marxschen »Kritik durch Darstellung« zu fassen. Mit dem Aufbrechen der objektivistischen Wertkritik und der Entstehung der Wert-Abspaltungs-Kritik konnte auch die psychoanalytische Ebene für die Kritik des postmodernen Zerfallssubjekts fruchtbar gemacht werden. Da die Psychoanalyse als eigener theoretischer Gegenstand einer wert-abspaltungs-kritischen Ausarbeitung bis heute harrt, muss sich die – in sich widersprüchliche – Integration der psychoanalytischen Ebene in die Wert-Abspaltungs-Kritik am inhaltlichen Begründungsanspruch messen lassen. In diesem Sinne wird der Vortrag versuchen, eine wert-abspaltungs-kritische »Kritik durch Deutung« von der Marxschen »Kritik durch Darstellung« abzugrenzen, um insbesondere in Bezug auf die Freudsche Theorie darzulegen, wie ihr als Konstitutionstheorie der psychischen Form sowohl kritische, als auch affirmative Momente eignen. Ein zweiter Teil wird auf dieser Basis die psychodynamischen Implikationen des narzisstischen Sozialcharakters ausleuchten, um so letztlich auch auf die sozialpsychologischen Schranken aufmerksam zu machen, die sich der radikalen Krisentheorie gegenüber auftun.

Ankündigungstext:

Einladung zum EXIT!-Seminar 2015

vom 16. – 18. Oktober in Mainz

Gesellschaftskritik – Subjekt – Psychoanalyse

Im Exit-Seminar 2015 soll es um den Themenkreis Gesellschaftskritik – Subjekt – Psychoanalyse gehen. Es reicht heute nicht aus, Zerfallsprozesse des kapitalistischen Patriarchats und eine entsprechende »Krise des Subjekts«, die sich immer mehr zuspitzen, vor allem ökonomisch und politisch zu analysieren – die gebrochene Totalität der Spätpostmoderne ist komplizierter. Das Problem des Verhältnisses von Wert-Abspaltungs-Kritik und Psychoanalyse ist dabei nach wie vor ungelöst und es kann wohl auch nicht im Sinne einer systemischen Eintracht zur Deckung gebracht werden; dazu sind die gesellschaftlichen Verhältnisse zu widersprüchlich. Mit Adorno sollte hier also keine Zwangsvereinheitlichung angestrebt werden. Den Schwerpunkt des Seminars bildet der Zusammenhang von (Spät)Postmoderne und narzisstischem Sozialcharakter, der schon seit Jahrzehnten einschlägige Teile der Linken umtreibt, ja mittlerweile geradezu zur Plattitüde geworden ist.

Mit dem psychanalytischen Blick auf die spezifische Verfassung des Subjekts in der Krise heute ergibt sich jedoch auch das Problem, in welches Verhältnis die von Marx vorgelegte »Kritik durch Darstellung« zur völlig anders verfahrenden freudschen »Kritik durch Deutung« aus Sicht der Wert-Abspaltungs-Kritik zu setzen ist. Ausgangspunkt für die Behandlung dieser Fragestellung ist, dass man/frau die fundamentale Krise und ein Zu-ende-gehen des Kapitalismus in der Linken immer noch häufig abwehrt, obwohl jede/r im Grunde genommen weiß (durch die Verlaufsformen der gnadenlosen Krisenverwaltung es zunehmend unleugbar wird), dass es so nicht weitergehen kann.

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Die Grenze der Aufklärung und die Krise der Gesellschaft

Ein Zusammenhang von Antisemitismus und ökonomischer Krise besteht zwar offenkundig, ist aber doch schwer zu bestimmen. Schließlich folgt Judenhass so wenig automatisch aus der Krise, wie er in Prosperitätszeiten abwesend wäre. JustIn Monday, dessen im März 2015 in Berlin gehaltenen Vortrag wir im folgenden dokumentieren, befasst sich mit dem Verhältnis von Latenz und Manifestation des Antisemitismus und bezieht dessen Wandlungen auf die Geschichte von Krisen und Krisenlösungen (in) der kapitalistischen Gesellschaft.

Eine der ersten Versionen von Moishe Postones bekanntem Aufsatz „Antisemitismus und Nationalsozialismus“ wurde 1982 in der Zeitschrift Merkur veröffentlicht und trug dort den Titel „Die Logik des Antisemitismus“. Der Grund für die Titelwahl dürfte gewesen sein, dass im Mittelpunkt von Postones Argumentation die Dialektik und somit die Logik der Wertform steht.

Allerdings steht die einseitige Betonung der Logik, die dem Aufsatz insgesamt nicht gerecht wird, in dessen Rezeption aber tatsächlich eine zentrale Rolle gespielt hat, in einem eigentümlichen Verhältnis zur Geschichte des Antisemitismus innerhalb derjenigen Gesellschaft, in der der Wert die Form der Herrschaft darstellt. Denn diese ist zwar seit ihrem Beginn von Antisemitismus durchzogen, nur wirkt der keineswegs so kontinuierlich, wie es eine Herleitung aus den elementaren Formen vermuten lässt.

Das antisemitische Denken unterliegt wie kein anderes Ressentiment der bürgerlichen Gesellschaft assoziativen Sprüngen und irrationalen Fixierungen, weshalb die Rede davon, dass er eine Logik hat, mindestens fragwürdig ist. Aber nicht nur der Inhalt der Ressentiments ist inkonsistent. Die in der Antisemitismusforschung übliche Unterscheidung zwischen latentem und manifestem Antisemitismus ist eine Reaktion darauf, dass die gesellschaftlichen Subjekte sich schubweise und relativ plötzlich in jene verfolgende Unschuld verwandeln, die sie als AntisemitInnen sind.

Diese Seite des Antisemitismus – und darum soll es in dem Vortrag gehen – verweist auf die Bedeutung der Krise bei der Entstehung des Antisemitismus. Es ist kaum zu übersehen, dass die Assoziationsketten, die die antisemitische Agitation tragen, mit antiliberalen Schuldzuweisungen an vermeintliche Krisenverursacher ansetzen, um in ihrem Fortgang zu einer Vorstellung von der Welt als Ganzem zu kommen, in dem „jüdisches Handeln“ im Mittelpunkt allen Geschehens stehen soll. Erst in der Reflexion auf die Denkformen, die den kapitalistischen Subjekten zur Verfügung stehen, um die Krisentendenz ihrer Gesellschaft zu begreifen, lassen sich sowohl die stereotype politökonomische Systematik des Antisemitismus erkennen als auch die scheinbar vermittlungslos unsystematischen, hasserfüllten Affekte des antijüdischen Unbewussten wahrnehmen und zurückweisen. Ein Zusammenhang, der im Vortrag anhand einer Übersicht über die Geschichte des Antisemitismus entfaltet werden soll. [via Gebrochene Totalität]

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Krise und Transformation

EXIT!-Seminar 2014

Das diesjährige EXIT!-Seminar (17.-19. Okt.) widmete sich gesellschaftsanalytisch und ideologiekritisch dem globalen Krisenverlauf und Fragen der gesellschaftlichen »Transformation«. Die Aufnahmen, die leider etwas unvollständig sind, liegen auch als Videos (allerdings ohne Nachbearbeitung der stellenweise schlecht zu verstehenden Audiospuren) sowie auf archive.org vor. Titel und Ankündigungstexte sind ziemlich selbsterklärend. Ich verzichte daher auf eigene Inhaltsangaben (d.h., ich bin zu faul).

Die Krise von 2008 hat in der Linken eine Transformationsdebatte ausgelöst. Staatsbankrotte und Strukturanpassungsprogramme mehren sich, nicht zuletzt auch in südeuropäischen Ländern, was zur Folge hat, dass es zu Legitimationsproblemen des kapitalistisch-demokratischen Systems und folglich zu sozialen Unruhen kommt. Bürgerkriegsszenarios, rechte Parteien, islamistische Fundamentalismen, der sogenannte Israel-Palästina-Konflikt und nicht zuletzt die Ukraine-Russland-Konfrontation stehen im Blickpunkt der Medien. Die Rede vom Verfall des Kapitalismus geht mittlerweile etlichen Linken leicht über die Lippen, selbst wenn in Merkel-Deutschland trügerische Ruhe herrscht. Es wird nach neuen Lösungen gesucht. Sieht man/frau indes genauer hin, zeigt es sich, dass die „Systemfrage“ mit altlinken Konzepten und Rezepten beantwortet wird: Wirtschaftsdemokratie, keynesianische Maßnahmen, solidarische Ökonomie, Commons u. ä. In der ersten Hälfte des Seminars werden zwei Aspekte der „Krise“ beleuchtet, in der zweiten widmen sich zwei Vorträge dem Thema „Transformation“.

1. Ernst Johannes Schnell, Bericht zum Moishe Postone-Seminar in Dresden (2.-4. Mai 2014)

Jenseits seiner unbestrittenen Verdienste um die Reaktualisierung einer marxistischen Wertkritik haben wir die Defizite Postones in seinem Buch „Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft“ diskutiert. Dabei standen zunächst die Themenkreise „Abstrakte Arbeit und Substanz des Wertes“, „Methodologischer Individualismus“ und „Das Verständnis von Zeit“ im Mittelpunkt der Vorträge und Diskussionen. In engem theoretischen Zusammenhang mit der kritischen Auseinandersetzung damit konnte dann herausgearbeitet werden, daß diese Defizite beinahe automatisch zur „Absenz einer Krisentheorie“ führen müssen.
Die Vorträge und die wichtigsten Diskussionsergebnisse sollen in diesem Referat zusammenfassend erläutert werden. Postones Versuch einer Neuinterpretation der Marxschen Politischen Ökonomie (geschrieben im Original bereits in den 1980er Jahren in den USA) weist insbesondere bei den obigen Themenkreisen Schwachstellen und Lücken auf. So gehen wir davon aus, daß er immer wieder einem methodologischen Individualismus anhängt, statt seine begrüßenswerten Ansätze einer dialektischen Herangehensweise konsequent durchzuhalten, daß er eine zu statische Auffassung von Zeit im Kapitalismus hat, daß sein Substanzbegriff des Wertes lediglich auf das gesellschaftliche Vermittlungsverhältnis rekurriert, ohne die Substanzbildung durch die abstrakten Arbeit zu erwähnen, daher also unvollständig ist, und daß er aus eben diesen Gründen keinerlei Krisentheorie entwickeln kann. Durch häufige Bezüge auf die Wert-Abspaltungskritik und insbesondere auf Texte von Robert Kurz wurden in den Vorträgen und Diskussionsbeiträgen unsere Kritikpunkte verdeutlicht. Bei den Diskussionen wurde als das größte Manko bei Postone die Absenz einer Krisentheorie betont. Seine Hinweise auf eine ökologische Krisensituation wurden übereinstimmend als ungenügend für eine Erklärung des heutigen Kapitalismus empfunden.

Postone, Moishe; Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft; Freiburg; 2003
ders.; „Marx neu denken“; in: Jaeggi, Rahel und Loick, Daniel (Hrsg.); Nach Marx; Berlin; 2013
ders.: „Die Deutschen inszenieren sich am liebsten als Opfer“, Interview mit Philipp Schmidt; in: Gremliza, Hermann L. (Hrsg.): No way out?; Hamburg; 2012

2. Tomasz Konicz, Die Ukraine und die Weltkrise des Kapitals

Das Referat wird die eskalierende geopolitische Auseinandersetzung um die Ukraine als Moment der tiefen strukturellen Krise des spätkapitalistischen Weltsystems diskutieren. Einerseits sollen die Frontverläufe bei dem neoimperialistischen „Great Game“ an der Südwestflanke der Russischen Föderation dargestellt und die Motivation der einzelnen Großmächte erhellt werden. Zugleich gilt es, diese geopolitische Akteure als Getriebene der sich verschärfenden innerkapitalistischen Widersprüche zu begreifen, die hierauf mit einer nach Außen gerichteten Expansionsbewegung reagieren. Den Hauptteil des Vortrags wird aber die innerukrainische Krisenentfaltung einnehmen, in deren Folge das pauperisierte osteuropäische Land seiner sozioökonomischen Reproduktionsbasis verlustig ging. Die Kernthese des Vortrags lautet somit, dass die Ukraine nur deswegen zum Objekt des geopolitischen Great Game zwischen Ost und West werden konnte, weil aufgrund eines drohenden wirtschaftlichen Zusammenbruchs die ökonomische Grundlage der staatlichen Souveränität dieses postsowjetischen Landes erodierte – und die Staatsführung sich folglich zwischen einer Einbindung in das russische oder das europäische Bündnissystem entscheiden musste.

    Hören:

    Download: Teil 1 (0:57 h, 34 MB), Teil 2 (0:44 h, 26 MB)

3. Claus Peter Ortlieb, Krisenerklärungen und Transformationskonzepte ohne Subjekt- und Ideologiekritik: Wie sich der Kapitalismus nicht überwinden lässt

Die Erkenntnis, dass es sich bei gegenwärtige Krise nicht bloß um den Übergang in den nächsten Modus kapitalistischer Vergesellschaftung handelt, sondern vielmehr diese selber unhaltbar geworden ist, hat inzwischen das Umfeld sowohl der „Piratenpartei“ als auch das der Partei „Die Linke“ erreicht. Es finden sich dort Krisenerklärungen, die nicht auf das angeblich aus dem Ruder gelaufene Finanzkapital abheben, sondern die Ursachen in der Entwicklung der Produktivkräfte und dem mit ihr verbundenen Verschwinden der Arbeit aus der Produktion sehen. Sie sind damit an eine wertkritische Krisentheorie immerhin anschlussfähig. Es könnte sich daher als sinnvoll erweisen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, was im Vortrag versucht werden soll:

Diese Krisenerklärungen gründen in einer objektivistisch verkürzten Kapitalismuskritik, so als seien die Subjekte von der Gesellschaft, der sie angehören, gar nicht affiziert. Für die einen wird die Technik zum eigentlichen Träger eines quasi automatischen Übergangs in die neue Gesellschaft, für die anderen scheint sich die Transformation auf die Organisation einer neuen „A-Klasse“ der mehr oder weniger prekär Beschäftigten innerhalb der bestehenden politischen Strukturen zu reduzieren. Dagegen dürfen die – offenbar transhistorisch gedachten – Waren- und Geldsubjekte bleiben wie sie sind. Dass diese auf die Krise mehrheitlich mit reaktionären Ideologien reagieren, wird dabei hoffnungsfroh übersehen.

Ludger Eversmann: Projekt Post-Kapitalismus: Blue Print für die nächste Gesellschaft, Telepolis-Ebook, Hannover 2014
Constanze Kurz / Frank Rieger: Arbeitsfrei: Eine Entdeckungsreise zu den Maschinen, die uns ersetzen, München 2013
Manfred Sohn: Vor dem Epochenbruch: Warum die gegenwärtige Krise keine »normale« ist und was das für die Linke heißt, Neues Deutschland 06.08.2013, http://www.neues-deutschland.de/artikel/829420.vor-dem-epochenbruch.html
Manfred Sohn: Am Epochenbruch: Varianten und Endlichkeit des Kapitalismus, Köln 2014

4. Roswitha Scholz, Zur Dialektik der Fetischkritik: Die Wandlungen der Fetischmuskritik im Zuge gesellschaftlicher Transformationsprozesse und die Aufgaben der Wert-Abspaltungskritik

War Fetischismus-Kritik einstmals bestimmt von Hinterzimmer-Existenzen, so gibt es sie heute in den verschiedensten Farben und Formen. Sie ist nicht bloß in den linken Diskurs eingesickert, sondern beschäftigt selbst bürgerliche Kreise. Dabei gerät sie immer mehr in die Gefahr, Bestandteil der Krisenverwaltung zu werden. Stattdessen ginge es darum, Distanz zur eigenen Theoriegeschichte zu gewinnen, auf einer Dialektik der Fetischkritik zu bestehen und kompromisslos in der Einsicht der Notwendigkeit eines „kategorialen Bruchs“ (Robert Kurz) „abgehoben“ zu intervenieren. Einfachen Lösungen im Sinne einer heruntergebrochen Wert-Abspaltungskritik sowohl im Kontext wissenschaftlicher Verarbeitung, als auch in Form von praktischen Pseudo-Konzepten, gilt es somit mit Misstrauen zu begegnen.

Christine Blättler / Falko Schmieder (Hrsg.): In Gegenwart des Fetischs, Wien 2014, http://www.turia.at/titel/fetisch.html
Luc Boltansky / Ève Chiapello: Der neue Geist des Kapitalismus, Konstanz 2003
Ulrich Bröckling: Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform, Frankfurt a. M. 2007

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Eine emanzipatorische Kritik der Aufklärung

Auf Einladung des Ökumenischen Netzes Rhein Mosel Saar hielt Daniel Späth (EXIT!) kürzlich in Koblenz einen Vortrag zur Kritik der Aufklärungsphilosophie am Beispiel Kants. Späth stellt Kant in den Kontext der bürgerlich-kapitalistischen Entwicklung des 18. Jahrhunderts und versucht nachzuweisen, dass Antisemitismus, Antiziganismus und Sexismus dessen Philosophie nicht äußerlich sind. Ausführlicher ist diese Kritik in einer Artikelserie in der EXIT! Nr. 8 bis 10 nachzulesen und bzgl. des Antisemitismus hier nachzuhören.

    Hören:

    Download: Vorrede der Veranstalter (0:11 h, 8 MB), Vortrag (inkl. Zwischendiskussion, 1:37 h, 70 MB) via AArchiv | via archive.org

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9. November 1938 – Auftakt zum Holocaust

Vor einem Jahr, als das Gedenken an die damals 75 Jahre zurückliegende »Reichskristallnacht« auch der deutschen Öffentlichkeit ein wenig wichtiger war als der Jahrestag des Mauerfalls, produzierte Sachzwang FM eine sehr hörenswerte Sendung über die Pogrome des November 1938 und über die Struktur des Antisemitismus. Dieses Wochenende, an dem staatstragend die »friedliche Revolution von 1989« und die Wiederherstellung der deutschen Nation gefeiert wird, sind die deutschen NS-Verbrechen im öffentlichen Bewusstsein vermutlich kein, jedenfalls kein großes Thema. Die richtige Zeit also, zwei von Dr. Indoctrinator verlesene, leicht gekürzte Beiträge zu hören (oder selbst zu lesen), deren erster von Rainer Bakonyi stammt und vor allem die Ereignisse in der Art einer Chronik der Verfolgung und Vernichtung der Jüdinnen und Juden schildert. Im zweiten Beitrag widmet sich Rolf Pohl psychoanalytischen Theorien des antisemitischen Wahns. Im Zentrum stehen dabei die Begriffe »pathische Projektion« und »projektive Identifizierung« sowie die Wahrnehmungspsychologie.

    Download: via AArchiv (2 h, 41 MB)

Textnachweise:

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Immer wieder immer noch

Im Sprechen über das Geschlechterverhältnis kommt es zum Schwanken zwischen der Beschwörung eines gesellschaftlichen Fortschritts, der das Patriarchat mindestens in Recht und Ökonomie längst überwunden habe, und der weitere Gleichstellungsbemühungen einfordernden Aufzählung von Missständen, von denen Frauen nach wie vor betroffen sind, sei es die Alltäglichkeit von sexualisierter Gewalt, die »gläserne Decke« oder die schlechtere Bezahlung gegenüber Männern. Ausgehend von der Erfahrung, dass feministisches politisches Handeln allzu oft lediglich weibliche Handlungsfähigkeit überhaupt demonstrieren oder herstellen soll, plädiert Karina Korecky dafür, Fortschrittserzählungen gegenüber skeptisch zu sein und den gesellschaftlich bedingten Wiederholungszwang ernstzunehmen, der feministische Selbstermächtigungsversuche in diese – theoretisch wie praktisch – stets von vorn beginnende Position nötigt. Diesen Gedanken entwickelt sie im Gespräch mit einer Redakteurin der Sendung Studio F vom FSK Hamburg, dessen Thema feministische Geschichtsschreibung ist und den ich im Folgenden dokumentieren möchte. Er findet sich ebenfalls formuliert in weiteren von Koreckys Vorträgen sowie einem Text in der aktuellen Printausgabe der Konkret (10/2014).

Hören:

Download: mp3 via AArchiv | mp3, ogg via archive.org (0:36 h, 22 MB)

Vielen Dank an die Redakteurin für die Bereitstellung der Sendung!

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Antizionismus ohne Israel

Es mag zunächst absurd erscheinen, in Bezug auf eine Zeit vor der Staatsgründung Israels, ja gar vor dem Aufkommen eines zionistischen Staatsgründungsvorhabens, von »Antizionismus« zu sprechen. Es gibt jedoch mehr als bloß Indizien dafür, dass der gemeine Antisemitismus schon immer auch eine politische Ausdrucksform hatte, die sich gegen die Möglichkeit eines staatlichen, jüdischen Gemeinwesens richtete. Zwei Vorträge beleuchten diesen Zusammenhang und widmen sich dabei auch der Problematik des »sekundären Antisemitismus« als Erklärungsansatz von (insbesondere linker) Israel-Feinschaft im 20. Jahrhundert und heute.

1. Antizionismus ohne Israel. Der Haß auf den jüdischen Staat im deutschen Idealismus um die Wende zum 19. Jahrhundert

Daniel Späth (Redaktion Exit!) wurde – überraschend genug – nach Freiburg eingeladen, um im Jour Fixe-Programm der ISF Thesen zum Antizionismus bei Kant und Hegel vorzustellen. Seine Ausführungen beschränkten sich aus Gründen des Umfangs auf Immanuel Kant und dessen Antisemitismus. Die recht voraussetzungvolle Argumentation ist nachzulesen in der Exit! #10; ein (Teil-)Aufsatz zu Hegel in der Ausgabe #11.

Download: Teil 1 (0:36 h, 21 MB), Teil 2 (0:45 h, 27 MB)

Es ist ein gängiger Topos der linken Antisemitismuskritik, daß der “sekundäre Antisemitismus” nach Auschwitz zu einer Verschiebung in der judenfeindlicher Agitation geführt habe, sodaß die “klassischen” Stereotype des Judenhasses nun randständig seien. Nicht der “Wucher-Jude” mit der langen Nase werde heute als Verkörperung der Weltverschwörung identifiziert, sondern Israel, wobei der Judenhaß in Form von Staatskritik ein scheinbar unverfängliches Objekt hat: Man wird ja wohl noch Staaten kritisieren dürfen… Aber so unverzichtbar daran die kritische Einsicht ist, daß Auschwitz ins kollektive Unbewußte sedimentierte und daher ein deutscher Schuldkomplex entstand, der die Wiederkehr des Verdrängten an neuen Symboliken zu bekämpfen sich anstrengt, so verkürzt muß eine Antizionismuskritik bleiben, die von der bloßen Verschiebung des Antisemitismus zum Antizionismus ausgeht, d.h. von einer bloß sekundären Wirksamkeit des israelfeindlichen Ressentiments. Denn damit wird die fetischistische Selbstständigkeit antisemitischer Ideologiebildung ausgeblendet, die sich unabhängig vom realen Verhalten von Juden artikuliert. Wie der Antisemitismus auch ohne Juden und Jüdinnen seinem Wahn frönt, so existieren schon lange vor der Staatsgründung Israels eindeutig antizionistische Motive. Vor allem der deutsche Idealismus in seiner durchweg affirmativen Installation bürgerlicher Vernunft generierte bereits Ende des 18. Jahrhundert das Phantasma einer dezidierten “Unmöglichkeit” jüdischer Staatlichkeit, lange bevor dies auf der politischen Tagesordnung stand. Es verwundert nicht, daß die antideutsche Theoriebildung auf diesem Auge bis heute blind ist. Schließlich gilt ihr die bürgerliche Vernunft als letzter Restposten, als immanenter Rückzugsort gegenüber einem scheinbaren “Aufklärungsverrat”, wie er vor allem in der islamistischen Barbarei und im völkischen Antiimperialismus ausgemacht wird. Dabei übersieht die antideutsche Theorie, daß es die bürgerliche Vernunft selbst ist, die aus ihrer eigenen Widersprüchlichkeit heraus antisemitische und antizionistische Denkformen setzt und nicht etwa die Irrationalität einer wie auch immer gearteten “Gegenaufklärung”. – Es spricht Daniel Späth (Tübingen), der für “Exit! Kritik der Warengesellschaft” schreibt (etwa Das Elend der Aufklärung: Antisemitismus/ Antizionismus, Rassismus und Antiziganismus bei Immanuel Kant in N° 10, Horlemann-Verlag, Berlin 2012, sowie Form- und Ideologiekritik der frühen Hegelschen Systeme I, in N° 11/2013), dazu auf http://linkeirrwege.blogsport.de/ publiziert.

2. Sekundärer Antisemitismus – ein Erklärungsansatz für Israel-Feindschaft in der Linken?

Olaf Kistenmacher widmete sich bereits 2011, in einem in Ludwigsburg gehaltenen Vortrag, der Frage, warum im sekundären Antisemitismus nicht die Ursache für den Hass auf Israel innerhalb der deutschen Linken seit 1967 zu sehen ist. Anhand von auf den Nahen Osten bezogenen Äußerungen und Einschätzungen der KPD der 1920er Jahre beleuchtete er die Vorgeschichte des linken Antizionismus.

Download: Ohne Jingle via AArchiv (0:58 h, 20 MB) | Mit Jingle via FRN (1 h, 56 MB)

Die Sendung enthält eine kurze Moderation bzw. Einleitung von Lothar Galow-Bergemann (Emanzipation und Frieden) und einen Eröffnungsjingle, den ich weggeschnitten habe.

Als „sekundären Antisemitismus“ bezeichnet die Kritische Theorie eine Judenfeindschaft, die erst nach 1945 entstanden ist. Dieser Erklärungsansatz wird oft für den Antisemitismus in der politischen Linken herangezogen, denn er benennt die besonderen Motive, die gerade nach 1945 für eine antifaschistische Linke zentral sind: Um Schuldgefühle abzuwehren, setzten radikale Linke die Politik des Staates Israel mit der Shoah gleich.
Doch dieser Ansatz kann nicht die Vorgeschichte des linken Antizionismus erklären: Bereits Ende der 1920er Jahre setzte die KPD den Zionismus mit dem Nationalsozialismus gleich, während sie andere Nationalbewegungen unterstützte. Ihre Tageszeitung „Die Rote Fahne“ befürwortete 1929 ein Pogrom in Palästina, das über zwei Wochen andauerte und bei dem über hundert Jüdinnen und Juden ermordet wurden. Zur gleichen Zeit stellten andere Artikel „Juden“ als Vertreter des Kapitals und der herrschenden Klasse und als Unterstützer der NSDAP dar. Überschriften in der „Roten Fahne“ lauteten in den Jahren „Das Dritte Reich schützt die jüdischen Warenhäuser“ (1930), „Hitler proklamiert Rettung der reichen Juden“ (1931) oder „Nazis für jüdisches Kapital“ (1932). Dieser Antisemitismus war mit der gleichzeitigen Ablehnung von Judenfeindschaft insofern vereinbar, als die kommunistische Bewegung Judenhass als „Sozialismus der dummen Kerls“ deutete. Diese Deutung implizierte aber, an der Vorstellung festzuhalten, „Juden“ stünden tatsächlich auf der Seite des Kapitals – und der Zionismus wäre der „Kettenhund des Imperialismus“ im Nahen Osten, wie die „Rote Fahne“ 1925 verlautbarte.

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Der Wert als ökonomisches und politisches Verhältnis

Die historischen Metamorphosen des Kapitals und die Linke

Weitgehend abweichend vom Ankündigungstext, hat Daniel Späth (Redaktion »Exit!«) kürzlich in Berlin über die Konstitutions-, Durchsetzungs- und Verfallsgeschichte des Kapitalverhältnisses gesprochen. In seinem kursorischen historischen Durchgang beleuchtete er die unterschiedlichen (Wechsel-)Verhältnisse von Staat und Markt und ging kritisch auf die jeweilige Haltung der Arbeiterbewegung bzw. der Linken zum Staat ein. Das geschlechtliche Abspaltungsverhältnis und dessen historische Dynamik sparte er dabei leider aus Zeitgründen aus.

Hören:

Download via AArchiv: Vortrag Teil 1 (0:48 h, 29 MB), Vortrag Teil 2 (0:42 h, 25 MB), Diskussion (0:34 h, 21 MB)

Weil Inhalt und Ankündigung stark von einander abweichen, habe ich mir erlaubt, einen anderen Titel zu wählen.

Ort: Berlin/ Universitätsstraße 3b/ Raum 205, Datum: 27.11.2013, Uhrzeit: 18 Uhr

Daniel Späth
Einführung in die Wert-Abspaltungs-Kritik
Die Marxsche Wertkritik und ihre negativ dialektische Darstellung

Gemeinhin existiert die linke Rezeption der Marxschen Wertkritik als analytische Anstrengung, um jenen fundamentalen Kategorien, die das Kapital ausmachen, habhaft zu werden: Warenform, Geldform, Wertform. Schließlich komme es, so der geläufige Tenor, hauptsächlich darauf an, diese abstrakten Kategorien in ihrer begrifflichen Bestimmung zu fixieren, um sich von hier aus der Gesamtkategorie des „automatischen Subjekts“ (Marx) anzunähern. Paradigmatisch für eine derart terminologisch reduzierte Marx-Rezeption steht insbesondere die Neue Marx-Lektüre und in ihr wiederum Michael Heinrich, dessen Einführungsband ins Marxsche „Kapital“ eher einer Ausführung aus ihm gleichkommt.

Was allerdings bei einer bloß begrifflich nachzeichnenden Marx-Interpretation verlustig gehen muss, ist der genuin historische Charakter der kategorialen Kapitalformen. Keineswegs kam nämlich der Wert eines Tages auf die Welt, woraufhin sich die geschichtliche Entwicklung lediglich akzidentell an seinem inneren Kern vollzogen habe. Im Gegenteil erfuhren die Kategorien des Kapitals mit der Entfaltung seines Fetischs ihrerseits mannigfache Metamorphosen, sodass es einer dialektischen Darstellung bedarf, ohne deren kritische Historisierung begriffliche und realgeschichtliche Bestimmung zwangsläufig auseinanderfallen.

Dementsprechend wird der Vortrag versuchen die geschichtlichen Wandlungen des Kapitalfetischs darzulegen samt ihren verkürzten linken Auffassungen. Beginnend mit dem protokapitalistischen Absolutismus des 15. und 16. Jahrhunderts über die erste Ausentwicklung der Kapitalformen im 18. Jahrhundert, die alsbald auf ihren eigenen Grundlagen prozessieren sollten (19. Jahrhundert), bis hin zum Staatskapitalismus Anfang des 20. Jahrhunderts wird versucht werden, den Grundstein für ein Verständnis von Akkumulation zu gewinnen, das sich auf der Höhe der heutigen Fundamentalkrise des Kapitals behaupten kann. Dabei wird auch auf die geschlechtliche „Abspaltung“ (Roswitha Scholz) einzugehen sein, die als stumme Voraussetzung erst die Mühlen der Akkumulation ermöglichte.

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Hysterie

Der Wahnsinn des Weibes – oder: Sternstunden patriarchaler Wissenschaft

Das Krankheitsbild der Hysterie und seine Geschichte geben ein eindrückliches Beispiel von den sexistischen Gehalten männlich dominierter Wissenschaft, wurde der Hysterie und somit der Gebärmutter doch alles zugeschlagen, was am »Weib« vermeintlich unerklärlich und/oder krankhaft war. Die folgenden Beiträge aus dem Öffentlich-Rechtlichen zeichnen die Geschichte der Hysterie mit unterschiedlichen Schwerpunkten nach.

1. Die wandernde Gebärmutter – Eine Kulturgeschichte der Hysterie (2012)

Diesmal führt die Reise von der Antike bis ins 20. Jahrhundert, immer auf den Spuren eines medizinischen Irrglaubens – in die Welt gesetzt von Männern, zu Lasten der Frauen.

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2. Hysterie – Die Geschichte eines Krankheitsbildes (2012)

„Die Gebärmutter ist ein Tier, das glühend nach Kindern verlangt. Bleibt es lange Zeit unfruchtbar, so erzürnt es sich und erzeugt allerlei Krankheiten!“ So heißt es bei Platon. Vom griechischen Wort für Gebärmutter ist die Bezeichnung Hysterie abgeleitet. Die Hysterieforschung brachte Freuds Psychoanalyse hervor. Autorin: Ulrike Rückert

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3. Theatrum Hystericum. Der Siegeszug/kurze Glanz eines Nervenleidens (2013) Hörenswert

Das SWR2-Feature von Christine Wunnicke legt den Schwerpunkt auf das fin de siècle, eine Zeit, in der die Hysterie eine Art kulturellen Hype erlebte und regelrecht zur Kunstform avancierte. Sehr schön gestaltet und hörenswert!

In den 1880er-Jahren öffnete die neurologische Abteilung des Hôpital de la Salpêtrière in Paris ihre Pforten für die Öffentlichkeit: Jeden Dienstag führten die hauseigenen Hysterikerinnen vor Publikum ihr ansehnliches Leiden vor. Professor Charcot erklärte; Dr. Tourette assistierte; Dr. Duchenne elektrisierte und nahm Lichtbilder auf. In hypnotischen Tableaus inszenierte man die Krankheit der Epoche. Sie konnte jeden ereilen; neuerdings auch Männer. Die Hysterie, eben noch mit rustikalen Theorien über wandernde Gebärmütter assoziiert, wurde plötzlich zur Befindlichkeit à la mode, zur Muse der Künste, zum Schatten der Belle Époque.

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Über Jenny Marx

Jenny Marx führte das typische Leben einer bürgerlichen Frau des 19. Jahrhunderts. Jedes noch so beknackte Urteil ihres wankelmütigen Ehemannes teilend, machte sie das Beste aus widrigsten Verhältnissen – nicht für sich, sondern für ihn und die Familie. Dass sie ihr Glück darin sah, andere glücklich zu machen, wie Friedrich Engels es ihr in seiner Grabesrede hoch anrechnete, mag sein. Dass sie es gefunden hat, kann mitnichten angenommen werden. Unter dem Titel Mama Marx: Jenny — Karls Frau und Sekretärin erinnert Anja Koemstedt in der Reihe Bayern 2 radioZeitreise an die wenig beachtete Frau und Mitarbeiterin eines der bis heute einflussreichsten Denker überhaupt.

Selten wurde weiblicher Aufopferung für die hehren Ziele des Gatten so kärgliche Anerkennung zuteil wie in diesem Fall. Hören Sie die Geschichte einer großen Liebe, hoher Ideale und enttäuschter Hoffnungen. Sendung vom 04.08.2013

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Eine wesentlich kürzere Sendung der Reihe Kalenderblatt erinnert ebenfalls an Jenny Marx.

Der Journalist Karl Marx war alles andere als der Traumschwiegersohn von Herrn von Westphalen, aber Tochter Jenny war schrecklich verliebt. Kurz nach der Hochzeit, am 18. März 1843, schrieb sie ihrem „Mohr“ einen Brief, der schon einige Ahnungen für die langjährige Ehe vorwegnahm. Autorin: Carola Zinner

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Sie nennen es Liebe – Wir nennen es unbezahlte Arbeit

Care-Arbeit im Kapitalismus

Eine gute Sendung zur Notwendigkeit feministischer Gesellschafts- und Ökonomiekritik haben Julia Fritzsche und Sebastian Dörfler für die Reihe Zündfunk Generator (BR 2) gestaltet.

Frankfurt im Mai 2013. Bei den Blockupy-Protesten der Kapitalismuskritiker fliegen plötzlich nicht nur Farbbeutel, sondern auch Windeln. Daneben kippen Aktivistinnen Töpfe, Bügelbretter und Wäscheständer auf die Straße, bis sich dort ein kleiner Berg aus Haushaltsmüll türmt. Dazwischen Pappschilder mit Botschaften wie: „Jetzt kurz shoppen, noch schnell das Kind abholen und morgen gleich wieder früh raus… Who Cares?“

Während die Politik fehlende Kitaplätze und ein marodes Pflegesystem diskutiert, fragen Kongresse und Zeitschriften unter dem Motto „Take Care“ nach geschlechtergerechten Wirtschaften. Bücher fordern den „Aufstand aus der Küche“.

In der Krise reden alle von Finanzmärkten und Rettungspaketen, die Vertreter der Care-Revolution aber wollen wissen: Wer kümmert sich eigentlich um die Daseinsvorsorge der Menschen? Die Antwort: Nach wie vor Frauen. Sie kochen, putzen, ziehen die Kinder groß, pflegen die Alten und Schwachen.

Um diese „Reproduktionsarbeit“ sichtbar zu machen, forderten italienische Feministinnen in den 70ern deshalb „Lohn für Hausarbeit“. Doch statt Hausarbeit sichtbar zu machen, tummeln sich die Frauen heute auf dem Arbeitsmarkt. Sie werden schlechter bezahlt, arbeiten häufiger in Niedriglohnjobs und müssen sich daneben noch um Haushalt, Kinder und Pflegebedürftige kümmern.

Der Zündfunk-Generator spricht mit Gabriele Winker von der Technischen Universität Hamburg-Harburg sowie mit der Blockupy-Aktivistin Anja, liest sich durch Texte der heute wieder durch die Welt tourenden Feministin Silvia Federici und fragt: Wer macht hier eigentlich die ganze Arbeit? Und was haben Kochlöffel und Klobürste mit dem Kapitalismus zu tun?

Hören auf br.de.

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Natur bei Marx

Das kapitalistische Naturverhältnis ist, heute unübersehbar, ein destruktives und herrschaftliches. Der traditionelle Marxismus knüpfte jedoch bevorzugt an jene Äußerungen von Marx und Engels an, die einen Fortschritts- und Produktivkraftoptimismus nahelegten. Damit die Emanzipation ermöglichenden »Springquellen des gesellschaftlichen Reichtums« sprudeln, müssen Naturbeherrschung und -ausbeutung zuallererst intensiviert werden, so die Maxime. Im 20. Jahrhundert nahmen, noch bevor die »ökologische Krise« ins allgemeine Bewusstsein rückte, Walter Benjamin, Theodor Adorno, Max Horkheimer und schließlich Alfred Schmidt die Thematik der unbeherrschten gesellschaftlichen Naturverhältnisse kritisch auf.

Zwei Vorträge aus der Leipziger Reihe MarxExpedition beschäftigten sich mit dem vielschichtigen Naturbegriff von Marx und seiner Brauchbarkeit für die materialistische Reflexion der »Ökologie«-Problematik. Sie greifen dazu beide, mehr oder weniger kritisch, auf Alfred Schmidts Dissertation Der Begriff der Natur in der Lehre von Karl Marx (1962) zurück.

Die Aufzeichnungen der Veranstaltungsreihe sind von recht unterschiedlicher, teilweise schlechter, technischer Verarbeitung. Ich habe daher eine Reihe von ihnen in nachbearbeiteter Form auf unseren Server geladen.

1. Christoph Görg, Marx, der Marxismus und die ökologische Krise

Christoph Görg beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Naturverhältnissen und ökologischer Krise aus Sicht der Kritischen Theorie. In seinem Vortrag stellt einige Überlegungen zu diesem Themenkomplex, insbesondere Gedanken der oben genannten »heterodoxen« Marxisten vor.

Marx hat als Zeitgenosse der Industrialisierung schon sehr früh auf problematische Konsequenzen einer schrankenlosen Ausbeutung der Natur aufmerksam gemacht. Allerdings stehen diese Bemerkungen nicht im Zentrum seiner theoretischen Arbeiten – und sie wurden von seinen Nachfolgern im Parteimarxismus kaum aufgegriffen. Es bedurfte ab den 1960er Jahren erst der umfangreichen Diskussionen zur Rekonstruktion der Marxschen Theorie, um den nicht-ontologischen Materialismus (A.Schmidt) der Marxschen Theorie wie den möglichen Beitrag dieser Theorie zur Thematisierung der Krise gesellschaftlicher Naturverhältnisse herauszuarbeiten.

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2. Christian Schmidt, Natur und Arbeit: Über die Rolle der Praxis bei Karl Marx

Weniger instruktiv ist der Vortrag von Christian Schmidt, weil der Mitschnitt nach etwa 35 Minuten abbricht. Schmidt beginnt mit einer These zur Kritik an Alfred Schmidt und deutet anschließend verschiedene Stellen aus dem Marxschen Werk, an denen es um Natur geht.

Das aufgelöste Rätsel der Geschichte, schreibt der junge Marx, sei „als vollendeter Naturalismus Humanismus, als vollendeter Humanismus Naturalismus“. Die rätselhafte Formulierung führt direkt ins marxsche Denken des Verhältnisses von Mensch und Natur, in dem der Mensch einerseits selbst Teil der Natur ist, andererseits dieser aber auch schaffend gegegübersteht, die Natur und sich selbst als einen Teil von ihr überformt und sich aneignet. Doch eine Spannung bleibt trotzdem bestehen. Noch in der Kritik des Gothaer Programms weist Marx die Sozialdemokraten zurecht, die die Arbeit zur einzigen Quelle des Reichtums erklärten: Auch die Natur ist Reichtum.

    Hören:

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Chronologie der Nötigung, 3. Akt

Der 3. Akt der Chronologie der Nötigung ist erschienen. Die Sachzwang FM-Reihe beschäftigt sich anhand von Texten aus der Jungle World mit der Euro-Krise und der Rolle der BRD darin. Download via AArchiv (2 h, 41 MB)

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Michel Foucault – Was macht Macht?

Michael Reitz hat für RadioWissen ein hörenswertes Feature über Foucault gestaltet.

Der französische Philosoph Michel Foucault ist einer der einflussreichsten kritischen Denker der Moderne. Ihn interessierte, wie Macht entsteht, wozu sie benutzt wird und was sie aus Menschen machen kann.

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