Beiträge von AA

Radio Glasnost. Historische Aufnahmen der (linken) DDR Opposition.

Es sind historische Dokumente, mit deren Hilfe einmal mehr der Frage nachgegangen werden kann, warum und wie ein Gesellschaftsprojekt, das sich die menschliche Emanzipation von allen Verhältnissen, in denen „der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtetes Wesen ist“ (Marx), auf die Fahnen geschrieben hatte am Ende für den einzelnen Menschen selbst ein so hohes Maß an Erniedrigung, Knechtschaft, Verachtung und in einigen Fällen gar Vernichtung bedeuten konnte. Wir dokumentieren Radiosendungen des Berliner Radios 100 – ein an internen Auseinandersetzungen zerriebenes Radioprojekt, welches zwischen 1987 und 1991 auch Plattform Autonomer Gruppen in Berlin (West) war. Radio 100 strahlte einmal im Monat Radio Glasnost aus. Für diese Sendung wurden illegal in der DDR aufgenommene Redebeiträge und Interviews nach West-Berlin gebracht. Wir dokumentieren also einen – von Ilona Marenbach moderierten – einzigartigen Versuch die Widersprüchlichkeit der damaligen (DDR) Wirklichkeit abzubilden; Beschreibungen, die von den vermeintlichen „Siegern der Geschichte“, aber auch von „DDR Nostalgikern“ heute gern verschwiegen werden.

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Gesellschaftliche Naturverhältnisse

Vom 26.-29. Oktober 2013 richtete die Gruppe »Exit!« ihr Jahresseminar unter dem etwas schlicht formulierten Thema »Gesellschaftliche Naturverhältnisse« aus. Im Folgenden werden alle vier Vorträge dokumentiert, die sich unter unterschiedlichen Gesichtspunkten (Ökonomie, Ökologie, Wissenschaft, Ideologie, Subjekt) mit einer Kritik der historischen wie gegenwärtigen Naturverhältnisse des warenproduzierenden Patriarchats befassten.
Die Mitschnitte sind, größtenteils auch in kleineren ogg-Versionen, ebenfalls auf archive.org zu finden (dort auch alles auf einmal als Zip-Archiv, knapp 400 MB). Bei den Vortragenden handelt es sich mit Ausnahme Karina Koreckys um Exit!-Redakteure. Die dokumentierten Diskussionen enthalten Beiträge u.a. von JustIn Monday und Roswitha Scholz.

Seminarankündigungstext von Roswitha Scholz:

Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks erlebte der Kasinokapitalismus in den 1990er Jahren seinen Höhepunkt. In diesem Kontext stellten sich auch linke und feministische Theoriebildung auf kulturalistische und dekonstruktivistische Konzepte um. „Natur“ und eine wie auch immer verstandene „Materie“ waren als Beschäftigungsgegenstand weithin suspendiert, ja geradezu verpönt. Man/frau trug stets die Essentialismus-Keule bei sich. In den 2000er Jahren änderte sich dies, nicht zuletzt die Finanzkrise von 2008 machte deutlich, dass objektive und „materielle“ Problemlagen nicht mehr selbstverständlich zurückgewiesen werden können. Nun drängten auch liegen gelassene ökologische Fragen wieder in den Vordergrund, ausgehend von Skandalisierung der Klimaveränderung. Allerdings sind  postmoderne Schlacken in großen Teilen der Ökologie-Debatte noch deutlich sichtbar: So etwa im linksfeministischen Kontext: „Ziel der sozial-ökologischen Forschung ist es, Wissensinhalte in Bezug auf konkrete Problemlagen zu generieren, die es ermöglichen, praktisch verändernd in die Welt einzugreifen. Dementsprechend beansprucht das Konzept der gesellschaftlichen Naturverhältnisse keine universalisierende Welterklärung, sondern die Generierung kontextualisierten Gestaltungswissens. Gesellschaftliche Naturverhältnisse werden in ihrer Pluralität betrachtet und es wird zwischen  einer Vielzahl gesellschaftlicher Naturverhältnisse differenziert – es gibt nicht das singuläre gesellschaftliche Naturverhältnis.“ (Diana Hummel/Irmgard Schulz, Hervorheb.i.O.)
Wenn wir von gesellschaftlichen Naturverhältnissen sprechen, geht es um etwas anderes, nämlich um das Verhältnis von Natur und kapitalistischem Patriarchat, das sich nicht in postmoderne Pluralität auflösen lässt. Ökologische Probleme können unter kapitalistischen Bedingungen nicht gelöst werden; darüber hinaus weisen neue ökologische Bewegungen starke ideologische Momente auf, die bei fortschreitender Krise ihr Destruktionspotential erst voll entfalten könnten, wie anhand der Postwachstumsbewegung aufgezeigt wird. Außerdem werden Überlegungen zum Androzentrismus in der Geschichte der Naturwissenschaften und zur „Natur des Subjekts und des Staates“ angestellt.

1. Claus Peter Ortlieb: Kapitalistische Krise und Naturschranke

Claus Peter Ortlieb leitete das Seminar ein mit recht umfangreichen Ausführungen zu aktuellen Positionen, die den Zusammenhang von kapitalistischer Ökonomie, Wachstumszwang und den Grenzen der ökologischen Belastbarkeit der natürlichen Umwelt thematisieren – und meist verfehlen. Der Vortrag enthält einige Zwischen- und eine Abschlussdiskussion, die ebenfalls dokumentiert sind. Der eingangs erwähnte Konkret-Artikel zum selben Thema ist mittlerweile online verfügbar.

Anders als die ökonomische Krise, die in der bürgerlichen Öffentlichkeit als vorübergehende Erscheinung gedeutet wird, wird die ökologische Krise dort durchaus als Grundproblem der modernen Lebensweise wahrgenommen. Allzu offensichtlich ist der Widerspruch zwischen den ökonomischen Wachstumsimperativen auf der einen und der Endlichkeit der stofflichen Ressourcen auf der anderen Seite. Solange allerdings die kapitalistische Produktionsweise für so natürlich gehalten wird wie die Luft zum Atmen, beruhen alle Problemlösungen auf Fiktionen: Während die einen die Naturschranke unter Hinweis auf den technischen Fortschritt als nicht existent vom Tisch wischen, vernachlässigen oder verniedlichen die anderen die systemischen Zwänge und halten allen Ernstes einen Kapitalismus ohne Wachstum für möglich. Dazwischen versucht eine Mehrheit, das Problem durch die Kreation logisch unverträglicher Begriffe wie den des „nachhaltigen Wachstums“ zu vernebeln und sich so die Vereinbarkeit des Unvereinbaren einzureden.

Zur Klärung der Frage, was da eigentlich so zwanghaft wächst, sollen im Referat die im Laufe der kapitalistischen Entwicklung dynamisch sich verändernden Beziehungen zwischen Mehrwertproduktion, stofflichem Output und Ressourcenverbrauch und die aus ihnen resultierenden Wachstumszwänge untersucht werden. Dabei zeigt sich, dass ökonomische und ökologische Krise einerseits dieselbe Ursache in dem immer weiteren Auseinandertreten von stofflichem und abstraktem Reichtum haben. Auf der anderen Seite geraten die innerkapitalistischen Lösungsversuche für beide Krisen miteinander zunehmend in Widerspruch: Während etwa im Rezessionsjahr 2009 die weltweite CO2-Emission tatsächlich leicht zurückging, laufen die vergeblichen Versuche zur Bewältigung der ökonomischen Krise darauf hinaus, noch die letzten natürlichen Schranken gewaltsam zu durchbrechen.

2. Johannes Bareuther: Überlegungen zum Androzentrismus der naturbeherrschenden Vernunft

Die Naturwissenschaften, die das Wissen zur Naturbeherrschung liefern können, tauchen in den Debatten, die sich auf die Kritische Theorie beziehen, in den letzten Jahren nur selten auf. Dankenswerterweise erinnert daher Johannes Bareuther mit seinen Überlegungen zum Androzentrismus der naturbeherrschenden Vernunft an einige Texte und Diskussionen zur Kritik der Naturwissenschaften. Hervorgehoben wird etwa ein unvollendetes Meisterwerk (Fabian Kettner) aus dem Jahr 2004: Eske Bockelmanns Im Takt des Geldes, ein Buch, das anhand der Taktlehre aufzeigen konnte, wie Geld das Denken von seinen Grundlagen her bestimmt. Rhythmus nach betont/unbetont erscheint als etwas ganz Natürliches, ist aber erst seit dem 17. Jahrhundert Norm. Das Referat arbeitet die Grenzen der Untersuchung Bockelmanns sowie den Zusammenhang von Geschlecht und Wissenschaft heraus und nimmt Bezug auf einen älteren Aufsatz von Claus Peter Ortlieb.

Dass ein enger Zusammenhang zwischen der Entstehung der neuzeitlichen Naturwissenschaften und der kapitalistischen Vergesellschaftung besteht, aus dem sich auch deren destruktive Tendenzen erklären, diese Ahnung treibt schon länger TheoretikerInnen um. 2004 wies Eske Bockelmann in überzeugender Weise nach, dass sich die gesetzesförmige Naturerkenntnis der klassischen Mechanik einer an der Ware-Geld-Beziehung erlernten Abstraktionsleistung verdankt. Nicht in den Blick gerät in seiner Studie (wie in vielen anderen Wissenschaftskritiken) jedoch, welch konstitutive Rolle dem sich in derselben Zeit umwälzenden Geschlechterverhältnis hinsichtlich den naturwissenschaftlichen Denk- und Praxisformen zukam. Und dies, obwohl feministische Theoretikerinnen wie Elvira Scheich und Evelyn Fox Keller diesem Zusammenhang auf unterschiedlichen Ebenen bereits seit den 1980er Jahren nachgegangen sind. Keller untersuchte u. a. die geschlechtliche Metaphorik in den Schriften Francis Bacons, der von Bockelmann wie schon zuvor von Adorno/Horkheimer als Kronzeuge des modernen Programms wissenschaftlicher Naturbeherrschung herangezogen wird. Scheich wiederum knüpft in ihrem Buch Naturbeherrschung und Weiblichkeit (1993) an Sohn-Rethels Versuche an, die Entstehung der Naturwissenschaft aus der formalen Vergesellschaftung über das Geld zu erklären. Dabei erweitert sie Sohn-Rethels androzentrische Perspektive um die Dimension der abgespaltenen, unbewusst gemachten Gesellschaftlichkeit des Geschlechterverhältnisses und hebt die Bedeutung des Phantasmas der Weiblichkeit für das wissenschaftliche Naturverhältnis der Moderne hervor.

Der Vortrag möchte, an die feministische Wissenschaftskritik anknüpfend, einige Überlegungen vorstellen, wie eine wert-abspaltungs-theoretisch akzentuierte Kritik der Naturwissenschaft aussehen kann, wobei der Schwerpunkt auf der historischen Konstitutionsphase um das 17. Jahrhundert liegen wird.

Literatur:

Bockelmann, Eske (2004): Im Takt des Geldes: Zur Genese modernen Denkens. 1., Aufl. Springe: Zu Klampen.
Braun, Kathrin; Kremer, Elisabeth (1987): Asketischer Eros und die Rekonstruktion der Natur zur Maschine. Oldenburg: Bibliotheks- u. Informationssystem d. Univ. Oldenburg (Studien zur Soziologie und Politikwissenschaft).
Keller, Evelyn Fox (1986): Liebe, Macht und Erkenntnis. Männliche oder weibliche Wissenschaft. Carl Hanser.
Merchant, Carolyn (1987): Der Tod der Natur. Ökologie, Frauen und neuzeitliche Naturwissenschaft. C.H. Beck Verlag.
Ortlieb, Claus Peter (1998): „Bewusstlose Objektivität – Aspekte einer Kritik der mathematischen Naturwissenschaft“. In: Krisis. (21/22).
Scheich, Elvira (1993): Naturbeherrschung und Weiblichkeit: Denkformen und Phantasmen der modernen Naturwissenschaften. Pfaffenweiler: Centaurus (Feministische Theorie und Politik).
Scheich, Elvira (1990): „„Natur“ im 18. Jahrhundert und die Bestimmung der Geschlechterdifferenz“. In: Gerhard, Ute; Jansen, Mechtild; Andrea, Maihofer; u. a. (Hrsg.) Differenz und Gleichheit. Menschenrechte haben (k)ein Geschlecht. Frankfurt am Main: Ulrike Helmer Verlag.

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    Download via AArchiv: Vortrag (1:10 h mit Zwischendiskussion, 42 MB), Diskussion (0:18 h, 11 MB)

3. Karina Korecky: »Man nennt mich Natur und ich bin doch ganz Kunst«: Zur Natur des Subjekts und des Staates

Karina Korecky widmet sich der Geschichte des bürgerlichen Naturverhältnisses auf der Ebene der politischen Theorie. Die »innere Natur des Menschen«, die in den Vertragstheorien seit Hobbes als Voraussetzung des politischen Gemeinwesens, bürgerlicher Subjektivität und Rechtsgleichheit begriffen worden ist, verlor im Zuge der »Biopolitik« des »autoritären Staates« den Charakter einer positiven Berufungsinstanz und wurde folgerichtig im 20. Jh. zum Gegenstand rücksichtsloser »Dekonstruktion«. Wie angesichts dieser historischen Konstellation noch ein »Eingedenken der Natur im Subjekt« (Horkheimer/Adorno) möglich ist, ohne Natur zur Parole verkommen zu lassen, ist die letztlich unbeantwortbar bleibende Frage des Vortrags, der an vielen Stellen sympathisch-unsichere, fragende, aporetische Züge trägt.

Wer in kritischer Absicht von den Gründen für Unfreiheit, Unterdrückung und Diskriminierung spricht, verortet diese normalerweise in der Gesellschaft oder im Sozialen, keineswegs in der Natur. Alles, was gesellschaftlich, sozial, gemacht oder konstruiert ist, kann verändert werden, während „Natur“ Ungleichheit und Zwang verfestigt und legitimiert. Einst war das genau anders herum: Die Natur war gut und ihr zum Durchbruch zu verhelfen Programm der Aufklärung zur Durchsetzung von Freiheit und Gleichheit.

Die freundliche Natur der Aufklärung des ausgehenden 18. Jahrhunderts wurde zweihundert Jahre später zur Berufungsinstanz für Ungleichheit. Wer heute für gleiche Rechte kämpft, kritisiert „Naturalisierung“ und „Biologismus“. Am konsequentesten – sozusagen als Aufklärung mit umgekehrten Vorzeichen – geht dabei der linke Poststrukturalismus vor, der eine klare Feinderklärung an Natur abgibt und auf die Fähigkeiten des Geistes zur (De-)Konstruktion setzt. Demgegenüber steht in der linken Debatte ein eher hilfloser und vage bleibender Verweis auf Natur als das unverfügbare Moment, das sich sperrt, nicht aufgeht im beherrschenden Zugriff – manchmal verbunden mit der Hoffnung, da möge es ein Außen der gesellschaftlichen Totalität geben, vielleicht sogar einen Ausgangspunkt, an dem der revolutionäre Hebel angesetzt werden kann.

Der Vortrag handelt von der inneren Natur als Voraussetzung von Subjekt (Natur des Menschen) und Staat (Naturzustand) und ihrer Geschichte. Gezeigt werden soll, dass Materialismus nicht heißen kann, nach dem richtigen Naturbegriff zu suchen, sondern die Geschichte des Verhältnisses von Geist und Natur zu erzählen: von der Befreiung versprechenden Natur zur Biopolitik des autoritären Staates.

    Hören:

    Download via AArchiv: Vortrag (0:52 h, 31 MB)

4. Daniel Späth: Postwachstumsbewegung: Eine Variante (links)liberaler Krisenverdrängung

Daniel Späth sprach noch einmal (siehe Mitschnitt aus Halle) über die verschiedenen Varianten linker und liberaler »Wachstumskritik«, die er in einen Zusammenhang mit der Aufklärungsphilosophie stellt.

Es ist ein Wesensmerkmal des linken ideologiekritischen Reduktionismus, sich in den vielfältigen Polaritäten moderner Subjektivität einzurichten und damit Freiheit im Sinne Adornos, als kritische Verweigerung gegenüber den herrschenden Alternativen, der Partikularität zu überantworten. Ob nun der Idealismus zu einem Materialismus (Hegel vom Kopf auf die Füße gestellt) oder aber der Subjektivismus zu einem Objektivismus („Historischer Materialismus“) gewendet wird, das Resultat ist immer dasselbe: Als kritische Weiterentwicklung der bürgerlichen Vernunft apostrophiert, desavouiert sich der identitätslogische Anbau an der modernen Theoriearchitektur nicht etwa als transzendierende Kritik, sondern regelmäßig als ein immanenter Widerpart. Dieser Reduktionismus blamiert sich insbesondere in der Krise des warenproduzierenden Patriarchats. Der westliche Linksradikalismus, der statt der Fundamentalkrise überall „Chancen“ und „Aushandlungsoptionen“ wittert, hat die realgeschichtlichen Metamorphosen der Aufklärungsvernunft nicht überwunden, welche vielmehr zum unhinterfragbaren Selbstverständnis sedimentierte. Der weithin neoliberalisierten Linken scheinen sich quasi naturwüchsig neue Alternativen zu eröffnen: „Aufklärung“ versus „Gegenaufklärung“, „Vernunft“ versus „Unvernunft“, „Liberalismus“ versus „Volkstum“ etc., wobei, der identitätslogischen Versessenheit folgend, erstere gerne dem „rationalen Westen“ und letztere irgendwelchen „irrationalen Banden“ zugeordnet werden, wodurch der eigene männlich-westliche, weiße Standpunkt wieder mal fein raus ist.

Einer derart verkürzten „Ideologiekritik“ muss die „Postwachstumsbewegung“ als Wiederkehr eines ausgemacht völkischen Denkens gelten. Schließlich operieren ihre VertreterInnen nicht nur mit einem positiven Naturbegriff, darüber hinaus verweisen die diversen Begründungsmodi eines „falschen Wachstums“ auf eine strukturell antisemitische Ideologie, deren Ursachendiagnostik bezüglich der Krise sich ausschließlich auf das dämonisierte Finanzkapital und den inkriminierten Zins kapriziert. Für die assoziative Grundgesinnung des postmodernisierten Linksradikalismus bedürfte es hierbei keinerlei dialektischer Begründung mehr, zumindest dort, wo derartige Sachverhalte noch einem Anspruch der Kritik unterliegen: Naturversessenheit und struktureller Antisemitismus – na, wenn das kein völkisches Denken ist… Allerdings handelt es sich hierbei um einen Trugschluss. Denn dass struktureller Antisemitismus und ein problematischer Naturbegriff gleichwohl zu Bestandteilen liberaler Gesinnung gerinnen können, soll an ausgewählten Texten jener „Postwachstumsbewegung“ rekonstruiert werden. In diesem Sinne wird der erste Teil des Vortrags einen erkenntnis- und ideologiekritischen Durchgang durch zentrale Referenztheorien der Postwachstumsideologie (Immanuel Kant/ Silvio Gesell) versuchen, um den gemeinsamen epistemologischen Bezugsrahmen einer liberalen Zins- bzw. Geld„kritik“ offenzulegen, um sodann ihre zentrale Kategorie in den Fokus zu rücken: Die Natur. Auch weitere wichtige Aspekte der Postwachstumsbewegung (Regionalwährung, quasi subsistenzwirtschaftliche Arbeitsformen, neue Maßstäbe des Wachstums etc.) werden dabei einer Kritik unterzogen und in den Kontext der Fundamentalkrise gerückt, deren konstitutiver Bedingungszusammenhang für jene liberale „Kritik“ des Wachstums evident ist.

    Hören:

    Download via AArchiv: Teil 1 via AArchiv (0:40 h, 24 MB), Teil 2 (1:13 h, 44 MB)

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Die politische Ökonomie des Antisemitismus. Über die sogenannten »Protokolle der Weisen von Zion«

Beim Freiburger ça ira Verlag wird zur Zeit ein Band über die bekannten »Protokolle der Weisen von Zion« vorbereitet. Die schon vor langer Zeit und mehrfach als Fälschung aus dem Dunstkreis der zaristischen Geheimpolizei entlarvten Protokolle zählen noch heute zu den einflussreichsten Schriften des Antisemitismus und haben maßgeblich zur ideologischen Wahnvorstellung einer »jüdischen Weltverschwörung« beigetragen. Joachim Bruhn als Mitarbeiter des ça ira Verlages hatte im März 2011 mehrfach Gelegenheit, den o.g. Band vorzustellen. In seinen Vorträgen behandelt er – auch in Abgrenzung zur, wie er sagt, »liberalen Antisemitismusbeforschung« – weniger die Entstehung der Protokolle, als vielmehr die ihnen wie ihrem anhaltenden Erfolg und ihrer Aufklärungsimmunität zugrunde liegende politische Ökonomie, die er in einen Zusammenhang mit der »orientalischen Despotie« (Marx) stellt.

1. Zur materialistischen Kritik des Antisemitismus, veranstaltet und dokumentiert von der Gruppe Sur l‘eau Lübeck, vom 19.03.2011.

    Download: via aarchiv (1:25 h; 30 MB) [Die 40 MB große Originaldatei gibt es via Divshare]

2. Die politische Ökonomie des Antisemitismus, aus der Reihe Wahlverwandschaften: Antisemitismus Islamismus Deutschland, vom 16.03.2011, Jüdische Gemeinde Pinneberg

    Download: via aarchiv (1:03 h; 22 MB), via FRN (58 MB)

Da die beiden Versionen weder identisch, noch überschneidungsfrei sind, empfehlen wir allen, die nicht beides hören möchten den erstgenannten, längeren Vortrag.

Ankündigungstext: (mehr…)

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Auf einer Skala von eins bis zehn: Wie scheiße ist Deutschland? Konferenz zum Stand der Kritik

Die Dokumentationen dieser kleinen Konferenz mit dem etwas flapsig-ironischen Titel ist aus verschiedenen Gründen hörenswert. Zum einen handelt es sich um eine Selbstreflexion der längst im Distinktionsgerangel linker Gruppen und Publikationen zersplitterten »antideutschen Bewegung«. Zum anderen wird in den Vorträgen und Diskussionen natürlich auch Kritik gegen die übrige radikale Linke scharf gemacht, vor allem gegen den Antinationalismus des Ums-Ganze-Bündnisses, meist in Bezug auf die viel diskutierte Frage, ob und wieweit die deutsche Nation heute »normalisiert« sei.

Die Konferenz wurde am 6. November 2010 in Bremen von der Antinationalen Gruppe Bremen und kittkritik veranstaltet, unterstützt von der Zeitschrift »ExtrablattAus Gründen gegen fast Alles«.

Im Folgenden sind kleinere, qualitativ gute und ansonsten durch uns nicht weiter bearbeitete Fassungen der Dateien verlinkt, die von der ANG via Rapidshare zur Verfügung gestellt wurden. Eine Aufnahme des Referats von Clemens Nachtmann zum »Altern der antideutschen Kritik« existiert nicht. [Siehe Kommentar unten.] Alle Aufzeichnungen können auch als Zip-Archiv geladen werden (119 MB, 5:47 h): via Audioarchiv, via MF.

1. Den Anfang machten die Veranstalter_innen von der Antinationalen Gruppe Bremen. Ihr kurzes Eröffnungsstatement erläutert den Anspruch der Konferenz.

    Download: via Audioarchiv, via MF (0:13 h, 4 MB)

2. Joachim Bruhn, Echtzeit des Kapitals, Panik des Souveräns. Über die Zukunft der Krise.
Bruhn lehnt zunächst den Begriff des deutschen Sonderwegs ab, ebenso wie die falsche Entgegensetzung von deutscher Besonderheit und allgemeiner Logik der politischen Ökonomie. Anschließend stellt er anhand vieler Zitate aus der bgl. Presse Ideologie als Oszillieren zwischen den unvereinbaren Momenten der Antinomie des Geldes dar und polemisiert in gewohnter Weise gegen alle möglichen Leute und Positionen (wie bei jeder Gelegenheit auch hier wieder gegen Ingo Elbe).

Daß das Geld des Staates nichts taugt gegen die Krise des Kapitals, ist unmittelbar einsichtig: Wie sollte denn auch jenes Geld,das der Staat allein zu spendieren vermag, das Geld als Zahlungs- und Zirkulationsmittel, die Krise der Geldform des Kapitals zu therapieren vermögen? Was der Staat im Zuge des famosen „deficit spending“ in diesem sog. „keynesianischen Moment“ schöpft, d.h.: was seine Bundesbank aus dem Nichts erst erfindet und dann druckt, ist ja keineswegs Kapital, das zu einer irgend qualifizierten Profitrate zu akkumulieren vermöchte, sondern hat einzig die Qualität einer Anweisung, eines Rationierungs- oder auch Zuteilungsbescheids auf eine warenförmigen Gebrauchswert. Nicht nur jedoch, daß der Staat systematisch unter dem Niveau der Krise des Kapitals agiert; wenn er denn kommt und interveniert, kann er immer nur zu spät kommen. Die Echtzeit der kapitalen Vergesellschaftung ist der Aktion des Souveräns, zumindest des parlamentarisch verfassten, notwendig voraus. Das Kapital agiert in der Zukunft, der Staat noch nicht einmal in der Gegenwart. Der Staat kann das Kapital nicht einholen; er kann es nur überholen, indem er den Ausnahmezustand verkündet, d.h. wenn er die Unmittelbarkeit der Geltung des Geldes als Kapital mit souveräner Gewalt zu verfügen sucht. So folgt aus der Zusammenbruchskrise notwendig der Ausnahmezustand: im Interesse des sog. „Gemeinwohls“ emanzipiert sich der Souverän und setzt sich als autoritäres Kommando. In letzter Instanz erfolgt die „Deckung“ der Währung durch das Gewaltmonopol auf Leben und Tod.

3. Sonja Witte, Von der Gretchenfrage zurück zur Michelskala. Sonja Witte unterzieht in ihrem Vortrag die Frage, ob Deutschland normal geworden sei oder nicht, einer Prüfung und legt dar, wieso es sich hier um eine verkehrte Fragestellung handelt. Sie stellt hierzu anhand der Studien Wolfgang Pohrts aus den neunziger Jahren einige methodische Überlegungen an und unterstellt sowohl den antideutschen als auch den antinationalen Teilnehmer_innen an der Debatte der letzten zwei Jahre einen verkehrten gemeinsamen Ausgangspunkt: Die Frage, ob es sich beim gegenwärtigen deutschen Nationalismus um irrationale Ideologie oder rationales ökonomisches Kalkül handelt, sei falsch gestellt, da der nationalsozialistische Wahn gerade eine Aufhebung des Gegensatzes von Rationalität und Irrationalität darstellt.

4. Lars Quadfasel, Epitaph auf die antideutsche Bewegung.
Lars Quadfasel kritisiert hier auf sympathische Weise den theoretischen Verfall der verbliebenen Antideutschen, die sich von einer Offenheit des Denkens und einem Denkens gegen sich selbst (im Sinne Adornos) verabschiedet haben – unmissverständlich in einem Modus der Trauer und der rettenden Kritik. Der Vortrag läuft auf ein Motiv hinaus, welches Quadfasel schon seit Längerem in seinen Vorträgen stark macht: dass im Zerfall des bürgerlichen Subjekts ein Moment von Hoffnung liegt.

Die Antideutschen, werden die Prodeutschen zu warnen nicht müde, seien rassistische und sexistische Erzteufel, augesandt, die Linke zu zerschlagen, die Moslems zu vernichten und die Dritte Welt für den Imperialismus sturmreif zu schießen. In Wirklichkeit aber, so steht zu befürchten, ist alles noch viel schlimmer. So schmeichelhaft nämlich das Bild von den Männern und Frauen mit dem Masterplan zur Weltherrschaft ausfallen mag, so wenig wird ihm, was von den Antideutschen geblieben ist, auch nur annähernd gerecht. »Sie wollen«, stellte Wolfgang Pohrt hellsichtig fest, »nicht retten, sondern gerettet werden.« Was einmal mit dem Versprechen einer Kritik der politischen Ökonomie auf der Höhe der Zeit angetreten war, zieht sich, statt auf den Feldherrenhügeln zu thronen, inzwischen viel lieber die Bettdecke über den Kopf. Am wohlsten fühlt sich die Bewegung ganz bei sich selber. Und so lauscht man im gemütlichen Kreise den Greatest Hits vergangener Tage, sticht gemeinsam auf jene zärtlich gehegte Voodoopuppe namens ‚die Linke‘ ein und widmet sich ansonsten (wie jüngst anlässlich der Hamburger Demonstration gegen antisemitische Schläger) dem, womit sich jeder anständige Verein nun einmal am liebsten beschäftigt: wer dazugehören darf und wer nicht.
Dass die Antideutschen es geschafft haben, so langweilig, verbiestert, kurz: greisenhaft zu werden wie der Rest der Landsleute auch, daran haben sicherlich theoretische Fehler ebenso wie charakterliche Deformationen ihren Anteil. Wäre das jedoch alles, wäre die Diagnose nicht so niederschmetternd: Man müsste das ganze Unternehmen nur noch einmal, weiser und besser gewappnet, von vorne beginnen. Nur übersieht das, dass jede Wahrheit ihren Zeitkern hat, der nicht ewig tickt. Die Frage, materialistisch gestellt, müsste vielmehr lauten, was an der Theorie selber sie hat vergreisen lassen; und das geht nicht auf deren Subjekte, sondern deren Objekt. Es muss, mit anderen Worten, etwas an den deutschen Zuständen sein, das ihre Kritikerinnen und Kritiker so merkwürdig weltlos werden lässt; eine Weltlosigkeit, in welcher selbst die Reflexion auf Auschwitz nicht mehr vermag, durch Hass den Blick zu schärfen, sondern vielmehr zur Beschäftigungstherapie ausartet (welche sich wiederum mit anderen Hobbys, Islamstudien beispielsweise, auf das hervorragendste verbinden lässt). Gegen eine Gesellschaft ohne Zukunft taugt auch die Vergangenheit kaum mehr als Waffe: So lässt die seltsame Starre und Leblosigkeit der hiesigen Verhältnisse keinen ihrer Gegner unberührt. Gegen die kontemplative Rolle aber, zu der die Kritikerin sich verurteilt sieht, helfen weder weltpolitisches Fernfuchteln noch der Rückzug auf sichere Bastionen – ob auf die Klasse, das bürgerliche Individuum oder gleich den Liberalismus. Die narzisstische Kränkung, die es bedeutet, nicht mehr im Brennpunkt des politischen Weltgeschehens zu stehen, wäre vielmehr als negativer Vorschein derjenigen Hoffnung zu begreifen und zu entfalten, von der antideutsche Kritik einmal zehrte: dass dieses Land selber, in langsamem aber unaufhaltsamem Zerfall, aus dem Weltgeschehen fallen könnte.

Sympathisch übrigens: Auf dem Kongress wurde hörbar geraucht.

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