Tag-Archiv für '1968'

Talkin‘ bout a Revolution?! #4

Nach 1968

Im vierten Teil unserer Beitrags-Serie über 1968 fokussieren wir auf das, was nach 1968 geschah. Überhaupt scheint eine Fokussierung auf das eine Jahr 1968 eine fragwürdige Verengung zu sein. Nicht nur, dass wichtige Gruppierungen der Neuen Linken schon Ende der 50er-Jahre entstanden waren. Für die Bewegung entscheidende Ereignisse fanden im Jahr 1967 statt: Beginn der Anti-Springer-Kampagne, Antischah-Protest, Erschießung Benno Ohnesorgs… Wer das Interesse an der Rekonstruktion eines Beweguns-Zyklus‘ hat, dessen Blick wird auch auf das Jahr 1969 und darüber hinaus gelenkt… Wir versammeln hier Beiträge über die Zeit nach 1968, die jedoch immer wieder auch auf 1968 Bezug nehmen.

1.) Das Sozialistische Büro und die Gründung einer Rätepartei

Im Jahr 1969 gründete sich mit dem Sozialistischen Büro eine linkssozialistische Gruppierung jenseits von DKP, SPD und Spontis. Carsten Prien hat im August 2019 ein Buch mit dem Titel „Rätepartei. Zur Kritik des Sozialistischen Büros, Oskar Negt und Rudi Dutschke – Ein Beitrag zur Organisationsdebatte“ veröffentlicht. Im Interview skizziert Prien die Entstehungsbedingungen des SB, dessen „Arbeitsfeldansatz“ und die Diskussion über eine Parteigründung aus dem SB heraus.

    Download: via FRN (mp3; 34 MB; 21:15 min)

2.) Zur Theorie der Stadtguerilla in der BRD

Im April 1968 legten Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Thorwald Proll und Horst Söhnlein einen Brand in einem Frankfurter Kaufhaus. Die Täter wurden gefasst – die anschließende Befreiung von Andreas Baader mit Hilfe von Ulrike Meinhoff im Jahr 1970 war die Geburtsstunde der RAF. Die RAF war nicht die einzige bewaffnete Gruppe in der BRD – neben (und zum Teil mit) ihr agierten auch die Bewegung 2. Juni, die Revolutionären Zellen und die Rote Zora. In der Ausgabe 2/2018 der Zeitschrift „Arbeit – Bewegung – Geschichte“ hat Robert Wolff einen Text mit dem Titel „Das Konzept Stadtguerilla – Die Entzauberung kommunistischer Guerilla- und Revolutionstheorien?“ veröffentlicht. Im Gespräch rekonstruiert er die Entstehungsbedingungen des Bewaffneten Kampfes in der BRD, schildert Unterschiede zwischen den bewaffneten Gruppen und geht auf die Theorie der Stadtguerilla und den „Primat der Praxis“ ein. Er geht zunächst auf die Gewalt-Debatten ein, die schon im Zuge der 68er-Bewegung eine Rolle gespielt hatten.

    Download: via FRN (mp3; 38 MB; 23:46 min)

Zur Kritik der RAF siehe das Buch: „Stadtguerilla und soziale Revolution. Über den bewaffneten Kampf der Roten Armee Fraktion“ von Emile Marenssin.

3.) Zur Geschichte der Roten Zora

Die Rote Zora war zunächst ein Teil der Revolutionären Zellen – später agierte sie als eigenständiger Zusammenhang unabhängig von den Revolutionären Zellen. Ihre Aktionen hatten einen dezidiert feministischen Fokus, Themen der Gruppe waren Reproduktionsarbeit, Reproduktionsmedizin, weibliche Arbeitskämpfe, Flüchtlingssolidarität, (Anti-)Militarismus, Pornografie und Frauenhandel. Katharina Karcher hat im September 2018 ein Buch unter dem Titel „Sisters in Arms. Militanter Feminismus in Westdeutschland seit 1968“ veröffentlicht, in dem es u.a. auch um die Rote Zora geht. In der „Analyse und Kritik“ hat sie einen Artikel über die Rote Zora geschrieben. Im Gespräch rekonstruiert Karcher Entstehungsbedingungen, Themenschwerpunkte und Entwicklung der Roten Zora. Zunächst geht es um Begriffe von Gewalt und Gegengewalt in den Diskussionen feministischer Gruppierungen der 60er-Jahre.

    Download: via FRN (mp3; 48 MB; 30:09 min)

Im Frühjahr 2019 ist unter dem Titel „Frauen bildet Banden – eine Spurensuche zur Geschichte der Roten Zora“ ein Film über die Rote Zora erschienen (siehe Rezension hier). Radio Corax hat ein etwa 20-minütiges Feature über den Film produziert. Zu hören sind neben den Filmemacherinnen des Kollektivs „Lasotras“ auch Ausschnitte aus dem Film – unter anderem die Historikerin Katharina Karcher und die (eingelesenen) Stimmen von Roten Zoras…

    Download: via FRN (mp3; 28 MB; 21:18 min)

Zum Thema siehe auch den Text „Frauen, die Schweine haben Adressen! Feminismus und Militanz“ des Autorinnenkollektivs Zora Zobel im Buch „Feministisch Streiten!“. Zu den Revolutionären Zellen und der Roten Zora siehe das Buch „Die Fruechte des Zorns. Texte und Materialien zur Geschichte der Revolutionären Zellen und der Roten Zora“. Zu den RZ siehe auch den entsprechenden Unterpunkt in diesem Beitrag.

4.) Zur Geschichte der K-Gruppen

Im Zuge des Zerfalls der 1968er-Bewegung entstanden in der BRD die sogenannten „K-Gruppen“ – leninistische Kader-Organisationen, deren mittelfristiges Ziel jeweils die Gründung einer neuen kommunistischen Partei gewesen ist und die sich auf unterschiedliche Weise auf den Maoismus bezogen. Im Gespräch skizziert der Historiker David Spreen Entstehungsbedingungen, Unterschiede und Entwicklung der verschiedenen K-Gruppen. Zur ersten Frage:

Dabei baten wir ihn zunächst um die Einordnung einer gewissen Erzählung über die K-Gruppen: Sie seien das Resultat einer „anti-autoritären Phase“ gewesen, die an ihre Grenzen geraten und der eine Organisationsdebatte gefolgt war. Aus dieser Organisationsdebatte seien dann die K-Gruppen entstanden – was daran ist wahr, was daran ist Mythos? (via)

    Download: via FRN (mp3; 34 MB; 21 min)

Zahlreiche Primärquellen zu den K-Gruppen finden sich unter: Materialien zur Analyse von Opposition (MAO).

5.) Geschichte und Begriff der „Neuen Sozialen Bewegungen“

Neben Stadtguerilla, K-Gruppen und Autonomen entstanden in den 70er-Jahren auch die sogenannten „Neuen Sozialen Bewegungen“. Damit sind eher dezentral und unabhängig von Parteien organisierte Bewegungen gemeint, die sich jeweils spezifischen Themen gewidmet haben: Anti-AKW-Bewegung, Ökologiebewegung, Bürgerbeteiligungsbewegung, Frauenbewegung, Schwulen- und Lesbenbewegung, Stadtteilbewegung, Friedensbewegung… Dabei werden die Begriffe „Neue Soziale Bewegungen“ und „Alternativbewegungen“ oft analog verwendet. Mit der Hinwendung zu diesen jeweils spezifischen Themen ging auch eine zunehmende Abwendung von der Klassenfrage einher – so eine gängige These in der Historisierung. Genau diese These wird in der Ausgabe 3/2018 der Zeitschrift „Arbeit – Bewegung – Geschichte“ angezweifelt – u.a. angesichts der Beteiligung von Lehrlingen und Proletarisierten an den NSB, die dort immer wieder auch ihre spezifische Betroffenheitslage thematisierten. Ulf Teichmann hat gemeinsam mit Christian Wicke den Thementeil dieser Ausgabe betreut – er skizziert im Gespräch Entstehungsbedingungen und Spezifika der Neuen Sozialen Bewegungen.

    Download: via FRN (mp3; 41 MB; 25:49 min)

6.) Falsche Wege und neue Anfänge

Verschiedene Faktoren haben dazu geführt, dass sich die radikale Linke Ende der 70er-Jahre im Zustand einer umfassenden Niederlage wahrgenommen hat. Nachdem es mit den Autonomen und der Hausbesetzerbewegung in den 80er-Jahren einen zeitweiligen Aufschwung der Bewegung gegeben hat, sah man sich 1989-91 erneut mit einem Trümmerhaufen konfrontiert. Die Zeiten der Niederlage sind immer auch Zeiten von Reflexion und Kritik, in denen alte Gewissheiten über Bord geworfen werden. Solche Debatten hat sich Jana König in der Ausgabe 2/2018 der Zeitschrift „Arbeit – Bewegung – Geschichte“ näher angeschaut: „Falsche Wege und neue Anfänge: Die Bedeutung von Theorie in Zeiten linker Krisen – im Kontext von ‚Deutscher Herbst‘ und ‚Wiedervereinigung‘“. In diesem Text rekonstruiert sie die Debatten zweier Kongresse: Des Tunix-Kongresses von 1978 und des Konkret-Kongresses von 1993. Jana König im Gespräch über ihren Text, in dem sie zunächst auf die gesamtgesellschaftliche Situation der 70er-Jahre eingeht:

    Download: via FRN (mp3; 36 MB; 19:54 min)

Es bleiben einige Lücken: Spontis, Autonome, Anarchismus und Rätekommunismus nach 1968, linke Intellektuelle jenseits der verschiedenen Lager, etc. Aspekte dessen werden hier in verschiedenen Beiträgen demnächst immer wieder auftauchen. Im nächsten – vorerst letzten – Teil unserer Serie wird es noch einmal allgemeiner um 1968 gehen.

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Talkin‘ bout a Revolution?! #3

Theorie und Kritik der ‚Neuen Linken‘

Zum dritten Teil unserer Beitragsreihe über 1968: Die Bewegung von 1968 und die Geschichte der „Neuen Linken“ sind eng miteinander verknüpft, aber sie fallen nicht in eins: Die Neue Linke hat ihre Ursprünge in den 50er-Jahren, bekommt in den Jahren um 1968 herum eine größere Aufmerksamkeit und spielt für die Reflexion des Scheiterns der 68er-Revolte eine wichtige Rolle. Es ist fraglich, ob es die Neue Linke überhaupt gibt, ihre Geschichte ist widersprüchlich: Steht sie anfangs für eine dissident-marxistische, linksradikal-undogmatische, anti-stalinistische Position, die bisherige Modelle von Partei und Gewerkschaft infrage stellt, geht sie später in (neo-)marxistisch-leninistische Theorie- und Organisationsmodelle einerseits, in postmoderne Theorieansätze und „Neue Soziale Bewegungen“ andererseits über. Die Geschichte der Neuen Linken verweist auch auf die Geschichte der Zwischenkriegszeit – sind es doch linkskommunistische oder -sozialistische Theoretiker (meist männliche) aus dieser Zeit, die ab den 50er-Jahren zum Entstehen der Neuen Linken beitragen. Anhand einzelner Personen verweisen wir hier vor allem auf die Theorie(n) der Neuen Linken, wobei stets auch deren Einfluss und Bezug auf 1968 behandelt wird. Herbert Marcuse, der sicher als wichtiger Impulsgeber einer Neuen Linken gelten kann (sowohl in Westdeutschland, als auch in den USA), wird in diesem Beitrag nicht einzeln behandelt – wir verweisen dazu auf diesen Sammelbeitrag.

1.) Ignorierte Vorläufer: Die Neue Linke der 50er Jahre

Dass 1968 nicht vom Himmel fiel – auch und gerade was eine dezidiert linksradikale theoretische Reflexion betrifft –, darauf weist Christoph Jünke (u.a. Autor des Buches „Streifzüge durch das rote 20. Jahrhundert“) hin. Er schildert im Gespräch, wie eine Neue Linke schon in den 50er-Jahren entstand. Es geht um die Bezüge der Neuen Linken auf die alte Arbeiterbewegung, die linken Debatten der Weimarer Republik und die Oktoberrevolution, die Frage des Anti-Autoritarismus und die Staatskritik, um die Aktualität der Neuen Linken.

1968 gab es nicht nur einen Bruch und Entwicklungsschub innerhalb des Kapitalismus, sondern auch das Jahr der „antiautoritären Linken“. An den 60′er Jahren lässt sich nachvollziehen, wie eine „Neue Linke“ in Deutschland entsteht, nachdem zuvor eine linke und/oder revolutionäre Bewegungstradition abgebrochen war. Über diesen Abbruch sprach Radio Corax mit dem Historiker Christoph Jünke. Jünke schreibt vor allem zur Geschichte des Realsozialismus und des Marxismus. (via)

    Download: via FRN (mp3; 43 MB; 27:07 min)

2.) Zauber der Theorie – Ideengeschichte der Neuen Linken in Westdeutschland

Mit der „Ideengeschichte“ der Neuen Linken hat sich das Heft 2018/II der Zeitschrift „Arbeit – Bewegung – Geschichte“ auseinandergesetzt. Im Gespräch schildert David Bebnowski (verantwortlicher Redakteur dieser Ausgabe – seine Einleitung zum Schwerpunkt hier) den Anlass des Themenschwerpunkts und spricht über Ursprünge der Neuen Linken (mit dem Schlüsseljahr 1956), die Rolle der Theorie, die Rolle West-Berlins als Zentrum der Neuen Linken, die Rolle der Universitäten und der Politikwissenschaft. Insbesondere geht es auch um die Rolle Franz Neumanns, zu dem Bebnowski gearbeitet hat.

Im Mai ist die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift „Arbeit – Bewegung – Geschichte“ erschienen, die sich mit der Geschichte der Neuen Linken auseinandersetzt. Wir sprachen mit David Bebnowski, dem inhaltlich verantwortlichen Redakteur dieser Ausgabe. Wir fragten ihn zunächst nach der Geschichte der Zeitschrift „Arbeit – Bewegung – Geschichte“, die ursprünglich als „JahrBuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung” erschienen ist. (via)

    Download: via FRN (mp3; 38 MB; 22:43 min)

3.) Leo Kofler – Ein vergessener Vordenker der Neuen Linken

Eine Zeit lang ging die Theorieentwicklung der Neuen Linken mit Impulsen einher, die vom Frankfurter Institut für Sozialforschung ausgegangen waren – später kam es (wie unten noch zu sehen sein wird) auch zum Bruch mit diesen „Vordenkern“. Es gab jedoch bereits von Anfang an Vorbilder und Einflüsse von Denkern, die der kritischen Theorie Frankfurter Provenience kritisch gegenüberstanden. Zu diesen Figuren gehört auch Leo Kofler, wie Christoph Jünke hervorkehrt, der selbst zu den Schülern Koflers gehört. Er spricht über die politisch-theoretische Herkunft Koflers, über seine Tätigkeit in der außerakademischen Bildungsarbeit und sein Verhältnis zur „Frankfurter Schule“. Siehe Jünkes Kofler-Biografie (PDF) und die Homepage der Kofler-Gesellschaft.

Als marxistischer Theoretiker ist Leo Kofler heute kaum noch bekannt. Dies mag darin liegen, dass sein Denken quer zu eindeutigen Traditionslinien lag: So verband er etwa die politischen Ansätze des Austromarxisten und Linkssozialisten Max Adler mit Motiven des marxistischen Philosophen Georg Lukács. Obwohl Leo Kofler heute kaum noch bekannt ist, kann seine Rolle als Vordenker der 68′er nicht unterschätzt werden – seit Anfang der 50er Jahre war er in der außerakademischen Bildungsarbeit aktiv. Wir sprachen mit dem Kofler-Biographen Christoph Jünke und fragten ihn zunächst nach seinem persönlichen Zugang zu Leo Kofler. (via)

    Download: via FRN (mp3; 40 MB; 24:55 min)

4.) Johannes Agnoli – Ein Staatskritiker mit Lehrstuhl

Johannes Agnoli war Stichwortgeber für die Neue Linke, nahm ihre Impulse in sein eigenes Denken auf und er reflektierte ihre Beschränkungen. Sein Buch „Transformation der Demokratie“ kann als eines der wichtigsten Werke für die Neue Linke in Westdeutschland gelten. Dennoch war er eine Einzelperson, die zu keiner der festen Gruppen der Neuen Linken gehörte. Im Gespräch mit Felix Klopotek geht es um den Lebensweg Agnolis, seine Rolle in verschiedenen Debatten und um Vorwürfe, die immer wieder gegen Agnoli lanciert worden sind. Siehe auch Klopoteks Vortrag über Agnoli.

Das Buch „Transformation der Demokratie“ von Johannes Agnoli verhalf den Aktivisten der außerparlamentarischen Opposition zu einer Kritik desjenigen Staates, dessen Polizeiknüppel sie zuvor auf den eigenen Köpfen gespürt hatten. Agnoli nahm an zahlreichen Debatten der Neuen Linken teil und versuchte den Charakter des antiautoritären Protests (sowie seine Beschränkung) auf den Begriff zu bringen. Wir sprachen mit Felix Klopotek über diesen Staatskritiker mit Lehrstuhl.

Johannes Agnoli wurde 1925 in Italien geboren – das heißt er hat den Faschismus als junger Mann miterlebt. Aber nicht nur das: über die SS meldete er sich bei der Wehrmacht, um an der Seite der Deutschen kämpfen zu können. Wir fragten Felix Klopotek wie Agnoli von einem jungen Faschisten zu einem Theoretiker der Neuen Linken wurde. (via)

    Download: via FRN (mp3; 47 MB; 29:12 min)

5.) Peter Brückner – Ein großer Bruder der ApO

Ein Kollege von Agnoli war Peter Brückner – er hatte etwa einen Essay zu Agnolis „Transformation der Demokratie“ beigesteuert. Während bei Johannes Agnoli der Faschismus Italiens den Erfahrungshintergrund prägte, war es bei Peter Brückner der deutsche Nationalsozialismus – diese Erfahrung hat das ganze Denken Brückners beeinflusst. Brückner begleitete die Debatten der radikalen Linken bis zu seinem Tod und hat dafür als Proffessor immer wieder Stress gekriegt. Christoph Jünke spricht im Interview über Brückners Verhältnis zum SDS und zur antiautoritären Protestbewegung, seine Suspendierungen und seine Reflexionen über den bewaffneten Kampf. Siehe auch: Ein Interview mit Simon Brückner, dem Sohn Peter Brückners, der einen Dokumentarfilm über seinen Vater gedreht hat – und: die Aufnahmen einer Theorie-Praxis-Lokal-Seminarreihe über Brückner.

Der kritische Sozialpsychologe und Hochschullehrer Peter Brückner war ein stetiger Begleiter und Diskussionspartner der radikalen Linken in der Nachkriegs-BRD. Er hatte Kontakt zum SDS, gehört zu den Gründern des Club Voltair in Hannover und sprach sich für das Sozialistische Patientenkollektiv Heidelberg aus. In seinen Texten versuchte er, der Protestbewegung zu einem kritischen Bewusstsein zu verhelfen und kritisierte ihre Beschränkungen. Immer wieder äußerte sich Brückner auch zum bewaffneten Kampf – was ihm eine mehrmalige Suspendierung einbrachte. Wir sprachen mit dem Historiker Christoph Jünke über diesen älteren Bruder der ApO.

Peter Brückner wurde im Jahr 1922 in Dresden geboren – den Nationalsozialismus erlebte er als Jugendlicher. Eine autobiographische Skizze über diese Zeit überschrieb er mit dem Titel „Das Abseits als sicherer Ort“. Wir fragten Jünke zunächst, wie Peter Brückner den Nationalsozialismus überlebte. (via)

    Download: via FRN (mp3; 36 MB; 22:37 min)

6.) Hans-Jürgen Krahl – Ein Theoretiker der Neuen Linken

Rudi Dutschke war nicht nur ein charismatischer Sprecher der anti-autoritären Fraktion innerhalb des SDS – (als Schüler Ernst Blochs) war er auch ein wichtiger Theoretiker der ApO. Christoph Jünke hat dies in einem Text über Dutschke herausgestellt. Während Rudi Dutschke heute nach wie vor als Ikone der 68er gilt, ist Hans-Jürgen Krahl heute nahezu unbekannt – und das, obwohl Krahl innerhalb des SDS mindestens genauso wichtig war wie Dutschke. Als Schüler Adornos hat die kritische Theorie die Perspektive von Krahls Denken maßgeblich bestimmt – und doch hat Krahl eine Kritik an Adornos Positionen erarbeitet. Im Interview rekonstruiert Carsten Prien (u.a. Krahl-Briefe) die politische Sozialisation Krahls und spricht über seine Rolle innerhalb des SDS, Aspekte seiner kritischen Theorie (als einer Theorie der Klassengesellschaft), sein Verhältnis zu Adorno und die Aktualität von Krahls Denken. Siehe auch: Aufnahmen einer TPL-Veranstaltungsreihe über Krahl – und: Krahls „Angaben zur Person“ (verfilmt von der Gruppe Slatan Dudow).

Für den SDS war er ebenso relevant wie Rudi Dutschke, ist aber heute viel weniger bekannt: Hans-Jürgen Krahl. Als Adorno-Schüler versuchte er das theoretische Bewusstsein der außerparlamentarischen Opposition voranzutreiben – seine hinterlassenen Texte zeugen von analytischer Schärfe und Weitsicht. Wir sprachen mit Carsten Prien über diesen Theoretiker der Neuen Linken.

Carsten Prien ist Mitarbeiter des Projekts „Krahl-Briefe“. Wir fragten ihn zunächst nach der Geschichte dieses Projekts. (via)

    Download: via FRN (mp3; 32 MB; 20:05 min)

Im vierten Teil der 68er-Beitragsserie wird es um die Ausläufer und Nachfolger von 1968 gehen.

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Talkin‘ bout a Revolution?! #2

1968 als multipolares Weltereignis

1868 war ein multipolares, mehrdimensionales Weltereignis. Nicht nur, dass die von 68 ausgehende Bewegung in ihrem Selbstverständnis internationalistisch war – weltweit brachen in den Fabriken und Universitäten ähnliche Konflikte auf, in der sogenannten 3. Welt formierten sich anti-koloniale Befreiungsbewegungen. Es verallgemeinerte sich die Jugend als eigenständiger Lebensabschnitt, der mit einem spezifischen Warenangebot versehen und mit diversen Konflikten verbunden ist. Es formieren sich überall Gruppen, die sich dissident zum damals vorherrschenden Modell kommunistischer Parteien verhielten und eine Revision des Marxismus vornahmen (später bezeichnet als „Neue Linke“). All dies ist verbunden mit einer wechselseitigen Bezugnahme und gegenseitigen Beeinflussung. (Siehe auch diesen Text.) Im zweiten Teil unser 68er-Reihe (Teil 1 hier) beleuchten wir die internationale Dimension von 1968.

1.) Die Situationisten und der Pariser Mai 1968

Die Situationistische Internationale gehört zu den oben genannten dissidenten Gruppierungen, die bereits ab Mitte der 50er Jahre zu wirken begannen und später zu wichtigen Stichwortgebern der 68er-Revolte geworden sind – wobei es den Situationisten selbst darum ging, der radikalste und theoretisch versierteste Ausdruck der revolutionären Bewegung zu sein. Im Gespräch rekonstruieren Kazimir und Negator (BBZN) die Rolle der Situationisten im Pariser Mai 68 und gehen dabei auf die historische Situation im Frankreich der 60er Jahre ein. (Siehe auch die Buchbesprechung zu „Paris Mai 68 – Die Phantasie an die Macht“. Siehe auch „Midnight Notes: Zwei Sendungen über 1968“.)

In der Nachkriegszeit bildeten sich überall neue, linksradikale Gruppen heraus, die nach Organisierungsmodellen jenseits der kommunistischen/sozialistischen Parteien und der traditionellen Gewerkschaften suchten. Zu ihnen gehörte auch die „Situationistische Internationale“ (1957 – 1972). Die Situationisten waren auch während der Maitage 1968 in Frankreich aktiv. Wir sprachen mit Negator und Kazimir über die Situationisten und den französischen Mai ’68. [via]

    Download: via FRN (mp3; 76 MB; 55:13 min)

2.) Italien: Ein Kampfzyklus 1960-1980

Eine weitere dissidente neo-marxistische Strömung ist später mit dem Stichwort „Operaismus“ bezeichnet worden und ist eng mit den Klassenkämpfen in Italien verbunden. Das besondere an der italienischen Situation besteht darin, dass hier radikale Studentenbewegung und militante Fabrikkämpfe eine Verbindung eingegangen sind und sich die Kämpfe über beinahe zwei Jahrzehnte hinweg zogen – bis hin zu bürgerkriegsartigen Auseinandersetzungen in den 70er Jahren. Über diesen Kampfzyklus und den Operaismus war Christian Frings im Gespräch. (Über Italien siehe auch ein Gespräch mit Thomas Bremer.)

Die Ereignisse, die üblicherweise mit der Chiffre „1968″ bezeichnet werden, zogen sich in Italien über beinahe drei Jahrzehnte hin. Die Auseinandersetzungen waren in Italien besonders intensiv. Wir sprachen mit Christian Frings über die italienische Gesellschaft der Nachkriegszeit, die Ereignisse von 1960 und 1962, die Operaisten, den heißen Herbst 1969, die 77er-Bewegung und die Strategie der Spannung. Am Ende schlagen wir den Bogen zur Gegenwart.

Zunächst fragten wir nach der Nachkriegszeit in Italien. Italien hatte eine faschistische Vergangenheit, hier hatte es jedoch eine starke Resistenza-Bewegung gegeben. Inwiefern hat dies die Nachkriegszeit bestimmt? [via]

    Download: via FRN (mp3; 61 MB; 38:01 min)

3.) 1968 international – ein grenzenloser Aufbruch

Unter dem Titel „1968 international – ein grenzenloser Aufbruch“ hat die Zeitschrift iz3w im Januar/Februar 2018 eine Schwerpunktausgabe veröffentlicht. Die Ausgabe hat sich nicht nur mit 1968 im globalen Süden auseinandergesetzt, sondern auch mit der Geschichte der Zeitschrift selbst – denn 50 Jahre 1968 und 50 Jahre iz3w fielen zusammen (in diesem Zusammenhang hat iz3w auch einiges Audiomarterial veröffentlicht: hier). Im Gespräch mit dem iz3w-Redakteur Christian Stock gibt es einen kusorischen Überblick über 1968 im globalen Süden.

Im Rahmen unserer Sendereihe über 1968 wollen wir den Rahmen des nationalen Geschichtsbewusstseins verlassen und 1968 als ein globales Geschehen in den Blick nehmen. Dazu passend hat die Zeitschrift „iz3w“ im Januar/Februar ein Themenheft veröffentlicht. Wir sprachen mit dem Redakteur Christian Stock über diese Ausgabe und 1968 im globalen Süden. Zunächst baten wir ihn, das iz3w vorzustellen. [via]

    Download: via FRN (mp3; 21 MB; 13:17 min)

4.) 1968 in Afrika

In der im April/Mai 2018 folgenden Ausgabe von iz3w hat Bernhard Schmid einen Artikel mit dem Titel „1968: Révolution Afrique“ geschrieben. Im Gespräch mit Radio Dreyeckland skizziert er Ereignisse um das Jahr 1968 herum in Afrika.

Das magische Revoltenjahr gab es nicht nur in Europa und den USA auch in Mexiko und im frankophonen Afrika war es ein Jahr der Revolte und mehr als ein Anhängsel von Paris oder Westberlin. Der Frankreichskorrespondent von Radio Dreyeckland, Bernard Schmid vertritt sogar die These, dass es den Mai 68 in Paris ohne den Kontakt der französischen Linken jenseits der KP so garnicht gegeben hätte. Das Interview könnt Ihr hier nachhören oder den Artikel im neuen Heft der iz3w nachlesen. [via]

    Download: via RDL (mp3; 8.1 MB; 8;59 min)

5.) Das Massaker von Tlatelolco

Im oben dokumentierten Gespräch mit Christian Stock (iz3w) wird die harte Repression des mexikanischen Staates gegen die Studentenbewegung von 1968 erwähnt. Zentral war dabei das Massaker von Tlaltelolco – ein Massenmord an 200 bis 300 friedlich demonstrierenden Studenten im Stadtteil Tlatelolco von Mexiko-Stadt. Über diesen Massenmord und seine (ungenügende) Aufarbeitung sprach Radio Dreyeckland mit dem Historiker Julián. (Siehe ein weiteres Gespräch mit Julián über Proteste und Gewalt vor dem 02.10.1968.)

Historiker Julián erzählt uns von einem menschenverachtenden Kapitel der mexikanischen Geschichte, als am 2. Oktober 1968 der Staat der Studierendenbewegung gewaltsam ein Ende setzte. Das „Bataillon Olympia“, war eigentlich für die Sicherheit der olympischen Spiele verantwortlich und verursachte heute vor 50 Jahren ein Blutbad.

Während des ganzen sogenannten „Schmutzigen Krieges“ in Mexiko verschwanden etwa 1.200 Personen; man spricht von Folter und politischen Gefangenen, sogar von einer Geheimpolizei. [via]

    Download: via RDL (mp3; 15 MB; 9:34 min)

6.) 1968 in der DDR, der Tschechoslowakei und Polen

Auch im Ostblock war 1968 ein Jahr der Bewegungen und Proteste – und die Entstehung der „Neuen Linken“ im Westen ist auch von zentralen Verschiebungen im Ostblock beeinflusst (die Geheimrede Chruschtschows auf dem XX. Parteitag der KPdSU, der Aufstand in Ungarn 1956, der Prager Frühling 1968). In der DDR lässt sich kaum von einer 68er-Bewegung sprechen – und doch war es auch hier ein Jahr der Proteste und Konflikte. Das ist die These von Bernd Gehrke (AK Geschichte Sozialer Bewegungen Ost West), der im Gespräch einen Überblick über Bewegungen und Ereignisse um 1968 herum in der DDR, der Tschechoslowakei und Polen gibt. (Siehe auch Bernd Gehrke über das „proletarische 1968″ hier.)

Auch wenn in der DDR 1968 keine vergleichbare Revolte stattfand wie in der BRD, war es doch auch hier ein Jahr außerordentlicher Proteste. Dabei ging es sowohl um subkulturelle Bewegungen als auch um Auseinandersetzungen um Öffentlichkeit in den Betrieben.

In der Tschechoslowakei und in Polen fanden unterdessen Ereignisse statt, die für 1968 zentral waren: In der CSSR leuteten Gewerkschaften und kritische Intelligenz den Prager Frühling ein, der schließlich niedergeschlagen wurde. Auch in Polen gab es eine Studentenbewegung, die für eine Demokratisierung des Sozialismus eintrat – sie wurde niedergeschlagen und die Partei leitete eine antisemitische Kampagne ein.

Hinter all dem steht ein längerer Entwicklungsprozess, für den das Jahr 1956 zentral ist: Anfang dieses Jahres sprach Chruschtschow auf dem XX. Parteitag der KPdSU über die Verbrechen Stalins – am Ende des Jahres wurde die Räte-Bewegung in Ungarn niedergeschlagen. Die Räte sind immer wieder Bezugspunkt in den nachfolgenden Ereignissen.

Über diese Ereignisse sprach Radio Corax mit Bernd Gehrke. Wir fragten ihn zunächst nach der Quellenlage und danach, woran es liegt, dass „1968 in der DDR“ in der heutigen Öffentlichkeit kaum präsent ist. [via]

    Download: via FRN (mp3; 76 MB; 55:08 MB)

7.) 1968 in Japan

Auch in Japan gab es 1968 eine starke Studentenbewegung, die dort besonders radikal und militant auftrat. Die in Japan geführten Kämpfe, in deren Zusammenhang die Zengakuren zentral waren, wurden weltweit zu einem Vorbild und diese suchten ihrerseits Kontakte zu Gruppierungen der Neuen Linken in anderen Ländern. Die Entwicklung der Bewegung, ihre Militarisierung und Sektenbildung, hat für die Japanische Linke bis heute traumatisierende Folgen. William Andrews hat eine Forschungsarbeit unter dem Titel „Japanese Radicalism and Counterculture, from 1945 to Fukushima“ veröffentlicht. Ein erweiterter Auszug aus diesem Buch über die Japanische Rote Armee ist in deutscher Übersetzung bei Bahoe Books erschienen. Andrews sprach mit Corax über 1968 in Japan. Das Interview wurde in englischer Sprache geführt.

Die Stärke der japanischen Linken strahlte in den 1960er Jahren in die ganze Welt. Die Studierendengewerkschaft Zengakuren machte aus den japanischen Universitäten verbarrikadierte Stützpunkte und Ausbildungszentren des Klassenkrieges. Auf riesigen Demonstrationen kämpften tausende behelmte und mit Stöcken bewaffnete Studenten gegen die Polizei. Auf internationalen Konferenzen mit Gruppen wie den Students for a Democratic Society, dem Weather Underground, den Black Panthers oder dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund, wurde versucht durch intensive Vernetzung eine weltweite simultane Revolution denkbar zu machen. Hierzulande ist über 1968 in Japan jedoch relativ wenig bekannt.

William Andrews lebt in Tokyo und forscht zur Geschichte der sozialen Bewegungen in Japan. Wir sprachen mit ihm per Skype und fragten ihn zunächst, wie sein Interesse an der japanischen Geschichte zustandekam und nach den Gründen, letztlich nach Japan zu ziehen. [via]

    Download: via FRN (mp3; 61 MB; 37:49 min)

8.) DRUM Beats Detroit – Schwarze Fabrikrevolten 1968

1968 war Detroit ein Zentrum der Fabrikrevolten, die eng mit antirassistischen Kämpfen verbunden waren. Die Heftigkeit und Militanz der Bewegung in Detroit ist historisch verbunden mit der Rolle der Stadt im 2. Weltkrieg, den ökonomischen Verschiebungen nach 1945 und der rassistischen Segregation. Auch in Detroit enstanden Gruppierungen der Neuen Linken, die marxistische Analyse und eine Thematisierung der spezifischen Situation schwarzer FabrikarbeiterInnen miteinander verbanden. Christian Frings, Felix Klopotek, Malte Meyer und Peter Scheiffele haben einen Text darüber geschrieben. Auf Basis dieses Textes und eines Interviews mit Felix Klopotek ist im Rahmen der Sendereihe Wutpilger-Streifzüge ein einstündiges Feature entstanden. (Siehe auch ein Interview in der Jungle World.)

    Download: via archive.org (mp3; 137.3 MB; 1 h)

Im nächsten Teil der Beitragsserie widmen wir uns den Theoretikern der „Neuen Linken“.

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Talkin‘ bout a Revolution?! #1

Wir dokumentieren im Folgenden in einer mehrteiligen Beitragsserie eine Sendereihe, die im letzten Jahr auf Radio Corax zu hören war: Talkin‘ bout a revolution?! Sendereihe über 1968 und die Folgen. Nach Abschluss der Beitragsserie dokumentieren wir auch eine gleichnamige Vortragsreihe und thematisch verwandte Vorträge. Die SendungsmacherInnen haben ihre eigenen Intentionen zur Sendereihe folgendermaßen beschrieben:

Wenn 2018 – 50 Jahre danach – über 1968 gesprochen wird, fixiert sich die deutsche Öffentlichkeit tendenziell auf wenige Aspekte eines komplexen historischen Prozesses: 1968 erscheint als ein Generationskonflikt deutscher Studenten, der seinen Höhepunkt und Niedergang in diesem einzigen Jahr erfuhr. Wenn wir uns in einer Corax-Sendereihe diesem Thema zuwenden, wollen wir den so gesteckten Rahmen etwas erweitern: 1968 war ein Weltereignis, das mit Entwicklungen zusammenhängt, die viel eher als „long sixties“ bestimmt werden können. Es ist Kulminationspunkt einer Reihe von Konflikten und Kämpfen, in denen weltweit die Fabriken mindestens eine genauso große Rolle spielten wie die Universitäten.

Was waren die gesellschaftlichen Bedingungen, die damals die Revolution als eine Möglichkeit erscheinen ließen? Welche Aspekte waren lediglich Teil einer Modernisierung des Kapitalismus, welche Aspekte gingen darüber hinaus? U.a. diesen Fragen wollen wir uns in unserer Sendereihe widmen. Außerdem wollen wir mit Menschen ins Gespräch kommen, die das damalige Geschehen miterlebt haben und deren Sicht kaum in den üblichen Erzählungen des Jubiläums-Spektakels vorkommt.

Diese Intention wurde in der ersten Sendereihe in einem kleinen gebauten Beitrag konkretisiert, in dem Wolfgang Seidel, Lutz Taufer und Karl-Heinz Dellwo Bilder zerstören und Narrative korrigieren (die Links in den Namen führen zum jeweils zugrundeliegenden Interview):

    Download: via FRN (mp3; 25 MB; 15:48 min)

Insgesamt zur Einführung in den Themenkomplex 1968 eignet sich ein Interview mit dem Historiker Norbert Frei, der bei dtv ein Buch mit dem Titel 1968 – Jugendrevolte und globaler Protest veröffentlicht hat. Im Gespräch geht Frei auf die epochalen Änderungen jener Zeit ein, gibt einen Überblick über zentrale Ereignisse und blickt dabei in verschiedene Länder. Er antwortet zunächst auf die Frage nach dem historischen Forschungsstand zu 1968 – im Vorwort zu einer früheren Auflage hatte er geschrieben: „Die Geschichte von 1968 ist – zumindest in Deutschland – überkommentiert und unterforscht“.

    Download: via FRN (mp3; 32 MB; 20:16 min)

Erinnerungen an 1968

Den ersten Teil unserer Beitragsserie beginnen wir mit einer Reihe von ausführlicheren Gesprächen über 1968 mit ProtagonistInnen, die sich auf verschiedene Weise an der damaligen Bewegung beteiligt haben. Auch wenn dabei persönliche Erinnerungen eine Rolle spielen, geht es in diesen Gesprächen um mehr, als nur Anekdoten zu erzählen. In den Interviews wird analysiert und auch selbstkritisch zurückgeschaut.

1.) Denken lernen mit Ilse Bindseil

Ilse Bindseil ist mit mehreren Publikationen bei ça ira, Beiträgen bei Ästhetik und Kommunikation und Artikeln in der Konkret bekannt geworden. Für sie ist das Jahr 1968 vor allem Teil einer intellektuellen Geschichte. Im Interview spricht sie über Auseinandersetzungen mit den Eltern, die Politisierung der Praxis, radikale Umbrüche und die Entdeckung der Theorie. Sie antwortet zunächst auf die Frage, wie sie heute über 1968 nachdenkt.

    Download: via FRN (mp3; 26 MB; 18:56 min)

2.) Keine Ruhe nach dem Sturm findet Ulrike Heider

Keine Ruhe nach dem Sturm“ ist der Titel eines Buches, das Ulrike Heider bei Bertz+Fischer veröffentlicht hat. Ulrike Heider hat zahlreiche Bücher, Textbeiträge und Radioproduktionen über Sexualität, Frauenbewegung und Anarchismus veröffentlicht. In ihrem Buch über 1968 beschreibt sie Höhepunkte, Kriminalisierung und Zerfallserscheinungen der antiautoritären Protestbewegung. Dabei erfährt man Einiges über die Frankfurter Sponti-Szene, in der sich Ulrike Heider selbst bewegt hat. Eine Besprechung des Buches (im Grunde eine komprimierte Version des unten dokumentierten Interviews) findet sich hier. Im Interview geht es u.a. um sexuelle Emanzipation und den Frankfurter SDS. Zunächst geht sie auf die Atmosphäre in der BRD der 50er/60er Jahre ein.

    Download: via FRN (mp3; 55 MB; 40:12 min)

3.) Mein 68 erzählt Hannes Heer

Der Historiker Hannes Heer ist bekannt geworden als wissenschaftlicher Gestalter der Wehrmachtsausstellung, die ab Mitte der 90er Jahre die Kriegsverbrechen der Wehrmacht dokumentiert und zahlreiche Kontroversen ausgelöst hat. Die Beteiligung Hannes Heers an der 68er-Bewegung führte zum Bruch mit seinem Vater, der früher NSDAP-Mitglied und nach 1945 CDU-Wähler gewesen war. Über das Verhältnis zu seinem Vater hat Hannes Heer einen Film gemacht: Mein 68 – Ein verspäteter Brief an meinen Vater (WDR, 1988, 45 Minuten). Damit sind Stichworte benannt, die auch für 1968 eine wichtige Rolle gespielt haben: Die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit und personeller wie kultureller Kontinuitäten des NS in der Nachkriegs-BRD. Darum drehte es sich auch im Interview mit Radio Corax, in dem es auch um die Hintergründe in Bonn geht.

    Download: via FRN (mp3; 59 MB; 42:55 min)

Im nächsten Beitrag zur 68er-Beitragsserie wird es um die internationale Dimension von 1968 gehen. Siehe auch: Der 2. Juni 1967 und die Folgen.

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Midnight Notes: Zwei Sendungen über 1968

Anlässlich der 30. Jährung des Pariser Mai 1968 hat das politische Magazin „Midnight Notes“ beim FSK im Jahr 1998 eine zweiteilige Sendung produziert. Die Sendungen geben nicht nur einen Einblick in die Mai-Ereignisse in Frankreich, sondern gleichzeitig einen guten Eindruck einer gewissen Ästhetik in der Szene der Freien Radios in den 90er Jahren…

1.) Die erste Sendung konzentriert sich vor allem auf eine Schilderung des Pariser Mai 1968: Der Aufstand der Studenten, die Dynamik des danach folgenden Generalstreiks und das Ende der traditionellen Linken. Material sind dabei vor allem die Schilderungen des libertären Trotzkisten Maurice Brinton, der im Mai 1968 in Paris zugegen war. Zu Wort kommen auch Lutz Schulenburg und Hanna Mittelstädt (Edition Nautilus).

    Download: via AArchiv (mp3; 84.2 MB; 1 h)

2.) In der zweiten Sendung geht es vor allem um dissident-marxistische Gruppen, die um 1968 herum Stichworte für ein autonomes Agieren jenseits der traditionellen Linken gaben: Socialisme ou barbarie, die Operaisten und die Situationistische Internationale. Der Fokus liegt dann vor allem auf der Theorie und Praxis der Situationisten.

    Download: via AArchiv (mp3; 83 MB; 1 h)
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Der 2. Juni 1967 und die Folgen

Vor wenigen Tagen jährte sich der Todestag von Benno Ohnesorg zum 50. mal. In den Erzählungen über die Ursachen jener Bewegung, die später mit der Chiffre 1968 bezeichnet wurde, spielt der 2. Juni 1967 eine zentrale Rolle. Am 2. Juni 2017 wurde viel über dieses Datum gesprochen – wir dokumentieren hier einige Beiträge, die unseres Erachtens über eine unpolitische Jahrestagserinnerung hinausgehen.

1.) Benno Ohnesorg – Chronik einer Hinrichtung

Kürzlich hat Margot Overath (die u.a. ein sehr hörenswertes Feature über den Mord an Oury Jalloh produziert hat) ein Feature über die Ermordung von Benno Ohnesorg veröffentlicht. Dafür sprach sie mit Zeitzeugen und am Einsatz beteiligten Polizeibeamten über die Tat, den Tag und die Folgen bis heute. Ergänzend dazu siehe dieses Interview mit Uwe Soukup, der ebenfalls im Feature von Overath zu Wort kommt.

    Download: via SWR2 | via MF (mp3; 74.8; 54:30 min)

2.) Die studentische Linke, der Tod Benno Ohnesorgs und der 6-Tage-Krieg Israels

Ein Feature von Peter Leusch rekonstruiert die Ereignisse jener Jahre unter einem anderen Blickwinkel: Die Ermordung Benno Ohnesorgs geschah kurz vor dem 6-Tagekrieg, in dessen Folge sich die Beziehung der westdeutschen Linken zu Israel grundlegend veränderte. Leusch rekonstruiert diese Diskursverschiebung und geht dabei u.a. auf den Faschismusbegriff der Neuen Linken und ihr Verhältnis zur kritischen Theorie ein.

    Download: via ARD | via MF (mp3; 13.6 MB; 14:54 min)

3.) Das proletatrische 1968

Im Tagesaktuellen Programm von Radio Corax war der 2. Juni ein Anlass, um über 1968 zu sprechen. Ein oft ausgeblendeter Umstand ist, dass 1968 auch mit erheblichen ökonomischen Verschiebungen und mit Klassenauseinandersetzungen verbunden war. Bernd Gehrke und Gerd-Rainer Horn haben hierzu ein Buch mit dem Titel „1968 und die Arbeiter : Studien zum ‚proletarischen Mai‘ in Europa“ veröffentlicht. Radio Corax sprach mit Bernd Gehrke über dieses Buch. (Zum Thema außerdem interessant und materialreich: „Das proletarische 1968″ von Nelke.)

    Download: via FRN (mp3; 32 MB; 27:42 min)

4.) Rekonstruktion einer Niederlage

Der 2. Juni 1967 und der bewaffnete Kampf sind unweigerlich miteinander verbunden – die Bewegung 2. Juni hat das Ereignis zu ihrem Namen gemacht. Der 2. Juni 1967 war eines von mehreren Ereignissen, das zu einer Entwicklung führte, in der die bewaffnete Auseinandersetzung zwischen dem Staat und linken Gruppen unausweichlich schien. Darüber sprach Radio Corax mit Karl-Heinz Dellwo. Der ist ehemaliges Mitglied der RAF und heute Mitbetreiber des Laika-Verlags. (Das Gespräch enthält in der ersten Hälfte zahlreiche Störgeräusche – das ändert sich ab der zweiten Hälfte.)

    Download: via FRN (mp3; 40 MB; 35:04 min)

5.) Anmerkungen zum Jahr 1968

In den Nachrichten aus dem beschädigten Leben vom 25. Januar 2016 kam Jan Gerber über 1968 zu Wort. Er rekonstruiert 1968 als Teil einer Modernisierungsbewegung des Kapitalismus – die 1968er haben dem Kapital zu einer Neuausrichtung verholfen:

    Download: via FRN (mp3; 13 MB; 7:50 min)

Dieser Kommentar wurde wiederum kritisch von einem Moderatoren von Radio Corax kommentiert:

    Download: via FRN (mp3; 0.7 MB; 4:16 min)

Auf dem Blog der interventionistischen Linken wurde übrigens ein lesenswertes Interview mit einem ehemaligen Mitglied der Bewegung 2. Juni veröffentlicht – die Interventionistische Linke ruft angesichts einiger Jahrestage zu einer Debatte über Geschichtspolitik auf. Zum Thema sei außerdem empfohlen: Johannes Agnoli – 1968 und die Folgen (da dieses Buch über den ça ira Verlag leider nicht mehr lieferbar ist, muss man im Internet findig sein).

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