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Make anarchism a threat again

[This article includes one lecture in english language – look at the third caption.] – Wir dokumentieren mehrere Vorträge, die sich mit dem Anarchismus auseinandergesetzt haben:

1.) Schwarze Flamme – Revolutionäre Klassenpolitik im Anarchismus/Syndikalismus

Im letzten Jahr ist bei Edition Nautilus die deutsche Übersetzung des Buches „Schwarze Flamme. Revolutionäre Klassenpolitik im Anarchismus/Syndikalismus“ der südafrikanischen Autoren Lucien van der Walt und Michael Schmidt erschienen. Das Buch hat den Anspruch, eine historische und systematische Rekonstruktion der weltweiten anarchistischen Bewegung zu liefern. Eine Leseprobe des Buches gibt es hier.

Radio Lora hat einen Beitrag zusammengestellt, in dem ein Interview und ein Vortrag von Andreas Förster, einem der Übersetzer des Buches, zu hören ist. Im Vortrag, den er auf Einladung der FAU München gehalten hat, gibt er eine Definition des Anarchismus, erläutert die Differenzierungen des Anarchismus und gibt einen Überblick über anarchistische Taktiken und darum geführte Debatten. Am Ende des Vortrags geht er relativ ausführlich auf Fragen des Betriebs- und Arbeitskampfes ein. Mit van der Waldt und Schmidt beharrt Förster nachdrücklich auf der notwendig sozialistischen Grundlage des Anarchismus.

Die Südafrikaner Lucien van der Walt und Michael Schmidt haben mit dem nun auch auf Deutsch erschienenen Buch „Schwarze Flamme” (Edition Nautilus, Hamburg 2013) eine umfassende Untersuchung und internationale Geschichte des Anarchismus vorgelegt. In dieser Studie kreist die Auseinandersetzung vor allem um Kernfragen wie Organisierung, Strategie und Taktik der anarchistischen Bewegungen. Anarchismus definieren sie dabei als libertäre Form des Sozialismus, der eine revolutionäre Klassenpolitik vertritt. Hier zu Lande sorgte das Buch deshalb bereits vor dem Erscheinen für Furore und Empörung in anarchistischen Kreisen. Nichtsdestotrotz gilt „Schwarze Flamme” schon heute als ein Standardwerk zur Theorie und Praxis des Anarchismus/Syndikalismus. [via]

    Download: via FRN (mp3; 39 MB; 42:05 min)

2.) Rudolf Rocker und der Anarchosyndikalismus

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Dissidenten der Arbeiterbewegung“ fand vom 09.-11.05.2014 in Weimar ein Wochenendseminar zur Geschichte des Anarchismus statt. Auf diesem Seminar hat Thomas Möller (FAU Erfurt/Jena) einen einführenden Vortrag über Leben und Werk Rudolf Rockers sowie die Grundprinzipien des Anarchosyndikalismus gehalten. Spannender Vortrag – gute Einführung!

    Download: via AArchiv (mp3; 98,8 MB; 1:47:52 h)

3.) Anarchie & Kunst – Von der Pa­ri­ser Kom­mu­ne bis zum Fall der Ber­li­ner Mauer / Anarchy & Art from Paris Commune to the Fall of the Berlin Wall

[English description further down.] Ebenfalls in Weimar sprach der anarchistische Kunstprofessor Allan Antliff aus Canada über das Verhältnis von Anarchie und Kunst. Kürzlich hat er gemeinsam mit der Übersetzerin Katja Cronauer eine Lesereihe durch Deutschland unternommen, auf der er sein Buch „Anarchie und Kunst. Von der Pariser Kommune bis zum Fall der Berliner Mauer“ vorgestellt hat, das bei Edition AV erschienen ist. Im Vortrag gibt er einen Einblick in sein Buch und stellt einige anarchistische KünstlerInnen vor: František Kupka, Gustave Courbet, Alexander Michailowitsch Rodtschenko, Robert Duncan, Jess Collins, Susan Simensky Bietila, Gee Vaucher und Richard Mock. Die Präsentation zum Vortrag findet sich hier.

Allan Ant­liff – An­ar­chist, Kunst­his­to­ri­ker, -​kri­ti­ker und Pro­fes­sor für Mo­der­ne und Zeit­ge­nös­si­sche Kunst in Ka­na­da – und Katja Cro­nau­er – Über­set­ze­rin – tra­fen sich vor Kur­zem zum ers­ten Mal in Per­so­na und be­schlos­sen spon­tan eine Le­se­r­ei­se zu star­ten. Allan Ant­liff stellt sein bei Edi­ti­on AV er­schie­ne­nes Buch An­ar­chie und Kunst – Von der Pa­ri­ser Kom­mu­ne bis zum Fall der Ber­li­ner Mauer vor. Es be­ginnt mit Cour­bet, Proud­hon und der Pa­ri­ser Kom­mu­ne und han­delt von an­ar­chis­ti­scher Kunst seit dem 19. Jahr­hun­dert und ihrer Wech­sel­wir­kung auf ge­sell­schaft­li­chen Wan­del an­hand be­deu­ten­der ge­schicht­li­cher Er­eig­nis­se, vor allem in Eu­ro­pa, Russ­land und den USA. Unter Be­zug­nah­me auf die phi­lo­so­phi­schen und po­li­ti­schen Dis­kur­se der je­wei­li­gen Epo­che, wird un­ter­sucht, wie sich an­ar­chis­ti­sche Künst­ler*innen (Maler*innen, Dich­ter*innen, Gra­fi­ker*innen, Mu­si­ker*innen, Kunst­his­to­ri­ker*innen, u.a.) mit einer Reihe von The­men wie Äs­the­tik, Mi­li­ta­ris­mus, der öko­lo­gi­schen Krise, Staats­au­to­ri­ta­ris­mus, Armut, An­ti­im­pe­ria­lis­mus und Fe­mi­nis­mus be­schäf­tigt haben. Der Vor­trag wird auf Eng­lisch und Deutsch ge­hal­ten. [via]

On 17.06.2014 Allan Antliff (Anarchist, Art Professor, Canada) spoke about the connection between anarchy and art in Weimar. Recently he did a reading tour through Germany together with the translator Katja Cronauer and presented his book „Anarchy & Art from Paris Commune to the Fall of the Berlin Wall“. In the lecture he gave an insight in his book and portraited some anarchistic artists: František Kupka, Gustave Courbet, Alexander Michailowitsch Rodtschenko, Robert Duncan, Jess Collins, Susan Simensky Bietila, Gee Vaucher and Richard Mock. The presentation that was shown at the lecture you can find here.

    Download: via AArchiv (mp3; 41,6 MB; 45:24 min)

4.) Zum Verhältnis von Anarchismus und Marxismus

Die Frankfurter Sektion der Gruppe Platypus hat Anfang dieses Jahres eine Podiumsdiskussion über das Verhältnis von Marxismus und Anarchismus mit Peter Bierl, Henning Mächerle (DKP) und Jürgen Mümken organisiert. Sie traten auf in folgenden Rollen: Mümken: der postmoderne Anarchist, Mächerle: der orthodoxe Partei-Marxist, Bierl: der kritische Gelehrte zwischen den Stühlen. Streitpunkte waren u.a.: Theoretische Stärken und Schwächen sowie historisches Scheitern von Anarchismus und Marxismus bzw. Leninismus, Organisationsfrage und Frage der Übergangsgesellschaft, Oktoberrevolution. Man hat sich ein bissel gestritten, aber war doch insgesamt ganz lieb zueinander.

Es scheint als gäbe es gegenwärtig nur noch zwei radikale Strömungen: Anarchismus und Marxismus. Beide entstammen demselben historischen Schmelztiegel – der industriellen Revolution, den gescheiterten Erhebungen von 1848 und 1871, einem schwachen Liberalismus, der Zentralisierung der Staatsgewalt, dem Aufstieg der Arbeiterbewegung und dem Versprechen des Sozialismus. Sie sind unser revolutionäres Erbe. Alle maßgeblichen radikalen Bewegungen der letzten 150 Jahren waren darum bemüht die Bedeutung des Anarchismus und des Marxismus für die jeweilige Situation nutzbar zu machen. Davon scheint sich unser historischer Moment nicht zu unterscheiden.

Um als Linke in der aktuellen historischen Situation zu handeln, wollen wir Bilanz ziehen aus den Auseinandersetzungen zwischen Anarchismus und Marxismus während der letzten 150 Jahre. Die historischen Erfahrungen, welche die Ideen des Marxismus und des Anarchismus maßgeblich geprägt haben, müssen aufgearbeitet und entfaltet werden, sollen sie uns heute als Orientierungspunkte dienen. Inwiefern repräsentiert der Rückbezug auf Anarchismus und Marxismus ein authentisches Engagement – und inwiefern die Wiederkehr eines Gespenstes? Wo stehen wir heute nach den vergangenen Kämpfen? Welche Formen stehen uns – theoretisch wie praktisch – zur Verfügung, um den gegenwärtigen Problemen zu begegnen? [via]

    Download: via AArchiv | via archive.org (mp3; 172 MB; 2:04:57 h)

5.) Make anarchism a threat again? Eine kritische Auseinandersetzung mit aktuellen anarchistischen Debatten

Auf Einladung der Associazione Delle Talpe hat Peter Bierl einen sehr hörenswerten Vortrag gehalten. Aus Sympathie mit dem Anarchismus formuliert Bierl eine marxistisch und ideologiekritisch geschulte Kritik an ihm. Dabei geht er aus vom globalen Triumpfzug des Kapitalismus und dem Scheitern aller Fraktionen der Linken und konstatiert die Notwendigkeit eines Neubeginns der radikalen Linken. Für diesen Neubeginn könne der Anarchismus ein Gegengewicht gegenüber leninistischen und anderen staatsfixierten Ansätzen bieten, was jedoch eine gründliche Kritik reaktionärer Teile der anarchistischen Bewegung selbst voraussetze, die viel zu selten aus dem Anarchismus selbst heraus formuliert werde. Er selbts formuliert eine Kritik an Positionen von Proudhon, Stirner und Bakunin und in deren Tradition stehende gegenwärtige Strömungen des Anarchismus. Anknüpfungspunkte sieht Bierl vor allem im kommunistischen Anarchismus. Er bezieht sich mehrfach auf das Black-Flame-Buch, wobei er auch in diesem einige Aspekte zu kritisieren hat. Ein wichtiger Bezugspunkt ist außerdem immer wieder Murray Bookchin. Eine Kritik an aktuellen Strömungen des Anarchismus hat Bierl auch im Jungle-World-Dossier vom 21.11.2013 formuliert.

Nachdem Anarchismus jahrzehntelang nur auf Punker-Lederjacken stattgefunden hat, ist er heute im Feuilleton angekommen. Vor Allem die Broschüre Der kommende Aufstand des unsichtbaren Komitees und David Graebers Buch Schulden wurden wohlwollend diskutiert. In linken Bewegungen bildet der Anarchismus bereits seit dem zapatistischen Aufstand in Mexiko 1994 ein zunehmend präsenteres Gegengewicht zu sozialdemokratischen und leninistischen Strömungen. Dieses anarchistische Revival fand seinen letzten Höhepunkt in den Occupy-Protesten.

Für eine radikale Linke im 21. Jahrhundert bietet der Anarchismus in der Tat einige Anknüpfungspunkte wie bspw. eine generelle Staats- und Parlamentarismuskritik oder die Ablehnung autoritärer Organisationsmodelle. Zu einer kritischen Auseinandersetzung mit den ökonomischen Verhältnissen kann der Anarchismus allerdings wenig beitragen. Anstelle einer systematischen Analyse favorisieren viele Anarchist_innen antisemitische „Zinstheorien“ und Stammtischparolen gegen „die 1 Prozent“. Ebenfalls bedenklich sind der Militanz- und Aufstandsfetischismus, der von Bakunin bis CrimethInc reicht.

Peter Bierl wird sich in seinem Vortrag mit einigen aktuellen anarchistischen Debatten kritisch auseinandersetzen. Neben David Graeber und dem Unsichtbaren Komitee wird er sich dabei auch mit dem vor Kurzem erschienenen Buch Schwarze Flamme von Lucien van der Walt und Michael Schmidt beschäftigen. In diesem legen die beiden Autoren einen Schwerpunkt auf sozialistischen Anarchismus und Anarchosyndikalismus.

Peter Bierl kommt aus Süddeutschland und arbeitet als Journalist, vor allem zu diversen Formen von Aberglaube, Esoterik und pseudowissenschaftlichem Unfug, auch in linken Diskursen. Veröffentlichungen unter anderem: Wurzelrassen, Erzengel und Volksgeister: Die Antroposophie Rudolf Steiners und die Waldorfpädagogik, Hamburg 2005; Schwundgeld, Freiwirtschaft und Rassenwahn. Kapitalismuskritik von rechts – Der Fall Silvio Gesell, Hamburg 2012; Grüne Braune – Umwelt-, Tier- und Heimatschutz von rechts, Münster 2014. [via]

    Download: via AArchiv (mp3; 109,8 MB; 1:19:37 h)

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Zum Abschluss ein paar Literaturhinweise: Die Prinzipienerklärung des Syndikalismus von Rudolf Rocker (heute noch eine der Grundlagen der FAU). Ansätze eines modernen Anarchismus finden sich in den Zeitschriften „A Corps Perdu“ und „Grenzenlos“ (Ausgabe 1 / Ausgabe 2). Texte der individualistisch-terroristischen Feuerzellen hat das Übersetzungskollektiv „et al.“ ins Deutsche übersetzt – hier (+ Rezension). Paul Pop hat vor einiger Zeit in der östereichischen Zeitschrift Grundrisse unter dem Titel »Rot-Schwarze Flitterwochen: Marx und Kropotkin für das 21.Jahrhundert« eine selbskritische Bestandaufnahme aus anarchistischer Perspektive geschrieben. Ebenfalls vor einiger Zeit hat Joachim Bruhn beachtenswerte Thesen zum Verhältnis von anarchistischer und marxistischer Staatskritik geschrieben. Ein Buch, das sich u.a. kritisch mit Antisemitismus innerhalb des Anarchismus auseinandersetzt, liegt bisher nur auf französisch vor: Amadeo Bertolo – Juifs et Anarchistes. Und zuletzt – vor noch längerer Zeit schrieb Maximilien Rubel über Marx als Theoretiker des Anarchismus.

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Einführung in die Kritik der Religion

Im vorletzten Teil der Hamburger Intros-Reihe (Dokumentationen siehe hier) beschäftigt sich Erik Kuhlenkamp mit Religionskritik (ebenfalls von der As­so­cia­zio­ne Delle Talpe). Sein Beitrag gestaltete er eher als Diskussionsanregung denn als umfangreichen Einführungsvortrag. Ausgehend von einer allgemeinen Definition sowie einem Überblick über die Weltreligionen und ihre gemeinsame Struktur wendet er sich in einer von Erik H. Erikson1 geprägten sozialpsychologischen Perspektive der religiösen Identitätsbildung in der Adoleszenzphase zu.

Download: mp3 via AArchiv | mp3 via FRN | via MF (59 MB)

Ankündigungstext: (mehr…)

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Einführendes zur Kritik des Antisemitismus

Regelmäßige Hörer_innen des Audioarchivs werden einer Einführung in die Kritik des Antisemitismus gewiss nicht bedürfen, befasst sich doch ein nicht unerheblicher Teil des hier bereits zusammengetragenen Materials mit genau diesem Thema. Wer sich jedoch erstmals ideologiekritisch mit Formen und Inhalten der Judenfeindschaft beschäftigen möchte, findet im Folgenden einige recht aktuelle Beiträge zur Einführung.

1. Gabriele Kammerer: Antisemitismus – ein Vorurteil wie andere? SWR2 Wissen vom 22.06.2011.

Die Sendung widmet sich u.a. dem aktuell in der Antisemitismusforschung schwelenden Streit darüber, inwieweit der Antisemitismus als Vorbild oder Matrix für andere Formen der Diskriminierung und Ausgrenzung betrachtet werden kann. Damit einher geht die nicht unbedeutende Frage, ob überhaupt eine eigene Antisemitismusforschung nötig ist oder diese stattdessen als Zweig der (vergleichenden) Vorurteilsforschung betrieben werden sollte.1 Es kommen unter anderen Wolfgang Benz (bis vor kurzem Direktor des Berliner ZfA) und Matthias Küntzel (Sozialwissenschaftler aus Hamburg) zu Wort. Des Weiteren werden die aktuellen Formen und Konjunkturen des sekundären und anti-israelischen Antisemitismus behandelt, die »Protokolle der Weisen von Zion« thematisiert und (Aufklärungs-)Initiativen gegen Judenhass vorgestellt. Es erübrigt sich fast anzumerken, dass dem Feature als Beitrag des öffentlich-rechtlichen SWR nahezu jede kapitalismuskritische Dimension in der Erklärung des Antisemitismus abgeht.

„Du Jude!“ tönt es auf deutschen Schulhöfen, Politiker ereifern sich über den „Vernichtungskrieg“ der Israelis, Stammtische giften über „zu hohe“ Entschädigungssummen nach dem Holocaust. Wer die verschiedenen Formen des Antisemitismus begreifen will, muss sich mit religiösen und rassistischen Motiven, mit dem kollektiven Ego der Deutschen, mit linkem und rechtem Antizionismus beschäftigen. Die Frage, ob Antisemitismus ein Vorurteil ist wie andere Vorurteile auch – zum Beispiel gegen Muslime –, wird in jüngster Zeit kontrovers diskutiert.

2. Associazione Delle Talpe: Einführung in die Kritik des Antisemitismus. Dritter Teil der Hamburger Veranstaltungsreihe »Intros« (Mai 2011).

Den theoretischen Hauptbezugspunkt der Bremer Maulwurfsvereinigung bildet die Kritische Theorie. Dementsprechend wird der Antisemitismus als wahnhaftes Syndrom pathischer Projektion und »Gerücht über die Juden« gedeutet. Neben allgemeinen Bestimmungen erfährt man einiges zur Geschichte der Judenfeindschaft in Europa und zu sekundärem, anti-israelischem und linkem Antisemitismus. Gegenstände der ebenfalls aufgezeichneten Diskussion sind u.a. (wie so oft) die (Un-)Möglichkeit einer nicht-antisemitischen Israelkritik und »verkürzte Kapitalismuskritik«.

Download: via AArchiv | via MF | via FRN (2:03 h, 56 MB) || Skript via adt

Mit dem Ausspruch „Die Juden sind unser Unglück.“ lieferte Heinrich von Treitschke 1879 die Leitparole für den modernen Antisemitismus. Dieser löste den religiös motivierten Judenhass des Mittelalters ab, indem er die damals beliebte Rassentheorie auf Jüd_innen übertrug. Das Judentum wurde zu einer Rasse konstruiert, die man für Krisen und andere negativ empfundene Aspekte der Moderne verantwortlich machte. Die Nazis unterstellten eine, die einzelnen Nationen zersetzende „jüdische Weltverschwörung“. Dieser antisemitische Wahn wurde im Nationalsozialismus von der Mehrzahl der Deutschen unterstützt und gipfelte in der industriell organisierten Ermordung von sechs Millionen Menschen durch Massenerschießungen, Aushungerung in Ghettos, tödliche Zwangsarbeit und letztlich in den Gaskammern der Konzentrations- und Vernichtungslager. Der Name „Auschwitz“ ist zum Symbol dafür geworden.

Antisemitisches Denken ist auch heute noch weit verbreitet – der Soziologe Heitmeyer zeigt in seinen Studien zu „Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“, dass aktuell 20% der Deutschen dem klassischen „Nazi-Antisemitismus“ zustimmen. Gar 55% verstehen, dass man etwas gegen Juden hat, wenn man sich die israelische Staatspolitik anschaut und demonstrieren damit Israelbezogenen bzw. neuen modernen Antisemitismus.

Egal ob in klassischer Form oder verborgen in einer Kritik an Israel – Antisemitismus ist in jeder Form zu entlarven und konsequent zu kritisieren!

In dem Vortrag wollen wir uns mit Euch darüber auseinandersetzen, was antisemitisches Denken und Handeln ausmacht. Dabei sollen uns einige Gedanken zur Theorie und Kritik des Antisemitismus der Gesellschaftstheoretiker Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und Moishe Postone helfen, die wir Euch kurz vorstellen möchten. Vorweg gibt es einen knappen historischen Überblick über die Entwicklung des Judenhass vom religiös motivierten Antijudaismus, über den Rassenantisemitismus der Nationalsozialisten bis hin zu gegenwärtigen Formen des Antisemitismus. Um den Vortrag anschaulich zu machen, haben wir viel Bild- und Textmaterial zusammengetragen und sind offen für alle Eure Fragen und Diskussionsbeiträge.

Die Gruppe associazione delle talpe aus Bremen arbeitet seit 2005 zur Kritik des Antisemitismus, des Staates und der Nation.

3. Olaf Kistenmacher: Einführung in die Kritik des sekundären Antisemitismus (Dezember 2010).

Sekundärer Antisemitismus ist Antisemitismus nach 1945, Antisemitismus nicht trotz sondern wegen Auschwitz. Olaf Kistenmacher knüpft in seinem Vortrag aus der Hamburger »Allein schon«-Reihe an sein Referat über Antisemitismus in der KPD an. Ging es dort um die Linke der Vorkriegszeit, steht in diesem Vortrag die deutsche Nachkriegslinke und ihr Antizionismus im Zentrum (wobei es auch hier einen Exkurs in die 20er Jahre gibt). Kistenmacher bezieht sich ein paar mal auf den Berliner Juden Dieter Tam (jetzt Arie Tam), der sich nach mehreren antisemitischen Vorfällen 2004 zur Auswanderung nach Israel genötigt sah. Ein Bericht über ihn kann auf den Seiten des RRB angesehen werden.

Einführende Veranstaltung zur Kritik des sekundären Antisemitismus

Es spielt sich wieder mal Verwunderliches in der deutschen Medienlandschaft ab: Die Rede ist von christlich-jüdischen Werten, einer „Tradition“ gar. Dabei gingen wir immer von einem ungebrochenen 1500-jährigen christlich-antijüdischen Erbe in diesen Breitengraden aus. Denn Antisemitismus, als negative Leitidee der Moderne, die sich in der Feindschaft gegen Juden und Jüdinnen niederschlägt, hat sich schon immer den Umständen angepasst. Auch nach Auschwitz, der grausamen Realisierung des antisemitischen Vernichtungswunsches, gibt es ihn weltweit in unverminderter Stärke. Im deutschsprachigen Raum ist dabei eine besondere Form zu beobachten: der sekundäre Antisemitismus, der Antisemitismus nach, trotz und wegen Auschwitz. Die Mechanismen und Bilder im Inneren sind ähnlich geblieben: Es wird eine (jüdische) Weltverschwörung imaginiert, gegen Zinsen und das Unverstandene im Kapitalismus gewettert, die seit jeher mit Juden und Jüdinnen in Verbindung gebracht werden, und somit fühlt sich der_die Antisemit_in als Opfer einer größeren Macht. Nur die Sprache musste eine andere werden. Durch Auschwitz wird der Antisemitismus mit einem Tabu belegt, er darf nicht mehr allzu offen geäußert werden, ohne dass es Konsequenzen gibt. Verwendet werden also Bilder und Chiffren. Die Rede ist also von der „Ostküste“, wenn das „vom Juden beherrschte/gesteuerte Kapital“ gemeint ist, von „Heuschrecken“, wenn es um den „wuchernden Juden“ und das „raffende Kapital“ geht, und von Israel, das als Jude unter den Staaten gedacht wird. Diese Verschiebungen sind auch in der Linken weit verbreitet. Es wird sich antizionistisch-antiimperialistisch-rebellisch gegeben, wo sich doch nur der Antisemitismus Bahn bricht.

In der dritten Veranstaltung der „Allein schon…“-Reihe werden wir uns dem Antisemitismus besonders in seiner aktuellen Form zuwenden und einen Einstieg in seine Kritik geben. Zeigen, welche Kontinuitäten, aber auch welche Neuheiten es gibt. Wir wollen aufdecken, was gesellschaftlich hinter Antisemitismus steht und damit auch die Augen öffnen für die Alltäglichkeit, die er weiterhin besitzt. Dafür haben wir uns als Experten Olaf Kistenmacher eingeladen.

Olaf Kistenmacher promoviert in Bremen zum Thema: Arbeit und „jüdisches Kapital“. Antisemitische Aussagen in der Tageszeitung der KPD, Die Rote Fahne, zur Zeit der Weimarer Republik, 1918-1933. Er schreibt gelegentlich für die Konkret und Phase zwei.

Neuere wissenschaftliche Veröffentlichungen:
„Gerechtigkeit“ für Palästina? Die mediale Agitation der KPD gegen den „zionistischen Faschismus“ während der Weimarer Republik, in: Alexandra Böhm/Antje Kley/Mark Schönleben (Hg.): Ethik – Anerkennung – Gerechtigkeit. Philosophische, literarische und gesellschaftliche Perspektiven, München: Wilhelm Fink (im Erscheinen), S. 369-380.

„Jüdischer Warenhausbesitzer finanziert Nazipropaganda“. Antifaschismus und antisemitische Stereotype in der Tageszeitung der Kommunistischen Partei Deutschlands, der Roten Fahne, am Ende der Weimarer Republik, 1928-1933, in: Gideon Botsch/Christoph Kopke/Lars Rensmann/Julius H. Schoeps (Hg.): Politik des Hasses. Antisemitismus und radikale Rechte in Europa, Hildesheim/New York/Zürich: Georg Olms 2010, S. 97-112.

Bei dem Mitschnitt handelt es sich um eine FSK-Sendung mit Musik, durch mich komprimiert und gekürzt um den Eröffnungssong sowie die Schlussmusik und -moderation. Sie enthält auch Teile der Diskussion. Die Originaldatei kann hier bezogen werden (2:00 h, 164 MB).

  1. Insbesondere die Vergleichbarkeit bzw. der Sinn und Unsinn eines Vergleiches des Antisemitismus mit der recht jungen Erscheinung des antimuslimischen Rassismus/Ressentiments ist Gegenstand der Debatte. Diese Frage wird demnächst auch Thema im Audioarchiv sein. [zurück]
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