Tag-Archiv für 'bewegungsgeschichte'

Das unmögliche Verlangen

50 Jahre 1968 – Geschichte und Gegenwart

Anschließend an die 1968er-Sendereihe von Radio Corax fand von Mai 2018 bis Januar 2019 eine Veranstaltungsreihe in Halle (Saale) statt. Titel war: „Das unmögliche Verlangen“ (oder: „Das Unmögliche verlangen“?) Folgendermaßen wurde die Reihe angekündigt:

Pariser Mai und Prager Frühling, sexuelle Revolution und „versäumte Revolte“ (Stefan Wolle) – das Jahr 1968 wurde schon vielbeschrieben und doch gibt es noch unentdeckte oder kaum thematisierte Perspektiven. So sind nicht nur die weiblichen Akteure der “68er” sondern auch die Geschehnisse in der DDR und im ganzen Ostblock kaum im öffentlichen Gedächtnis verankert.

In Kooperation mit Radio Corax und der Oper Halle wirft die Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen-Anhalt 50 Jahre nach den bewegenden Ereignissen in Ost und West in sieben Veranstaltungen im Frühsommer und Herbst einen Blick auf die blinden Flecken dieses – zu erwartenden – Jubiläums-Spektakels und fragt dabei auch nach Bezügen zur Gegenwart. (via)

1.) Keine Ruhe nach dem Sturm

Im Februar 2018 hat Ulrike Heider ein autobiographisches Buch über 1968 und die nachfolgenden Jahre der Bewegung veröffentlicht. In der Lesung spricht sie über den SDS in Frankfurt, die Gruppe „Revolutionärer Kampf“ (RK), das Leben in Wohngemeinschaften und besetzten Häusern, Geschlechterverhältnis und sexuelle Befreiung, die Sponti-Szene und die Autonomen. Es ist eine kritische Aufarbeitung, die nicht der Abschwörung verfällt. Sie blickt auf ein linkssozialistisches, rätekommunistisches Umfeld. Siehe auch das ausführliche Interview mit Ulrike Heider, das wir hier dokumentiert haben.

Lebendig und mitreißend erzählt Ulrike Heider 50 Jahre ihrer persönlichen Geschichte als spannungsreiche Zeitgeschichte. Den politischen und kulturellen Aufbruch der späten 1960er Jahre erlebte Ulrike Heider als befreiend. In ihrem jüngst bei Bertz+Fischer veröffentlichten Buch (“Keine Ruhe nach dem Sturm“) beschreibt sie Höhepunkte, Kriminalisierung und Zerfallserscheinungen der antiautoritären Protestbewegung. Ob es um SDS-Versammlungen, Experimente mit der freien Liebe, die Frankfurter Universitätsbesetzung, um Straßenschlachten oder Hausbesetzungen geht, immer sind ihre Erinnerungen intim und kritisch zugleich. Mit Ulrike Heider begegnen wir auch Mackertum, Untertanenmentalität, Antisemitismus und das alltägliche Elend des Zerfalls einer Bewegung.

Ulrike Heider, Jahrgang 1947, studierte Politik und Germanistik, promovierte, zog später nach New York und lebt seit 2000 als freie Schriftstellerin in Berlin. Sie schreibt Bücher, Essays und Radiosendungen zu den Themen Schüler- und Studentenbewegung, Anarchismus, afroamerikanische Politik und Sexualität. Zuletzt »Vögeln ist schön – Die Sexrevolte von 1968 und was von ihr bleibt« (Berlin 2014). (via)

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2.) Politik und Psychedelik

Ostblock-Popkultur zwischen Nonkonformismus und “Normalisierung” 1968 – 1978. Alexander Pehlemann erkundet in seinem Vortrag musikalisch-subkulturelle Milieus des Ostblocks im Jahrzehnt nach 1968. Er schildert kenntnis- und anekdotenreich subkulturelle Zusammenhänge und Szenen in verschiedenen Ländern des Ostblocks und befördert dabei Radikales wie Skurriles zutage.

Das Jahr 1968 war weltweit ein Aufbruch in vehementer Ablehnung der Verhältnisse, die sich schnell auch in den Ländern des Warschauer Pakts etablierte. Deren „Love, Peace & Happiness“ wurde schnell zur Provokation, auf die repressiv reagiert wurde. Aber die Saat der Subkultur konnte nicht komplett unterdrückt werden, zumal das System sich im Widerspruch bewegte, den antikapitalistischen Jugend-Bewegungen des Westens wie der Dritten Welt aufgeschlossen gegenüber wirken zu wollen. Parallel entwickelten sich so auch Tendenzen der Tolerierung und sogar Förderung, die mit Einhegung und Reglementierung einhergingen, jedoch auch zu einer einzigartigen Phase gegenseitigen kulturellen Austauschs führte. Alex Pehlemann wird daher nicht nur die jugendkulturelle und künstlerische Opposition betrachten, sondern zugleich das widerspruchsreiche Einsickern ihrer Ästhetik, in dessen Vor- und oft auch Rückbewegungen. Dabei geht es quer durch den gesamten Ostblock mit den jeweiligen Landesbedingungen sowie einmal durch die Dekade 1968-1978.

Alexander Pehlemann wurde 1969 in Berlin-Lichtenberg geboren. Er ist seit 1993 Herausgeber des »Zonic«, Magazin für »Kulturelle Randstandsblicke & Involvierungsmomente«, dabei mit Vorliebe in osteuropäische Subkulturzonen blickend. (via)

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3.) Mein ’68

Mein ’68 – Ein verspäteter Brief an meinen Vater“ ist ein Film von Hannes Heer aus dem Jahr 1988, in dem er den Bruch zwischen ihm und seinem Vater im Zuge von 1968 verarbeitet (siehe auch das Gespräch mit Hannes Heer darüber: hier). Im Vortrag geht es Hannes Heer um zwei zentrale Punkte: 1968 markiert für ihn einerseits den Punkt, an dem ein Teil der Generation, die in den 40er Jahren zur Welt gekommen ist, damit begann, die Elterngeneration nach ihrer (Mit)Täterschaft im Nationalsozialismus zu befragen. Andererseits ist für ihn 1968 ein Kulminationspunkt der Verweigerung, die Rekonstituierung des Kapitalismus nach 1945 hinzunehmen – davon ausgehend entsteht ein Experimentierraum einer Fundamentalopposition. Diese beiden Punkte erläutert er in acht Kapiteln, in denen er u.a. die Debatten innerhalb des SDS und die Diskussion mit Intellektuellen der Nachkriegszeit (u.a. Herbert Marcuse, Norbert Elias, Jürgen Habermas) beleuchtet.

Hannes Heer, Jahrgang 1941, führt in die Geschichte der Revolte in zweifacher Weise ein – mit einem Vortrag und einem Film: „Mein 68. Ein verspäteter Brief an meinen Vater“ versucht eine im Leben gescheiterte und nur filmisch mögliche argumentative Auseinandersetzung des Autors mit seinem Vater. Dieser, früher NSDAP-Mitglied und nach dem Krieg CDU-Wähler, reagierte auf den politischen Aufbruch der damaligen Studentengeneration und seines eigenen Sohnes mit hasserfülltem Unverständnis und brach 1968 alle Brücken zu ihm ab. An diesem Nichthinsehen- und Nichthinhören-Wollen setzt der Film an. Er rekonstruiert auf nachdenkliche und selbstkritische Weise im fiktiven Dialog mit dem Vater die Gründe, die die Studentenbewegung auslösten.

Hannes Heer war wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sozialforschung und Leiter des Ausstellungsprojektes „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“. Er dreht für ARD und ZDF zahlreiche Dokumentationen. Der Film “Mein 68” wurde, nach heftigen internen Kämpfen, vom WDR ausgestrahlt. (via)

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4.) Im Osten nichts Neues?

Von ’68, dem Autoritarismus und den späten Folgen. In der DDR gab es im Jahr 1968 keine vergleichbare Revolte wie in anderen europäischen Ländern. Ob dies eine Ursache für immer wiederkehrende nationalistische und rassistische Mobilisierungen ist, darüber haben in einer Podiumsdiskussion Bernd Gehrke, Thorsten Hahnel und Petra Dobner debattiert. Bernd Gehrke schildert, inwiefern es gleichwohl in der DDR im Jahr 1968 zahlreiche Proteste gab und wie es zum antikommunistischen Drive in der Wendebewegung kam; Thorsten Hahnel erzählt von nationalistischen, rassistischen und konformistisch motivierten Angriffen, denen sich damals auch Hahnel als Punk zu erwehren hatte; Petra Dobner vertritt einige unklare Thesen und verwendet dabei universitäre Redewendungen. Siehe auch: Ausführliches Interview mit Bernd Gehrke über 1968 im Ostblock (Unterpunkt 6) / Wendefokus-Gespräch mit Thorsten Hahnel.

Was hat die derzeitige globale Krise der Demokratie mit 1968 zu tun? Und wie sieht das mit Blick auf Ostdeutschland aus? Ist die Anziehung eines Viertels der Bevölkerung für autoritäre und rassistische Bewegungen wie Pegida oder die AfD eine Folge der fehlenden ’68 Revolution im Osten Deutschlands?
Diese und weitere Fragen diskutieren der DDR-Oppositionelle und Historiker Bernd Gehrke, Thorsten Hahnel (Miteinander e.V.) und Prof. Dr. Petra Dobner (Lehrstuhl für Systemanalyse und Vergleichende Politikwissenschaft, MLU).

Auch wenn in der DDR 1968 keine vergleichbare Revolte stattfand wie in der BRD, war es ein Jahr außerordentlicher Proteste. Bernd Gehrke spricht über die Auseinandersetzungen um Öffentlichkeit in den Betrieben und die niederschmetternden Folgen. Letzere sind für Thorsten Hahnel eine Erklärung für die heutige konformistische Rebellion um Pegida und AFD gerade auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. Die derzeitige reaktione Welle, auf der in vielen Teilen der Welt wieder autokratisches, nationalistisches Denken mehrheitsfähig wird, analysiert Petra Dobner als Umkehrung eines 68er Postmaterialismus und fordert, “mehr 68” zu wagen. (via)

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Talkin‘ bout a Revolution?! #3

Theorie und Kritik der ‚Neuen Linken‘

Zum dritten Teil unserer Beitragsreihe über 1968: Die Bewegung von 1968 und die Geschichte der „Neuen Linken“ sind eng miteinander verknüpft, aber sie fallen nicht in eins: Die Neue Linke hat ihre Ursprünge in den 50er-Jahren, bekommt in den Jahren um 1968 herum eine größere Aufmerksamkeit und spielt für die Reflexion des Scheiterns der 68er-Revolte eine wichtige Rolle. Es ist fraglich, ob es die Neue Linke überhaupt gibt, ihre Geschichte ist widersprüchlich: Steht sie anfangs für eine dissident-marxistische, linksradikal-undogmatische, anti-stalinistische Position, die bisherige Modelle von Partei und Gewerkschaft infrage stellt, geht sie später in (neo-)marxistisch-leninistische Theorie- und Organisationsmodelle einerseits, in postmoderne Theorieansätze und „Neue Soziale Bewegungen“ andererseits über. Die Geschichte der Neuen Linken verweist auch auf die Geschichte der Zwischenkriegszeit – sind es doch linkskommunistische oder -sozialistische Theoretiker (meist männliche) aus dieser Zeit, die ab den 50er-Jahren zum Entstehen der Neuen Linken beitragen. Anhand einzelner Personen verweisen wir hier vor allem auf die Theorie(n) der Neuen Linken, wobei stets auch deren Einfluss und Bezug auf 1968 behandelt wird. Herbert Marcuse, der sicher als wichtiger Impulsgeber einer Neuen Linken gelten kann (sowohl in Westdeutschland, als auch in den USA), wird in diesem Beitrag nicht einzeln behandelt – wir verweisen dazu auf diesen Sammelbeitrag.

1.) Ignorierte Vorläufer: Die Neue Linke der 50er Jahre

Dass 1968 nicht vom Himmel fiel – auch und gerade was eine dezidiert linksradikale theoretische Reflexion betrifft –, darauf weist Christoph Jünke (u.a. Autor des Buches „Streifzüge durch das rote 20. Jahrhundert“) hin. Er schildert im Gespräch, wie eine Neue Linke schon in den 50er-Jahren entstand. Es geht um die Bezüge der Neuen Linken auf die alte Arbeiterbewegung, die linken Debatten der Weimarer Republik und die Oktoberrevolution, die Frage des Anti-Autoritarismus und die Staatskritik, um die Aktualität der Neuen Linken.

1968 gab es nicht nur einen Bruch und Entwicklungsschub innerhalb des Kapitalismus, sondern auch das Jahr der „antiautoritären Linken“. An den 60′er Jahren lässt sich nachvollziehen, wie eine „Neue Linke“ in Deutschland entsteht, nachdem zuvor eine linke und/oder revolutionäre Bewegungstradition abgebrochen war. Über diesen Abbruch sprach Radio Corax mit dem Historiker Christoph Jünke. Jünke schreibt vor allem zur Geschichte des Realsozialismus und des Marxismus. (via)

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2.) Zauber der Theorie – Ideengeschichte der Neuen Linken in Westdeutschland

Mit der „Ideengeschichte“ der Neuen Linken hat sich das Heft 2018/II der Zeitschrift „Arbeit – Bewegung – Geschichte“ auseinandergesetzt. Im Gespräch schildert David Bebnowski (verantwortlicher Redakteur dieser Ausgabe – seine Einleitung zum Schwerpunkt hier) den Anlass des Themenschwerpunkts und spricht über Ursprünge der Neuen Linken (mit dem Schlüsseljahr 1956), die Rolle der Theorie, die Rolle West-Berlins als Zentrum der Neuen Linken, die Rolle der Universitäten und der Politikwissenschaft. Insbesondere geht es auch um die Rolle Franz Neumanns, zu dem Bebnowski gearbeitet hat.

Im Mai ist die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift „Arbeit – Bewegung – Geschichte“ erschienen, die sich mit der Geschichte der Neuen Linken auseinandersetzt. Wir sprachen mit David Bebnowski, dem inhaltlich verantwortlichen Redakteur dieser Ausgabe. Wir fragten ihn zunächst nach der Geschichte der Zeitschrift „Arbeit – Bewegung – Geschichte“, die ursprünglich als „JahrBuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung” erschienen ist. (via)

    Download: via FRN (mp3; 38 MB; 22:43 min)

3.) Leo Kofler – Ein vergessener Vordenker der Neuen Linken

Eine Zeit lang ging die Theorieentwicklung der Neuen Linken mit Impulsen einher, die vom Frankfurter Institut für Sozialforschung ausgegangen waren – später kam es (wie unten noch zu sehen sein wird) auch zum Bruch mit diesen „Vordenkern“. Es gab jedoch bereits von Anfang an Vorbilder und Einflüsse von Denkern, die der kritischen Theorie Frankfurter Provenience kritisch gegenüberstanden. Zu diesen Figuren gehört auch Leo Kofler, wie Christoph Jünke hervorkehrt, der selbst zu den Schülern Koflers gehört. Er spricht über die politisch-theoretische Herkunft Koflers, über seine Tätigkeit in der außerakademischen Bildungsarbeit und sein Verhältnis zur „Frankfurter Schule“. Siehe Jünkes Kofler-Biografie (PDF) und die Homepage der Kofler-Gesellschaft.

Als marxistischer Theoretiker ist Leo Kofler heute kaum noch bekannt. Dies mag darin liegen, dass sein Denken quer zu eindeutigen Traditionslinien lag: So verband er etwa die politischen Ansätze des Austromarxisten und Linkssozialisten Max Adler mit Motiven des marxistischen Philosophen Georg Lukács. Obwohl Leo Kofler heute kaum noch bekannt ist, kann seine Rolle als Vordenker der 68′er nicht unterschätzt werden – seit Anfang der 50er Jahre war er in der außerakademischen Bildungsarbeit aktiv. Wir sprachen mit dem Kofler-Biographen Christoph Jünke und fragten ihn zunächst nach seinem persönlichen Zugang zu Leo Kofler. (via)

    Download: via FRN (mp3; 40 MB; 24:55 min)

4.) Johannes Agnoli – Ein Staatskritiker mit Lehrstuhl

Johannes Agnoli war Stichwortgeber für die Neue Linke, nahm ihre Impulse in sein eigenes Denken auf und er reflektierte ihre Beschränkungen. Sein Buch „Transformation der Demokratie“ kann als eines der wichtigsten Werke für die Neue Linke in Westdeutschland gelten. Dennoch war er eine Einzelperson, die zu keiner der festen Gruppen der Neuen Linken gehörte. Im Gespräch mit Felix Klopotek geht es um den Lebensweg Agnolis, seine Rolle in verschiedenen Debatten und um Vorwürfe, die immer wieder gegen Agnoli lanciert worden sind. Siehe auch Klopoteks Vortrag über Agnoli.

Das Buch „Transformation der Demokratie“ von Johannes Agnoli verhalf den Aktivisten der außerparlamentarischen Opposition zu einer Kritik desjenigen Staates, dessen Polizeiknüppel sie zuvor auf den eigenen Köpfen gespürt hatten. Agnoli nahm an zahlreichen Debatten der Neuen Linken teil und versuchte den Charakter des antiautoritären Protests (sowie seine Beschränkung) auf den Begriff zu bringen. Wir sprachen mit Felix Klopotek über diesen Staatskritiker mit Lehrstuhl.

Johannes Agnoli wurde 1925 in Italien geboren – das heißt er hat den Faschismus als junger Mann miterlebt. Aber nicht nur das: über die SS meldete er sich bei der Wehrmacht, um an der Seite der Deutschen kämpfen zu können. Wir fragten Felix Klopotek wie Agnoli von einem jungen Faschisten zu einem Theoretiker der Neuen Linken wurde. (via)

    Download: via FRN (mp3; 47 MB; 29:12 min)

5.) Peter Brückner – Ein großer Bruder der ApO

Ein Kollege von Agnoli war Peter Brückner – er hatte etwa einen Essay zu Agnolis „Transformation der Demokratie“ beigesteuert. Während bei Johannes Agnoli der Faschismus Italiens den Erfahrungshintergrund prägte, war es bei Peter Brückner der deutsche Nationalsozialismus – diese Erfahrung hat das ganze Denken Brückners beeinflusst. Brückner begleitete die Debatten der radikalen Linken bis zu seinem Tod und hat dafür als Proffessor immer wieder Stress gekriegt. Christoph Jünke spricht im Interview über Brückners Verhältnis zum SDS und zur antiautoritären Protestbewegung, seine Suspendierungen und seine Reflexionen über den bewaffneten Kampf. Siehe auch: Ein Interview mit Simon Brückner, dem Sohn Peter Brückners, der einen Dokumentarfilm über seinen Vater gedreht hat – und: die Aufnahmen einer Theorie-Praxis-Lokal-Seminarreihe über Brückner.

Der kritische Sozialpsychologe und Hochschullehrer Peter Brückner war ein stetiger Begleiter und Diskussionspartner der radikalen Linken in der Nachkriegs-BRD. Er hatte Kontakt zum SDS, gehört zu den Gründern des Club Voltair in Hannover und sprach sich für das Sozialistische Patientenkollektiv Heidelberg aus. In seinen Texten versuchte er, der Protestbewegung zu einem kritischen Bewusstsein zu verhelfen und kritisierte ihre Beschränkungen. Immer wieder äußerte sich Brückner auch zum bewaffneten Kampf – was ihm eine mehrmalige Suspendierung einbrachte. Wir sprachen mit dem Historiker Christoph Jünke über diesen älteren Bruder der ApO.

Peter Brückner wurde im Jahr 1922 in Dresden geboren – den Nationalsozialismus erlebte er als Jugendlicher. Eine autobiographische Skizze über diese Zeit überschrieb er mit dem Titel „Das Abseits als sicherer Ort“. Wir fragten Jünke zunächst, wie Peter Brückner den Nationalsozialismus überlebte. (via)

    Download: via FRN (mp3; 36 MB; 22:37 min)

6.) Hans-Jürgen Krahl – Ein Theoretiker der Neuen Linken

Rudi Dutschke war nicht nur ein charismatischer Sprecher der anti-autoritären Fraktion innerhalb des SDS – (als Schüler Ernst Blochs) war er auch ein wichtiger Theoretiker der ApO. Christoph Jünke hat dies in einem Text über Dutschke herausgestellt. Während Rudi Dutschke heute nach wie vor als Ikone der 68er gilt, ist Hans-Jürgen Krahl heute nahezu unbekannt – und das, obwohl Krahl innerhalb des SDS mindestens genauso wichtig war wie Dutschke. Als Schüler Adornos hat die kritische Theorie die Perspektive von Krahls Denken maßgeblich bestimmt – und doch hat Krahl eine Kritik an Adornos Positionen erarbeitet. Im Interview rekonstruiert Carsten Prien (u.a. Krahl-Briefe) die politische Sozialisation Krahls und spricht über seine Rolle innerhalb des SDS, Aspekte seiner kritischen Theorie (als einer Theorie der Klassengesellschaft), sein Verhältnis zu Adorno und die Aktualität von Krahls Denken. Siehe auch: Aufnahmen einer TPL-Veranstaltungsreihe über Krahl – und: Krahls „Angaben zur Person“ (verfilmt von der Gruppe Slatan Dudow).

Für den SDS war er ebenso relevant wie Rudi Dutschke, ist aber heute viel weniger bekannt: Hans-Jürgen Krahl. Als Adorno-Schüler versuchte er das theoretische Bewusstsein der außerparlamentarischen Opposition voranzutreiben – seine hinterlassenen Texte zeugen von analytischer Schärfe und Weitsicht. Wir sprachen mit Carsten Prien über diesen Theoretiker der Neuen Linken.

Carsten Prien ist Mitarbeiter des Projekts „Krahl-Briefe“. Wir fragten ihn zunächst nach der Geschichte dieses Projekts. (via)

    Download: via FRN (mp3; 32 MB; 20:05 min)

Im vierten Teil der 68er-Beitragsserie wird es um die Ausläufer und Nachfolger von 1968 gehen.

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Talkin‘ bout a Revolution?! #2

1968 als multipolares Weltereignis

1868 war ein multipolares, mehrdimensionales Weltereignis. Nicht nur, dass die von 68 ausgehende Bewegung in ihrem Selbstverständnis internationalistisch war – weltweit brachen in den Fabriken und Universitäten ähnliche Konflikte auf, in der sogenannten 3. Welt formierten sich anti-koloniale Befreiungsbewegungen. Es verallgemeinerte sich die Jugend als eigenständiger Lebensabschnitt, der mit einem spezifischen Warenangebot versehen und mit diversen Konflikten verbunden ist. Es formieren sich überall Gruppen, die sich dissident zum damals vorherrschenden Modell kommunistischer Parteien verhielten und eine Revision des Marxismus vornahmen (später bezeichnet als „Neue Linke“). All dies ist verbunden mit einer wechselseitigen Bezugnahme und gegenseitigen Beeinflussung. (Siehe auch diesen Text.) Im zweiten Teil unser 68er-Reihe (Teil 1 hier) beleuchten wir die internationale Dimension von 1968.

1.) Die Situationisten und der Pariser Mai 1968

Die Situationistische Internationale gehört zu den oben genannten dissidenten Gruppierungen, die bereits ab Mitte der 50er Jahre zu wirken begannen und später zu wichtigen Stichwortgebern der 68er-Revolte geworden sind – wobei es den Situationisten selbst darum ging, der radikalste und theoretisch versierteste Ausdruck der revolutionären Bewegung zu sein. Im Gespräch rekonstruieren Kazimir und Negator (BBZN) die Rolle der Situationisten im Pariser Mai 68 und gehen dabei auf die historische Situation im Frankreich der 60er Jahre ein. (Siehe auch die Buchbesprechung zu „Paris Mai 68 – Die Phantasie an die Macht“. Siehe auch „Midnight Notes: Zwei Sendungen über 1968“.)

In der Nachkriegszeit bildeten sich überall neue, linksradikale Gruppen heraus, die nach Organisierungsmodellen jenseits der kommunistischen/sozialistischen Parteien und der traditionellen Gewerkschaften suchten. Zu ihnen gehörte auch die „Situationistische Internationale“ (1957 – 1972). Die Situationisten waren auch während der Maitage 1968 in Frankreich aktiv. Wir sprachen mit Negator und Kazimir über die Situationisten und den französischen Mai ’68. [via]

    Download: via FRN (mp3; 76 MB; 55:13 min)

2.) Italien: Ein Kampfzyklus 1960-1980

Eine weitere dissidente neo-marxistische Strömung ist später mit dem Stichwort „Operaismus“ bezeichnet worden und ist eng mit den Klassenkämpfen in Italien verbunden. Das besondere an der italienischen Situation besteht darin, dass hier radikale Studentenbewegung und militante Fabrikkämpfe eine Verbindung eingegangen sind und sich die Kämpfe über beinahe zwei Jahrzehnte hinweg zogen – bis hin zu bürgerkriegsartigen Auseinandersetzungen in den 70er Jahren. Über diesen Kampfzyklus und den Operaismus war Christian Frings im Gespräch. (Über Italien siehe auch ein Gespräch mit Thomas Bremer.)

Die Ereignisse, die üblicherweise mit der Chiffre „1968″ bezeichnet werden, zogen sich in Italien über beinahe drei Jahrzehnte hin. Die Auseinandersetzungen waren in Italien besonders intensiv. Wir sprachen mit Christian Frings über die italienische Gesellschaft der Nachkriegszeit, die Ereignisse von 1960 und 1962, die Operaisten, den heißen Herbst 1969, die 77er-Bewegung und die Strategie der Spannung. Am Ende schlagen wir den Bogen zur Gegenwart.

Zunächst fragten wir nach der Nachkriegszeit in Italien. Italien hatte eine faschistische Vergangenheit, hier hatte es jedoch eine starke Resistenza-Bewegung gegeben. Inwiefern hat dies die Nachkriegszeit bestimmt? [via]

    Download: via FRN (mp3; 61 MB; 38:01 min)

3.) 1968 international – ein grenzenloser Aufbruch

Unter dem Titel „1968 international – ein grenzenloser Aufbruch“ hat die Zeitschrift iz3w im Januar/Februar 2018 eine Schwerpunktausgabe veröffentlicht. Die Ausgabe hat sich nicht nur mit 1968 im globalen Süden auseinandergesetzt, sondern auch mit der Geschichte der Zeitschrift selbst – denn 50 Jahre 1968 und 50 Jahre iz3w fielen zusammen (in diesem Zusammenhang hat iz3w auch einiges Audiomarterial veröffentlicht: hier). Im Gespräch mit dem iz3w-Redakteur Christian Stock gibt es einen kusorischen Überblick über 1968 im globalen Süden.

Im Rahmen unserer Sendereihe über 1968 wollen wir den Rahmen des nationalen Geschichtsbewusstseins verlassen und 1968 als ein globales Geschehen in den Blick nehmen. Dazu passend hat die Zeitschrift „iz3w“ im Januar/Februar ein Themenheft veröffentlicht. Wir sprachen mit dem Redakteur Christian Stock über diese Ausgabe und 1968 im globalen Süden. Zunächst baten wir ihn, das iz3w vorzustellen. [via]

    Download: via FRN (mp3; 21 MB; 13:17 min)

4.) 1968 in Afrika

In der im April/Mai 2018 folgenden Ausgabe von iz3w hat Bernhard Schmid einen Artikel mit dem Titel „1968: Révolution Afrique“ geschrieben. Im Gespräch mit Radio Dreyeckland skizziert er Ereignisse um das Jahr 1968 herum in Afrika.

Das magische Revoltenjahr gab es nicht nur in Europa und den USA auch in Mexiko und im frankophonen Afrika war es ein Jahr der Revolte und mehr als ein Anhängsel von Paris oder Westberlin. Der Frankreichskorrespondent von Radio Dreyeckland, Bernard Schmid vertritt sogar die These, dass es den Mai 68 in Paris ohne den Kontakt der französischen Linken jenseits der KP so garnicht gegeben hätte. Das Interview könnt Ihr hier nachhören oder den Artikel im neuen Heft der iz3w nachlesen. [via]

    Download: via RDL (mp3; 8.1 MB; 8;59 min)

5.) Das Massaker von Tlatelolco

Im oben dokumentierten Gespräch mit Christian Stock (iz3w) wird die harte Repression des mexikanischen Staates gegen die Studentenbewegung von 1968 erwähnt. Zentral war dabei das Massaker von Tlaltelolco – ein Massenmord an 200 bis 300 friedlich demonstrierenden Studenten im Stadtteil Tlatelolco von Mexiko-Stadt. Über diesen Massenmord und seine (ungenügende) Aufarbeitung sprach Radio Dreyeckland mit dem Historiker Julián. (Siehe ein weiteres Gespräch mit Julián über Proteste und Gewalt vor dem 02.10.1968.)

Historiker Julián erzählt uns von einem menschenverachtenden Kapitel der mexikanischen Geschichte, als am 2. Oktober 1968 der Staat der Studierendenbewegung gewaltsam ein Ende setzte. Das „Bataillon Olympia“, war eigentlich für die Sicherheit der olympischen Spiele verantwortlich und verursachte heute vor 50 Jahren ein Blutbad.

Während des ganzen sogenannten „Schmutzigen Krieges“ in Mexiko verschwanden etwa 1.200 Personen; man spricht von Folter und politischen Gefangenen, sogar von einer Geheimpolizei. [via]

    Download: via RDL (mp3; 15 MB; 9:34 min)

6.) 1968 in der DDR, der Tschechoslowakei und Polen

Auch im Ostblock war 1968 ein Jahr der Bewegungen und Proteste – und die Entstehung der „Neuen Linken“ im Westen ist auch von zentralen Verschiebungen im Ostblock beeinflusst (die Geheimrede Chruschtschows auf dem XX. Parteitag der KPdSU, der Aufstand in Ungarn 1956, der Prager Frühling 1968). In der DDR lässt sich kaum von einer 68er-Bewegung sprechen – und doch war es auch hier ein Jahr der Proteste und Konflikte. Das ist die These von Bernd Gehrke (AK Geschichte Sozialer Bewegungen Ost West), der im Gespräch einen Überblick über Bewegungen und Ereignisse um 1968 herum in der DDR, der Tschechoslowakei und Polen gibt. (Siehe auch Bernd Gehrke über das „proletarische 1968″ hier.)

Auch wenn in der DDR 1968 keine vergleichbare Revolte stattfand wie in der BRD, war es doch auch hier ein Jahr außerordentlicher Proteste. Dabei ging es sowohl um subkulturelle Bewegungen als auch um Auseinandersetzungen um Öffentlichkeit in den Betrieben.

In der Tschechoslowakei und in Polen fanden unterdessen Ereignisse statt, die für 1968 zentral waren: In der CSSR leuteten Gewerkschaften und kritische Intelligenz den Prager Frühling ein, der schließlich niedergeschlagen wurde. Auch in Polen gab es eine Studentenbewegung, die für eine Demokratisierung des Sozialismus eintrat – sie wurde niedergeschlagen und die Partei leitete eine antisemitische Kampagne ein.

Hinter all dem steht ein längerer Entwicklungsprozess, für den das Jahr 1956 zentral ist: Anfang dieses Jahres sprach Chruschtschow auf dem XX. Parteitag der KPdSU über die Verbrechen Stalins – am Ende des Jahres wurde die Räte-Bewegung in Ungarn niedergeschlagen. Die Räte sind immer wieder Bezugspunkt in den nachfolgenden Ereignissen.

Über diese Ereignisse sprach Radio Corax mit Bernd Gehrke. Wir fragten ihn zunächst nach der Quellenlage und danach, woran es liegt, dass „1968 in der DDR“ in der heutigen Öffentlichkeit kaum präsent ist. [via]

    Download: via FRN (mp3; 76 MB; 55:08 MB)

7.) 1968 in Japan

Auch in Japan gab es 1968 eine starke Studentenbewegung, die dort besonders radikal und militant auftrat. Die in Japan geführten Kämpfe, in deren Zusammenhang die Zengakuren zentral waren, wurden weltweit zu einem Vorbild und diese suchten ihrerseits Kontakte zu Gruppierungen der Neuen Linken in anderen Ländern. Die Entwicklung der Bewegung, ihre Militarisierung und Sektenbildung, hat für die Japanische Linke bis heute traumatisierende Folgen. William Andrews hat eine Forschungsarbeit unter dem Titel „Japanese Radicalism and Counterculture, from 1945 to Fukushima“ veröffentlicht. Ein erweiterter Auszug aus diesem Buch über die Japanische Rote Armee ist in deutscher Übersetzung bei Bahoe Books erschienen. Andrews sprach mit Corax über 1968 in Japan. Das Interview wurde in englischer Sprache geführt.

Die Stärke der japanischen Linken strahlte in den 1960er Jahren in die ganze Welt. Die Studierendengewerkschaft Zengakuren machte aus den japanischen Universitäten verbarrikadierte Stützpunkte und Ausbildungszentren des Klassenkrieges. Auf riesigen Demonstrationen kämpften tausende behelmte und mit Stöcken bewaffnete Studenten gegen die Polizei. Auf internationalen Konferenzen mit Gruppen wie den Students for a Democratic Society, dem Weather Underground, den Black Panthers oder dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund, wurde versucht durch intensive Vernetzung eine weltweite simultane Revolution denkbar zu machen. Hierzulande ist über 1968 in Japan jedoch relativ wenig bekannt.

William Andrews lebt in Tokyo und forscht zur Geschichte der sozialen Bewegungen in Japan. Wir sprachen mit ihm per Skype und fragten ihn zunächst, wie sein Interesse an der japanischen Geschichte zustandekam und nach den Gründen, letztlich nach Japan zu ziehen. [via]

    Download: via FRN (mp3; 61 MB; 37:49 min)

8.) DRUM Beats Detroit – Schwarze Fabrikrevolten 1968

1968 war Detroit ein Zentrum der Fabrikrevolten, die eng mit antirassistischen Kämpfen verbunden waren. Die Heftigkeit und Militanz der Bewegung in Detroit ist historisch verbunden mit der Rolle der Stadt im 2. Weltkrieg, den ökonomischen Verschiebungen nach 1945 und der rassistischen Segregation. Auch in Detroit enstanden Gruppierungen der Neuen Linken, die marxistische Analyse und eine Thematisierung der spezifischen Situation schwarzer FabrikarbeiterInnen miteinander verbanden. Christian Frings, Felix Klopotek, Malte Meyer und Peter Scheiffele haben einen Text darüber geschrieben. Auf Basis dieses Textes und eines Interviews mit Felix Klopotek ist im Rahmen der Sendereihe Wutpilger-Streifzüge ein einstündiges Feature entstanden. (Siehe auch ein Interview in der Jungle World.)

    Download: via archive.org (mp3; 137.3 MB; 1 h)

Im nächsten Teil der Beitragsserie widmen wir uns den Theoretikern der „Neuen Linken“.

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Talkin‘ bout a Revolution?! #1

Wir dokumentieren im Folgenden in einer mehrteiligen Beitragsserie eine Sendereihe, die im letzten Jahr auf Radio Corax zu hören war: Talkin‘ bout a revolution?! Sendereihe über 1968 und die Folgen. Nach Abschluss der Beitragsserie dokumentieren wir auch eine gleichnamige Vortragsreihe und thematisch verwandte Vorträge. Die SendungsmacherInnen haben ihre eigenen Intentionen zur Sendereihe folgendermaßen beschrieben:

Wenn 2018 – 50 Jahre danach – über 1968 gesprochen wird, fixiert sich die deutsche Öffentlichkeit tendenziell auf wenige Aspekte eines komplexen historischen Prozesses: 1968 erscheint als ein Generationskonflikt deutscher Studenten, der seinen Höhepunkt und Niedergang in diesem einzigen Jahr erfuhr. Wenn wir uns in einer Corax-Sendereihe diesem Thema zuwenden, wollen wir den so gesteckten Rahmen etwas erweitern: 1968 war ein Weltereignis, das mit Entwicklungen zusammenhängt, die viel eher als „long sixties“ bestimmt werden können. Es ist Kulminationspunkt einer Reihe von Konflikten und Kämpfen, in denen weltweit die Fabriken mindestens eine genauso große Rolle spielten wie die Universitäten.

Was waren die gesellschaftlichen Bedingungen, die damals die Revolution als eine Möglichkeit erscheinen ließen? Welche Aspekte waren lediglich Teil einer Modernisierung des Kapitalismus, welche Aspekte gingen darüber hinaus? U.a. diesen Fragen wollen wir uns in unserer Sendereihe widmen. Außerdem wollen wir mit Menschen ins Gespräch kommen, die das damalige Geschehen miterlebt haben und deren Sicht kaum in den üblichen Erzählungen des Jubiläums-Spektakels vorkommt.

Diese Intention wurde in der ersten Sendereihe in einem kleinen gebauten Beitrag konkretisiert, in dem Wolfgang Seidel, Lutz Taufer und Karl-Heinz Dellwo Bilder zerstören und Narrative korrigieren (die Links in den Namen führen zum jeweils zugrundeliegenden Interview):

    Download: via FRN (mp3; 25 MB; 15:48 min)

Insgesamt zur Einführung in den Themenkomplex 1968 eignet sich ein Interview mit dem Historiker Norbert Frei, der bei dtv ein Buch mit dem Titel 1968 – Jugendrevolte und globaler Protest veröffentlicht hat. Im Gespräch geht Frei auf die epochalen Änderungen jener Zeit ein, gibt einen Überblick über zentrale Ereignisse und blickt dabei in verschiedene Länder. Er antwortet zunächst auf die Frage nach dem historischen Forschungsstand zu 1968 – im Vorwort zu einer früheren Auflage hatte er geschrieben: „Die Geschichte von 1968 ist – zumindest in Deutschland – überkommentiert und unterforscht“.

    Download: via FRN (mp3; 32 MB; 20:16 min)

Erinnerungen an 1968

Den ersten Teil unserer Beitragsserie beginnen wir mit einer Reihe von ausführlicheren Gesprächen über 1968 mit ProtagonistInnen, die sich auf verschiedene Weise an der damaligen Bewegung beteiligt haben. Auch wenn dabei persönliche Erinnerungen eine Rolle spielen, geht es in diesen Gesprächen um mehr, als nur Anekdoten zu erzählen. In den Interviews wird analysiert und auch selbstkritisch zurückgeschaut.

1.) Denken lernen mit Ilse Bindseil

Ilse Bindseil ist mit mehreren Publikationen bei ça ira, Beiträgen bei Ästhetik und Kommunikation und Artikeln in der Konkret bekannt geworden. Für sie ist das Jahr 1968 vor allem Teil einer intellektuellen Geschichte. Im Interview spricht sie über Auseinandersetzungen mit den Eltern, die Politisierung der Praxis, radikale Umbrüche und die Entdeckung der Theorie. Sie antwortet zunächst auf die Frage, wie sie heute über 1968 nachdenkt.

    Download: via FRN (mp3; 26 MB; 18:56 min)

2.) Keine Ruhe nach dem Sturm findet Ulrike Heider

Keine Ruhe nach dem Sturm“ ist der Titel eines Buches, das Ulrike Heider bei Bertz+Fischer veröffentlicht hat. Ulrike Heider hat zahlreiche Bücher, Textbeiträge und Radioproduktionen über Sexualität, Frauenbewegung und Anarchismus veröffentlicht. In ihrem Buch über 1968 beschreibt sie Höhepunkte, Kriminalisierung und Zerfallserscheinungen der antiautoritären Protestbewegung. Dabei erfährt man Einiges über die Frankfurter Sponti-Szene, in der sich Ulrike Heider selbst bewegt hat. Eine Besprechung des Buches (im Grunde eine komprimierte Version des unten dokumentierten Interviews) findet sich hier. Im Interview geht es u.a. um sexuelle Emanzipation und den Frankfurter SDS. Zunächst geht sie auf die Atmosphäre in der BRD der 50er/60er Jahre ein.

    Download: via FRN (mp3; 55 MB; 40:12 min)

3.) Mein 68 erzählt Hannes Heer

Der Historiker Hannes Heer ist bekannt geworden als wissenschaftlicher Gestalter der Wehrmachtsausstellung, die ab Mitte der 90er Jahre die Kriegsverbrechen der Wehrmacht dokumentiert und zahlreiche Kontroversen ausgelöst hat. Die Beteiligung Hannes Heers an der 68er-Bewegung führte zum Bruch mit seinem Vater, der früher NSDAP-Mitglied und nach 1945 CDU-Wähler gewesen war. Über das Verhältnis zu seinem Vater hat Hannes Heer einen Film gemacht: Mein 68 – Ein verspäteter Brief an meinen Vater (WDR, 1988, 45 Minuten). Damit sind Stichworte benannt, die auch für 1968 eine wichtige Rolle gespielt haben: Die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit und personeller wie kultureller Kontinuitäten des NS in der Nachkriegs-BRD. Darum drehte es sich auch im Interview mit Radio Corax, in dem es auch um die Hintergründe in Bonn geht.

    Download: via FRN (mp3; 59 MB; 42:55 min)

Im nächsten Beitrag zur 68er-Beitragsserie wird es um die internationale Dimension von 1968 gehen. Siehe auch: Der 2. Juni 1967 und die Folgen.

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Midnight Notes: Zwei Sendungen über 1968

Anlässlich der 30. Jährung des Pariser Mai 1968 hat das politische Magazin „Midnight Notes“ beim FSK im Jahr 1998 eine zweiteilige Sendung produziert. Die Sendungen geben nicht nur einen Einblick in die Mai-Ereignisse in Frankreich, sondern gleichzeitig einen guten Eindruck einer gewissen Ästhetik in der Szene der Freien Radios in den 90er Jahren…

1.) Die erste Sendung konzentriert sich vor allem auf eine Schilderung des Pariser Mai 1968: Der Aufstand der Studenten, die Dynamik des danach folgenden Generalstreiks und das Ende der traditionellen Linken. Material sind dabei vor allem die Schilderungen des libertären Trotzkisten Maurice Brinton, der im Mai 1968 in Paris zugegen war. Zu Wort kommen auch Lutz Schulenburg und Hanna Mittelstädt (Edition Nautilus).

    Download: via AArchiv (mp3; 84.2 MB; 1 h)

2.) In der zweiten Sendung geht es vor allem um dissident-marxistische Gruppen, die um 1968 herum Stichworte für ein autonomes Agieren jenseits der traditionellen Linken gaben: Socialisme ou barbarie, die Operaisten und die Situationistische Internationale. Der Fokus liegt dann vor allem auf der Theorie und Praxis der Situationisten.

    Download: via AArchiv (mp3; 83 MB; 1 h)
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»Vorwärts und nicht vergessen!«

Sendereihe zur Geschichte der Oktoberrevolution

Vor einem halben Jahr sprachen alle über die Reformation und die Oktoberrevolution. Das Jubiläumsgedächtnis ist kurz – inzwischen wird mit 1968 die nächste Sau durchs mediale Dorf gejagt. Wir halten an dieser Stelle noch einmal inne und dokumentieren untenstehend eine Sendereihe, die Radio Corax im letzten Jahr gesendet hat. Die Sendereihe begleitete eine Veranstaltungsreihe über „100 Jahre Oktoberrevolution“, die von verschiedenen linksradikalen Gruppen in Leipzig organisiert wurde.

Im Rahmen von acht Sendungen wurden 24 Interviews zum Thema geführt. Im Folgenden dokumentieren wir sowohl die einzelnen Interviews, als auch die ganzen Radiosendungen. Das Hören der ganzen Sendungen lohnt sich insofern, als dass die SendungsmacherInnen die Beiträge und Interviews jeweils selbst noch einmal kommentieren und diskutieren – und natürlich sind die Sendungen mit thematisch passenden Musikstücken versehen. Auf die Mitschnitte der Vorträge der Veranstaltungsreihe – insofern vorhanden – verweisen wir in den jeweiligen Beschreibungen.

Sendung 1

Einführung in die Geschichte der Oktoberrevolution

Der Historiker Christoph Jünke gibt im Gespräch einen einführenden Überblick über Ursachen, Akteure, Verlauf und Entwicklung der Oktoberrevolution. Eine wichtige Fragestellung ist dabei, wie und mit welcher Notwendigkeit sich der Stalinismus durchgesetzt hat. Zu Beginn des Interviews kommt Bini Adamczak zu Wort. Im Jahr 2016 hat Radio Corax mit Christoph Jünke ein Interview über den „Großen Terror“ des Stalinismus geführt, das hier nachgehört werden kann. Jünke ist Herausgeber der Anthologie „Marxistische Stalinismuskritik im 20. Jahrhundert“ im Neuen ISP-Verlag.

    Download (via FRN; 49 MB; 36 min)

Revolution und Erlösung – Zur Ideengeschichte des Kommunismus

Um entgegen des materialistischen Selbstverständnis‘ des Kommunismus eine Ideengeschichte des Kommunismus zu skizzieren, muss Christian Schmidt (Uni Leipzig) ihm einen geheimen religiösen Gehalt unterstellen – dies war das Thema seines Vortrags im Rahmen der Leipziger Veranstaltungsreihe. Radio Corax hat vorab mit ihm über sein Vortragsthema gesprochen – der Mitschnitt des Vortrags findet sich hier (via AArchiv; 1:57:38; 188.5 MB).

    Download (via FRN; 19:23 min; 27 MB)

»Der Neue Mensch«

Rainer Rother und Alexander Schwarz haben bei „Absolut Medien“ eine Doppel-DVD unter dem Titel „Der Neue Mensch. Aufbruch und Alltag im revolutionären Russland“ herausgebracht. Darauf sind sowjetische Spiel-, Dokumentar‑ und Trickfilme aus den Jahren 1924 bis 1932 gesammelt. Roger Behrens, der die DVD in Konkret 10/2017 rezensiert hat, bespricht sie im Interview mit Radio Corax.

    Download (via FRN; 24 MB; 17:20 min)

■ Ganze Sendung

Im Gesamtmitschnitt der Sendung ist zusätzlich zu den oben dokumentierten Interviews auch eine Diskussion der Sendungsmacher über Sinn oder Unsinn von Geschichtspolitik enthalten.

    Download (via AArchiv; 160 MB; ca 2 h)

(mehr…)

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Der 17. Juni 1953

Arbeiteraufstand oder Volksaufstand?

Kürzlich hat sich wieder der Aufstand vom 17. Juni 1953 in der DDR gejährt. Die Geschichte der mit diesem Datum verbundenen Ereignisse ist seit jeher Gegenstand einer Deutungsschlacht: Volksaufstand zur Wiedervereinigung Deutschlands, antikommunistischer Putschversuch, sozialdemokratisch orientierte Streikbewegung oder post-nationalsozialistische Zusammenrottung – so lauten verschiedene Deutungen. Als Teil der Geschichte des Staatssozialismus und der Geschichte von Klassenkämpfen ist dieses Datum aber auch Teil der linken Geschichte – und so lohnt es sich, jenseits der verschiedenen Eingemeindungen, sich der widersprüchlichen Wahrheit dieses Ereignisses zu nähern. In diesem Sinne dokumentieren wir hier einige Audiobeiträge zur Geschichte des 17. Juni 1953.

Anmerkung zum Verständnis: In den meisten Beiträgen ist vom RIAS die Rede – gemeint ist damit der „Rundfunk im Amerikanischen Sektor“.

1.) Legende und Wirklichkeit eines Volksaufstandes

Wir beginnen zunächst mit einem Beitrag aus dem Öffentlich-Rechtlichen – schon der Titel des Features zeigt den eher bürgerlichen Charakter des Beitrags an. Zu Wort kommt u.a. der Historiker Ilko Sascha-Kowalczuk. Interessant ist das Feature vor allem aufgrund der zahlreichen O-Töne.

    Download: via BR2 | via MF (mp3; 21 MB; 22:56 min)

2.) Zur Geschichte des 17. Juni 1953

Ein kurzer, etwas älterer Beitrag von Radio Corax gleicht einige Leerstellen des obigen Features aus: So wird hier auf die Multipolarität des Aufstands hingewiesen, dessen Ausrichtung von Ort zu Ort höchst unterschiedlich gewesen ist. Das kurze Feature sammelt auch Stimmen aus der Halle’schen Bevölkerung zum 17. Juni. Zuletzt wird der 17. Juni eingeordnet in die damals wachsende Spannung zwischen den beiden Blöcken. Wer genau hier spricht konnten wir nicht ermitteln. Wer sich für die lokalen Ereignisse des 17. Juni in Halle interessiert, dem sei dieses Interview über den Waggonbau Ammendorf empfohlen.

    Download: via AArchiv (mp3; 11 MB; 6:54 min)

3.) Arbeiteraufstand oder Volksaufstand?

Im Interview mit Radio Corax arbeitet Bernd Gehrke heraus, dass der 17. Juni 1953 vor allem ein Arbeiteraufstand gewesen ist. Er begreift diesen Aufstand vor allem als eine Selbstermächtigung von unten. Im Interview werden die Ursachen und der Charakter des Aufstands recht ausführlich besprochen. Bernd Gehrke gehörte in der Endphase der DDR zur Vereinigten Linken – heute ist er u.a. aktiv im AK Geschichte Sozialer Bewegungen Ost West.

    Download: via AArchiv | via FRN (mp3; 60.7 MB; 53:06 min)

4.) 17. Juni 1953 – Deutungen im Widerstreit

Abschließend folgt ein Vortrag, den Jürgen Hofmann (Mitglied im Historischen Beirat der Partei Die Linke) im Juni 2013 in Dresden gehalten hat. Er gibt zunächst einen Überblick über nützliche Quellen und schildert dann anekdotisch die Verläufe des Aufstands, wobei er jeweils den Fokus auf die Besonderheiten verschiedener Städte legt. Im Publikum sitzen einige Zeitzeugen, die dann in der Diskussion einige Eindrücke zusammentragen.

    Download: via AArchiv | via FRN (mp3; 56.3 MB; 1:58:59 h)

Labournet stellt eine ausführliche Textsammlung zum 17. Juni 1953 zur Verfügung – darunter auch ein zweiteiliger Text von Bernd Gehrke. Der positiven Deutung Gehrkes setzt Philipp Graf (Roter Salon / Simon-Dubnow-Institut) einige Ausführungen entgegen, die den Aufstand nicht ungebrochen als emanzipatorischen Vorgang deutbar machen.

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Der 2. Juni 1967 und die Folgen

Vor wenigen Tagen jährte sich der Todestag von Benno Ohnesorg zum 50. mal. In den Erzählungen über die Ursachen jener Bewegung, die später mit der Chiffre 1968 bezeichnet wurde, spielt der 2. Juni 1967 eine zentrale Rolle. Am 2. Juni 2017 wurde viel über dieses Datum gesprochen – wir dokumentieren hier einige Beiträge, die unseres Erachtens über eine unpolitische Jahrestagserinnerung hinausgehen.

1.) Benno Ohnesorg – Chronik einer Hinrichtung

Kürzlich hat Margot Overath (die u.a. ein sehr hörenswertes Feature über den Mord an Oury Jalloh produziert hat) ein Feature über die Ermordung von Benno Ohnesorg veröffentlicht. Dafür sprach sie mit Zeitzeugen und am Einsatz beteiligten Polizeibeamten über die Tat, den Tag und die Folgen bis heute. Ergänzend dazu siehe dieses Interview mit Uwe Soukup, der ebenfalls im Feature von Overath zu Wort kommt.

    Download: via SWR2 | via MF (mp3; 74.8; 54:30 min)

2.) Die studentische Linke, der Tod Benno Ohnesorgs und der 6-Tage-Krieg Israels

Ein Feature von Peter Leusch rekonstruiert die Ereignisse jener Jahre unter einem anderen Blickwinkel: Die Ermordung Benno Ohnesorgs geschah kurz vor dem 6-Tagekrieg, in dessen Folge sich die Beziehung der westdeutschen Linken zu Israel grundlegend veränderte. Leusch rekonstruiert diese Diskursverschiebung und geht dabei u.a. auf den Faschismusbegriff der Neuen Linken und ihr Verhältnis zur kritischen Theorie ein.

    Download: via ARD | via MF (mp3; 13.6 MB; 14:54 min)

3.) Das proletatrische 1968

Im Tagesaktuellen Programm von Radio Corax war der 2. Juni ein Anlass, um über 1968 zu sprechen. Ein oft ausgeblendeter Umstand ist, dass 1968 auch mit erheblichen ökonomischen Verschiebungen und mit Klassenauseinandersetzungen verbunden war. Bernd Gehrke und Gerd-Rainer Horn haben hierzu ein Buch mit dem Titel „1968 und die Arbeiter : Studien zum ‚proletarischen Mai‘ in Europa“ veröffentlicht. Radio Corax sprach mit Bernd Gehrke über dieses Buch. (Zum Thema außerdem interessant und materialreich: „Das proletarische 1968″ von Nelke.)

    Download: via FRN (mp3; 32 MB; 27:42 min)

4.) Rekonstruktion einer Niederlage

Der 2. Juni 1967 und der bewaffnete Kampf sind unweigerlich miteinander verbunden – die Bewegung 2. Juni hat das Ereignis zu ihrem Namen gemacht. Der 2. Juni 1967 war eines von mehreren Ereignissen, das zu einer Entwicklung führte, in der die bewaffnete Auseinandersetzung zwischen dem Staat und linken Gruppen unausweichlich schien. Darüber sprach Radio Corax mit Karl-Heinz Dellwo. Der ist ehemaliges Mitglied der RAF und heute Mitbetreiber des Laika-Verlags. (Das Gespräch enthält in der ersten Hälfte zahlreiche Störgeräusche – das ändert sich ab der zweiten Hälfte.)

    Download: via FRN (mp3; 40 MB; 35:04 min)

5.) Anmerkungen zum Jahr 1968

In den Nachrichten aus dem beschädigten Leben vom 25. Januar 2016 kam Jan Gerber über 1968 zu Wort. Er rekonstruiert 1968 als Teil einer Modernisierungsbewegung des Kapitalismus – die 1968er haben dem Kapital zu einer Neuausrichtung verholfen:

    Download: via FRN (mp3; 13 MB; 7:50 min)

Dieser Kommentar wurde wiederum kritisch von einem Moderatoren von Radio Corax kommentiert:

    Download: via FRN (mp3; 0.7 MB; 4:16 min)

Auf dem Blog der interventionistischen Linken wurde übrigens ein lesenswertes Interview mit einem ehemaligen Mitglied der Bewegung 2. Juni veröffentlicht – die Interventionistische Linke ruft angesichts einiger Jahrestage zu einer Debatte über Geschichtspolitik auf. Zum Thema sei außerdem empfohlen: Johannes Agnoli – 1968 und die Folgen (da dieses Buch über den ça ira Verlag leider nicht mehr lieferbar ist, muss man im Internet findig sein).

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Where is an alternative?

Im November des letzten Jahres hat die Leipziger Gruppe The Future is unwritten (assoziiert im Ums-Ganze-Bündnis) eine Veranstaltungsreihe unter dem Titel „Where is an Alternative“ durchgeführt. Es ging dabei darum, Modelle einer bedürfnisorientierten Produktionsweise zur Diskussion zu stellen. Wir dokumentieren im Folgenden die Mitschnitte der Vortragsreihe. Zusätzlich stellen wir die Interviews zur Verfügung, mit denen Radio Corax die Veranstaltungsreihe begleitet hat.

1.) Einführung in die Veranstaltungsreihe & Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung

Im Vorfeld der Veranstaltungsreihe hat Radio Corax ein Interview mit einem Genossen von The Future is unwritten geführt. Einerseits ging es um die Veranstaltungsreihe insgesamt, andererseits wurde schon recht ausführlich auf den ersten Vortrag der Reihe eingegangen.

    Download: via FRN (mp3; 26 min; 36 MB)

Im Eröffnungsvortrag haben zwei Mitglieder der Gruppe dann zunächst einige grundlegende Gedanken referiert, was für sie im Wesentlichen eine gelungene Kapitalismuskritik ausmachen muss. Dabei begründen sie auch, warum es für sie notwendig ist, sich schon jetzt Gedanken über Alternativen zum Bestehenden zu machen. Anschließend gehen sie zum eigentlichen Thema des Abends über: Das Buch „Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung“ der Gruppe Internationaler Kommunisten Hollands (GIKH – siehe auch hier) von 1930. Dabei geht es einerseits um deren Kritik des Staatssozialismus und andererseits um ihre Vorstellung, wie Produktion und Verteilung durch eine Arbeitszeitrechnung aufeinander bezogen werden können. In der Diskussion folgen viele skeptische Nachfragen.

Grundprinzipien Kommunistischer Produktion und Verteilung – Gruppe Internationale Kommunisten Hollands

Die raetekommunistische Tradition mit ihren Anfaengen bei Rosa Luxemburg bis zu den Hollaendischen Raetekommunisten kann aus heutiger Sicht als einer der progressivsten linken Stroemungen aufgefasst werden. Vom Widerstand gegen den ersten Weltkrieg bis zur fruehen Kritik des Bolschewismus und des Stalinismus haben sie die trotz der Wirren des politischen Zeitgeschehens richtige politische Entscheidungen getroffen. Hochinteressant fuer die heutige linke Perspektive ist insbesondere, dass die Positionen der Raetekommunist*innen â wie der Name schon verraet sich aus ihren Ideen zur revolutionaeren Umorganisation der gesellschaftlichen Produktion speist, die im Gegensatz zu entsprechenden Ideen ihrer Zeitgenoss*innen standen. Solche Ideen scheinen heute vergessen, erschoepft sich heutige linke Politik doch in systemimmanenten Verbesserungen oder der blossen Ablehnung des Kapitalismus.

Um dem entgegenzuwirken, moechten wir in diesem Vortrag die Grundprinzipien Kommunistischer Produktion & Verteilung der Gruppe Internationale Kommunisten Hollands vorstellen, kritisieren und mit euch diskutieren. Mit direktem Bezug auf Marx entwerfen die Hollaendischen Raetekommunisten hier ein Bild einer beduerfnisorientierten Oekonomie, das auf der Vergesellschaftung der Produktionsmittel und der Arbeitszeitrechung beruht. Durch die Bestimmung eines exakten Verhaeltnisses zwischen Produzent und Produkt soll die Autonomie der einzelnen Produzent*innen ueber die Produktion gewahrt werden, ohne dass sich ein repressiver Apparat ueber sie erhebt.

Der AK Kommunismus ist ein Arbeitskreis innerhalb der kommunistischen Gruppe the future is unwritten aus Leipzig. Ziel des AK’s ist die Erarbeitung, Diskussion, Kritik und Verbreitung der Ideen zu einer beduerfnisorientierten Ãkonomie als Teil eines linken Projekts zur progressiven Umwaelzung der Produktionsverhaeltnisse.

    Download: via AArchiv (mp3; 1:41:39 h; 35 MB)

2.) Vom Sozialismus zur Wirtschaftsdemokratie

Den zweiten Vortrag hat der Historiker Ralf Hoffrogge (u.a. Sozialismus und Arbeiterbewegung in Deutschland in der theorie.org-Reihe) gehalten. Im Vorfeld sprach Radio Corax mit ihm über die Forderung nach einer Demokratisierung der Wirtschaft und Aspekte der Arbeiterbewegung:

    Download: via FRN (mp3; 17:55 min; 29 MB)

Der Vortrag war dann im Grunde ein Überblick über bestimmte Strömungen der Arbeiterbewegung in Deutschland: Die Frühsozialisten und präkommunistische Genossenschaften; Schulze-Delitzsch, Ferdinand Lasalle, Augest Bebel, Karl Kautsky, Marx und die frühe Sozialdemokratie; der Kriegssozialismus während des 1. Weltkriegs und die Rätebewegung nach dem Krieg; und das Konzept der Wirtschaftsdemokratie in der Weimarer Republik. Am Ende versucht Hoffrogge die Vorteile und Beschränkungen des Genossenschaftsgedankens einzuholen.

Vom Sozialismus zur Wirtschaftsdemokratie? – Die ArbeiterInnenbewegung und ihre Forderung nach einer Demokratisierung der Produktion

Heute wird die Unterscheidung zwischen Sozialismus und Kapitalismus oft auf den Gegensatz zwischen »Staat« und »Markt« und das Gegensatzpaar »Planung« vs. »Freiheit« reduziert. Im Gegensatz zu dieser landlaeufigen Vorstellung spielte jedoch Demokratie in der Ideengeschichte des Sozialismus eine zentrale Rolle.

Denn seit Beginn der industriellen Revolution kaempfte die Bewegung der Arbeiterinnen und Arbeiter dafuer, die politische Demokratie auszuweiten: gefordert wurde das Frauenwahlrecht und das Ende diskriminierender Regelungen wie dem preussischen Dreiklassenwahlrecht, bei dem Waehlerstimmen nach Steueraufkommen gewichtetet wurden. Darueber hinaus ging es jedoch um die Demokratisierung der Produktion selbst: Bereits im 19ten Jahrhundert entstanden erste Kommunen und Produktivgenossenschaften, sozialistische Gewerkschaften forderten den vollen Arbeitsertrag. Im 20ten Jahrhundert folgten groessere Entwuerfe: Verstaatlichung, Sozialisierung, Raete- oder Wirtschaftsdemokratie. All diese Modelle strebten eine Demokratisierung der Produktion an, unterschieden sich jedoch stark in Reichweite und Taktik. Erdacht, umgesetzt – gescheitert, erreichten sie selten ihr wahres Ziel und veraenderten doch die Welt.

Der Vortrag von Ralf Hoffrogge stellt diese Konzepte am Beispiel der deutschen ArbeiterInnenbewegung vor. Danach ist Zeit fuer Diskussion: ist solidarische und sozialistische Oekonomie eine Utopie von Gestern, oder hat sie ihren Platz in den sozialen Kaempfen von Heute?

Ralf Hoffrogge ist Historiker und Autor der Einfuehrung „Sozialismus und Arbeiterbewegung in Deutschland“ aus der Reihe theorie.org (Stuttgart 2011). Er ist spezialisiert auf Biographien der Arbeiterbewegung, 2008 erschien sein Werk: Richard Mueller der Mann hinter der Novemberrevolution. Seine Dissertation: „Werner Scholem – eine politische Biographie (1895-1940)“ erschien 2014.

    Download: via AArchiv (mp3; 52:49 min; 18 MB)

3.) Commonismus – selbstorganisiert und bedürfnisorientiert produzieren

Innerhalb der Vortragsreihe wurde auch das Prinzip des Commons diskutiert – hierzu hat Christian Siefke referiert, der u.a. Autor der Plattform Keimform ist (einer Strömung der Commons-Bewegung, die einen wertkritischen Einschlag hat). Commons beschreibt einen Zusammenhang von Ressourcen, die gemeinschaftlich verwaltet werden. Leider liegt von diesem Vortrag kein Audiomitschnitt vor. Dafür gibt es ein Interview von Radio Corax, in dem Siefkes nach den Grundlagen der Commons-Produktion befragt wurde.

    Download: via FRN (mp3; 14:23 min; 23 MB)

4.) Commonismus statt Kommunismus?

Eine Kritik des Commons-Gedankens hat im Rahmen der Reihe Rüdiger Mats (Ex-Mitglied der Gruppe The Future is unwritten, Autor der Phase 2) formuliert. Einige Aspekte dieser Kritik hat er bereits im Vorab-Interview formuliert (dem Interview ist ein Einspieler vorangestellt, in dem Siefkes eine Definition von Commons gibt):

    Download: via FRN (mp3; 12:08 min; 28 MB)

Rüdiger Mats kritisiert in seinem Vortrag, dass die Commons-Idee keine politische Vermittlung denken kann, dass sie gesellschaftliche Konflikte und Interessensgegensätze ausblendet, dass sie letztlich nicht der Komplexität der modernen Gesellschaften entspricht. Dennoch kehrt er am Ende positive Aspekte von Commons hervor. Zuletzt kommt er auch nochmal auf den Eröffnungsvortrag zurück und skizziert eine Kritik der Rätekommunisten und deren Vorstellung von Arbeitszeitrechnung.

Commonismus statt Kommunismus? – Ueber ein Konzept libertaerer Oekonomie ohne Ausbeutung und Herrschaft – Vorstellung und Kritik

In den letzten Jahren werden vermehrt Konzepte von commons- oder peer-basierter Oekonomie diskutiert: Darin nutzen Menschen so genannte Commons, Gemeingueter, die niemandem gehoeren, sondern nur zur Nutzung vergeben werden. Es existiert kein Markt, es gibt keine Planbehoerde, die alles bestimmen darf immer wechselnde Kollektive tun auf Zuruf alles das, was getan werden muss. Ist das zu schoen, um wahr werden zu koennen? Das werden wir diskutieren.

Ruediger Mats promovierte zur Oekonomie des Realsozialismus und veroeffentlicht regelmaessig zu linken Politikkonzepten und zur Idee, Organisierung und historischen Defensive des Kommunismus. Er war bis 2016 Mitglied der kommunistischen Gruppe the future is unwritten aus Leipzig.

    Download: via AArchiv (mp3; 1:45:01; 36 MB)
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Kritik der Knastgesellschaft

Die Diskussion über Knastkritik und die gemeinsame Organisierung von Leuten drinnen und draußen ist weitestgehend aus den linksradikalen Zusammenhängen verschwunden – sie hatte (ähnlich wie die Psychiatrie-Kritik) in den 60′er und 70′er Jahren ihren letzten Höhepunkt. Wir dokumentieren hier einige aktuelle Beiträge zum Thema und freuen uns über Ergänzungen in der Kommentarspalte.

1.) Ein Jahr Gefangenengewerkschaft GG/BO

Am 01.10.2015 hat Oliver Rast von der Gefangenengewerkschaft GG/BO einen Vortrag im Berliner Café Kralle gehalten. Er hat im Vortrag über die Hintergründe der Gründung der GG/BO, über die Entwicklungen im Organisierungsprozess und über die Organisationsbedingungen der Gewerkschaft berichtet. Das Anarchist Radio Berlin hat den Vortrag dokumentiert.

Lohnarbeit im Gefängnis wird bewusst entrechtet und inhaftierte Beschäftige nicht als Arbeitnehmer*innen anerkannt. Trotzdem wird hinter Gittern ein exzessives Sozial- und Lohndumping betrieben um Auftraggeber*innen den Produktionsstandort Knast als attraktive Alternative oder sogar Sonderwirtschaftszone anzubieten.

Eine basisorganisatorische Gefangenen-Gewerkschaft macht bereits von Außen und Innen darauf aufmerksam und will mehr erkämpfen. Dabei wird der bisher sehr erfolgreiche Organisierungsprozess in den Knästen auf politischer und juristischer Ebene attackiert. Einblicke in die Arbeit der Gefangenen Gewerkschaft / Bundesweite Organisation – GG/BO sowie aktuelle Entwicklungen erfahrt ihr beim Tresen. (via)

    Download: via AArchiv (mp3; 63.3 MB; 1:10:15 h) | via archive.org (verschiedene Formate)

Beachtet auch, passend zum Thema, den Text „Ein Jahr Gefangenengewerkschaft – Eine Zwischenbilanz“ von Oliver Rast. Radio Corax hat mehrere Interviews mit Mitgliedern der Gefangenengewerkschaft geführt. So z.B ein Interview mit Oliver Rast, in dem es allgemein um die Gefangenengewerkschaft geht und ein Interview mit Gerd Rockmann über die Aktivitäten der Gefangenengewerkschaft in Sachsen-Anhalt.

2.) abrisse. Innen- und Außenansichten einsperrender Institutionen

2011 hat die Gruppe baul_ucken ein Buch unter dem Titel „abrisse. Innen- und Außenansichten einsperrender Institutionen“ bei Edition Assemblage herausgegeben. Das Buch wurde in engem Kontakt mit mehreren Gefangenen konzipiert, enthält Umfragen über das Thema Knast, einige theoretische Texte, sowie verschiedenen Sichtweisen von Gefangenen, Aktivist_innen aus verschiedenen Ländern und Antwält_innen, die über eine isolierte Betrachtung der Institution Gefängnis hinaus weisen. Am 12.10.2011 waren im Rahmen der Gegenbuchmesse zwei MitherausgeberInnen in der Klapperfeldstraße in Frankfurt zu Gast und haben das Buch dort vorgestellt. Zu Beginn werden O-Töne aus den Umfragen vorgespielt, dann geht es um die Entstehunsgeschichte des Buches und zuletzt wird ein Brief einer Gefangenen vorgelesen, der in dem Buch enthalten ist. In der Diskussion geht es eher grundlegend um Knastkritik und Alternativen zum Gefängnis.

    Download: via AArchiv (mp3; 76 MB; 1:46:49 h)

Eine Rezension des Buches gibt es hier. Im Vorfeld einer Buchlesung in Dresden hat Radio Corax ein Interview mit einem Mitherausgeber geführt, das hier nachgehört werden kann. Auf dem Blog der Gruppe baul_ucken findet sich auch ein Text von Albert Destinazero mit dem Titel „Warum Knastkritik? Selbstverständlichkeiten und Einsprüche. Zur Entstehungsgeschichte und Rechtfertigung des Gefängnisses“.

3.) Anti-Knast-Tage 2014 in Wien / Anarchistische Texte zur Knastkritik

Das Anarchistische Radio Wien hat in einer Sendung die Anti-Knast-Tage dokumentiert, die 2014 im Wiener EKH stattfanden. Gesendet wurden Ausschnitte aus den Vorträgen und Diskussionen, die auf den Anti-Knast-Tagen stattgefunden haben.

Von 7. bis 9. November 2014 fanden in Wien die Anti-Knast-Tage statt. An drei Tagen tauschten sich Interessierte zu diversen Kämpfen gegen Knast und Repression aus, es gab Diskussionen, Vorträge und Workshops, die sich sehr unterschiedlichen Themen widmeten. Einige Höhepunkte waren beispielsweise die Veranstaltung zur neu gegründeten Gefangenengewerkschaft in Deutschland oder ein Vortrag zur aktuellen Situation in den griechischen Knästen.

Diese Sendung fasst unvollständig und bruchstückhaft das Wochenende in Wien zusammen und gibt einen kleinen Einblick für alle, die nicht dabei sein konnten bzw. will mit den Audiomitschnitten allen Teilnehmer_innen die spannenden Vorträge in Erinnerung rufen. (via)

    Download: via Anarchistisches Radio (mp3; 76 MB; 56:57 min)

Das Anarchistische Radio hat außerdem in einer weiteren Sendung mehrere Texte zur anarchistischen Knastkritik eingelesen: Die Einleitung des Buches „Stein für Stein – Kämpfen gegen das Gefängnis und seine Welt“ von einer belgischen Gruppe und den Text „An wen richten wir uns?“ aus der italienischen Zeitschrift „Machete“.

4.) Die Unsichtbaren

Nanni Balestrini hat die Erfahrung der Knastkämpfe in Italien während und nach dem Bürgerkrieg in den 70′er Jahren in seinem Roman „Die Unsichtbaren“ literarisch verarbeitet. Auszüge aus diesem Roman wurden in der Juni-Ausgabe der Sendereihe „Wutpilger-Streifzüge“ vorgelesen (nach einer Besprechung des Buches „Den Himmel stürmen“).

    Download: via Mediafire (mp3; 140.8 MB; 1:42:31 h)

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Texte zur Kritik am Gefängnis (aus einer eher liberalen Warte) finden sich auf knastkritik.org. Ein grundlegendes Buch zum Thema ist „Sozialstruktur und Strafvollzug“ von Otto Kirchheimer und Georg Rusche. Grundlegend für die Anti-Knast-Bewegung war außerdem das Buch „Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses“ von Michel Foucault. Eine Tradition der Knastikritik hat sich vor allem im anarchistischen Milieu gehalten – die Download-Seite auf der Internet-Präsenz des Anarchist Black Cross Berlin stellt einige Zeitschriften der anarchistischen Knastkritik zur Verfügung. Die Broschüre „Die vernebelte Spur von Os Cangaceiros durch die soziale Pampa“ versammelt einige deutschsprachige Übersetzungen von Texten der „Totengräber“, einem in den 70′er und 80′er Jahren in Frankreich umherreisenden Kollektiv, das sich auch dem Kampf gegen die Knäste widmete. Weitere Literatur-Tips und Links zu Audio-Beiträgen zum Thema (ob historisch-materialistisch oder kritisch-genealogisch) können in der Kommentarspalte hinterlassen werden.

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Beiträge zum Rätekommunismus

Wir dokumentieren hier zwei Vorträge, die die Geschichte des Rätekommunismus bzw. Linkskommunismus (vor allem im deutschsprachigen Raum) zum Gegenstand hatten.

1.) Ein Bürgerkrieg in Deutschland – Zu Theorie und Praxis des antiautoritären Kommunismus 1914 – 1923

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Dissidenten der Arbeiterbewegung“ hat Seb Bronsky am 19.06.2014 in Erfurt einen Vortrag über den Rätekommunismus in Deutschland gehalten. Anhand einer kenntnisreichen Schilderung der Klassenkämpfe zwischen 1914 und 1923 (Novemberrevolution, Spartakusaufstand, Ruhrkämpfe, mitteldeutsche Märzkämpfe) entwickelt er die Geschichte, Debatten und Spaltungen des linken Kommunismus: Spartakusbund und KPD, KAPD, AAU, AAU-E, Rote Kämpfer und KAU. Neben den Organisations- und Strategiedebatten, die sich u.a. um die Stellung zum Parlament und zu den Gewerkschaften drehten, schildert er skizzenartig auch das Verhältnis der Linkskommunisten zu Lenin und dem Bolschewismus. Er schließt mit einigen zusammenfassenden Thesen, die auch auf Fehler und Schwachstellen der Linkskommunisten hinweisen.

Texte, auf die Bronsky im Vortrag u.a. hingewiesen hat: Hans Martin Bock – Syndikalismus und Linkskommunismus 1918-1923 | Bernhard Reichenbach – Zur Geschichte der K(ommunistischen) A(rbeiter)-P(artei) D(eutschlands) | Otto Rühle – Von der bürgerlichen zur proletarischen Revolution (PDF) — Der Mitschnitt eines weitestgehend identischen Vortrags, den Seb Bronsky in der Translib gehalten hat, kann (jedoch in etwas schlechterer Tonqualität) bei Youtube angehört werden.

»Andere mögen ihr: ›Nur nicht zu viel! Nur nicht zu früh!‹ plärren. Wir werden bei unserem: ›Nur nicht zu wenig! Nur nicht zu spät!‹ beharren.« [Karl Liebknecht, Die Frage des Tages, geschrieben im Knast 1918]

Die russische Oktober-Revolution, die Bolschewiki, allen voran Lenin wurden von den deutschen Kommunisten bewundert, begeistert waren auch die antiautoritären Kommunisten von dem Maximalismus, der nicht nur den 1. Weltkrieg beenden, sondern ihn in einen Bürgerkrieg umwandeln wollte; es schien, mit der sozialistischen Weltrevolution würde endlich ernst gemacht. Zwei, spätestens drei Jahre später war von dieser Bewunderung nicht mehr viel übrig, Bolschewiki und deutsch-holländischer Rätekommunismus waren auseinandergegangen. Lenin warf den Antiautoritären unter den Kommunisten vor, sie wären eine utopistische Kinderkrankheit des Kommunismus, die Antiautoritären sahen in Sowjetrußland nicht die Diktatur des Proletariats, sondern die staatskapitalistische Despotie der bolschewistischen Partei.

Der Vortrag möchte auf drei Ebenen vorgehen: Erstens soll an die wirkliche Bewegung in Deutschland erinnert werden, das heißt nicht nur an die proletarischen Kämpfe gegen den Weltkrieg und die November-Revolution, sondern mehr noch an den heute weitgehend vergessenen, anschließenden Bürgerkrieg. Zweitens an die revolutionären Organisationen: vom Spartakusbund und den Internationalen Kommunisten Deutschlands zur Kommunisten Partei und deren erster Spaltung; von der Kommunistischen Arbeiter-Partei und der Allgemeinen Arbeiter Union, die erst nach tausenden zählten und von denen 1923 nur noch heillos zerstrittene Grüppchen übrig waren. Drittens soll die aus diesen Kämpfen und Auseinandersetzungen hervorgegangene Gesellschaftskritik, das was man heute Links- oder Rätekommunismus nennt, vorgestellt werden, ihre historischen Verdienste wie auch ihre Schwächen und Fehler. [via]

    Download: via AArchiv (mp3; 102 MB; 1:52:10 h)

2.) Die Revolution war für mich ein großes Abenteuer

2013 ist im Unrast-Verlag ein Buch über den Rätekommunisten Paul Mattick erschienen. Den Hauptteil des Buches bildet ein Interview, das der Politologe Michael Buckmiller 1976 in Vermont mit Mattick geführt hat. Im Anhang befinden sich zwei literarische Texte Matticks, eine kommentierte Bibliografie zum Stichwort Rätekommunismus und ein ausführliches Nachwort Michael Buckmillers, der die Figur des Arbeiterintellektuellen anhand von bis dato noch nie publizierten Briefen Matticks darstellt. Im März dieses Jahres war einer der Mitherausgeber des Buches, Christoph Plutte, in Bremen zu Gast und hat das Buch vorgestellt. Plutte liest einige Passagen aus dem Gespräch mit Paul Mattick vor (es sind auch einige O-Töne aus dem Interview zu hören) und führt diese jeweils kommentierend ein. Es geht um diverse Aktionen in der Jugend Matticks, um Rätekommunismus, KAPD und AAU-E, literarische Aktivitäten Matticks, einen Streik in Köln, das Exil in den USA, die Arbeitslosenbewegung in Chicago, die Krisentheorie Matticks und um Matticks Umgang mit Marx.

Paul Mattick (1904-1981) ist vielleicht der exemplarische Arbeiterrevolutionär und Intellektuelle: Seine furiose Abrechnung mit John Maynard Keynes, seine Kritik an Herbert Marcuse, die dieser übrigens als einzig taugliche Kritik von links akzeptierte, seine sprichwörtliche Marx-Orthodoxie, mit der er den tendenziellen Fall der Profitrate gegen allerlei »Modernisierer« verteidigte, machten den Deutsch-Amerikaner in den 60er und 70er Jahre zu einer Art kommunistischem Gewissen und Stichwortgeber der antiautoritären Revolte.

Fundiert war sein sympathisch halsstarriges radikales Denken in einer aufregenden Lebensgeschichte, von der man sich damals wie von einer Legende erzählte: Der Schulabbrecher und Autodiktat aus prekären proletarischen Verhältnissen war in der Weimarer Republik in der anti-parlamentarischen marxistischen KAPD organisiert, schlug sich als Schlosser, Tagelöhner und Wanderagitator durch, war durchdrungen von der revolutionären Stimmung jener Tage. 1926 wanderte er aus Abenteuerlust in die USA aus, re-organisierte in Chicago die Wobblies, engagierte sich in der Arbeitslosenbewegung der Grossen Depression, tauchte später in die New Yorker Boheme ein und verfocht in selbstverlegten Kleinstpublikationen einen antiautoritären Kommunismus.

Mattick hat um diese Biographie kein Aufheben gemacht, Heldengeschichten waren ihm zuwider. Aber er gab trotzdem Auskunft: 1976 führte der Hannoveraner Politologe Michael Buckmiller ein langes autobiographisches Interview mit ihm. Das Interview wurde bis dato nie publiziert, nur einzelne Informationen daraus kursierten, Jahrzehnte war es unter Verschluss, erst vor kurzem haben es die Berliner Herausgeber ausgegraben – und das Recht auf eine Veröffentlichung durchsetzen können. Das Interview übertrifft tatsächlich die Erwartungen: Es ist ein lebenssatter Bericht, in dem uns Mattick als ebenso lakonischer wie unabhängiger Kommunist, dem alle Parteischablonen und alles friedfertig sich beschränkende Denken zuwider waren, begegnet.

Der Herausgeber wird kurz in Leben und Werk von Paul Mattick einführen und Passagen aus diesem Lebensbericht lesen – kombiniert mit literarischen Texten Matticks, in denen er etwa die Klassenkriege, die in den 20er Jahren in den USA tobten, verarbeitete. [via]

    Download: via AArchiv (mp3; 51.5 MB; 1:15:03 h)

Die Freiburger Gruppe La Banda Vaga hat einen Text veröffentlicht, in dem sie einige Aspekte des Rätekommunismus und einige Kritikpunkte an ihm zusammengefasst hat.

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Einführung in den Marxismus – Teil III

Der dritte Teil der „Einführung in den Marxismus“, die derzeitig monatlich in der „Vorlese“ auf FSK gesendet wird, setzt sich mit der politisch-revolutionären Betätigung von Marx und Engels auseinander. Georg Fülberth berichtet von den europäischen Revolutionen im 19. Jahrhundert, an denen Marx und Engels mehr oder weniger beteiligt waren, vom Bund der Gerechten (später Bund der Kommunisten), der Internationale und ihrer Spaltung sowie der deutschen Sozialdemokratie und ihren personellen Verstrickungen.

    Download: via FRN (mp3; 46 MB; 50:38 min)

In dieser Sendung hat Fülberth aus dem Gedächtnis den „Bürgerkrieg in Frankreich“ zitiert und lag dabei zielsicher daneben. Der Behauptung Fülberths, Marx habe zwar gesehen, dass die Kommune die vorherigen Staatsformen abgeschafft habe, wäre aber der Auffassung gewesen, dass sie dennoch als revolutionärer Staat aufgetreten sei, sei dieses Zitat aus dem ersten Entwurf zum „Bürgerkrieg in Frankreich“ entgegengestellt:

Daher war die Kommune nicht eine Revolution gegen diese oder jene – legitimistische, konstitutionelle, republikanische oder kaiserliche – Form der Staatsmacht. Die Kommune war eine Revolution gegen den Staat selbst, gegen diese übernatürliche Fehlgeburt der Gesellschaft; sie war eine Rücknahme des eignen gesellschaftlichen Lebens des Volkes durch das Volk und für das Volk. Sie war nicht eine Revolution, um die Staatsmacht von einer Fraktion der herrschenden Klassen an die andre zu übertragen, sondern eine Revolution, um diese abscheuliche Maschine der Klassenherrschaft selbst zu zerbrechen.

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Fritz Lamm – Briefe und Interview

Passend zu unserem Posting über Dissidenten der Arbeiterbewegung wurde ich gerade aufmerksam gemacht auf eine Schallplatte mit Briefen und einem Gespräch mit Fritz Lamm, die bei Youtube hochgeladen wurde. Der Linkssozialist Fritz Lamm kam aus der jüdisch geprägten Jugendbewegung und war Mitglied der SPD, wo er jedoch 1931 ausgeschlossen wurde »aufgrund Radikalisierung der Jugend mittels Schriften von Marx und Engels«. Als SAP-Mitglied war er beteiligt am Widerstand gegen den Nationalsozialismus und blieb auch im Exil als Antifaschist aktiv. Als er nach dem zweiten Weltkrieg nach Deutschland zurückkehrte, trat er erneut in die SPD ein (dort wurde er in den sechziger Jahren u.a. wegen Linksabweichung und aufgrund seiner Homosexualität1 erneut ausgeschlossen), war aktiv in der Naturfreundejugend und bei den Falken und stand im Kontakt mit dem SDS, dessen revolutionstheoretische Ausprägung er mit beeinflusst hat.

Zum nachhören stehen drei Briefe an die 19-jährige Vera Bergmann von 1946 (gesprochen von Martin Lüttge und Regine Vergeen) sowie ein biographisches Interview zur Verfügung (wann letzteres geführt wurde, konnte ich leider nicht herausfinden).

    Download:
  1. Briefe an Vera Bergmann: via AArchiv (mp3; 27,4 MB; 29:53 min) | hören via Youtoube: I, II, III

  2. Interview: via AArchiv (mp3; 14,8 MB; 16:10 min) | hören via Youtube

Empfohlen sei auch die Lamm-Biographie von Michael Benz.

  1. Dass Lamm wegen seiner Homosexualität ausgeschlossen wurde, ist nicht ganz korrekt. Offiziell wurde er 1963 im Zuge des Unvereinbarkeitsbeschlusses mit dem SDS ausgeschlossen. Richtig ist, dass ihm später die SPD aufgrund seiner Homosexualität die Jugendarbeit bei den Falken untersagte. Zudem dürfte ein homophobes Ressentiment in der Nachriegs-SPD stets präsent gewesen sein, wie es etwa der Lamm-Schüler Helmut Schauer berichtete: „Der Emigrant, Jude, Homosexuelle und radikale Sozialist Fritz Lamm war – zumal im Restaurationsklima der fünfziger Jahre – unter den biederen Schwaben ein Exot, der nicht nur Faszination, sondern auch Vorurteile und Abwehrreaktionen hervorrief.“ via [zurück]
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40 Jahre PREC

Interview zur portugiesischen Revolution von 1974

Vor vierzig Jahren brach in Portugal im Zuge vorhergehender Streiks und einer progressiven Verschwörung innerhalb des Militärs die sogenannte Nelkenrevolution aus, die nicht nur die Befreiung vom faschistischen Salazar-Regime durchsetzte, sondern in einer Bewegung von Besetzungen die Kollektivierung des Bodens anstrebte und dazu tendierte, die Produktion in proletarischer Selbstverwaltung zu übernehmen. Aus diesem Anlass hat die Leipziger Translib eine Veranstaltungsreihe über diese »letzte sozialistisch orientierte Revolutionsbewegung der Arbeiter_innen und Landarmut im alten Europa« organisiert. Für die Translib war Christopher Zwi in der Sendung Buhne bei Radio Blau zu Gast. Im Gespräch gibt Zwi einen guten Überblick über die Abläufe und das Scheitern der Revolution.

    Hören: via Soundcloud

    Download: ganze Sendung via Mediafire (82,4 MB) | kürzere Version via FRN (37 MB)

Zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Beitrags findet in der Translib gerade ein Workshop zum Thema »Avantgarde oder Arrièregarde? Die linken Organisationen Portugals im andauernden revolutionären Prozess« statt. Der letzte Programmpunkt der Veranstaltungsreihe findet am 20. Juni statt. An diesem Abend wird ein Zeitzeuge aus Portugal zu Gast sein. Wir möchten diese Veranstaltung ausdrücklich empfehlen. Weitere Infos hier.

Weiteres Material:

Eine Chronik der Ereignisse in Portugal 1973 – 1976 (PDF)

Und Portugal heute? – „Eine Diktatur der Märkte“ (auch gespielt in der Buhne-Sendung)

Ankündigungstext zur Veranstaltungsreihe: (mehr…)

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Dissidenten der Arbeiterbewegung

Im letzten Jahr haben die Falken Erfurt und das Bildungskollektiv eine Veranstaltungsreihe mit dem Titel „Dissidenten der Arbeiterbewegung“ organisiert. Es ging darum, an Strömungen und Personen zu erinnern, die innerhalb der Arbeiterbewegung mit Reformismus, Staatssozialismus und autoritären Strukturen gebrochen haben und sich deren Vermächtnis neu anzueeignen (insb. Linkskommunismus, Anarchismus, Rätebewegung). Zwei Vorträge aus dieser Reihe stehen als Mitschnitt zur Verfügung:

1.) »Ergriffen vom Strudel der Arbeiterbewegung« – Johann Most und sein Verhältnis zu Sozialdemokratie, Marxismus und Anarchismus

Bernd Löffler und Lukas Holfeld (beide vom BiKo) haben einen Vortrag über den deutschen Anarchisten Johann Most gehalten, der mit seiner Zeitung „Die Freiheit“ erheblich zur Verbreitung des Anarchismus beigetragen hat. Der Vortrag erzählt die Biografie Mosts nach und gibt einen kurzen Einblick in seine theoretische Entwicklung (u.a. Johann Most – Der kommunistische Anarchismus). Die beiden Referenten lassen wissen, dass ihr Urteil über den Streit zwischen Most und Peukert anders ausgefallen wäre, wenn sie die Autobiografie Emma Goldmanns vorher gelesen hätten.

Johann Most (1846 – 1906) stieß früh zur revolutionären Arbeiterbewegung, saß für die Sozialdemokratie im Reichstag und für seine Überzeugung in den Knästen Österreichs, Deutschlands, Großbritanniens und der USA. Während der Zeit des Sozialistengesetzes kam es zum offenen Konflikt mit der sozialdemokratischen Parteiführung und Most entwickelte sich zum anarchistischen Agitator. Zeit seines Lebens hat Most eine unermüdliche Energie für den Kampf um politische und soziale Emanzipation der Arbeiter an den Tag gelegt, was ihm gleichermaßen Freunde und Feinde schuf, für ihn oft aber auch bedeutete, auf einem einsamen Posten zu stehen. Im Vortrag soll seine Biografie skizziert und dabei insbesondere ein Fokus auf sein Verhältnis zur Sozialdemokratie und Marxismus sowie seine Stellung innerhalb der anarchistischen Bewegung gelegt werden. (via)

    Download: via AArchiv (mp3; 71,8 MB; 1:18:26 h)

2.) Zur Geschichte der Arbeiterbewegung und dem Verhältnis der »offiziellen« Bewegung zur »Dissidenz«

Jörg Wollenberg (Historiker, Bremen) hat in seinem Vortrag einige grundlegende Gedanken über den „Mainstream“ der Arbeiterbewegung und ihrer „Dissidenz“ formuliert, was er insbesondere am Beispiel der Bremer Rätekommunisten um die Gruppe „Arbeiterpolitik“ ausführt. Er geht auf zahlreiche Personen ein und wirft einen Blick auf ihren Werdegang zwischen Organisierung der Arbeiterbewegung, revolutionären Versuchen, Widerstand gegen den NS und Neuorientierung in der Nachkriegszeit.

»Ganz Deutschland sieht auf uns. Ganz Europa sieht auf uns!« Das verkündeten die Anhänger der »Arbeiterpolitik«, als sie am 10. Januar 1919 die Bremer Räterepublik ausgerufen hatten. Nach der Zerschlagung der Sozialistischen Republik am 4. Februar 1919 finden die Anhänger dieser Gruppe um Johann Knief, Anton Pannekoek, Paul Frölich oder Heinrich Brandler ebenso nach 1920 in der KPD, der KAPD oder bei den Syndikalisten wie in der USPD, SAP oder KPDO und bei den »Roten Kämpfern«. Weil sie den Kontakt zu den beiden »offiziellen« Hauptrichtungen der deutschen Arbeiterbewegung nicht gänzlich abreißen ließen, gewannen diese Anhänger von Rosa Luxemburg als »Dissidenten« besonders im Widerstand gegen den Faschismus und erneut nach 1945 Einfluss auf die Politik in beiden deutschen Staaten. Sie versuchten mit ihren basisdemokratischen Vorstellungen von »Freiheit und Sozialismus« die politische Neuordnung in einem sozialistischen europäischen Deutschland (erneut vergeblich) zu prägen. Und dennoch gelang einigen dabei eine erstaunliche Karriere im Bereich von Wissenschaft, Kultur und Politik. Einer von ihnen wurde gar mit »Mehr Demokratie wagen« Bundeskalnzler der BRD. (via)

    Download: via AArchiv (mp3; 60,9 MB; 1:06:30 h)

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Auch außerhalb dieser Reihe gab es Bildungsveranstaltungen, die sich mit Dissidenten der Arbeiterbewegung im weitesten Sinne beschäftigt haben – wir dokumentieren zwei:

3.) »Wir wollen Alles« – Anarchisten in Dortmund von der Nachkriegsgesellschaft bis ins 21. Jahrhundert

Auf Einladung der Anarchistischen Gruppe Dortmund hat Andreas Müller von der Geschichtswerkstatt Dortmund einen spannenden Vortrag über Anarchismus nach dem Zweiten Weltkrieg in Dortmund gehalten. Er gibt zunächst einen knappen Überblick über Anarchismus in Deutschland vom Kaiserreich bis zum Zweiten Weltkrieg und konzentriert sich dann auf die anarchistische Nachkriegsgeschichte im Dortmunder Raum. Müller weiß von zahlreichen Verbindungen zu berichten und viele Anekdoten zu erzählen – etwa die vom Mitglied der Roten Kämpfer, Fritz Riwotzki, der später als Dortmunder Polizeipräsident anarchistische Jugendliche räumen ließ.

Zu Beginn des Vortrags hat Andreas Müller einige Literaturhinweise über Anarchismus in Deutschland gegeben, die wir hier noch einmal zusammengetragen haben: Günter Bartsch: Anarchismus in Deutschland | Hans Jürgen Degen: Anarchismus in Deutschland 1945-1960 | Hans Jürgen Degen: Die Wiederkehr der Anarchisten | Hans Manfred Bock: Anarchosyndikalismus in Deutschland, Eine Zwischenbilanz | Holger Jenrich: Anarchistische Presse in Deutschland 1945-1985 | Bernd Drücke: Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland | Andreas Graf (Hg.): Anarchisten gegen Hitler | Rudolf Berner: Die Unsichtbare Front

Frei­heit­li­che, an­ti­au­to­ri­tä­re und an­ar­chis­ti­sche Kon­zep­te (Ideen) für den Auf­bau einer de­mo­kra­ti­schen Ge­sell­schaft sind in Dort­mund seit dem Kai­ser­reich ent­wi­ckelt und dis­ku­tiert wor­den. Immer wie­der haben es Ge­nos­sIn­nen in Dort­mund ver­sucht, diese Kon­zep­te und Ideen um­zu­set­zen. Auch nach dem 2. Welt­krieg fan­den sich wie­der Ge­nos­sIn­nen zu­sam­men. Doch be­reits An­fang der 50er Jahre über­roll­te das Wirt­schafts­wun­der und der au­to­ri­tä­re Ade­nau­er­staat die schon durch den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus mar­gi­na­li­sier­te Be­we­gung. Erst An­fang der 70er Jahre fan­den sich be­son­ders Ju­gend­li­che zu­sam­men, die sich ihr Leben jen­seits des re­al­ka­pi­ta­lis­ti­schen Sys­tems or­ga­ni­sie­ren woll­ten. An­ar­chis­ti­sche Grup­pen der Gras­wur­zel­be­we­gung oder die an den Be­trie­ben aus­ge­rich­te­te Freie Ar­bei­ter­uni­on ent­stan­den, um­her­schwei­fen­de Spon­tis und sogar Par­tei­grün­dun­gen wie die Liste Un­güL­tig waren nun in Dort­mund zu fin­den; sogar eine Ar­beits­grup­pe An­ar­chie in­ner­halb der Grü­nen.An die­sem Abend sol­len die li­ber­tä­ren Be­stre­bun­gen in Dort­mund seit 1945 kri­tisch vor­ge­stellt wer­den. (via)

    Download: via FRN (mp3; 51,2 MB; 1:16:38 h)

4.) Zur Geschichte der Arbeiterjugendbewegung

Viele Dissidenten der Arbeiterbewegung kamen aus der Arbeiterjugendbewegung oder standen ihr nahe, nicht selten kamen die Arbeiterjugendorganisationen in Konflikt mit denen der Erwachsenen – einen Vortrag über die Geschichte der Arbeiterjugendbewegung haben Philipp und Fred von den Falken Erfurt gehalten. Inhaltliche Punkte des ersten Teils des Vortrags sind: Entstehung unabhängiger Jugendorganisationen in der Arbeiterbewegung, Spaltung der Arbeiterbewegung angesichts des Ersten Weltkriegs, die Freie Sozialistische Jugend und ihre Abspaltungen, Jugendbewegung in der Weimarer Republik, Frauen in der Arbeiterbewegung, Rätekommunisten in der Bildungsarbeit, Konflikt mit der SPD, Reichsjugendtag in Weimar 1920, Freizeitgestaltung, Halbstarke und Klopperei, SAJ, KJV, Kinderfreunde und Kurt Löwenstein, Volkstümlichkeit in der Arbeiterjugendbewegung.

    Teil 1: via AArchiv (mp3; 92,6 MB; 1:41:08 h)

Inhaltliche Punkte des zweiten Teils: Arbeiterjugendbewegung angesichts des Nationalsozialismus, Reichstagsbrand, schleichende Integration, Illegalität und Verfolgung, das Warten auf den Befehl der Arbeiterführer, Organisation im Exil und Auslandsbüros, Widerstand, Einheitsbestrebungen in der Arbeiterbewegung nach ’45, FDJ-West, Antikommunismus in der Adenauer-Ära, FDJ-Ost, Umgang mit Veteranen in der DDR, Gründung der Falken, Zeltlager nach dem Krieg, Einfluss der Rätekommunisten, Internationalistische Jugend gegen den Krieg, Gegen die Wiederbewaffnung, Falken-Kontakte Ost-West, Falken und SPD, Falken und SDS, Jugendverbände und ’68, Krise der Jugendverbände, Subkultur und neue Jugendbewegung, Arbeiterjugendbewegung heute, Bürokratisierung der Jugendverbände.

    Teil 2: via AArchiv (mp3; 105,8 MB; 1:55:35 h)

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Die Veranstaltungsreihe „Dissidenten der Arbeiterbewegung“ nimmt unterdes ihren Fortgang. Die Termine des zweiten Teils der Reihe findet ihr hier.

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