Tag-Archiv für 'gesellschaftskritik'

Immer wieder immer noch

Im Sprechen über das Geschlechterverhältnis kommt es zum Schwanken zwischen der Beschwörung eines gesellschaftlichen Fortschritts, der das Patriarchat mindestens in Recht und Ökonomie längst überwunden habe, und der weitere Gleichstellungsbemühungen einfordernden Aufzählung von Missständen, von denen Frauen nach wie vor betroffen sind, sei es die Alltäglichkeit von sexualisierter Gewalt, die »gläserne Decke« oder die schlechtere Bezahlung gegenüber Männern. Ausgehend von der Erfahrung, dass feministisches politisches Handeln allzu oft lediglich weibliche Handlungsfähigkeit überhaupt demonstrieren oder herstellen soll, plädiert Karina Korecky dafür, Fortschrittserzählungen gegenüber skeptisch zu sein und den gesellschaftlich bedingten Wiederholungszwang ernstzunehmen, der feministische Selbstermächtigungsversuche in diese – theoretisch wie praktisch – stets von vorn beginnende Position nötigt. Diesen Gedanken entwickelt sie im Gespräch mit einer Redakteurin der Sendung Studio F vom FSK Hamburg, dessen Thema feministische Geschichtsschreibung ist und den ich im Folgenden dokumentieren möchte. Er findet sich ebenfalls formuliert in weiteren von Koreckys Vorträgen sowie einem Text in der aktuellen Printausgabe der Konkret (10/2014).

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Vielen Dank an die Redakteurin für die Bereitstellung der Sendung!

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Kunst und Gesellschaftskritik in Zeiten der Kulturindustrie (II)

Drei weitere Vorträge, der bereits ausgiebig gewürdigten Reihe der Kritischen Interventionen (Halle) zum Verhältnis von Kunst und Gesellschaftskritik, können wir dokumentieren: Detlev Claussen mit Thesen zur Aktualisierung der Kritik von Kulturindustrie und Halbbildung, Roger Behrens mit Anmerkungen zu Faschismus, Avantgarde und Befreiung in der verwalteten Welt und Rüdiger Dannemann über die späte Ästhetik bei Georg Lukács.
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Feministische Theorie im Frühling

Im Frühling dieses Jahres fand in Jena eine interessante Veranstaltungsreihe statt, die vom StuRa und dem Gleichstellungsreferat der Uni Jena (beide Gremien sind inzwischen neu besetzt) organisiert wurde. Es wurden in dieser Reihe verschiedene Ansätze feministischer Gesellschaftskritik vorgestellt, die derzeit in der radikalen Linken diskutiert werden.

Es geht um Materialismus, queer theory und Feminismus. Queer Theory ermöglicht es, Heteronormativität und gesellschaftliche Normierungsprozesse zu benennen und zu kritisieren. Aber die Produktionsverhältnisse und materiellen Lebensbedingungen lassen sich nicht dekonstruieren. Wie kann der Kampf gegen Patriarchat und Kapitalismus aussehen – und was ist untragbar für eine emanzipatorische Gesellschaftskritik?

1. Roswitha Scholz: Die Wert-Abspaltungskritik – ein neuer Versuch marxo-feministischer Theoriebildung

Roswitha Scholz hat in ihrem Vortrag einführend einige Grundgedanken der Wert-Abspaltungskritik vorgestellt, wie sie vor allem in „Der Wert ist der Mann“ und „Das Geschlecht des Kapitalismus“ ausformuliert ist, wie sie aber auch aus vielen anderen Vorträgen bekannt sind. Gegen Ende stellt sie einige Überlegungen zur Verwilderung des Patriarchats und der Herausbildung zwangs-flexibilisierter Identitäten im Neoliberalismus an. Im Zusammenhang mit Scholz‘ Vortrag sei auf die jüngeren Ausgaben der Exit! verwiesen, in denen das Geschlechterverhältnis auf verschiebenen Ebenen erneut diskutiert wurde. Ebenfalls sei auf die Rezension von Justin Monday anlässlich der Neuauflage von „Das Geschlecht des Kapitalismus“ im letzten Jahr verwiesen.

Seit geraumer Zeit lässt sich eine Marx-Renaissance beobachten. Nach dem „cultural turn“ der letzten Jahrzehnte treten nun wieder „materielle“ Aspekte in den Vordergrund. Und so fordert Nancy Fraser auch im feministischen Kontext „Frauen, denkt ökonomisch“. Ansonsten sind jedoch marxo-feministische Konzepte rar, die jenseits traditioneller Marxismen nach dem Zusammenbruch des Ostblocksozialismus und den neuerlichen Krisenentwicklungen im Kapitalismus Neuland betreten. Im Vortrag wird thesenhaft die Wert-Abspaltungstheorie als „Big Theory“ vorgestellt, die einer neuen Qualität des warenproduzierenden Patriarchats Rechnung tragen und dabei gleichzeitig auch die kulturell-symbolische Ebene berücksichtigen will.

    Download (via AArchiv): Vortrag (mp3; 46,2 MB; 50:25 min) | Diskussion (mp3; 48,2 MB; 52:37 min)

2. Hanna Meißner: Kritik der politischen Ökonomie queer/feministisch gelesen

Hanna Meißner (u.a. „Jenseits des autonomen Subjekts“) will in ihrem Vortrag die Grenzen der Marx’schen Analysen aufzeigen und wie an dieser Grenze poststrukturalistische bzw. queer-theoretische Analysen anknüpfen können. Dabei referiert sie einige Merkmale der Subjektivität des Warenbesitzers und weist darauf hin, dass dieser konstitutiv von Voraussetzungen abhängig ist, die nicht in seinem Wirkungsbereich liegen und die er selbst nicht einholen kann. Der Marx’schen Analyse müsse mit einer gewissen Notwendigkeit entgehen, wie genau an dieser Stelle das Geschlechterverhältnis wirkmächtig wird. Meißner verweist daher auf Subjektivitäts-Analysen von Butler, Foucault und Spivak.

Die Frage, was die Marx’’sche Kritik der politischen Ökonomie zur Analyse der Geschlechterverhältnisse beitragen kann wurde in Teilen der feministischen Debatten lange intensiv und kontrovers diskutiert. Sie ist allerdings in der jüngeren Vergangenheit etwas in den Hintergrund getreten und schien durch einen poststrukturalistisch informierten Blick auf die wirklichkeitskonstituierenden Effekte der diskursiven Ordnung überlagert. Statt allerdings von einer Unvereinbarkeit von queer/feministischen Theorien und der Marx’’schen Kapitalismusanalyse auszugehen, lohnt sich eine erneute Re-Lektüre der Marx’’schen Texte. Marx bietet für (queer/feministische) Gesellschaftskritik ein wichtiges Instrumentarium, da er mit der kapitalistischen Produktionsweise einen historischen Strukturzusammenhang erkennbar macht, der unserem In-der-Welt-Sein (auch in seiner vergeschlechtlichten Dimension) bestimmte Formen und Dynamiken vorgibt und spezifische Hierarchisierungen sowie versachlichte Herrschaftsverhältnisse hervorbringt.

Interessant ist dabei nicht so sehr das, was Marx selber zum Verhältnis von Männern und Frauen und zur geschlechtlichen Arbeitsteilung geschrieben hat. In einer Lektüre von Marx nach Judith Butler (und Michel Foucault) lässt sich argumentieren, dass auf der analytischen Abstraktionsebene, auf der Marx die Strukturen der kapitalistischen Produktionsweise rekonstruiert, gar keine Aussagen über Geschlechterverhältnisse oder Heteronormativität möglich sind. Wird dies als (notwendige) Grenze der Marx’’schen Analyse gelesen, dann lassen sich Anschlüsse zu einer queer/feministischen Perspektive eröffnen.

    Download: via AArchiv (mp3; 42,3 MB; 46:14 min)

3. Andrea Truman: Bürgerschreck: der schwule Mann

Andrea Trumann (u.a. „Feministische Theorie“, „Das bürgerliche Subjekt und sein Anderes“ und Mitarbeit an der „Scherbentheorie“) hat in ihrem Vortrag zunächst an zwei Beispielen (eine Dokumentation über Homophobie im Fußball und eine Studie von Frank Lammerding) und dann mit Bezug auf Foucault und Freud einige Thesen zu den gesellschaftlichen Ursachen von Homophobie vorgestellt. Zentral ist dabei das Begriffspaar Aktivität/Passivität, wobei Aktivität männlich kodiert und mit Leistungsfähigkeit verbunden ist, während Passivität für Weiblichkeit bzw. Verweiblichung und Unfähigkeit zur Selbstbeherrschung steht.

Homosexualität scheint in der Gesellschaft angekommen zu sein. Aber unter dieser oberflächlichen Anerkennung, schwelt immer noch der Hass auf Schwule. In Kreuzberg werden Schwule nach Partys abgefangen und zusammengeschlagen; „schwul“ ist in Schulen neben „Jude“ eins der beliebtesten Schimpfwörter. Und auch die Toleranz im bürgerlichen Milieu endet in der Regel, wenn es um die eigene Kinder geht. Aber woher kommt dieser Hass auf Schwule, der sich unter der Oberfläche bürgerlicher Toleranz Bahn bricht? Dieser Hass ist nicht das Andere zur bürgerlichen Gesellschaft, sondern konstitutiv für diese. Gehasst wird an den Schwulen nicht, dass sie mit jemandem gleichgeschlechtlichen schlafen, sondern dass im schwulen Sex mindestens einer in die Rolle der Frau schlüpfen und sich „ficken“ lassen muss.

Die Angst vor dem Schwulsein ist gleichzeitig eine Angst vor der Verweiblichung. Eine Angst, die auch bei einem Großteil der schwulen Szene selbst nicht Halt macht, in der ein Männlichkeitskult gepflegt wird, der Tunten oftmals ausschließt. Der Hass auf die Schwulen wird geschürt durch die Angst vor der Passivität und dem Kontrollverlust, hinter der sich der Wunsch eben danach verbirgt. Denn dem Schwulen (gleichsam wie der Frau) wird die Macht zugesprochen, die Bürger von ihrem rechten Weg (vom Arbeitszwang und der Kleinfamilie) abzubringen, und dieser Wunsch nach Ruhe und Kontrollverlust muss bei Strafe des drohenden Untergangs, die innerhalb kapitalistischer Vergesellschaft der Preis wäre für das Auslebens dieses Bedürfnis abgewehrt werden und die vermeintlichen Verführer gehasst und im schlimmsten Fall ausgelöscht werden.

    Download (via AArchiv): Vortrag (mp3; 52,7 MB; 57:35 min) | Diskussion (mp3; 34,4 MB; 37:31 min)

4. Lars Quadfasel: The Great Gender‘n'Trouble Swindle. Judith Butlers un_kritische Theorie

Lars Quadfasel rekonstruiert in seinem Vortrag kurz die feministischen Debatten und Widersprüche, aus denen heraus Judith Butlers Projekt entstand, will zeigen, dass Butler nicht so radikal ist, wie es von ihren Anhängern suggeriert wird und kritisiert einzelne Theoreme Butlers. Größeren Raum nimmt dabei das Verhältnis von Geist/Mensch/Kultur auf der einen und Körper/Natur auf der anderen Seite ein. Gegen Ende kritisiert er einige Aspekte von Butlers Moralphilosophie und zeigt auf, warum der Antizionismus mit einer gewissen Notwendigkeit aus deren Prämissen folgt. Die Diskussion, in der es u.a. um Butlers Begriff der Verletzbarkeit und noch einmal um das Verhältnis von erster und zweiter Natur geht, ist dann nochmal relativ interessant. Vgl. auch „Beiträge zur Adorno-Preisverleihung 2012“.

Quadfasel will zeigen, dass Butlers Ansatz im Grunde eine Neuauflage des alten bürgerlichen Idealismus ist und entsprechend der kapitalistischen Logik nicht die Emanzipation von den geschlechtlichen Zwangscharakteren, sondern lediglich deren Flexibilisierung betreibt.

    Download (via AArchiv): Vortrag (mp3; 51,9 MB; 56:39 min) | Diskussion (mp3; 37,4 MB; 40:49)

5. Korinna Linkerhand: Leben wir (noch) im Patriarchat? Ein Plädoyer für die Anliegen des klassischen Feminismus

Korinna Linkerhand (Meine Frauengruppe, u.a. Autorin in „Outside the Box“, z.B. „Der postmoderne Körper“: Vortrag, Text) nimmt in ihrem Vortrag eine grundlegende Bestimmung des Patriarchat-Begriffs vor und bestimmt Sexismus als ideologischen Niederschlag des Patriarchats. Einigen Raum nimmt in ihrem Vortrag die Bestimmung des Verhältnisses von Patriarchat und Kapitalismus ein, wobei sie den Kapitalismus in Bezug auf Roswitha Scholz als warenproduzierendes Patriarchat begreift, für das eine Abspaltung des Weiblichen konstitutiv ist. In diesem Zusammenhang entgegnet sie auch der Auffassung, im Kapitalismus seien patriarchale Verhältnisse bereits tendenziell überwunden. Zuletzt übt sie eine Kritik am „Postfeminismus“, dem sie einen materialistischen und universellen Feminismus entgegenstellt, der Gesellschaftskritik als Kritik eines historischen Vermittlungsverhältnisses von Mensch und Natur formuliert, anstatt Natur in Diskurse auflösen zu wollen.

Dass die Rede vom Patriarchat gegenstandslos geworden sei, ist eine gängige Diagnose von gesellschaftskritischer und auch genderbewegter Seite, die angesichts der mittlerweile umfassenden Gleichstellung der Frau in der westlichen Hemisphõre auf der Hand zu liegen scheint: Frauen seien berufstätig, selbstbestimmt und obendrein Kanzlerin, eine Vielfalt von Lebensentwürfen stünden ihnen zur Verfügung und vorm Kapital seien sowieso alle gleich. Doch nach wie vor ist Geschlecht ein nicht wegzudenkendes Strukturprinzip der Gesellschaft: Menschen werden wie eh und je in Männer und Frauen unterteilt und zu solchen sozialisiert. Das Patriarchat als Analysekategorie vor allem der Zweiten Frauenbewegung bezeichnet die Herrschaft von Männern bzw. – unter den Vorzeichen einer abstrakten Vergesellschaftung – eines männlichen Prinzips, wie sie innerster Bestandteil nicht nur der abendländischen Kultur ist. Sollte das Geschlechterverhõltnis nun plötzlich nicht mehr herrschaftlich verfasst sein? Fördert die Leugnung eines patriarchalen Gefälles in der Gesellschaft nicht letztlich das ungebrochene Fortwirken der sexistischen Ideologie – wirft es nicht vor allem Frauen mit ihrer Vielzahl an geschlechterspezifischen Problemen, die sie ihrer Sozialisation verdanken, in die Vereinzelung zurück, wenn wir aufhören, die Besonderheiten weiblicher Subjektbildung zu analysieren und zu kritisieren?

    Download (via AArchiv): Vortrag (mp3; 47,5 MB; 51:52 min) | Diskussion (mp3; 33 MB; 36:01 min)

6. Katharina Lux: Marx und der blinde Fleck des Feminismus

In ihrem Vortrag weist Katharina Lux auf einen grundlegenden Mangel in den gängigen feministischen Theoriemodellen hin — ihnen fehle ein Begriff gesellschaftlicher Totalität sowie grundlegende Bestimmungen des gesellschaftlichen Seins. So gibt sie eine allgemeine Skizze des Verhältnisses von Mensch und Natur, von Arbeit und Vergegenständlichung, sowie – für eine feministische Gesellschaftskritik entscheidend – der gesamtgesellschaftlichen Reproduktion. Hauptbezugspunkte für ihre Thesen sind dabei die Philosophisch-ökonomischen Manuskripte von Marx und „Die deutsche Ideologie“ von Marx und Engels sowie „Zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins“ des späten Georg Lukács. Insgesamt ist der Vortrag ein nützlicher Crashkurs durch den historischen Materialismus, der als Anregung für eine feministische Kritik verstanden werden will. In ihrem kürzlich in der vierten Ausgabe der Zeitschrift „Outside the Box“ erschienen Text mit dem Titel „Über die Repräsentation der Differenz und die Kritik Marx’scher Begriffe“ verfolgt sie eine ähnliche Stoßrichtung.

Was Georg Lukács schon in den 60er Jahren für die kommunistische Theoriebildung allgemein feststellte, gilt heute immer noch und ebenfalls für das Bewusstsein der feministischen Linken: Der Mangel der theoretischen Entwicklung grundlegender Kategorien des gesellschaftlichen Seins. Heute drückt sich dieser Mangel sowohl darin aus, dass keine Reflektion der implizit in den vertretenen feminstischen Theorien enthaltenen Vorstellungen von Natur, Gesellschaft und Menschsein geleistet wird, oder aber – wie zur Zeit überall in Mode – die grundlegenden Kategorien des gesellschaftlichen Seins als angeblich nicht notwendige oder sogar dogmatische zum Schein verworfen werden. Das Resultat ist – so ist zu befürchten – die Wiederholung der beklagten Fehler der zweiten Frauenbewegung. Die zweite Frauenbewegung war spätestens seit den 80er Jahren größtenteils rekuperiert, ihre Forderungen beschränkten sich auf die gesellschaftliche Akzeptanz der Interessen der Frauen und ihre Teilhabe in der bestehenden Gesellschaft. Plötzlich passte sie hervorragend zu den neuen Anforderungen an die Subjekte in der kapitalistischen Gesellschaft. Nach dieser historischen Erfahrung stellt sich heute für die theoretische Arbeit des Feminismus die Aufgabe, das Verhältnis des Feminismus zur Totalität der Gesellschaft zu bestimmen, will er der Partikularisierung und Einhegung seines Begehrens auf ein für die kapitalistische Gesellschaft verträgliches Maß entgehen. Andernfalls wird der Feminismus zum zufälligen Produkt der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung, die er selbst nicht versteht oder verstehen will und der er so ausgeliefert bleibt.

Ein erster Schritt diesem selbstverschuldeten „Schicksal“ zu entgehen, wäre die Sichtung der grundlegenden Kategorien des gesellschaftlichen Seins wie Menschsein, Natur, Arbeit und Gesellschaft, die im Werk von Karl Marx und Friedrich Engels vorliegen, das von FeministInnen oft verworfen wurde. Was die Analyse und Kritik des Geschlechterverhältnisses angeht – so eine gängige Meinung bis heute – sei dieses Werk von „blinden Flecken“ durchzogen und ökonomistisch, weshalb dort nicht viel zu holen sei. Das ist ein unverzeihlicher Irrtum. Denn im Denken von Marx und Engels liegt der methodische Schlüssel, mit dem das Geschlechterverhältnis als gesellschaftlicher Komplex in seiner Eigendynamik und zugleich seiner Determiniertheit durch die kapitalistische Gesellschaft begriffen werden kann. Ebenso finden sich in den Ökonomisch-Philosophischen Manuskripten, der Deutschen Ideologie bis hin zur Kritik der Politischen Ökonomie die Grundlagen einer Subjekttheorie, die eine umfassende, nicht-partikulare Befreiung des Individuums von Herrschaft zu ihrem Ziel hat. Will die feministische Linke ihren „blinden Fleck“ überwinden, so muss sie sich dem Fundament, den grundlegenden Kategorien einer Subjekttheorie wie sie im historischen Materialismus entwickelt sind, zuwenden. Genau dieser Aufgabe ist der Vortrag gewidmet, in dem versucht werden soll, die grundlegenden Kategorien des gesellschaftlichen Seins wie sie von Marx, Engels und Lukács entwickelt wurden, darzulegen.

    Download (via AArchiv): Vortrag (mp3; 45,1 MB; 49:13 min) | Diskussion (mp3; 25,8 MB; 28:12 min)
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Nackte Gewalt – Die Übermacht der Verhältnisse und die Sprachlosigkeit der Kritik (III+IV)

Nachdem es zu einiger Verzögerung meinerseits kam, dokumentiere ich nun gleich zwei Vorträge aus der Reihe »Nackte Gewalt«.

1. Jordi Maiso: Gegenwärtige Vorgeschichte: Versuch einer Standortbestimmung

Jordi Maiso (u.a. Hrsg. der Constelaciones. Revista de Teoría Crítica) nimmt die Thematik von Arne Kellermanns Vortrag auf und führt sie fort: Was bedeutet es für kritische Theorie, dass sie wirkungslos bleibt in einem historischen Augenblick, in dem tiefgreifende Veränderung mehr denn je geboten, ja überfällig ist, aber nicht stattfindet, sondern die kapitalistisch induzierte Barbarei von der Peripherie in die Zentren zurückkehrt? Er bezieht sich u.a. auf Robert Hullot-Kentor (vgl. A New Type of Human Being and Who We Really Are) sowie auf Schriften von Robert Kurz, Detlev Claussen, Wolfgang Pohrt und Falko Schmieder.

Kritische Theorie, die vielen überholt dünkte, bleibt aktuell, weil blind wirkendes Naturgesetz und gesellschaftlich organisierter Wille ineinander übergehen. Die Vorstellung, dass mit dem Ende des Kapitalismus auch das Ende der Vorgeschichte erreicht wäre, scheint heute nicht mehr haltbar. Wenn der Kapitalismus gegenwärtig vor einem Auflösungsprozess steht, passiert dies nicht auf Grund der bewussten Handlung lebendiger Subjekte, sondern auf Grund der inneren Widersprüchen des »automatischen Subjekts« und der materiellen Widerstände einer Welt, die nicht grenzenlos ausbeutbar ist. Angesichts der Verrohung sozialer Verhältnisse, der enormen Opfer, die das immer mühseligere Weitergehen des business as usual fordert, scheint die Kritik der »Pathologien« der Moderne und der Vernunft bereits eine arge Verharmlosung. Kritische Theorie sieht sich heute genötigt, eine neue Stufe der Vorgeschichte zu begreifen, in der das Misslingen von Subjektivität und Geschichte gewaltsam zutage tritt: Was heißt das für die Theoriebildung, für die Fähigkeit zur Einsicht überhaupt? Wie wirkt das auf die subjektiven Triebkräfte der Kritik? Wie verändert sich unter diesen Bedingungen die Möglichkeit von Erfahrung? Bei aller Dringlichkeit einer gesellschaftstheoretischen Reflexion, die seinem Gegenstand gerecht wird, muss auch die Ohnmacht reiner Theorie mitreflektiert werden: »Für Kontemplation scheint es zu spät«.

2. Joachim Bruhn: Kalkül und Wahn, Vertrauen und Gewalt. Vor dem Ausnahmezustand des Kapitals

Joachim Bruhns (ISF/ça ira Freiburg) Vortrag ist vor allem eine Zitateschlacht mit ideologischem Material aus Druckerzeugnissen von der FAZ bis zur Apothekenumschau, das illustriert, welchen, teils rationalisierten, teils schlicht esoterischen, Unsinn das bürgerliche Bewusstsein hervorbringt, wenn es sich in der Krise auf den »Gegenstand« Geld richtet. Der Vortrag könnte auch den Titel eines anderen Referats tragen, das Bruhn kürzlich in Leipzig gehalten hat: „Gescheites Rindvieh“ – Über die Volkswirtschaftslehre als die Kunst, das Unbegreifliche des Kapitals zur gefälligen Ideologie zu rationalisieren.

Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen. Gleichwohl: Die Gesellschaft der totalen Konkurrenz ist in heller Panik, sie wird sich zersetzen und zerstören. Unmöglich noch kann sie die Bedingung der Möglichkeit ihrer eigenen Existenz aus sich selbst heraus reproduzieren: der vollendet autistische Selbstbezug des Kapitals, die losgelassene Akkumulation um der Akkumulation willen, die »Plusmacherei« (Marx) rutscht ins historische Minus, zerbricht an sich und eben daran, dass die Gesellschaftlichkeit der Individuen als Subjekte bloß auf dem generalisierten Ausschluss aller durch alle gründet, der, eben in den Formen von Wert, Geld, Kapital den totalen Einschluss stiftet, d.h.: die gesellschaftliche Synthesis als vollendet negative. Das ist gewiss paradox: die unbedingte gesellschaftliche Einheit in der Form des totalisierten Atomismus; ein Paradox jedoch, das im Geld dingliche Gewalt annimmt und als »logisches Rätsel« (FAZ) erscheint. In der Panik wird sich die falsche Gesellschaft ihres eigenen Widersinns inne, allerdings in einer nur noch verrückteren Form, einer Form, die das bankrotte Kalkül der Ökonomie vermittels des Wahns der Politik zu therapieren verspricht, tatsächlich zu überbieten sucht: der Form eines paranoiden Souveräns, der den Triumph des Willens über den kapitalen Sachzwang beschwört und so gerade die »Angst vor dem Chaos« schürt, darin die Flucht nach vorn anpeitscht und so auf den autoritären Staat provoziert, auf den Ausnahmezustand, d.h. auf die ursprünglich faschistische Situation: denn nichts anderes ist der »Preis des Marktes« als das politisch, vermittels des Gewaltmonopols auf Leben und Tod erzwungene Opfer der Individuen.

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Fetzen kritischer Theorie in Zeiten konstitutiver Überflüssigkeit

Zur Stellung der Überbleibsel des Denkens zum stacheligen Objekt

In der Reihe »Nackte Gewalt – Die Übermacht der Verhältnisse und die Sprachlosigkeit der Kritik« wandte sich zuletzt Arne Kellermann der etwas ratlos machenden Frage zu, wie mit der realen Ohnmacht kritischer Theorie im Angesicht des perennierenden Elends in der kapitalistischen Peripherie umzugehen ist und warum es nötig ist, Adorno hinter sich zu lassen.

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»Stell dich nicht so an!«

Indizien für eine Rape Culture

Zündfunk Generator-Sendung von Laura Freisberg und Julia Fritzsche über die Allgegenwart sexualisierter Gewalt, Vergewaltigungsmythen und Schuldumkehr.

Triggerwarnung: Sowohl im Einführungstext, als auch im Feature wird sexuelle Gewalt plastisch beschrieben.

Im Sommer 2012 haben zwei Fotoball-Stars eine bewusstlose 16-Jährige wie eine lebendige Puppe von Party zu Party geschleppt und sie mehrfach vergewaltigt. Die Stationen dieser Nacht sind festgehalten auf Fotos, Twitter-Meldungen und SMS. Etliche Zeugen unternahmen nichts. Der Football-Tainer deckte die beiden jugendlichen Täter im Nachhinein. Und die Medien beklagten das zerstörte Leben der beiden Footballstars.
„Rape Culture“ nennen das Beobachter – und meinen damit eine Gesellschaft, die sexuelle Gewalt duldet, verharmlost oder befördert und die Verantwortung auf die Opfer verschiebt. In Deutschland taucht der Begriff „Rape Culture“ in den letzten Jahren zunehmend in feministischen Blogs auf. Massive Kritik an der „Rape Culture“ übt seit 2011 die weltweite Slut-Walk-Bewegung, die gegen falsche Vorstellungen von sexueller Gewalt auf die Straße geht. Denn spätestens seit der deutschen Sexismusdebatte zu Beginn des Jahres 2013 wurde wieder klar: Schuldzuweisungen wie „Hättest Du doch die Bluse zugemacht!“ sind noch immer salonfähig.
Leben auch wir in einer „Rape Culture“? Was hat es mit dem Begriff auf sich? Ist es nur ein feministischer Kampfbegriff für den Wahnsinn, den Frauen täglich erleben? Oder ist es die treffende Bezeichnung für unsere Gesellschaft?
Der Zündfunk Generator spricht darüber mit Anne Wizorek und Julia Brilling, die im Netz anonym sexuelle Übergriffe sammeln, Birte Rohles von Terre des Femmes und Lorena Palasi vom Slut Walk München sowie der Filmwissenschaftlerin Andrea Kuhn und dem Historiker Hiram Kümper, der Vergewaltigungskulturen in der alteuropäischen Kulturgeschichte untersucht hat.

Download: via BR2 | via RS.com (1 h, 55 MB)

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Was bleibt vom Individuum?

Von der Entfremdung des Menschen zum Untergang des Individuums

Die Initiative Sozialistisches Forum Freiburg dokumentiert einen Vortrag zum Begriff des Individuums in der bürgerlichen Gesellschaft, den Lea Bendemann im Rahmen des ISF-Jour Fixe im Juli 2012 gehalten hat. Im ersten Teil setzt sich Bendemann mit den Marxschen Frühschriften und der Spaltung des Individuums in Bourgeois und Citoyen auseinander. Im zweiten Teil befasst sie sich mit Adornos Reflexionen über das Individuum im Zeitalter von (und nach) Auschwitz. Im Dritten bemüht sie sich um den Nachweis, dass Adorno an die Marxschen Frühschriften anknüpft.

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Roger Behrens: Versuche einer kritischen Radiopraxis

Er hielt Rundfunkvorträge, nahm an Gesprächsrunden1 teil, diskutierte im Fernsehen über Fragen der kritischen Theorie, bediente sich des Rundfunks, um im Sinne der Erziehung zur Mündigkeit mit politisch – philosophischen Beiträgen Aufklärung zu leisten: Theodor W. Adorno. Michael Schwarz, Mitarbeiter im Adorno-Archiv, hat allein 114 Rundfunkgespräche gezählt, bei denen sich Adorno vor das Mikrophon setzte. Noch höher ist die Zahl der ausgestrahlten Vorträge im Radio. Durch die Partizipation im öffentlich-rechtlichen Rundfunk versprach er sich seinen Teil zur Entbarbarisierung beizutragen; das Radio als Kommunikationsapparat zu nutzen, statt es wie in der Kulturindustrie zum Volksempfänger zu funktionalisieren.
Das (öffentlich-rechtliche) Radio, das hilft nicht zu verkümmern, ist heute Illusion: Rundfunkanstalten sind vernarrt in die Idee, dass Hörfunk eine Art überall erreichbaren Services sei. Die Konsequenz ist das kleinste zumutbare gemeinsame Vielfache: Musik, die durch den Alltag dudelt und – quasi zusätzlich- Informationen über das Wetter, den Verkehr und das tagesaktuelle Geschehen – möglichst gut und schnell verdaulich. Nicht verwunderlich daher, dass Akteure, die sich in der Tradition der Kritischen Theorie sehen, sehr selten in solchen Formaten zu Wort kommen. Die Wenigen, die dennoch zu hören sind, sind zumeist auf die limitierten Möglichkeiten freier Radios angewiesen. Ein Beispiel liefert Roger Behrens Sendung Freibaduniversität (im Winter Hallenbaduniversität genannt), die er für das Freie Senderkombinat Hamburg und Radio Corax produziert. Einige Sendungen der letzten Monate dokumentieren wir im Folgenden.
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Psychoanalyse und Gesellschaftskritik (III)

Eine kritische Einführung in die Psychoanalyse

Johanna Schmidt hat sich an einer m.E. gelungenen Einführung in die Psychoanalyse im Kontext feministisch akzentuierter Gesellschaftskritik probiert. Ausgehend von einer rudimentären Entfaltung des Begriffs der Gesellschaft im Anschluss an die Marxsche Ökonomiekritik und die Wert-Abspaltungs-Kritik von Roswitha Scholz expliziert sie einige Grundkategorien und -annahmen der psychoanalytischen Theorie (Trieb, Nachträglichkeit, Lustprinzip usw.), wobei sie sich um die Zurückweisung gängiger Vorurteile bemüht. Abschließend diskutiert sie zentrale feministische Einwände gegen Freud.

Der Mitschnitt ist am 08.09.2012 im selbstverwalteten Jugendhaus Erlangen entstanden und enthält eine kurze, etwa zehnminütige Diskussion.

Update: Auf Bitte der Referentin habe ich den Mitschnitt ersetzt durch einen neueren, entstanden in Wien am 24.05.2013. Der Vortrag wurde an einigen Stellen verbessert und die Diskussion ist gehaltvoller.

Download (mp3): via AArchiv (1:25 h, 51 MB)

Download (mp3 oder opus) via Archive.org.

    Download Erlanger Fassung via MF (42 MB).

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Das situationistische Ende der Kunst und sein Ausbleiben

Alles falsch — auf verlorenem Posten gegen die Kulturindustrie

Anlässlich des kürzlichen Erscheinens des Buches »Alles falsch. Auf verlorenem Posten gegen die Kulturindustrie« hat Sebastian Dittmann am 3. Juli 2012 in Halle einen Vortrag gehalten, in dem er zunächst eine kurze Einführung in das Theorem der Kulturindustrie von Horkheimer & Adorno gibt und anschließend über die Spektakel-Kritik der Situationisten referiert. Konklusio des Vortrags ist die Gegenüberstellung der verschiedenen Ausgangsbedingungen Adornos und Horkheimers auf der einen und Debords und der Situationisten auf der anderen Seite und wie daraus unterschiedliche Positionen zum Umgang mit der Kunst entspringen.

Während es üblich geworden ist, innerhalb der Kulturwaren zu differenzieren, um so deren vermeintliche Freiheitspotentiale zu entdecken, haben es sich die Autoren eines vor kurzem im VerbrecherVerlag erschienenen Buches vorgenommen, die Kulturindustrie als das zu kritisieren, was sie ist: Produkt und zugleich Produzentin des falschen Ganzen, als welche sie Theodor W. Adorno zu seiner Zeit verurteilte. Konnte der noch damit rechnen, durch Übertreibung ihre Wahrheit zu treffen, hat die Kulturindustrie unterdessen ihren eigenen Superlativismus übertroffen. „Alles falsch – Auf verlorenem Posten gegen die Kulturindustrie“, heißt das betreffende Buch. Mitherausgeber Sebastian Dittmann stellt es nun vor. In den Mittelpunkt rückt Dittmann dabei die Situationisten um Guy Debord. Debord und Adorno versuchten Mitte des letztens Jahrhunderts das Voranschreiten der Entfremdung seit dem Erscheinen von Marx´ ›Kapital‹ zu fassen. Interessanterweise ist ihre Kritik von „Kulturindustrie“ bzw. „Spektakel“ sich dabei recht ähnlich, manchmal bis in die Wortwahl, aber ihre Schlußfolgerungen unterscheiden sich radikal: Bejahte Adorno die Kunst als letztes Medium von Kritik, verneinten die Situationisten sie, da in der von ihnen erwarteten Revolution die in der Kunst in eine eigene Sphäre ge- und verbannte ästhetische Qualität in die wirkliche Welt zurückgenommen, die Poesie mit dem Leben versöhnt werden sollte; in dieser Aufhebung der Kunst erblickten die Situationisten die „Nordwestpassage“ der proletarischen Revolution. Der Vortrag versucht, zuerst einige zentrale situationistische Begriffe darzustellen und davon ausgehend ihre Kritik der Kunst behandeln; abschließend wird es um die Frage gehen, warum die erwartete Aufhebung der Kunst ausblieb. [via]

    Download via FRN (mp3; 41:41 min; 57,3 MB) | via AArchiv (23,9 MB)
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Leben ohne tote Zeit

Antje Géra und Claus Baumann haben im Februar in Stuttgart über die theoretische Bestimmung gesellschaftlicher Raum-Zeit-Verhältnisse u.a. bei Marx, Benjamin und der Situationistischen Internationale referiert. Im ersten Teil konzentrieren sie sich dabei auf den Begriff der disponiblen Zeit bei Marx, das Problem der Freizeit und die Formbestimmtheit kapitalistischer Produktion. Der zweite Teil enthält eine sehr sympathische und materialreiche Einführung in die Geschichte und kritische Theorie der Situationisten.

Angesichts der Wiederaufnahme offensiverer kritischer Auseinandersetzungen mit den Bedingungen eines möglichen »richtigen Lebens im Falschen« könnte man konstatieren, dass damit auch die Kämpfe um die gesellschaftliche Raum-Zeit neu justiert und mit Vehemenz geführt werden. Nun scheint es jedoch so, als sei angesichts sinnlich wahrnehmbarer Phänomene wie Gentrifizierung, Kommerzialisierung, Branding von (städtischen) Räumen die Problematik vornehmlich eine des Raumes. Uns wird es in den Vorträgen darum gehen, darzustellen, inwiefern gerade die Problematik der Zeit hierbei nicht vernachlässigt werden darf, inwiefern die Problematik wahrhaft freier Zeit ein grundlegendes Moment einer kritischen Gesellschaftstheorie bilden muss. Der Kampf um die freie Zeit stellte gerade für die Situationisten den entscheidenden strategischen Ansatzpunkt zur Veränderung der Gesellschaft in Richtung einer emanzipativen Gesellschaft, da sie eine der Grundbedingungen für Muße. Diese Überlegungen werden wir einbetten und flankieren in kritisch-theoretische Entwürfe eines Begriffs von wahrhaft freier Zeit, wie er sich bei Marx, Benjamin, Adorno reflektiert findet. [via]

  1. Teil 1: Vortrag: via AArchiv (mp3; 41,9 MB; 1:31:23 h) | via Mediafire (62,8 MB) / Diskussion: via AArchiv (mp3; 17,7 MB; 38:38 min) | via Mediafire (26,5 MB)
  2.  

  3. Teil 2: Vortrag: via AArchiv (mp3; 36,6 MB; 1:19:43 h) | via Mediafire (54,7 MB) / Diskussion: via AArchiv (mp3; 21,7 MB; 47:17 min) | via Mediafire (32,5 MB)
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Kritik der Religion – Kritik der Gesellschaft

Wir dokumentieren an dieser Stelle mehrere Vorträge, die auf unterschiedliche Weise das Verhältnis von Religionskritik und Gesellschaftskritik zum Thema haben:

1. Leo Elser – Kritik der Religion / Kritik der Gesellschaft: Im Dezember 2011 hat Leo Elser (Redaktion Pólemos) einen Vortrag in Saarbrücken gehalten, in dem er nach der Aktualität der Religionskritik fragt, angesichts einer Gesellschaft, in der Religion nur noch eine Ware auf einem Markt für Seelenhygiene zu sein scheint. Dies tut er ausgehend von dem Marx’schen Satz, dass die Kritik der Religion Grundlage jeder Kritik sei (Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie) und referiert vor allem zu den Begriffen Kritik, Wahrheit und Vernunft. Insgesamt geht es ihm sehr stark darum, sich von Religionskritik als Ressentiment abzusetzen.

Nach Marx ist die Kritik der Religion die Voraussetzung aller Kritik. Doch besteht auch in gottlosen Zeiten wie den unseren, in denen das Bekenntnis gegen die etablierte Religion zum guten Ton gehört, kein Mangel an Götzen, die der „durch seine Gesundheit erkrankte Menschenverstand“ (Adorno) aufbietet, um nur eines nicht werden zu müssen: Vernunft. Vernunft und Kritik, die in unvernünftigen Verhältnissen notwendig dasselbe sind, teilen mit der traditionellen Theologie aber ihren Bezug auf das Ganze und den Anspruch auf Wahrheit. So wie sich die bloße Meinung gegen die Kirche als Religionskritik missversteht, so auch die Meinung gegen die Banken als Kapitalismuskritik. Beides ist mitnichten „verkürzte Kritik“, die aufs richtige Maß zu verlängern sich linke Intellektuelle zur Aufgabe gemacht haben, sondern zum Ressentiment versteinerte Denkform dessen, was ohnehin ist, aber nicht mehr sein darf, wenn Vernunft wirklich werden soll. Veranstalterin: Rosa Luxemburg Stiftung / Peter Imandt Gesellschaft. [via]

    Download: via AArchiv (mp3; 38,8 MB; 42:22 min)

2.1 Lars Quadfasel – Der heilige Schein des Kapitals: Im Mai 2011 hat Lars Quadfasel (Hamburger Studienbibliothek) im Café Negation in Dresden einen Vortrag über Glauben und Religiosität im flexiblen Kapitalismus gehalten. Er widmet sich sowohl einer neuen, spiritualisierten und individualisierten Glaubenspraxis, als auch einer verkehrten, positivistischen Religionskritik. (Vgl. hierzu seine Vorträge im Audioarchiv und seinen dreiteiligen Text »Gottes Spektakel«: I, II, III.)

Kri­tik der Re­li­gi­on hat es im Spät­ka­pi­ta­lis­mus mit einem Pa­ra­dox zu tun: Die Kir­chen, einst Herrn über Kö­ni­ge und Kai­ser, sind zum Hilfs­in­sti­tut für See­len­hy­gie­ne her­ab­ge­stürzt. Ihre Dome wur­den zu Tou­ris­ten­at­trak­tio­nen, ihre Pre­di­ger zu Show­mas­tern, ihr Papst zum ös­ter­li­chen Grußau­gust. Und doch scheint Gott sich als sen­ti­men­ta­les An­denken an from­me­re Tage pu­del­wohl zu füh­len. Widerlegt, er­le­digt und ent­mach­tet, hat sich die Re­li­gi­on mit ihrem Sturz nicht bloß ar­ran­giert, son­dern dar­aus neue Kraft ge­schöpft. Als Sinnres­sour­ce für die be­son­de­ren Mo­men­te pro­fi­tiert sie vom Tabu, dass nie­mand über die pri­va­ten Fei­er­abend­ver­gnü­gen an­de­rer zu spotten hat. Wer es den­noch tut, er­fährt schnell, dass auch ein Well­ness­gott alles an­de­re als ge­müt­lich ist. Spä­tes­tens seit dem welt­wei­ten Erfolg der is­la­mi­schen Glau­ben­sof­fen­si­ve gel­ten auch im Wes­ten »re­li­giö­se Ge­füh­le« wie­der als schüt­zens­wer­tes Gut: Woran einer glau­be, und sei es an Dji­had, Scha­ria und Frau­en­hass, ver­die­ne al­le­mal Re­spekt. Seit­her ver­zeich­nen auch die christ­lich-​kul­tur­in­dus­tri­el­len Gottesspek­ta­kel wie­der Zu­schau­er­re­kor­de; und wer es statt der ein­ge­bo­re­nen Kulte lie­ber etwas exo­ti­scher hat, ju­belt einem ab­ge­setz­ten tibe­ta­ni­schen Feu­dal­herrn zu. Aus dem zwang­haf­ten Drang, an ir­gend etwas zu glau­ben, spricht frei­lich nichts als der Wunsch nach einem Halt, egal woran: nach un­be­ding­ter Au­to­ri­tät. Ador­no nann­te der­ar­ti­ge Pseu­do­re­li­gio­si­tät, die von Blas­phe­mie kaum zu un­ter­schei­den ist, den »un­ge­glaub­ten Glau­ben«. Des­sen Be­deu­tung ver­fehlt die Mehr­zahl derer, die laut­stark gegen Kir­chen­ta­ge und Papst­be­su­che mobil machen. An­ti­kle­ri­ka­le Ak­ti­vis­ten in­sze­nie­ren sich als mi­li­tan­te Vor­hut des all­ge­mei­nen Com­mon Sense, wäh­rend ihre in­tel­lek­tu­el­len Stichwort­ge­ber, Chris­to­pher Hit­chens oder Ri­chard Daw­kins, den Hei­li­gen Schrif­ten Feh­ler nach­wei­sen und dabei Re­li­gi­on ein­mal mehr auf Priestertrug re­du­zie­ren. Deren Po­si­ti­vis­mus stößt sich an dem theo­lo­gi­schen Dogma, dass das, was ist, nicht alles ist: an genau dem un­be­ding­ten Wahr­heits­an­spruch also, den der Ma­te­ria­lis­mus zu ret­ten hätte – vor un­gläu­bi­gen Pfaf­fen wie vor gläu­bi­gen Athe­is­ten.

Lars Quad­fa­sel ist as­so­zi­iert in der Ham­bur­ger Stu­di­en­bi­blio­thek und schreibt u. a. für kon­kret, Jung­le World und das Bre­mer Ex­tra­blatt. Seine Auf­sät­ze zu »Buffy the Vam­pi­re Slay­er« sind so­eben im Sam­mel­band »Hor­ror als All­tag« im Ver­bre­cher Ver­lag er­schie­nen. [via]

    Download: via AArchiv: Teil 1 (mp3; 29,8 MB; 52:09 min) + Teil 2 (mp3; 32,9 MB; 57:33 min) | via Soundcloud

2.2 Kritik an Religion und Religionskritik (Interview): Zum selben Thema gab es im Oktober im Rahmen der Mobilisierung gegen den Papstbesuch in Erfurt ein Seminar mit Lars Quadfasel, wozu im Vorfeld ein Interview mit ihm auf Radio FREI geführt wurde:

    Download: via FRN (mp3; 19,5 MB; 21:15 min)

3. Magnus Klaue – Ornament und Verbrechen: Die HUmmel-Antifa hat im November einen Vortrag zum Thema mit Magnus Klaue organisiert. Klaue spricht zunächst über den Zusammenhang von Protestantismus, Atheismus und Pädagogik und vergleicht dann Protestantismus und Katholizismus im Bezug auf den jeweiligen Stellenwert von Wort, Bild und Ornament. Er formuliert eine Kritik an den Protesten gegen den unweit zurückliegenden Papstbesuch und vergleicht u.a. den Pluralismus der Zivilgesellschaft mit dem Kompromiss der Ökumene. Zentral ist für den Vortrag auch ein ästhetischer Aspekt des Vergleichs zwischen Katholizismus und Protestantismus, den er u.a. an dem Film »Das Weiße Band« von Michael Haneke, aber auch an verschiedenen Beispielen der Literatur diskutiert. Ein weiterer Aspekt ist das Bilderverbot in beiden Konfessionen. Zuletzt spricht er über die Novelle »Die heilige Cäcilie und die Gewalt der Musik« von Heinrich Kleist. Der Titel des Vortrages ist dem Text »Ornament und Verbrechen« von Adolf Loos entnommen, der sich im Begründungszusammenhang einer extremen Fortschrittslogik für eine Wegrationalisierung jeder Ornamentik ausspricht.

Zu den gängigen Argumenten derer, die dem Protestantismus gegenüber dem vermeintlich archaischen Katholizismus ein größeres „emanzipatorisches Potential“ zutrauen, gehört die Feststellung, jener habe mit dem Primat des Wortes gegenüber dem Bild und mit der Beseitigung von sinnlichem Prunk zugunsten der universalen Geltungskraft des Logos innerhalb des Christentums die Aufklärung gegenüber dem Mythos betrieben. Doch die Dialektik der Aufklärung bestimmt auch das Verhältnis von Sinnlichkeit und Geist in den beiden christlichen Konfessionen selbst. Nicht nur brach sich der Protestantismus mit der Reformation in einer barbarischen Massenbewegung Bahn, der es nicht um die Sublimierung der Sinnlichkeit zum Geist, sondern um Durchsetzung einer christlichen Volksvernunft, um Zwangsversöhnung von niedergehaltenem Trieb und autoritärem Dogma, zu tun war. Auch der protestantische Ikonoklasmus attackierte anders als das jüdische Bilderverbot das Bild nie, um dessen Bann zu brechen, sondern um das in seinem Schein aufleuchtende Versprechen von Versöhnung, das von seinem Bann freilich nicht zu trennen ist, zu exorzieren. Während in der Verherrlichung ästhetischen Scheins im Katholizismus, der immer auch überstrahlt, was er ausdrückt, die Dialektik von Bild und Begriff lebendig bleibt, vernichtet der Protestantismus mit dem Bild auch den Logos, der es zu transzendieren vermöchte. Im Hass auf das Ornamentale kündigt sich eine neue Sachlichkeit an, die mit allem Nutzlosen auch alles Lebendige aus den Herzen der Menschen tilgen möchte. Menschenfreundlich wird der Protestantismus immer nur dort, wo er der ihm eigenen Barbarei gewahr wird. Zu welcher Erkenntnis er dann fähig ist, soll an der Novelle eines der unheimlichsten Protestanten der Literaturgeschichte, an Heinrich von Kleists „Die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik“, veranschaulicht werden. [via]

    Download: via AArchiv (mp3; 32,9 MB; 57:27 min) | hören: via Soundcloud

4. Ulrike Eichler – Gott außer Landes. Zur Erfahrung seiner Abwesenheit in der Mystik: Ein Vortrag aus dem Programm von »Weimar denkt«, einem vom Weimarer Friedrich-Nietzsche-Kolleg organisierten Vortragsprogramm. Die Referentin spricht aus einer evangelisch-theologischen Perspektive über insbesondere weibliche Mystikerinnen und deren Differenz zu einer »abstrakt-metaphysisch orientierten« Theologie. Für die größtenteils religionskritischen, atheistischen, säkularen NutzerInnen des Audioarchivs, ist der Vortrag vielleicht als ein Einblick in innertheologische Debatten interessant (u.a. auch die bemerkenswerte, aber sicher nicht zufällige Tatsache, dass auch hier über Nietzsche und Derrida diskutiert werden darf). Insgesamt ist mein Eindruck, dass die im Vortrag beschriebene Suchbewegung eine nach einem sinnlich spürbaren Halt in der Welt ist, ohne diese eigenhändig verändern zu müssen. Dabei kommt m.E. ein Subjektivismus zum Ausdruck, den Elser und Quadfasel in ihren Vorträgen jeweils angesprochen haben. Die Diskussion ist aufgrund des hohen Geräuschpegels im Hintergrund etwas schwer verständlich.

    Download: Vortrag (mp3; 27,3 MB; 47:38 min) | Diskussion (mp3; 18,9 MB; 18:55 min)
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Moral und Interesse

Sachzwang FM hat mal wieder einen GSP-Vortrag gesendet:

Hübscher Aufklärungs- und Agitationsvortrag von Rolf Röhrig zum Thema »Die Moral und ihre Werte«. Sehr allgemeinverständlich wird zunächst die Funktion des Moralisierens in der bürgerlichen Gesellschaft entlarvt, bevor en detail die Tugenden des Fleißes, der Sparsamkeit, der Bescheidenheit, der Ehrlichkeit, des Altruismus und der Höflichkeit untersucht werden. [FRN]

Download: via AArchiv | via MF (2 h, 43 MB)

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Konterrevolution & Revolte

In der letzten Ausgabe der Freibaduniversität sendete Roger Behrens einen Vortrag über »Aufstände, Wutbürger und den Wunsch, dass irgendwas bleibt«, den er im April 2011 in Kiel gehalten hat. Er skizziert darin zunächst die kulturellen Umbrüche in den 60er/70er Jahren (»postindustrielle« Produktion, postmodernes Wissen, Pluralisierung von Sinn, Individualisierung der Kultur, Kulturalisierung gesellschaftlicher Phänomene), um daran anschließend dann den »Wutbürger« als autoritären/konformen Charakter zu beschreiben. Skizzenhaft referiert er über das Verhältnis des Wutbürgers zum Staat, über den Wegfall verbindlicher politischer Positionen in der Protestbewegung und die moralischen Finessen der gegenwärtigen öffentlichen Debatten.

    Download: via AArchiv (mp3; 36,2 MB; 1:03 h)
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Diskussion über den kommenden Aufstand

Schon vor einiger Zeit hat mir Alex von Radio Corax den Mitschnitt einer Diskussionsveranstaltung über den schon so oft besprochenen Text „Der kommende Aufstand“ zukommen lassen – angesichts des Umstandes, dass jede Fraktion aller möglichen linken Weltanschauungen ihre Position an der Stellung zu dieser Flugschrift markieren muss, schien es mir sinnvoller, sich mit anderen Texten auseinanderzusetzen und sich nicht von diesem Hype um den kommenden Aufstand blöd machen zu lassen. So blieb der Mitschnitt dieser Veranstaltung einige Zeit ungehört und unbearbeitet liegen, den ich nun den Nutzer_innen des Audioarchivs doch nicht vorenthalten will, da die Diskussion hier doch recht hörenswert ist. Hanna Mittelstädt (Edition Nautilus), Karl-Heinz Dellwo (Ex-RAF-Mitglied), Andreas Blechschmidt (Rote Flora, Jungle World, taz) und Thomas Ebermann (bekannter linker Kommunist) sind an der Diskussion beteiligt, die am 25. Mai 2011 im Golem in Hamburg stattfand.

Download:

    via FRN: Teil 1 (41,8 MB), Teil 2 (44.1 MB), Teil 3 (44,1 MB)
    via AArchiv (mp3; 71,3 MB; 2 h 4 min 31 sec)
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