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Libertärer Literat und Lebemann #4

Glos­sen von und über Erich Müh­sam

7.) 1920 bis 1924 saß Erich Mühsam, dessen einziges Verbrechen darin bestand, an einem sozialrevolutionären Versuch der Abschaffung von Herrschaft und Ausbeutung beteiligt gewesen zu sein, wie viele andere zur Strafe in Festungshaft ein (gemeint ist die Münchner Räterepublik – siehe dazu Beitrag 4 der Reihe). Auch dort wollte er auf die Abfassung seines Tagebuchs nicht verzichten, selbst nachdem der reaktionäre Strafvollzug sich dieser seiner privaten Aufzeichnungen wiederholt bemächtigt hatte, um sie, teilweise öffentlich, gegen ihn und seine GenossInnen zu verwenden. Von diesem Zermürbungsversuch und den wenig erfolgreichen Versuchen Mühsams, mit ihnen umzugehen, handelt ein hörenswertes Feature von Johannes Ullmaier. Unter dem Titel »Selbstgespräche mit der Macht« vollzieht er den gesamten Prozess nach und reflektiert durchgängig auf die Frage, »inwieweit das, was im Rückblick als Entgleisung präfaschistischen Klassenjustizvollzugs erscheint, heute mit den Möglichkeiten digitaler Überwachung nicht allgemeiner Standard zu werden droht und wie man sich dagegen wehren kann«.

Weitere Informationen zu Feature und Autor:

Selbstgespräche mit der Macht. Erich Mühsams Tagebücher
BR Nachtstudio vom 17.01.2012

Vier Jahre saß der Dichter Erich Mühsam in Ansbach in Festungshaft, vier Jahre, in denen er fleißig Tagebuch führte. Mehrmals hat die Gefängnisleitung das Buch konfisziert. Das hat den Autor und seinen Text sehr beeinflusst.

Die schlimmen und absurden Konsequenzen, die daraus erwuchsen, werfen die Frage auf, inwieweit das, was im Rückblick als Entgleisung präfaschistischen Klassenjustizvollzugs erscheint, heute mit den Möglichkeiten digitaler Überwachung nicht allgemeiner Standard zu werden droht und wie man sich dagegen wehren kann. Johannes Ullmaier durchleuchtet Erich Mühsams Tagebücher in der Festungshaft von 1920 bis 1924 auch unter dem Aspekt des Vorscheins digitaler Überwachung durch den Staat.

Außergewöhnliche Tagebücher

Unter den vielen Arten, tägliche Aufzeichnungen zu führen, bilden die ca. 10.000 Seiten, die Erich Mühsam ab 1910 beschrieben hat, einen einmaligen Fall. Chris Hirte, Herausgeber der bislang veröffentlichten Teile, hat sie als „Selbsterziehung eines Anarchisten“ charakterisiert, als unermüdlichen Versuch, eine ordnende Reflexionsinstanz in den eigenen, turbulenten Lebensvollzug einzuziehen. Abgesehen davon diente das Tagebuch dem Dichter auch als Werkstatt für bei Gelegenheit ’spontan‘ zu verschießende Bonmots und künftige Publikationen, mit dem Effekt, dass der Stil zwischen Mühsams Tagebuch und seinen Veröffentlichungen, anders als etwa bei Thomas Mann, kaum differiert: Seien es heimlichste Geständnisse oder leitartikelnde Pamphlete, überall hört man den schwungvollen Rhetor; immer spricht er wie vor einem Auditorium.

Was ist privat, was ist öffentlich?

Nach der Konfiszierung seines Tagebuchs schreibt Erich Mühsam weiter, allerdings mit einem anderen Bewußtsein. Von nun an schreibt er immer mit der Angst im Hinterkopf, dass sein Tagebuch jederzeit von den Gefängniswärtern gelesen werden könnte. Dieses private Schreiben im Schein der Öffentlichkeit in den 1920er Jahren vergleicht Johannes Ullmaier in dieser Sendung mit dem unseren Tagebuch und Blogeinträgen heute. Denn heute ist, zumindest alles Schreiben im digitalen Raum, tendenziell immer öffentlich, genauso wie jedes Foto, jeder Film und jeder Ton jedezeit im Internet auftauchen kann. Was ist dann aber noch privat?

Erich Mühsam war Schriftsteller und Politiker. Er gehörte zu den wesentlichen Protagonisten der Münchner Räterepublik 1919. Geboren am 6. April 1878 in Berlin, am 10. Juli 1934 von SS-Männern im KZ Oranienburg ermordet. Erich Mühsam schrieb Dramen, Lyrik und Lieder. Außerdem war er als Journalist und Publizist tätig.

Über den Autor:
Johannes Ullmaier, Literaturwissenschaftler, als Akademischer Rat am Deutschen Institut der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, Mitbegründer und -herausgeber des Magazins „testcard“, Autor des Buches „Von Acid nach Adlon und zurück“ (2001).

Download: via BR | via MF (~1 h, 55 MB)

8.) Johannes Ullmaier hat bereits 2008 beim Chaos Computer Club einen Vortrag zum selben Thema gehalten: »Erich Mühsams Tagebücher in der Festungshaft. Ein Idyll aus der Analogsteinzeit der Überwachung«. Vermutlich ist das Feature hörenswerter als Vortrag.

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Recht auf Stadt & Recht auf Party

Auf Radio Corax werden immer wieder sehr hörenswerte Features gesendet. Zwei davon seien hier dokumentiert:

Zur Ambivalenz der heutigen und der anderen Stadt: Im Feature kommen sowohl Vertreter_innen der Anti-Gentrifizierungsbewegung zu Wort, als auch die Kritiker_innen dieser Bewegung. Zu hören sind Andrej Holm (Stadtsoziologe), Gesine Leyk (Radio Corax), Roger Behrens (Philosoph), Karsten Jost (Initiative Media Spree versenken), und Jean Baudrillard.

Seit einigen Jahren beklagen Initiativen, die Gentrifizierung bekämpfen, eine neoliberale Stadtpolitik, die sich dem Regime der Kapitalakkumulation unterwirft. Doch ist dieses Regime wirklich so neu? Und was ist eigentlich vom utopischen Moment einer Auseinandersetzung mit Städten geblieben? Ein Moment, der nicht für Mitgestaltung, sondern für das Recht auf ein ganz anderes Leben steht. Wir sprechen mit Menschen, die sich weigern die (städtische) Realität als die einzig Mögliche anzuerkennen und wir sprechen mit Menschen, die sich im Bereich des Möglichen versuchen zu behaupten. [via]

Bis zur Revolution… Gedanken zum Hedonismus: Diskutiert wird das Konzept des Hedonismus in seiner Widersprüchlichkeit innerhalb und außerhalb der linken Szene. Zu Wort kommen Torsun (Egotronic), Chris (Beatpunk), Sebastian Tränkle (Vgl. Phase 2 (Ausgabe 33) – „Alle Lust will Ewigkeit“), Johannes Ullmaier (Testcard), Jan Gerber (Vgl. Bahamas 57 – „Die Partei des Glücks“), Nina Scholz (Hate Mag), Mark Terkessidis (Mainstream der Minderheiten) und Vertreter der Hedonistischen Internationale.

Nicht selten ist das, was als links und revolutionär angepriesen wird, vom selben Arbeits- und Konkurrenzfetisch geprägt wie im Bestehenden. Für einige bleibt da nur noch der Rückzug aus den praktischen Zusammenhängen ins Reich der reinen Kritik, aus dem heraus sich ab und an in einer hedonistischen Party gegönnt wird. Nicht die schlechteste Idee, findet Sebastian Tränkle, der hier in den nächsten Minuten (auch) zu Wort kommen wird. Für Tränkle verlangt dennoch die Kritik Reflexion auch in Bezug aufs Feiern. Wird der Abschlag nämlich fürs Ganze genommen, dann ist auch die Suche nach dem guten Leben nur die Einrichtung in den jämmerlichen Gegebenheiten des Kapitalismus. Ein Collage zum Hedonismus als Ideologie der Selbstbefreiung. [via]

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