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„Voller Entsetzen, aber nicht verzweifelt“. Über Mihail Sebastian

Wie in allen großen Werken der Literatur erzeugt Sebastians Tagebuch eine eigene Aktualität. Es heute, mehr als ein halbes Jahrhundert nach seiner Entstehung, zu entdecken und zu lesen, ist ein erschütterndes und überwältigendes Erlebnis.“ (Claude Lanzmann)

Nach einigen Sammelbeiträgen veröffentlicht das Audioarchiv mal wieder eine einzelne Radiosendung. Es handelt sich um eine ältere Aufzeichung vom FSK aus Hamburg, die das Leben und Werk vom rumänischen Victor Klemperer, Mihail Sebastian, thematisiert. Melanie Baer (Redaktion „Bühnenworte“), Jorinde Reznikoff and Klaus-Peter Flügel (neopostdadasurrealpunkshow) sprachen aus Anlass einer szenischen Lesung im Jahr 2010 im Politbüro mit Berthold Brunner und Thomas Ebermann. Auszüge der Lesung sind in der Sendung zu hören.

Aus der Ankündigung der Lesung mit Ebermann und Robert Stadlober:

Die erst vor wenigen Jahren veröffentlichten Tagebücher von Mihail Sebastian erhielten begeisterte Kritiken u.a. von Philip Roth, Arthur Miller und Claude Lanzmann. Robert Stadlober, Thomas Ebermann und Berthold Brunner haben eine szenische Lesung aus den Tagebüchern erstellt. Sebastian schildert eindrucksvoll die politischen Verhältnisse der 30er und 40er Jahre in Rumänien. Als Literaturkritiker, Autor und Übersetzer in der KünstlerInnenszene von Bukarest erlebt er die Zuspitzung der antisemitischen Propaganda und den Terror der faschistischen »Eisernen Garde«. Einige seiner engen FreundInnen werden zu überzeugten AnhängerInnen des Faschismus.

Mihail Sebastian beschreibt die sich steigernden antisemitischen Maßnahmen der Regierung des Marschalls Antonescu minutiös, von der Erhöhung der Mieten für Jüdinnen und Juden und der Beschlagnahme seiner geliebten Ski und des Radiogeräts, bis zu den Razzien und Deportationen. Die Tagebücher bieten einen Blick in den Alltag aus Diskriminierung und Furcht, aber auch in Momente der Hoffnung und literarischer Leidenschaft.

»Mihail Sebastian war ein junger Mann im Aufstieg, ein 28-jähriger rumänischer Jude, dessen Talent ihm von der Provinz in die besten Künstlerkreise Bukarests getragen hatte. Er schrieb Romane und Essays. Er schriebt Stücke. Er trank Champagner in Cafés und kostete jeden fiebernden Moment seiner Liebesaffairen voll aus. Er füllte umfangreiche Tagebücher mit ungestümen Urteilen und genauen Beobachtungen. (…). Er ist beides, idealistisch und ehrgeizig. Er versucht manchmal den Zyniker zu spielen, doch seine intellektuellen Skrupel hindern ihn daran. Die besten Tagebücher verbergen nicht die Risse und Abbrüche in unseren Leben. Sie verstecken nicht unsere Beteiligung an dem, das nach dem Urteil der Geschichte Engstirnigkeit und Egoismus genannt wird. Sebastian macht sich Sorgen: Was ist mit meiner Karriere? Meiner abflauenden Liebesaffaire? Ist es richtig, das Schicksals meines Theaterstücks zu betrauern, während Europa beinahe zusammenbricht?

Sebastian zeigt uns, wie das Unbedeutende und das Gewichtige sich mischen. Die Politik kappt nicht so schnell die alten Verbindungen. Der Krieg löscht den Egoismus nicht aus. Seine Ehrlichkeit gehört zu den stärksten Aspekten, die am meisten berühren. Wieder und wieder weigert er sich, seine Reaktionen vereinfacht abzubilden: So edle Motive vorzuschieben, wo er ehrgeizig ist, oder edlen Zorn, wo er sicher ist, all dem Verrat und den entsetzlichen Behandlungen wirklich entgegentreten zu können.« (New York Times)

    Download: via AArchiv (mp3; 87.2 MB; 54:25 min)
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