Tag-Archiv für 'korporativismus'

Vortragsreihe über Johannes Agnoli

Wir dokumentieren hier eine Reihe von Vorträgen, die Ali Ma 2019 an verschiedenen Orten in Leipzig gehalten hat. In den vier Vorträgen gibt Ma eine Einführung in je verschiedene Aspekte des Werks von Agnoli. Die Vorträge haben einen sehr grundlegenden und einführenden Charakter. Alle Vorträge können auch bei Mixcloud nachgehört werden, unsere Dateien sind leicht nachbearbeitet.

1.) 1968 und die Folgen – Johannes Agnoli und die ApO

Im ersten Vortrag geht Ma auf Agnolis Reflexionen über 1968 ein (bei ça ira erschienen in einem Sammelband). Um ein Verständnis herzustellen, schildert er zunächst wichtige Ereignisse um 1968 herum und den Verlauf der Bewegung. Anschließend skizziert er, wie Agnoli sich auf die Bewegung von 1968 bezog, wobei das Verhältnis von Erfolg und Niederlage sowie der Begriff der Desintegration hervorgehoben werden. Außerdem geht der Vortrag auf das Faschismus-Verständnis von Agnoli ein. Zuletzt erfolgt ein Ausblick auf das, was für Agnoli „Subversion“ bedeutet. Der im Vortrag erwähnte Film „Das negative Potential“ findet sich hier – die Dokumentation über die Schlacht am Tegeler Weg, auf die im Vortrag ebenfalls Bezug genommen wird, findet sich hier – die Fernsehdiskussion mit Rudi Dutschke und Daniel Cohn-Bendit von 1978 hier.

1968 ist für die Linke und deren Praxis ein wichtiger Ausgangspunkt. Es entstanden Protest- und Organisationsformen, die bis heute prägend sind. Diese wurden in den 70er Jahren weiterentwickelt und beeinflussten die Entstehung der Neuen Sozialen Bewegungen. Um diese besser zu verstehen und einzuordnen sollten die Ereignisse von 68 genauer betrachtet werden.

Agnoli war selbst ein Protagonist dieser Zeit. Als Mitbegründer des Republikanischen Clubs 1967 wirkte er auf die damaligen Proteste ein und verfasste bereits währenddessen wichtige Reflexionen.

Als Professor für Politikwissenschaft an der FU Berlin von 1972 bis 1990 beeinflusste er maßgebend die studentische Linke. Seine politisch-ökonomischen Analysen auf Grundlage der marxistischen Theorie zielten auf eine emanzipatorische Praxis.

In dem Sammelband 1968 und die Folgen wirft Agnoli einen kritischen Blick auf die Revolte. Er beschreibt die Außerparlamentarische Opposition und hinterfragt ihre Wirkung. Dabei greift er die wichtigsten Diskussionen über Theorie und Praxis der Bewegung auf. Provokation und Öffentlichkeit, Basisdemokratie und Willensbildung sind die großen Schlagwörter dieser Zeit. Weitere Themen die im Vortrag anhand seiner Texte vorgestellt werden, sind seine Analyse des Faschismus und der Begriff der Klassenautonomie. Damit setzt er sich erstens mit der Diskussion der damals beginnenden Aufarbeitung des Nationalsozialismus auseinander und bespricht zweitens die Frage nach emanzipatorischen Veränderungen in einer kapitalistischen Gesellschaft.

Der Vortrag soll einen ersten Einstieg in Agnolis Theorien bieten und zu einer kritischen Diskussion über die 68er Ereignisse beitragen.

    Download: via AArchiv (mp3; 107.9 MB; 1:07:19 h)

2.) Die subversive Theorie – Negation und Widerstand

Im zweiten Teil stellt Ma das Buch „Die subversive Theorie“ vor, das eine Verschriftlichung der Vorlesungsreihe enthält, die Johannes Agnoli im Wintersemester 1989/90 an der FU Berlin gehalten hat und einen ideengeschichtlichen Abriss des subversiven Denkens beinhaltet. Während er nur kurz auf die Häretiker des Mittelalters eingeht, rekonstruiert Ma vor allem die begriffliche Essenz des Buches: Den Begriff der Subversion und damit eng verbunden die Begriffe von Negation und Destruktion.

Im Vortrag wird es um eine Annäherung und eine Bestimmung des Begriffs Subversion bei Johannes Agnoli gehen. Sein Buch „Die Subversive Theorie – Die Sache selbst und ihr Geschichte“ basiert auf einer Vorlesung von 1989/90 und ist als Ideengeschichte konzipiert. Agnoli untersuchte Theoretiker_innen von der Antike bis zur Französischen Revolution, die aus seiner Sicht subversiv handelten. Kurz zusammengefasst bedeutet Subversion Herrschaftskritik mit der gleichzeitigen Bewahrung von errungenen Fortschritten und die Benennung von Möglichkeiten der gesellschaftlichen Transformation. Um sich ein Bild davon zu machen, was das genau bedeutet, werden im Vortrag drei wichtige Aspekte genauer betrachtet: Die Vorbereitung auf die Revolution, Theorie&Praxis und die Negation des Bestehenden. Das Besondere an Agnolis Buch ist seine spezielle Form der Dialektik, die er hier veranschaulicht. Denn der Subversion gehe es nicht um die Negation der Negation, sondern um die Negation destructio. Diese spiegelt sich in seiner fesselnden Analyse der Geschichte wieder und macht die Aktualität seiner Herrschaftskritik aus.

    Download: via AArchiv (mp3; 69.9 MB; 43:37 min)

3.) Der Staat des Kapitals – Ein Beitrag zur Kritik der Politik

Den dritten Vortrag hat Ali Ma gemeinsam mit einem Genossen gehalten. Die beiden geben zunächst einen Überblick über linke Staatstheorien, wobei sie vor allem auf die Staatsmonopol-Kapitalismus-Theorie und die Staatsableitungsdebatte eingehen, die Johannes Agnoli sowohl aufgenommen als auch kritisiert hat. Sie rekonstruieren dann Agnolis Staatskritik, in der Agnoli den Staat als ein gesellschaftliches Verhältnis begreift, in dem Herrschaft abstrakt vermittelt ist. Zugrunde liegt hier Agnolis Buch „Der Staat des Kapitals“ (als PDF hier). Die Aufnahme ist leider stark verhallt – daher verweisen wir auf diesen Beitrag, in dem es um Agnolis Buch „Transformation der Demokratie“ geht und seine Staatskritik ebenfalls besprochen wird und auf diese Beiträge zur Staatskritik.

Was ist eigentlich der Staat? Nach Johannes Agnoli ist der Staat der konkrete politische Ausdruck der unterdrückenden Gesellschaft. Er hat im bestehenden System eine gewisse Autonomie gegenüber der Ökonomie, wird aber von dieser in seinem Handlungsspielraum begrenzt. Mit dem Staat ist daher keine Emanzipation und aufgrund seiner herrschaftlich verfassten Form auch kein progressiver Fortschritt zu machen. Um die Relevanz dieser Positionen zu verstehen wird im Vortrag zuerst mit gängigen linken Vorstellungen über den Staat aufgeräumt. Der Staat ist weder ein reines Unterdrückungselement der Kapitalisten, noch bloßer Überbau, hinter dem sich das Kapital versteckt. Sondern er ist konkreter Ausdruck eines Herrschaftsverhältnisses zwischen den Menschen. Er ist Reproduzent und Organisator der Gesellschaft, zudem unterdrückt er soziale Konflikte. Zum Abschluss des Vortrags werden Möglichkeiten der Überwindung des bürgerlich-kapitalistischen Systems diskutiert und welche Aktualität “Der Staat des Kapitals” heute noch hat. Ziel ist es eine Debatte über aktuelle Formen linker Staatskritik anzustoßen und neue, so wie radikale Perspektiven zu eröffnen.

    Download: via AArchiv (mp3; 100.7 MB; 1:02:52 h)

4.) Faschismus ohne Revision – Der italienische Korporativismus

Im vierten Vortrag stellt Ali Ma Agnolis Buch „Faschismus ohne Revision“ vor. Er gibt eine Einführung in die Geschichte des italienischen Faschismus, den er in seinen verschiedenen Phasen skizziert. Im Zentrum steht dabei der Korporativismus als ökonomisches Modell des Faschismus. Er geht außerdem auf den Begriff des Postfaschismus ein, der im Anschluss an Agnoli entwickelt wurde – es geht dabei um die Fragestellung, welche Vermittlungsfunktionen vom Faschismus in die Nachkriegsgesellschaft eingegangen sind. Zuletzt kritisiert er bei Agnoli den geringen Stellenwert des Antisemitismus in der Faschismuskritik. [Anmerkung des Referenten: Minute 15:03 muss „Italien“ hat an der Seite der Franquisten eingegriffen heißen und nicht „Spanien“.]

>Johannes Agnoli analysierte in Faschismus ohne Revision den italienischen Faschismus der 20er und 30er Jahre. Seine Grundthese war, dass der Kapitalismus den Faschismus hervorbringt, in Zeiten in denen die Wirtschaft in der Krise ist und daher eine politisch-autoritäre Stabilisierung benötigt. Historisch wurde dies in Italien durch die Einführung des Korporativen Systems bewerkstelligt. Eine Zusammenarbeit von Unternehmen, Arbeiter_innen und Regierung um gemeinsam die Wirtschaft zu verwalten. Das Besondere daran ist, dass der Klassengegensatz des Kapitalismus dadurch anerkannt wird. Die Aufgabe besteht darin ihn zu verrechtlichen und damit in kontrollierbare Bahnen zu lenken. Das Ziel war, das es zu keinen sozialen Konflikten kommt.

Anschließend an Agnolis Faschismusanalyse wurde der Begriff des Postfaschismus entwickelt. Damit sind autoritäre Kontinuitäten in den nachfaschistischen Staaten gemeint die bis heute fortbestehen. Genau diese Weiterexistenz in den bestehenden Systemen, sowohl auf staatlicher als auch auf gesellschaftlicher Ebene ist die eigentliche Gefahr, die sich aktuell stellt. Es geht also nicht um die Möglichkeit eines neuen faschistischen Staates, sondern das es diesen bereits gab.

Im Vortrag werden Agnolis Thesen des Korporativismus und des Postfaschismus vorgestellt und ihre Aktualität für die Analyse bestehender gesellschaftlicher Verhältnisse besprochen.

    Download: via AArchiv (mp3; 77.1 MB; 48:09 min)
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