Tag-Archiv für 'kultur'

Lorettas Leselampe

Sie gehört zu den anspruchsvollsten Sendungen der deutschsprachigen freien Radios. Seit Mitte der 1990er Jahre werden unter ihrem Licht Veröffentlichungen besprochen, die von den Hörern und Hörerinnen sonst potentiell nicht wahrgenommen werden würden. Immer wieder gelang es mit ihr Positionierungen aufzuzeigen und Scheuklappen zu lüften. Ihre klare Position gegen den Antisemitismus in der Linken und ihre Vorliebe für die Kritische Theorie, hoben sich angenehm von vielen anderen Produktionen der freien Radios ab. Auch weil sich die Produktionsbedingungen für sie in den letzten Jahren verschlechtert haben (die Redaktion verkleinerte sich und die verbliebenen Mitglieder verteilen sich auf unterschiedliche Städte), soll sie im Folgenden gewürdigt werden: Lorettas Leselampe vom Freien Sender Kombinat Hamburg.

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Reflexionen über die Kulturindustrie

Im Rahmen der Sendung Klärwerk hat Marius Meier von Radio Z Nürnberg im Juli 2012 ein interessantes Interview mit Detlev Claussen geführt, das in eine Reihe von Reflexionen über Begriff und Wirklichkeit der Kulturindustrie eingebettet ist. Sowohl eine knappe Einführung in die Kritik der Kulturindustrie wird geboten, als auch die Frage nach ihrer Aktualisierung (insb. hinsichtlich des WWW) gestellt. Interessant sind Claussens Ausführungen zum Verhältnis des Internets zur (Halb-)Bildung sowie zum Eindringen der Verwalteten Welt ins Individuum.

Download: via AArchiv (0:28 h, 10 MB), via Radio Z (26 MB) | via FRN (0:23 h, 33 MB, Interview ohne Kommentar!)

Im Rahmen unserer letzten Sendung beschäftigten wir uns eine Stunde lang mit der Theorie der Kulturindustrie.

Ein wechselhafter Sommer hat begonnen, und während andere Medien sich vor allem einer ressentimentbehafteten Berichterstattung über die Folgen der Schulden- und Wirtschaftskrise widmen, will das Klärwerk heute die Frage nach den Verhältnissen und Rahmenbedingungen stellen, unter denen sich Kultur im Jahre 2012 abspielt.
Der Begriff der „Kulturindustrie“ geisterte noch vor 20 Jahren häufiger durch Zeitungen und Magazine und wurde häufig im Sinne der kulturkonservativen Konstatierung eines vermeintlichen Werteverfalls missbraucht. Heutzutage gibt es kaum mehr öffentliche Debatten, die sich seiner bedienen.Wir versuchen im Rahmen unserer Themenstunde in die Theorie der Kulturindustrie einzuführen.

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Kritische Theorie und Emanzipation

Wir stellen stellen im Folgenden Download-Versionen der von der Bielefelder Association Critique dokumentierten Aufzeichnungen der Tagung Kritische Theorie und Emanzipation bereit. Diese fand, veranstaltet von der Antifa AG an der Uni Bielefeld, [association critique], der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld, dem Rosa-Luxemburg-Club Bielefeld sowie der Rosa-Luxemburg-Stiftung NRW, am 11. und 12. November 2011 statt. Verlinkt sind jeweils mit 48 kBit/s kodierte Dateien. Auf dem Audioarchiv-Server sind zusätzlich auch 64 kBit/s-Varianten verfügbar (allerdings mit einer geringeren Abtastrate von 22 statt 32 kHz).

Alex Demirovic: Was ist Kritische Theorie?

Im Vortrag wird das Selbstverständnis von kritischer Theorie umrissen. Diese kann nicht als Theorie einzelner Personen verstanden werden. Vielmehr handelt es sich um ein Projekt, das tief in der bürgerlichen Gesellschaft verankert ist und an dessen Entwicklung viele Menschen seit vielen Jahrzehnten beteiligt sind. Entsprechend den historischen Veränderungen und gesellschaftlichen Herausforderungen verändert sich auch das Verständnis von kritischer Theorie. Es geht kritischer Theorie um Aufklärung und Emanzipation, um Mündigkeit, Einrichtung einer vernünftigen Welt, Weltfrieden, Demokratie. Seit Marx ist kritische Theorie nicht mehr naiv, sondern stellt die Frage danach, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit sich solche Ziele verwirklichen lassen. Horkheimer und Adorno haben danach gefragt, wieweit die Tradition der kritischen Theorie nicht naiv im Verhältnis zu sich selbst ist. Zu wenig kritisch gegenüber der eigenen Praxis, kann auch kritische Theorie autoritär werden. So stellt sich heute, angesichts einer neuen Phase kapitalistischer Vergesellschaftung die Frage nach einer erneuerten Befreiungstheorie.

Alex Demirovic, Prof. Dr., lehrt z.Zt. politische Theorie an der Technischen Universität Berlin. Zuvor arbeitete er u.a. am Frankfurter Institut für Sozialforschung. Er gilt als einer der jungen Vertreter der kritischen Theorie. Mitglied der Redaktionen von PROKLA und LuXemburg. Arbeitsschwerpunkte: Demokratie- und Staatstheorie, kritische Theorie der Gesellschaft, Intellektuellen- und Wissenschaftssoziologie.

      Download: via AArchiv | via MF (1:28 h, 30 MB)

    Rüdiger Dannemann: Über die Verdinglichungskritik von Georg Lukács und dessen Aktualität

    Rüdiger Dannemann gibt einen guten Überblick über die Verdinglichungskritik von Georg Lukács, dessen spätere Selbstkritik, ihre Fortentwicklung sowie ihren Stellenwert für die Kritische Theorie und ihre Entschärfung bei Habermas und Honneth. Adorno nimmt dabei wenig Raum ein. Dafür erfährt man einiges über aktuelle englischsprachige Ansätze, die sich der Thematik annehmen und im Zuge dessen auch Axel Honneths Verdinglichungstheorie kritisieren.

    Im theoretischen Zentrum Georg Lukács’ 1923 veröffentlichten „Geschichte und Klassenbewußtsein“ steht die durch das Warenverhältnis allgegenwärtig gewordene Verdinglichung. Hinter dem Warentausch verschwinden die Beziehungen zwischen den Personen und erscheinen als streng rationelle, geschlossene Verhältnisse von Dingen. So kann Lukács schließlich festhalten, dass im modernen Kapitalismus die Individuen einzig noch als teilnahmslose Beobachter eines ihnen scheinbar fremden Geschehens dastehen. Damit nicht genug, ist zuletzt die gesamte Gesellschaft eine Funktion des Warenverkehrs. In einer sehr grundlegenden Weise stehen die gesellschaftskritischen Analysen der frühen kritischen Theorie Max Horkheimers, Theodor W. Adornos und anderer auf den Schultern der „Studien über marxistische Dialektik“, ja scheinen ohne den großen Wurf des Jahres 1923 kaum denkbar. Jürgen Habermas indes gelang es, dies – wie zuletzt das gesamte marxistische Erbe der kritischen
    Theorie – respektvoll zu tilgen. Jedoch kehrt die Verdinglichung als verdrängter, unverarbeiteter Brocken aus den Untiefen vergangen geglaubter Zeiten wieder. So haben unlängst Rahel Jaeggi sowohl als auch Axel Honneth den durchaus mutigen Versuch unternommen, die Überlegungen Georg Lukács zu reformulieren. Insbesondere Honneth aber wendet die Verdinglichung anerkennungstheoretisch und bringt die Verdinglichungskritik weiter um ihren politökonomisches Stachel. Im Vortrag soll zunächst die Verdinglichungskritik Georg Lukács dargestellt werden. Im Anschluss wird versucht, die oft verleugnete Bezugnahme Horkheimers und zumal Adornos sichtbar zu machen. Schließlich werden die Anschlüsse Honneths und Jaeggis ebenso zur Sprache kommen wie Möglichkeiten einer polit-ökonomisch informierten Verdinglichungskritik.

    Rüdiger Dannemann, Philosophielehrer, Mitbegründer und stellv. Vorsitzender der Internationalen Georg Lukács-Gesellschaft; Studium der Philosophie, Germanistik und Geschichte in Bochum und Frankfurt am Main. Promotion über Das Prinzip Verdinglichung (1987) in Rotterdam. Arbeitsschwerpunkte: Georg Lukács, Kritische Theorie und westlicher Marxismus; ästhetische Probleme der populären Musik.

        Download: via AArchiv | via MF (1:37 h, 33 MB)

      Heinz Gess: Antisemitismus und Emanzipation

      Heinz Gess bestimmt Antisemitismus als die Gegenbewegung zur Emanzipation und spricht in seinem Vortrag u.a. über Verdrängung und Schuldabwehr im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus.

      Der Antisemitismus markiert die „Grenzen des Aufklärung“, so der Untertitel des von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno unter Mitwirkung Leo Löwenthals gemeinsam verfassten Abschnittes „Elemente des Antisemitismus“. Spätestens seit den frühen 1940er Jahren steht die Antisemitismuskritik auch im Zentrum der Bemühungen der kritischen Theorie. Eine wesentliche Einsicht ist dabei, dass die antisemitische Verhaltensweise gerade keine bloß vorurteilsbasierte ist. Damit gehen Horkheimer und Adorno deutlich über konventionelle Erklärungsansätze hinaus. Kritische Theorie versucht den Antisemitismus gesellschaftstheoretisch aus einem gescheiterten Zivilisationsprozess heraus zu begreifen. Vor diesem Hintergrund geht es ihr schließlich sowohl um die historische Entstehung des Antisemitismus, seine Grundlagen im Lebensprozess einer Gesellschaft, das heißt in der Ökonomie, als auch um die Verfasstheit der Subjekte dieser Gesellschaft.
      Im Vortrag wird es einerseits um die Antisemitismuskritik des exilierten Instituts für Sozialforschung gehen. Zudem soll versucht werden, die Überlegungen Horkheimers und anderer von anderen Erklärungsansätzen abzugrenzen. Zuletzt wird es freilich um die Aktualität einer kritischen Theorie über den Antisemitismus, gerade auch vor dem Hintergrund des Islamismus, gehen.

      Heinz Gess, Prof. Dr., war bis 2010 Hochschullehrer für Soziologie an der Fachhochschule Bielefeld. Er ist Herausgeber von Kritiknetz – Zeitschrift für Kritische Theorie der Gesellschaft.

          Download: via AArchiv | via MF (1:41 h, 35 MB)

        Isabelle Klasen: Über Begriff und Aktualität der Kulturindustrie

        Isabell Klasen erläutert den Begriff der Kulturindustrie im Kontrast zur autonomen Kunst, wie Adorno sie verstand.

        Max Horkheimer und Theodor W. Adorno entwickelten den Begriff der Kulturindustrie am Modell der „verwalteten Welt“, des Spätkapitalismus der 40er und 50er Jahre, welcher samt der kulturellen Erzeugnisse durch die Destruktivität des kapitalistischen Verwertungsmechanismus und die Herrschaft des universalen Tauschprinzips geprägt war. Alles Individuelle sei hierdurch in Schemata gezwungen und die Wirklichkeit werde mit Identität und Konformismus geschlagen. In den Produkten der Kulturindustrie sahen Horkheimer und Adorno diese Identität besonders zwingend zum Ausdruck kommen, auch und gerade durch deren scheinbare Nonkonformität und Pluralität. Kulturindustrie ziele auf das, was zunächst einmal nicht identisch sei und was, insbesondere für Adorno, die Kunst dagegen bewahre: die Bedürfnisse und Wünsche der Menschen, welche sie neutralisiere.
        Im Vortrag soll der Begriff der Kulturindustrie im Gegensatz zur Kunst dargestellt werden. Überdies soll es um die Aktualität der Überlegungen Horkheimers und Adornos gehen. Es läßt sich nämlich fragen, ob heute am Begriff der Kulturindustrie noch festgehalten werden kann, da die Kulturindustrie mittlerweile ihren eigenen, einstmals kritischen Begriff geschluckt zu haben scheint.

        Isabelle Klasen ist Lehrbeauftragte an der Ruhr-Universität Bochum und Mitglied des Arbeitskreises Rote-Ruhr-Uni. Sie ist Mitherausgeberin des in Kürze erscheinenden Bandes „Alles falsch: von verlorenem Posten gegen die Kulturindustrie“.

            Download: via AArchiv | via MF (1:10 h, 24 MB)

          Dirk Braunstein: Kritische Theorie und Kritik der politischen Ökonomie

          Dirk Braunstein legt seinen Fokus zwar auf Adornos Beschäftigung mit der Kritik der Politischen Ökonomie, rekonstruiert aber auch die Debatten, die innerhalb des Instituts über die polit-ökonomische Verfassung des Nationalsozialismus geführten worden sind (Pollocks Staatskapitalismus-These vs. Neumanns Behemoth). Er arbeitet heraus, dass Adornos Zugang zur Ökonomiekritik zunächst allein von Lukács Verdinglichungskritik bestimmt ist, dann aber durch die Wendung zur Klassentheorie und zur (transhistorischen) Kritik der »Ökonomie überhaupt« eine andere Gestalt annimmt. Auch Adornos Position zu den Begriffen der Gerechtigkeit und des Rechts nimmt im Vortrag wie in der Diskussion einigen Raum ein.

          Bis heute ist die Einschätzung verbreitet, dass der Rückgriff auf Karl Marx – und zumal auf dessen Kritik der politischen Ökonomie – in den Schriften der Frankfurter Schule ein Relikt aus bald überwundenen Stadien seiner Theorieentwicklung darstelle. Offensichtlich gab es eine große Distanz zum Fortschrittsoptimismus und erst recht zum Parteikonformismus marxistisch inspirierter Theoretiker wie etwa Georg Lukacs. Jedoch zieht sich eine produktive Auseinandersetzung mit wesentlichen Bestandteilen des Marx‘schen Hauptwerkes durch das gesamte Schaffen von Horkheimer und Adorno. Anhand zahlreicher Textdokumente lässt sich diese These belegen. Sie zeigt, dass im Zentrum von Adornos kritischer Theorie der Gesellschaft eine Kritik nicht nur der politischen Ökonomie steht, sondern eine von Ökonomie überhaupt.
          Der Vortrag soll das Beziehungsgeflecht von Marxscher Ökonomiekritik und der klassischen kritischen Theorie beleuchten und fragen, welche Aktualität diesen Inhalten zukommt.

          Dirk Braunstein, Dr. phil., studierte in Bochum, Köln, Frankfurt a.M. und Berlin und gibt die Vorlesung „Philosophie und Soziologie“ aus dem Nachlass Adornos heraus. Letzte Veröffentlichung: Adornos Kritik der politischen Ökonomie, Bielefeld, 2011.

              Download: via AArchiv | via MF (1:36 h, 33 MB)

            Barbara Umrath: Kritische Theorie zu Geschlecht, Subjekt und Körper im Kontext ihrer herrschaftskritischen Grundüberlegungen

            Ausgangs- und Hauptbezugspunkt des Vortrags sind die Ausführungen in der »Dialektik der Aufklärung«, in denen eine Kritik des Subjekts und an dessen männlichem Charakter formuliert werden. Umrath konfrontiert darüber hinaus Aussagen Adornos zum Subjektstatus der Frau und zu deren Stellung im Produktionsprozess mit Ergebnissen der (empirischen) Frauenforschung. Hier stellen die Arbeiten Regina Becker-Schmidts einen wichtigen Bezugspunkt da. Sie zeigt im Zuge dessen, dass feministische Theorie produktiv an die Kritische Theorie anknüpfen kann – was eben auch heißt, über sie hinaus zu gehen.

            Das Denken Adornos, Horkheimers und Co. hat bis heuteeinen starken Einfluss auf gesellschaftskritische Theorien. „Geschlecht“ war für die frühe Kritische Theorie jedoch keine zentrale Analysekategorie, sondern findet eher beiläufig und an verschiedenen Stellen immer wieder Erwähnung.Dabei finden sich gleichermaßen Passagen, in denen die Unterdrückung von Frauen denunziert wird wie solche, in denen die bürgerliche Familie und die mit dieser gegebene geschlechtliche Arbeitsteilung in einem verklärten Licht erscheinen. Dies brachte der Kritischen Theorie von feministischer Seite den Vorwurf ein, sie wiederhole die patriarchale Unterdrückung. Entsprechend spielt die Kritische Theorie heutzutage in der Frauen- und Geschlechterforschung kaum eine Rolle.
            Im Vortrag sollen die Äußerungen der Kritischen Theorie zu Geschlecht, Subjekt und Körper im Kontext ihrer herrschaftskritischen Grundüberlegungen betrachtet werden. Dabei wird deutlich werden, dass sich die feministischen Einwände nur bedingt bestätigen lassen. Es wird sich sogar zeigen, dass feministische Kritik von der frühen Kritischen Theorie wichtige Impulse aufnehmen kann.

            Barbara Umrath studierte Diplom-Pädagogik an der Universität Augsburg und Soziologie an der New School for Social Research, NYC. Sie war lange Jahre in Frauenprojekten gegen Gewalt in Deutschland und Mexiko aktiv. Aktuell lebt sie in Köln und arbeitet an einer Promotion zum Thema Feminismus und Kritische Theorie.

              Zu feministischen Bezugnahmen auf die Kritische Theorie siehe auch die Vorträge von Regina Becker-Schmidt, Cornelia Klinger und Roswitha Scholz.

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              Geschlecht – Wider die Natürlichkeit

              Bei FRN gibt es ein hörenswertes Interview mit Heinz-Jürgen Voß (Autor des kürzlich im Schmetterlingsverlag erschienenen Buches „Geschlecht – Wider die Natürlichkeit“) über die kulturelle Determinierung von Geschlecht: hören.

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              Interview mit Marc-Uwe Kling

              Interview mit Marc-Uwe Kling über seine („Klein-“)Kunst und Politik auf FRN. (ca. 10 min)

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              Theodor W. Adorno – Kultur und Verwaltung. Vorträge und Gespräche

              Im Folgenden eine Zusammenstellung von Rundfunkvorträgen und Gesprächen von und mit Adorno (Dank an Luis für das Fundstück):

              1. Kultur und Verwaltung

              Sendung: 26.07./02.08.1959, SWF
              Aufnahmeort: Baden-Baden, Kunsthalle
              Aufnahmeleitung: Biallowancz; Kranz
              Laufzeit: 54:25

              Wer Kultur sagt, sagt auch Verwaltung. Kultur ist gemäß deutscher Begrifflichkeit der Verwaltung erst einmal entgegengesetzt. Sie soll das Höhere und Reine sein, das, was nicht angetastet und zurechtgestutzt wird. Die Kultur ist damit der nackten Notdurft des Überlebens enthoben. Was jedoch unter die nützlichen Güter eingereiht wird, ging schon immer über die biologischen Notwendigkeiten des Überlebens hinaus. Die Reproduktion der Arbeitskraft ist keine statische Naturkategorie, sondern folgt dem jeweils historisch erreichten Standard. Umgekehrt ist das Nützliche nicht unmittelbares, da nicht aus Gründen der Nützlichkeit, sondern um des Profits willen produziert wird. Kultur soll daher als bewusst unnütz von Planungsmethoden der materiellen Produktion unterschieden sein, damit auf der anderen Seite das angeblich Nützliche an Profil gewinnt. Kultur erhält allen Institutionen gegenüber ein kritisches Moment: Indem überhaupt etwas gedeiht, was nicht zu verwerten ist, zeigt Kultur die Fragwürdigkeit der herrschenden Praxis auf. Durch ihr Unpraktischsein hat die Kunst einen polemischen Zug und wird erst wenn der Kulturbegriff seine mögliche Beziehung zur Praxis einbüßt, ein Moment des Betriebs. Das Polemische und Unnütze wird dann zum Nichtigen oder zum schlechten Nützlichen, nämlich zu den Produkten der Kulturindustrie. Man lässt Kultur in einer Art Zigeunerwagen herumfahren, doch dieser Zigeunerwagen bewegt sich in einer monströsen Halle. Es gibt keine Schlupfwinkel mehr. Keine Armut in Würde, nicht einmal mehr die Möglichkeit des Überwinterns für den, der aus der Verwaltung herausfällt. Spontaneität schwindet, weil die Planung des Ganzen der einzelnen Regung vorgeordnet ist. Kritik wird ausgehöhlt, weil der kritische Geist den reibungslosen kulturellen Ablauf stört. Stattdessen reift parallel zur östlichen Spruchbanddenkerei eine westliche UNESCO-Philosophie heran. Willfährige Intellektuelle, die lebensbejahend den kritischen Geisten verdächtigen, finden sich genug. Der für die Verwaltung typische Jargon ist nicht die Verwaltungssprache des alten Stils, in der noch eine relative Trennung zwischen Verwaltung und Kultur vorlag. Die Verwaltung plustert sich mit Sprachbestandteilen aller gesellschaftlichen Bereiche auf, als wäre jeder Beamte sein eigener Radiosprecher. Nimmt man den Begriff der Kultur als die Entbarbarisierung der Menschen, der sie dem Zustand bloßer Natur enthebt. so ist Kultur misslungen. Kultur ist längst in sich selber fragwürdig zum geronnenen Inhalt des Bildungsprivilegs geworden, der sich als verwalteter Anhang in den Produktionsprozess eingliedert.

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              2. Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft?

              Sendung: 22.09.1969, SDR
              Regie: Heinz Nesselrath
              Laufzeit: 57:43

              Es geht bei der Unterscheidung dieser beiden Begriffe nicht um eine abstrakte Unterscheidung, sondern um die Frage, ob Marx veraltet ist. Prognosen der Klassentheorie über Verelendung sind nicht so drastisch eingetreten wie erwartet. Der Kapitalismus entdeckte durch die Steigerung der Technik in sich selbst Hilfsquellen, die den Zusammenbruch aufschieben. Im Gegensatz zu der heute mit Hilfe statistischer Erhebungen an Einzelpersonen ermittelten Klassenzugehörigkeit, beruhte die Marxsche Klassentheorie auf der Stellung von Unternehmungen und Arbeitern im Prozess der Produktion und auf der Verfügung über die Produktionsmittel. Eine dialektische Theorie der Gesellschaft befasst sich daher mit den Strukturgesetzen, welche die Fakten bedingen, sich in ihnen offenbaren und gleichzeitig von ihnen verändert werden. Struktur wird hier nicht als Systematisierung verstanden, sondern als das den Daten vorgeordnete System der Gesellschaft. Eine solche Theorie darf sich nicht den Fakten entziehen oder sie zurechtbiegen. Denn eine Dialektik, die es nicht auf Bewegung abgesehen hat, sondern glaubt, invariante Gesetze feststellen zu sollen, ist ein Widerspruch in sich selbst. So geht es bei der Gegenüberstellung von Spätkapitalismus und Industriegesellschaft nicht darum, zwischen diesen beiden Formen zu wählen, vielmehr drückt dieses Verhältnis den Widerspruch aus, der die gegenwärtige Phase kennzeichnet und den die Soziologie artikulieren sollte. Die Irrationalität der gegenwärtigen Gesellschaftsstruktur verhindert ihre rationale Entfaltung in der Theorie. Herrschaft wird über Menschen durch den ökonomischen Prozess hindurch ausgeübt. Unfreiheit und Abhängigkeit von einer der Kontrolle entlaufenen Apparatur breitet sich universal über die Menschen aus. Die gegenwärtige Gesellschaft ist nach dem Stand ihrer produktiven Kräfte durchaus Industriegesellschaft, in ihren Produktionsverhältnissen jedoch Kapitalismus. Die Menschen sind demnach immer noch das, was sie zur Zeit von Marx waren: Anhängsel der Maschinerie. Produziert wird heute wie früher um des Profits willen, allerdings sind die Bedürfnisse inzwischen zu Funktionen des Produktionsapparats geworden und nicht umgekehrt. Die Bedürfnisse werden nicht nur indirekt über den Tauschwert befriedigt, sondern überhaupt erst planmäßig und auf Kosten objektiver Bedürfnisse, wie etwa dem nach Bildung und Information, hervorgebracht. Im Bereich des nicht zur nackten Lebenserhaltung Notwendigen werden die Tauschwerte als solche abgelöst genossen. Sie sind das, was man gemeinhin Statussymbol oder Prestige nennt. Doch nicht die Technik ist das Verhängnis, sondern ihr Verfilzung mit den gesellschaftlichen Verhältnissen. Der Begriff Industriegesellschaft tut hingegen so, als folge das Wesen der Gesellschaft aus dem Stand der Produktivkräfte, unabhängig von deren gesellschaftlichen Bedingungen. Die Verselbstständigung des gesellschaftlichen Systems gegenüber allen, auch den Verfügenden, hat dabei einen Grenzwert erreicht. Sie ist zu jener Fatalität geworden, die in einer allgegenwärtigen, frei flutenden Angst ihren Ausdruck findet.

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              3. Zum 80. Geburtstag von Ernst Bloch

              Sendung: 13.06.1965, SWF
              Regie: Horst Krüger
              Laufzeit: 41:24

              Bis zum Erscheinen des „Prinzip Hoffnung“ war „Der Geist der Utopie“ Ernst Blochs chef d‘oeuvre. Schon hier wird die Unterscheidung des Helden als dem Blutenden und dem Vollendeten zwischen expressionistischer und klassizistischer Haltung differenziert, ein Ansatz den Bloch sein gesamtes Leben lang verfolgte. Aber schon das Buch selbst sah aus, als sei es von Nostradamus geschrieben. Auch der Name Bloch hatte eine ähnliche Aura: Dunkel wie ein Tor und gedämpft dröhnend wie ein Posaunenstoß. Man konnte meinen, hier sie die Philosophie dem Fluch des Offiziellen entkommen. Eine Philosophie, die sich nicht vor der avancierten Literatur zu schämen hatte, die nicht zur abscheulichen Resignation der Methode abgerichtet war. Sollte gemäß Platon die Philosophie aus dem Staunen, wörtlich dem Sich-Wundern, entspringen, so erhob Blochs Werk Einspruch gegen den zur Selbstverständlichkeit gefrorenen Widersinn, dass Philosophie wichtigtuerisch um das betrügt, was ihre eigentliche Aufgabe ist. Blochs Philosophie begann nicht nur mit dem Staunen, sondern mündete ins Erstaunliche. Das Spezifische der Philosophie Blochs war schon hier als Gestus angelegt: Die Perspektive des messianischen Endes der Geschichte, des Durchbruchs zur Transzendenz, um das sich seine gesamte Philosophie ordnet. Mit dem Begriff der unkonstruierbaren Frage hatte Bloch einen Zweifel gegen die Annahme formuliert, Denken könne von sich aus seinen Namen nennen. Um die Philosophie Blochs genauer fassen zu können, mag ein Vergleich mit Georg Simmel helfen. In Simmels Buch „Philosophische Kultur“ gibt es einen Aufsatz mit dem Titel „Der Henkel“, in Blochs „Geist der Utopie“ handeln mehrere Seiten von einem alten Krug, jedoch einem Krug ohne Henkel, einem, der nicht so unmöglich mit der Gebrauchswelt kommuniziert wie das von Simmel ausgewählte Objekt. Ästhetik wird bei Simmel zum Ästhetisieren. Anstelle unnachgiebiger philosophischer Kraft, die zur Nachgiebigkeit den Objekten gegenüber fähig ist, tritt bei Simmel Bildung. Seine Philosophie bedient sich, wie Brecht sagte, des Silbergriffes, betrachtet nur das ästhetisch Wohlfeile und kapituliert vor dem Kunstgewerbe. Der Text Blochs unterscheidet sich schon auf den ersten Blick durch das Tempo. Kein Gedanke wird exponiert oder in besinnlichen Ausführungen abgewandelt. Es wird wie im Film mit bewegter Kamera gedacht. Schön sind bei Bloch nicht länger die Maßverhältnisse des Kruges, sondern was sich an Werden und Geschichte in ihnen aufgespeichert hat. Das Tempo Blochs ist auch Ungeduld mit der Kultur, die das Noch-nicht-Gewesene verstellt. Die Simmelsche Wald-und-Wiesen-Metaphysik ist bei Bloch verbrannt. Mensch und Krug gleichen sich nicht länger in ihrer dünnen Doppelzugehörigkeit zur Welt ästhetischer Autonomie und praktischer Zweckmäßigkeit. Der Krug Blochs bin ich selber, wörtlich und unmittelbar, dumpfes Muster dessen, was ich werden könnte und nicht sein darf.

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              4. Öffentlichkeit – was ist das eigentlich?

              Theodor W. Adorno und Arnold Gehlen im Gespräch
              Sendung; 18.03.1964
              Regie: Horst Krüger
              Laufzeit: 56:55

              Öffentlicheit als Kategorie und bestimmende Form des Bewusstseins ist aus einer Polemik entstanden, die John Locke im Gegensatz zur geheimen Kabinettspolitik formulierte. Es sollte öffentlich werden was von allgemeinem Interesse ist. Öffentlichkeit ist damit die Beschreibung einer zu erfüllenden Funktion. Der Begriff hat sich inzwischen verselbstständigt und ist zu einer eigenen Macht geworden, einer Sphäre, in das, was zwischen Menschen stattfindet, verdinglicht wird. Der Begriff der Öffentlichkeit geht dabei an Institutionen wie die Medien über, so dass nur das als Öffentlichkeit wahrgenommen wird, was in ihnen erscheint. Gesellschaftliche Fragen werden in den Medien generell privatisiert, etwa bei Wahlen mit der Frage: Wer ist der beste Mann? Das Öffentliche wird hinter dem Schleier des Privaten präsentiert. Das hingegen, was Schutz verdiente, die Privatsphäre der einzelnen Menschen, wird ununterbrochen in die Öffentlichkeit gezerrt. Intimsphäre ist damit das, worüber alle reden. In einer Gesellschaft konkurrierender Wirtschafts- und Klasseninteressen, besteht ein Interesse an Geheimhaltung. Doch in der Geheimhaltung liegt auch ein Moment der Negativität, es ist das Tuscheln der Schamanen, die es besser wissen. Wenn in der Welt, in der wir leben, die einzelnen Gruppen zu Geheimnis und Intrige gezwungen sind, so hat die Öffentlichkeit zumindest das Recht, eine gewisse Kontrolle auszuüben. Die Presse als Medium der Öffentlichkeit hat selbst den Charakter einer öffentlichen Einrichtung. Gleichzeitig erklärt sie ihre eigenen Interessen für die der Öffentlichkeit. Die Medien haben eine privilegierte Stellung. Sobald man in den Raum der Öffentlichkeit eintritt, entsteht eine Potenzierung der Lebenswirklichkeit. Auf der anderen Seite hat das öffentliche Ansehen ein Moment des Scheinhaften. Eine öffentliche Figur zu sein, hat immer auch etwas vom Schauspieler der öffentlichen Rolle. Neben dem Realisierungseffekt gibt es auch einen Vernichtungseffekt. Ein Politiker, der auf dem Fernsehschirm versagt, ist für die Politik unbrauchbar. Was man früher Revolution nannte, sind heute nur noch Verwaltungsakte, die inszeniert werden. Diese Kategorien der Kritik, mit denen das Scheinhafte des Öffentlichen bezeichnet wird, dürfen jedoch nicht den Menschen selbst zugeschrieben werden, Die Öffentlichkeit ist eine noch nicht verwirklichte. Sie ist eine Ideologie, jedoch eine Ideologie, die die Möglichkeit hat, ihre eigenen Verhältnisse zu durchstoßen.

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              5. Ist die Soziologie eine Wissenschaft vom Menschen?

              Theodor W. Adorno und Arnold Gehlen im Gespräch
              Sendung; 28.03.1966, SWF
              Laufzeit: 50:07

              Die Soziologie ist im Wesentlichen eine Wissenschaft, die sich auf kulturelle Momente bezieht und sich nicht auf anthropologische Prinzipien reduzieren lässt, da es vor dem Menschen keine Kultur gab. Die wichtige Frage der Soziologie ist die, ob krisenhafte Momente der Gesellschaft auf den Menschen selbst zurückzuführen sind oder auf Verhältnisse, die zwar vom Menschen geschaffen wurden, sich aber verselbstständigt haben. Der Fortschritt vollzieht sich heute von selbst. Materielle Lebensgüter und geistige Lebensreize werden immer mehr Menschen zugängig. Hauptsächlich ist es jedoch eine Fortschritt innerhalb der Naturbeherrschung. Die Menschheit ist durch ihn nicht mündig geworden. Das universale Tauschprinzip scheidet die spezifischen Eigenarten der zu tauschenden Güter ab, ebenso die spezifischen Arbeitsformen der Produzierenden und die spezifischen Bedürfnisse derer, die sie empfangen. Gesellschaftliche Verhältnisse werden durch die Technik verdeckt. Der Kalte Krieg hat dazu geführt, dass die saubere Scheidung von Krieg und Frieden nicht mehr gilt. Das alles sind Erstmaligkeiten, für deren Beschreibung die Worte fehlen. Die Menschen sind heute in einem zuvor nicht gekannten Maß von den Institutionen abhängig. Die Institutionen stehen den Menschen als fremde und bedrohliche Macht gegenüber, als eine Fatalität, derer sie sich kaum erwehren können. Diese Fatalität entsteht aus der Tatsache, dass menschliche Verhältnisse und Beziehungen zwischen Menschen sich selbst undurchsichtig geworden sind. Institutionen sind bewahrend und verzehrend. Sie fordern Anpassungsprozesse, die zu einer Verkrüppelung des Menschen führen. Das Verhältnis vieler Menschen zur Technik wird dabei neurotisch. Der Defekt ist zur Norm geworden. Die Menschen bewegen sich viel zu genau in den ihnen vorgezeichneten Bahnen. Sie beziehen daraus eine gewisse Sicherheit im Bezug auf die Realität, entkommen jedoch nicht einer Realangst, die sich aus dem Wissen speist, dass es auch ohne sie geht. Solange man die Menschen entlastet und ihnen nicht die ganze Verantwortung und Selbstbestimmung zumutet, ist ihr Glück in dieser Welt ein Schein, der eines Tages platzen wird. Die Not, die den Menschen zu den entlastenden Institutionen treibt, wird ihnen genau von diesen Institutionen aufgebürdet. Man flüchtet sich zu genau der Macht, die einem das Unheil überhaupt erst antut. Es ist eine Identifikation mit dem Angreifer. Aus dieser Lage kann uns, wie Grabbe sagt, nichts als nur Verzweiflung noch retten.

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              6. Soziologische Erfahrungen an der modernen Kunst

              Theodor W. Adorno und Arnold Gehlen im Gespräch
              Sendung: 28.03.1966, SWF
              Laufzeit: 50:07

              Bisher war es so, dass die Kunstwerke für einen Liebhaber oder Käufer gedacht waren. Mittlerweile soll das Kollektiv mit der Kunst angesprochen werden. Gerade weil die Beziehung zwischen Kunst und Kollektiv gestört ist, versucht die Kunst diese Grenze zu überspringen. Happening ist zum Beispiel eine Inszenierung von Leben, die Vortäuschung, dass etwas passiert. Es ist ein Versuch, das, was an Leben ausgetrieben ist, das Moment der Unmittelbarkeit und Spontaneität, als Fiktion wieder herzustellen. Gerade weil die Oberfläche der Gesellschaft so dicht ist, dass sie das Wesen dieser Gesellschaft nicht mehr durchlässt, wird die gesellschaftliche Betrachtung auf die Kunst verwiesen. Die Kunst zeigt in einer Art von Chiffre viel von den verborgenen Elementen der Gesellschaft. Sie fällt dabei keine Urteile und braucht keine Begriffe, auch setzt sie keinen positiven Sinn. Sie hat aber insofern Sinn, als sie menschliche Erfahrung ausdrückt und einen Zustand der Gesellschaft widerspiegelt. Diese in der Kunst verkörperten Inhalte bedürfen jedoch der soziologischen und philosophischen Interpretation. Ein Kunstwerk, das sich jeder möglichen Kritik entzieht, gibt damit auch seinen Wahrheitsanspruch auf und ist damit kein Kunstwerk mehr. Dabei gibt es Kunstwerke, die in sich selbst an die Grenze des Schweigens gehen, die eigene Lädiertheit ausdrücken und in ihrer Isolation dennoch einen Ausdruck der gesellschaftlichen Verhältnisse zu Stande bringen. Eigentliches lässt sich jedoch nicht mehr sagen, so dass sich für jeden ernsthaften Künstler die Frage stellt, ob er nicht aufhören soll. Das Verhältnis der Kunst zur rationalisierten Welt war immer doppeldeutig. Auf der einen Seite hat die Kunst Protest gegen die Verdinglichung ausgesprochen, auf der anderen Seite war sie immer auch in den Prozess eingeordnet und hatte an ihm Teil. Das Verhältnis der Kunst zur Welt der Rationalität ist auch nicht hoffnungslos zufällig, da sie in sich technische Kriterien ausbildet und eigene Gesetzmäßigkeiten hat, an denen sie sich erkennen lässt. Zwar redet kein Mensch mehr von Perspektive oder Harmonielehre, dennoch gehen diese Elemente als erfahrene und negierte in das Kunstwerk ein. Im Widerstand der Kunst gegen die Ordnung der Welt liegt das, was menschenwürdig an ihr ist, denn sie drückt die Hoffnung aus, dass es nicht immer so bleiben muss.

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