Tag-Archiv für 'marcus-hawel'

Der Wert und die Werte oder: die Moral in der Kritik

Gesellschaftskritik darf nicht bloß moralisch sein, möchte sie Radikalität für sich reklamieren. Denn die begriffslose Anklage der schlechten Zustände ist entweder hilflos und idealistisch, schlimmstenfalls aber personalisierend und reaktionär. Darin scheint die sog. radikale Linke sich einig und doch wird über das Verhältnis von Moral und Kritik zurecht gestritten. Hier einige Vorträge zum Thema.

1. Christine Zunke: »Es gibt nur einen vernünftigen Grund, Freiheit gesellschaftlich verwirklichen zu wollen: Moral«

Dieser Vortrag wurde im November 2010 im Rahmen einer Konferenz der Roten Ruhr Uni zum Thema »Die Moral in der Kritik« gehalten und von der Association Critique dokumentiert. Christine Zunke, Dozentin am Institut für Philosophie der Universität Oldenburg, versucht sich darin an der Entwicklung eines, bürgerlicher Sittlichkeit entgegengesetzten, gesellschaftskritisch brauchbaren Moralbegriffs. Mit seiner Hilfe kann sie zeigen, warum VertreterInnen einer Herrschaftskritik, die vom (Privat-)Interesse der/des Einzelnen her begründet und an dieses adressiert wird, hinter Marx zurück fallen und zudem ständig Gefahr laufen, autoritär zu werden, wenn sie an die Agitierten deren »eigentliches« oder »objektives Interesse« von außen herantragen. – Abstoßungspunkt ist also der – bei ihr namenlos bleibende – GegenStandpunkt und seine Moralkritik (Beispiele für diese zum Hören finden sich einige), der eine gewisse Verwandtschaft zum ML nachgewiesen werden kann.

    Download: nachbearbeitet via MF (1:03 h, 22 MB), via RRU (59 MB)
    Hören via Soundcloud (59 MB)

Ankündigungstext:

Die Vorstellung einer befreiten Gesellschaft, in der die Bedürfnisse der Menschen nicht unter dem blinden Gesetz der kapitalistischen Ökonomie bloße Mittel zur Verwertung des Werts, sondern Zweck der gesamtgesellschaftlichen Produktion wären, ist eine moralische Vorstellung, die sich nicht über das bloß individuelle Interesse begründen lässt. Denn das individuelle Interesse, meine Bedürfnisse (und die der Menschen, die ich mag) sollen Zweck der gesellschaftlichen Produktion sein, mündet konsequent in einer Vorstellung von Weltherrschaft. Nur in einem modernen Feudalismus mit mir an der Spitze hätte ich exklusiven Zugang zum gesamten Mehrprodukt und meine Bedürfnisse könnten auf höchstem Niveau verlangen und befriedigt werden. Das Interesse, das für die ganze Menschheit einen herrschaftsfreien Zustand fordert, ist dagegen nicht sinnlich, sondern aus reiner Vernunft praktisch begründet – und damit moralisch; dieses moralische Interesse an der Menschheit nannte Immanuel Kant Pflicht. Ich möchte diesen sperrigen Begriff aufnehmen und darstellen, warum die Abschaffung des Kapitalismus eine Pflicht ist, auch wenn sie meinen Interessen (Freizeit, Karriere etc.) entgegensteht.

2. Sachzwang FM zur Kritik der Moral, eine Sendung die ich bisher zu posten vergaß. Sie enthält zunächst einen Vortrag Manfred Dahlmanns (ISF): »Der Wert und die Ideale: (Un-)Moralische Perspektiven« (2002), in dem er sich nicht zuletzt mit Nietzsche und der Existentialphilosophie Heideggers und Sartres auseinandersetzt.
Anschließend verliest Dr. Indoktrinator noch Auszüge aus Horkheimers/Adornos Dialektik der Aufklärung, nämlich aus dem Kapitel »Juliette oder Aufklärung und Moral«.

Ankündigungstext (Dahlmann):

Der sogenannte Materialismusstreit beherrschte die philosophischen Debatten der Linken in den siebziger Jahren. Von den sich als Materialisten bezeichnenden kritisiert wurde ein ‚Idealismus‘, dem die Idiotie unterstellt wurde, er betrachte die Gegenständlichkeit der Natur als bloßes Gedankengebilde. Gar nicht ging es ihnen um das naheliegendste: die Kritik der Ideale im profanen, umgangssprachlichen Sinne. Der Grund dafür ist einfach – waren sie es doch, die damaligen ‚Materialisten‘ also, die die Ideale der bürgerlichen Gesellschaft in ihrer reinsten Form (Freiheit, Gleichheit, Solidarität) zu verwirklichen vorgaben, und legitimierten sie doch auf genau dieser (nicht anders als idealistisch zu nennenden) Grundlage ihre Politik. Alles also wie gehabt: die Linke als die wahren Bürger und somit als Ärzte am Krankenbett einer Welt, die den Glauben an ihre eigenen Ideen längst verloren hatte. Die bürgerliche Rechte redet denn auch seit langem schon, seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, von kaum etwas anderem als vom Verfall der kulturellen Werte (der ihnen dabei gern als Konsequenz des ‚Materialismus‘ gilt) und sieht in ihm die Ursache alles Bösen. Unter Linken und Rechten herrscht ungeachtet aller Animositäten bis auf den heutigen Tage somit der Glaube, wie in der Antike seien es die individuellen Tugenden, und somit das wohlgefällige, am Guten, Wahren, Schönen ausgerichtete Leben eines jeden, die letztlich darüber entschieden, wie es um die Qualität des gesellschaftlichen Ganzen bestellt sei. Wer wollte denn auch bestreiten, daß die Moral in seinem Alltag eine herausragende Rolle spielt (keiner behauptet schließlich von sich, er gefalle sich darin, seinen Freunden und Bekannten als Bösewicht gegenüber zu treten), und was liegt näher, als ins gesellschaftliche Allgemeine unmittelbar zu projizieren, was aus dieser Erfahrung – der, daß man selbst zweifellos nie etwas Böses im Schilde führen könne – unmittelbar folgt: daß es sich bei den anderen um Menschen mit schlechtem Charakter handeln muß, wenn es gesellschaftlich mal nicht so läuft wie man selbst es gerne hätte. Gegen die unvollkommene Verwirklichung der Werte als auch gegen den Werteverfall wird allseits die gleiche Medizin aus dem Arsenal erfolgsorientierten Managements verschrieben: konsequentes, zielgenaues Handeln. Selbst wem es um die Umwertung aller Werte (Nietzsche/Heidegger/Foucault) geht, oder auch, etwas bescheidener, nur um die Wertfreiheit der Wissenschaften (die so zur Verwirklichung allgemein anerkannter, pluralistischer Werte instrumentalisiert werden sollen), der redet immer von den anderen als denjenigen, die die falschen Ideale (oder die richtigen Ideale mit falschen Mitteln) verwirklichen würden, aber nie darüber, worum es jedem Gerede um Moral, Normen, Macht, Zwecksetzungen oder was für einer Praxis und Idealität auch immer in Wirklichkeit einzig geht: die Verwertung des Werts als die im empirischen Subjekt sich konstituierende und in Geld und Kapital inkarnierende gesellschaftliche Synthesis.

    Download via MF:
    In einem Stück (2 h) oder
    zweiteilig (je 1 h): erste Stunde, zweite Stunde
    Oder in einem Stück via AArchiv

    UPDATE: Der Vortrag Dahlmanns wurde auch in einer Café Critique-Sendung verwendet. Für die Freunde hingrundmusikfreier Referate wahrscheinlich genießbarer: Download via CC, via MF (27 MB, 1 h)

3. Marcus Hawel: »Wieviel Politik verträgt die Moral? – Der schmale Grat zwischen moralischer Überlegenheit und Hypertrophie der Moral.« Siehe FRN.

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Material zu Albert Camus

Nachträglich zu Albert Camus‘ Todestag am 4. Januar 1960 sei hier noch einmal auf mehrere Audiobeiträge hingewiesen:

1. neopostdadasurrealpunkshow (FSK Hamburg): Der Fall Camus (mit Thomas Ebermann und Gustav Peter Wöhler) (1:07 h) – Download Teil 1 | Download Teil 2 (mp3, stereo, 128 kbit/s, 76 MB) | Download in einem Stück (mp3, mono, 48 kbps, 23,2 MB)

2. Marcus Havel (Radio Flora Hannover): Albert Camus und »Der Mensch in der Revolte« – Download (mp3, mono, 64 kbps, 8,7 MB)

3. Radio Bremen: 4. Januar 1960: Todestag Albert Camus – Anhören (3:01 min) | Gespräch mit Jürg Altwegg über Albert Camus – Anhören (5:53 min)

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(Anti-)Zionismus (2): Dr. Marcus Hawel vs. Dr. Stephan Grigat

Zwei Beiträge zum Themenkomplex Israel:

  1. Marcus Hawel: Befindlichkeit im Blick. Versuch, uns und anderen Israel von »außen« zu erklären.
    Hawel geht der Geschichte und der aktuellen Situation Israels und des Zionismus nach und kritisiert mit Bezug auf Moshe Zuckermann auch »antideutsche« Positionen.
    Beschreibung & Download (FRN): mp3, mono, 64 kBit/s; 57 min; 26,2 MB. Textgrundlage (PDF)
  2. Stephan Grigat: Zur Kritik des Antizionismus.
    Gehalten bei der Jugendinitiative gegen Rassismus und Antisemitismus. Tonqualität mäßig.
    Download (leicht bearbeitete Fassung): mp3, mono, 40 kBit/s; 44 min; 12,6 MB
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Die aufgeklärte Welt im Zeichen ihres Unheils – Franz Kafka zum 125. Geburtstag

Das Adjektiv „kafkaesk“ deutet an, dass die Prosa Franz Kafkas kaum einzuordnen ist. An einer Deutung oder wenigstens einer Annäherung versucht sich nichtsdestotrotz Marcus Hawel. In seinem FRN-Beitrag greift er dazu auch auf Anmerkungen Adornos zu Kafka zurück. (mp3, mono, 64 kBit/s, 31 Minuten, 14,1 MB)

Die Gruppe GURICHT aus Halle hat ein knapp einstündiges Hörspiel mit Kurzgeschichten von Kafka erstellt, das seinem Gegenstand angemessen (eben kafkaesk) gestaltet ist und auf FRN (1, 2) heruntergeladen werden kann. (mp3, stereo, 128 kBit/s; 53 MB)

Die Erzählung »In der Strafkolonie« könnt ihr hier hören. Ihr ist auch das Zitat über den „hündisch ergeben aussehenden Verurteilten“ entnommen, das Robert Kurz seinem »Schwarzbuch Kapitalismus« voranstellte. (mp3, mono, 48 kBit/s; 1:20 h, 28 MB)

Bei Vorleser.net gibt es noch mehr Hörbücher.

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Kritik des Fleißes – Lob der Faulheit

Marcus Hawel über Paul Lafargue, Schwiegersohn von Karl Marx, und dessen satirisches Pamphlet und Hauptwerk »Das Recht auf Faulheit«, mit dem er die Arbeitsfixierung der ArbeiterInnenbewegung seiner Zeit angriff.

mp3, mono, 64 kbit/s; 4,75 MB; 10 Minuten

Download, Streaming, Info: FRN

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Deutschland: Von der »verspäteten« zur »normalisierten« Nation

Wie in der Diskussion von Stephan Grigats Referat zur Kritik der Nation erwähnt ward, hat Helmuth Plessner, einer der Hauptvertreter der philosophischen Anthropologie des 20. Jh., die deutsche Nation als eine »verspätete« gekennzeichnet. Auf forced-labour.de gibt es gelesene Auszüge1 aus genau dieser Schrift Plessners »über die politische Verführbarkeit bürgerlichen Geistes« (1935/1959).
Auf diese rekurriert auch ein jüngst auf FRN erschienener Beitrag über »Ideologieproduktion in Deutschland«, in dem der Text »Vom völkischen Nationalismus zum Ethnonationalismus« (2002) des Hannoveraner Soziologieprofessors Wolfram Stender vertont wird.
Mit der Normalisierung des deutschen Nationalismus und der Vergangenheitsbewältigung befasst sich die Dissertation Marcus Hawels (Sopos), die er in einem gleichnamigen FRN-Beitrag vorstellt. Dieser kreist vor allem um das Ius ad bellum als wichtiges Kennzeichen nationalstaatlicher Souveränität (nach außen) sowie um Begriff und Geschichte des Imperialismus und der Globalisierung. Hier ein weiterer FRN-Beitrag zur Dissertation.

  1. Download: Teil 1, Teil 2 (gesamt 49min, 10,1 MB; mp3, mono, 32 kbit/s) und Teil 3 (22min, 10,1 MB, zip/mp3, stereo, 64kbit/s) über »Die Zerstörung der Philosophie als Instanz durch Marx, Kierkegaard und Nietzsche und der Ausweg diesseits von Gut und Böse: Die Kapitulation vor der Politik« (12. Kapitel), der im Rahmen eines anderen Eintrags bereitgestellt wurde. Alternativ alle drei Teile hier. [zurück]
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Walter Benjamins Geschichtsphilosophie

Kurzbeschreibung: Beitrag von Marcus Hawel. Zu finden bei FRN.

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Adorno – Werk & Leben

Kurzbeschreibung: Zwei Beträge: eine Laudatio der Redaktion Sachzwang FM und ein Portrait, gezeichnet von Marcus Hawel. Beides bei den Freien Radios.

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