Tag-Archiv für 'tove-soiland'

Zur feministischen Kritik am Poststrukturalismus

1. Judith Butler und die uneigentliche Erfahrung. Zur Kritik des Poststrukturalismus — Im Rahmen der Tübinger Reihe »Zur feministischen Kritik am Poststrukturalismus« hat Korina Korecky einen hörenswerten Vortrag über Judith Butler gehalten. Sie skizziert dabei zunächst die Geschichte des bürgerlichen Subjekts und seines Verhältnisses zur Frau; insbesondere wie es seine Handlungsfähigkeit verliert, was schließlich Voraussetzung für die poststrukturalistische Theoriebildung ist. Im zweiten Teil gibt sie einen Überblick über die Probleme, die Butlers Texte aufwerfen.

Dass die Poststrukturalisten voraussetzen, was sie kritisieren oder verwerfen, nämlich Tradition, Identität, Geschichte, Sinn und Handlungsziele, haben schon so viele Schlaumeier geschrieben, dass es kaum der Wiederholung wert ist. Das poststrukturalistische Denkgebäude fällt trotz dieses grundlegenden – und zutreffenden – Einwands nicht in sich zusammen, was vermuten lässt, dass es (wie jede andere Theorie auch) seine Evidenz nicht aus sich heraus bezieht. Dem poststrukturalistischen Denkgebäude insofern Irrtümer und logische Fehlschlüsse, gar Nicht-Übereinstimmung mit dieser oder jener und der eigenenTheorie, nachzuweisen, ist eine einigermaßen sinnlose Übung. Zu fragen wäre vielmehr nach dem „Erfahrungsgehalt dieses Denkens“ (Peter Bürger), oder anders: danach, welchem gesellschaftlichen Bedürfnis es entspricht. Für den Feminismus besteht die Attraktivität des poststrukturalistischen Denkens genau in dessen Infragestellung von Wahrheit, Subjekt und Einheit. Die patriarchale Souveränität des strahlenden Subjekts als voraussetzungsreich auf Kosten der Frauen konstituiert anzugreifen, ist ein zentrales Moment feministischer Gesellschaftskritik und darin trifft sie sich, bei allen Differenzen, mit einem den Poststrukturalismus motivierenden Impuls. Dieses Zusammentreffen wahrzunehmen, verbietet eine Form der Kritik am poststrukturalistischen Denken, die in Reaktion darauf ihrerseits bloß auf Wahrheit, Subjekt und Einheit pocht. Aus feministischer Perspektive sollte deshalb dem Poststrukturalismus nicht sein Verzicht auf die Konstatierung von Wahrheit, sondern von gesellschaftlicher Unwahrheit vorgeworfen werden. Versucht wird das im Vortrag an Judith Butlers „Doing Gender“. [via]

    Download: via AArchiv (mp3; 53:04 min; 18,2 MB)

2. Subversion, wo steckst du? Eine Spurensuche an den Universitäten — Einen etwas anderen Blickwinkel wirft Tove Soiland auf poststrukturalistische Theoriebildung in einem Vortrag, den sie auf Einladung des Promotionskollegs »Geschlechterverhältnisse im Spannungsfeld von Arbeit, Organisation und Demokratie« in Marburg gehalten hat: Sie formuliert eine Kritik an den cultural studies und führt aus, warum der Fokus auf Identität reale gesellschaftliche Probleme des Geschlechterverhältnisses verdeckt. Sie plädiert dagegen dafür, gesellschaftliche Arbeitsteilung in den Fokus feministischer Kritik zu rücken und bezieht sich dabei auf Slavoj Žižek und die Ljubljana school of psychoanalysis, die vor allem Theoreme von Lacan weiterentwickelt.

    Download: via AArchiv (mp3; 52:59 min; 30,3 MB)

Weitere spannende Vorträge aus der Reihe des Marburger Gender-Kollegs gibt es hier: Bitlove.de.

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Über Kapitalismus und Patriarchat

…und die Beschränkungen des gegenwärtigen Feminismus.

Infolge der Zurückweisung eines Ökonomismus altmarxistischer Prägung schien die feministische Theorie seit den 1990ern in einen ebenso reduktionistischen Kulturalismus zu verfallen, der vom »Stoffwechselprozess mit der Natur«, ja von Natur überhaupt, nichts mehr weiß oder wissen möchte und sich daher auf die Dekonstruktion von geschlechtlichen Identitäten und die auf Sprache und Diskursivität zentrierte, aber in gesellschaftstheoretischer Hinsicht blinde Analyse kultureller Verhältnisse, symbolischer Ordnungen usw. kapriziert. Eine Kritik dieser Art an der solchermaßen vollzogenen Selbstbeschränkung und Fehlausrichtung wird innerhalb des (Post-)Feminismus in letzter Zeit nicht nur von Roswitha Scholz geäußert, sondern auch von anderen Theoretiker_innen, die an die marxsche Kritik der politischen Ökonomie und/oder die Kritische Theorie in geschlechterkritischer Absicht anzuknüpfen fordern. Die folgenden drei Beiträge werfen ein paar Schlaglichter auf den Zusammenhang von patriarchaler Geschlechterordnung und kapitalistischer Vergesellschaftung (einen Zusammenhang indes, der mit dem Verweis auf die universalistischen Tendenzen des Kapitalismus – dem Kapital sei das Geschlecht der ausgebeuteten doch egal – in der Linken gerne geleugnet wird) und formulieren dabei mit je eigener Akzentuierung Kritik am gegenwärtigen postmodern-dekonstruktivistischen Feminismus.

1. Andrea Trumann: Kapitalismus und Patriarchat. Zwei Seiten oder eine Medaille?

Der Mitschnitt dieser Veranstaltung vom November 2010 wird wie alle übrigen aus der Reihe »Was uns beherrscht« von der Gruppe Association Critique zur Verfügung gestellt. Ich würde behaupten, dass der Titel nicht ganz den Inhalt des Vortrages trifft, der ohnehin eher einen workshop-artigen Charakter aufweist. Es geht, so mein Eindruck, vornehmlich um männliche, etwas weniger auch um weibliche Subjektkonstitution unter den Bedingungen der Warengesellschaft. Nach einer Auseinandersetzung mit den Begriffen »Patriarchat« und »heterosexuelle Matrix«1 zeigt Andrea Trumann anhand einer Jugendstudie die widersprüchliche Situation, in der Heranwachsende zwischen der vermeintlichen Natur ihres Körpers, Familie und Lohnarbeit eine geschlechtliche Identität ausbilden müssen und wie dabei Sexismus und Schwulenfeindlichkeit entstehen.

    Download inkl. Diskussion: Nachbearbeitet via AArchiv, via MF (1:01 h, 21 MB) | Original via Association Critique/Sound Cloud

Gerne wird gerade in linken, kapitalismuskritischen Zusammenhängen das Ende des Patriarchats verkündet. Die (post-)antideutsche Zeitschrift Bahamas wollte in ihrer letzten Ausgabe sogar dem feministischen Projekt „Wildwasser“ die Förderung streichen, weil sie die Lüge verbreitet hätten, dass die Welt immer noch patriarchal strukturiert sei.
Auch viele Feministinnen finden die Rede von der Männerherrschaft antiquiert und reden lieber von „queer“ oder einer „heterosexuellen Matrix“. Und in der Tat, den Begriff im Sinne von Herrschaft der Männer über die Frauen zu nutzen, mag das heutige Geschlechterverhältnis nur bedingt treffen. Er passte besser in eine Zeit, wo der Mann noch der Hausvorstand war und Frauen, Kinder, Knechte und Mägde ihm unterstanden.
Andrea Trumann zeigt auf, dass es mehr Sinn macht vom Kapitalismus als einer patriarchal strukturierten Gesellschaft zu sprechen, in der der einzelne, um in dieser überleben zu können, sich selbst disziplinieren muss und eine spezifische Herrschaft über sich errichten muss. Diese Herrschaft kann als patriarchal verstanden werden, weil sie männlich konnotiert ist und mit einer Abwehr von Weiblichkeit und Homosexualität einhergeht.


Andrea Trumann hat in ihrem Buch „Feministische Theorie. Frauenbewegung und weibliche Subjektbildung im Spätkapitalismus“ die Entwicklung des und den Kampf gegen das moderne Patriarchat in den Kontext ökonomischer Modernisierungsprozesse gestellt. In dieser Veranstaltung geht es um den systematischen Zusammenhang von modernem Patriarchat und Kapitalismus zu. Dabei soll es nicht zuletzt auch darum gehen, ob und in wieweit sich diese beiden Momente gegenseitig bedingen und in ihrer Dynamik vorantreiben.

2. Karina Korecky: Unter Wiederholungszwang. Über bürgerliches Subjekt und Geschlecht. Besonders hörenswert

Dieser als Einführung gedachte Vortrag zur Kritik der Geschlechterverhältnisse fand am 8. März 2011 in Hamburg statt und bildete den Auftakt der Reihe »Intros«. Karina Korecky zeigt darin anhand der Aufklärungsphilosophie, dass Sexismus keinesfalls ein Residuum vormoderner Herrschaft, und warum Weiblichkeit nicht ihrer angeblichen Natürlichkeit zu entkleiden ist: »Die Frau« ist im warenproduzierenden Patriarchat nicht der ersten Natur zugeordnet, sondern der zweiten, der Natur der Gesellschaft. Daher müssen alle, auch auf dem Feld der Biologie durchgeführten2, Dekonstruktionsversuche letztlich wirkungslos bleiben.

    Download: Nachbearbeitet via AArchiv, via MF (0:52 h, 18 MB) | Original via FRN (60 MB)

Wer über das Geschlechterverhältnis nachdenkt, muss sich üblicherweise zunächst rechtfertigen: Dabei muss der offensiven Verleugnung des Leidens am Geschlechterverhältnis – »Wer sich diskriminiert fühlt, ist selber schuld« – entgegengetreten werden; muss gezeigt und erinnert werden, dass keineswegs die Emanzipation bereits eingetreten ist. Auf der Ebene von Zahlen und Fakten, mit dem jüngsten Bericht über die Einkommensdifferenzen zwischen Männern und Frauen in der Hand, ist das relativ leicht und die Argumente einsichtig. Wenn es aber nicht um statistische Empirie, sondern um persönlicher Erfahrung geht, bekommt der Feminismus paradoxerweise Schwierigkeiten: Beinahe jede Frau fühlt sich freier als die eigene Mutter und erst recht die eigene Großmutter und die leisen Zweifel daran, es vielleicht doch nicht so grundsätzlich anders zu haben, werden im Dienste der Aufrechterhaltung des eigenen Selbstbewusstseins leicht ignoriert.

Früher sei es den Frauen schlecht gegangen, heute stünde ihnen die Welt offen – schon Olympe de Gouges konnte 1789 im Nachwort ihrer Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin den Fortschritt für sich in Anspruch nehmen: »Frau, erwache; die Sturmglocke der Vernunft verschafft sich auf der ganzen Welt Gehör; erkenne deine Rechte. Die mächtige Herrschaft der Natur ist nicht länger umringt von Vorurteilen, Fanatismus, Aberglauben und Lügen. Die Fackel der Wahrheit hat alle Wolken der Dummheit und der Anmaßung aufgelöst.« Aber weder die Durchsetzung von Vernunft gegen Aberglauben, natürliche Rechte gegen gottgegebene und auch nicht das gesetzlich festgeschriebene Verbot der Diskriminierung aufgrund des Geschlechts haben das Geschlechterverhältnis ins Wanken gebracht, ganz im Gegenteil. Erst mit der bürgerlichen Gesellschaft ist es in die Welt gekommen und scheint sich gemeinsam mit der subjektiven Erfahrung zunehmender Freiheit durch die Dialektik der Aufklärung hindurch hartnäckig zu reproduzieren.

Weil sich alles geändert hat und doch nichts, sieht sich die feministische Kritik stets aufs Neue gezwungen, ihren Blick auf die Anfänge der Gesellschaft der Freien und Gleichen zu richten. Der Vortrag folgt dieser Bewegung und wirft darin die Frage nach den Gründen für den Wiederholungszwang auf.

3. Tove Soiland: Queer, flexibel, erfolgreich. Haben dekonstruktivistische Ansätze den Feminismus entwaffnet?

Die in der Schweiz beheimatete Historikerin Tove Soiland war kürzlich (April 2011) in Berlin beim Roten Abend der Internationalen Kommunistinnen eingeladen, ihre Kritik am Queer-Feminismus vorzustellen. Sie stellt die Frage, warum sich ausgerechnet in einer Phase, in der von offizieller, staatlicher Seite vollständig von Geschlecht abgesehen wird, feministische Theorie und Forschung kein wichtigeres Anliegen mehr zu haben scheint als genau diese Dekonstruktion von Geschlechtsidentitäten mitzuvollziehen. Dies lenke letztlich von (ökonomischen) Geschlechterungleichheiten ab und schwäche den Feminismus. Ihre Kritik hat sie bereits im Februar in Analyse & Kritik vorgetragen und Tim Stüttgen hat ihr daraufhin widersprochen.

Danke an meinen Berliner Genossen, der den Vortrag mit seiner Kamera aufgezeichnet hat sowie an die Referentin und Veranstalter_innen für die Genehmigung dazu. Die Klangqualität ist leider mäßig.

Download: via AArchiv, via MF (1:04 h, 22 MB)

Wo liegen die Ursachen für die Verwandlung eines Teils des Feminismus zumindest in den Ländern wie Deutschland und den USA zu einem popkompatiblen Lifestyle-Projekt?
Die Historikerin und feministische Theoretikerin Tove Soiland sieht einen Grund darin, dass die Verbindung zur Kapitalismuskritik, die zu Beginn der 2. Frauenbewegung noch vorhanden war, zunehmend verloren ging. Statt der Analyse der kapitalistischen Verwertung und ihrer Verbindung mit patriarchalen Unterdrückungsformen sei es in der feministischen Debatte zunehmend nur noch um das Recht auf Anerkennung und Differenz unterschiedlicher Lebensstile gegangen.
Diese feministische Kritik konnte nicht mehr analysieren, dass die flexiblen Identitäten sich gut mit dem Geschlechterregime eines Postfordismus vertrugen, dessen Anspruch „Sei flexibel“ in vielen Lebensbereichen durchaus auch als Drohung aufgefasst werden kann.
Wir wollen mit Tove Soiland diskutieren, warum marxistische Ansätze in der feministischen Debatte marginalisiert wurden. Uns interessiert auch die Frage, wie der verlorene Link zwischen Feminismus und Kapitalismuskritik wieder hergestellt werden kann. Denn eine Kritik am Lifestyle-Feminismus bedeutet weder ein Zurück zum Haupt- und Nebenwiderspruchsdenken des Traditionsmarxismus noch zu dessen Sehnsucht nach der patriarchalen Kleinfamilienideologie.

  1. Siehe zur Debatte um diese Begriffe hier. [zurück]
  2. Siehe dazu die – bei Korecky nicht explizit genannten – Versuche von Heinz-Jürgen Voß bei FRN [zurück]
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Geschlechter- & Produktionsverhältnisse. Über die »unglückliche Ehe« von Feminismus und Marxismus

Die radikale Linke ist sich bewusst (oder sollte es sein), dass eine Kritik der herrschenden Geschlechterverhältnisse im Kontext einer umfassenden Kritik der Gesellschaft und ihrer Produktionsweise stattfinden muss und dass, umgekehrt, eine ihrem eigenen Anspruch nach radikale Herrschaftskritik auch vor noch immer patriarchalen Strukturen nicht halt machen darf.

  1. Eine, die (einen recht traditionellen) Marxismus mit feministischen Forderungen zu vereinbaren suchte und noch immer eine kritische Perspektive auf »Geschlechterverhältnisse als Produktionsverhältnisse« pflegt, ist die Soziologin Frigga Haug. Im Interview mit Radio Z (Nürnberg) sprach sie (2009) über die »unglückliche Ehe von Feminismus und Marxismus«, über die zweite Frauenbewegung und ihr Verhältnis zur damaligen Arbeiterbewegung, über »doppelte Militanz« und ihren eigenen Anspruch, »Marx feministischen zu beerben«.
    (ca. 15 Minuten)
    [Download, Original bei FRN 1, 2]
  2. Welchen Beitrag Marx zur Analyse von Geschlechterverhältnissen geliefert hat, untersucht Robin Stoller in einem von der Rosa-Luxemburg-Stiftung dokumentierten Vortrag. Dieser wurde im Rahmen der hier schon mehrfach erwähnten »Satellitenseminare« im Oktober 2009 gehalten. Stoller wendet sich sowohl ökonomischen wie auch rechts-, staats- und ideologiekritischen Fragen zu.

    Download (mp3, mono, 48 kBit/s; 18,9 MB; 55 Minuten)

  3. Die KPÖ widmete im März 2009 eine Konferenz der Frage »Wie feministisch ist die Linke – wie links ist der Feminismus?«. Die Mitschnitte der Vorträge sind im Cultural Broadcasting Archive der freien Radios Österreich dokumentiert.

    (Je etwa 30, in Haugs Fall über 60 Minuten)
    Ich danke n0b0dy für den Hinweis.

Siehe/höre auch: (mehr…)

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